Diese Geschichte, die ich am 21. November 1994 geschrieben habe, hatte damals einen konkreten Anlaß, der jedoch mit der Geschichte selbst kaum mehr etwas zu tun hat: die erste Rede von Stefan Heym im Bundestag und die Reaktionen gewisser Abgeordneter darauf. Ich weiß nicht (mehr), was da in meinem Kopf in Gang gekommen ist; irgendwann war es wahrscheinlich nur noch die Lust an der selbst ausgelösten Sprachlawine. Die Geschichte ist (oder sollte sein) Teil des Geschichtenbuchs "Atlantische Tagebücher", das allerdings zu der Zeit, als ich sie schrieb, gerade "Das Leben ist anders" hieß. Was wahrscheinlich nicht viel heißt. Gedruckt worden ist sie noch nie, vorgelesen, wenn ich mich recht erinnere, auch nur einmal.
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Stories

Sieht aus wie Regen

Kälte

Der unwirkliche Professor

Aus der Stille

Der alte Mann schweigt

Bilanz

Zwei Kinder

Die lustige Geschichte von dem Menschen H, der die Welt, in der er lebte, nicht ertrug und sich deshalb weigerte, ihr zu entfliehen

Ein Junge am Bildrand

Zwischenfall im Supermarkt

Titel: Der fremde Freund

DER ALTE MANN SCHWEIGT

Hatte er gesprochen? Er dachte daran, es wieder zu tun. Er dachte daran, es nicht wieder zu tun.

Die Lichter warfen einen Kreis um ihn, der nie beleuchtet hatte sein wollen. Er verließ den Raum und sprach nicht ein Wort, er wandte sich nicht um, er verließ den Raum, ließ die zurück, die gewartet hatten, daß er sprechen möge, die noch warteten und sich vertrösteten. Zu Hause, was er so nannte, weil er dort immerhin irgendwie zum Hause gehörte, nach all den Jahren, brach sein Gesicht, seine Augen wachten auf, die nichts gesehen hatten, das Bild seiner Worte ertrank in Tränen, er kämpfte mit vielen kleinen Muskeln um seinen Mund, gab dem Spiegel Anweisungen, ihm zu zeigen, was der nicht zeigen konnte. Er antwortete, ließ die Muskeln gehen, fing sie wieder auf, als sie weit genug weg waren. Wieder bei ihm, bei sich.

Die Deckel waren schwer, flogen aber auf und offenbarten Sollbruchstellen, an denen er in wilder Hast arbeitete.

Jetzt stehen da viele mehr von ihnen, betrachten ihn. Die einen, die kennt er, hat er immer gekannt. Die kennen auch die Disziplin, die er immer erst bewundert, süßlich erotisch geliebt und dann angewidert gehaßt hat. Die haben von ihr gelebt, sich unter ihr verkrochen, ihre Wärme über die eigene Dreckshaftigkeit gehüllt und sich darin verkrochen, im Dunkel, tief drinnen, wo sie nie waren. Er hat so viel gesprochen, zu denen auch, aber die waren immer weg, weit weg, an Fronten, die er immer erst kennenlernte, wenn sie in panischer Flucht zurückkamen. Jetzt hatten sie die Disziplin wiedergefunden, wie immer, wenn die Front weit genug weg war, um ihr adlernden Auges gegenüberzutreten mit verschränkten Armen, nah genug aber da, um den Ernst der Lage erfinden zu können.

Die sollen hören, was er zu sagen hat, und deshalb sagt er nichts, weil sie nicht hören können. Er sieht förmlich die Büschel von Zeug in ihren Ohren, da geht nichts durch. Er hat gesprochen, seine Worte gesammelt. Seinen Blick spüren sie, deshalb sehen sie auch aus wie der ertappte Ladendieb, der dem Detektiv höhnisch entgegen lacht: Ich, das gestohlen? Machen Sie sich nicht lächerlich, was soll ich mit dem Blödsinn?

Die anderen sitzen daneben, auch schön geordnet, haben sie ja gelernt, denkt er. Sie denken, sie kennen ihn, weil er ja irgendwie zumindest im Dagegensein zu ihnen gehört. Gegen was? Erfassen konnte er es nie, weil das immer erst körperlich in ihm sein mußte, damit er lernen konnte, es zu hassen. Haben die das gelernt? Eine Möglichkeit dazu gehabt? Er sieht sie an und fragt sich für einen Moment, wer er ist. Was er ist?

Er hat gesprochen, seine Worte gesammelt haben andere, hat er auch selbst. Hinter Deckeln. Wozu Deckel darum binden, wenn die Lippen trocken geworden sind, die wachküssen könnten. Wecken, was er vermutet. Fäuste. Finden, was er gesucht hat. Gefunden hat und in jene Deckel gebunden hat. Wie Kronen legten sie die Deckel um das. Bücher sind Gräber, denkt er. Je fester die Deckel, desto tiefer die Löcher, in denen die Leichen verrotten. Taschenbücher, die liest man, wirft sie weg, kauft sie wieder, Jahre später, mit neuem Bild, wundert sich über manche Wendung. Schon gehört? Egal, wieder weggeworfen. Dicke Deckel lassen nichts raus.

Nicht Gase, die durch die Erde steigen, durch Tausende kleiner Vorgänge, die enden und beginnen, dazwischen, unberührt, unrührbar. Sich entzünden, tanzen bei Nacht. Angst, sie zu sehen, obwohl die Erklärung einfach ist. Hat er das nicht erträumt, geträumt mindestens, so zu sprechen, daß die Angst kommt, ohne bei ihrem Eintritt etwas zu verändern, einfach da ist, da, wo das andere war, was wollte, was tat?

Einmal hat er einen Friedhof bei Nacht bewohnt. Hat dort gelebt, für Stunden, die Blumen näher gesehen als je, die Steine fast von innen, von unten, wie tief stehen sie da ein? Sich gefühlt nahe dem Boden. War er nicht dort gewesen? Am Boden, da wollten sie ihn haben, da war er, hatte sein Gesicht hinein gedrückt, die Erde weniger gerochen als die vieltausend Vorgänge, aus denen sie entstanden war, noch entstand, während er ihr beiwohnte. Beiwohnte, auch Sprache ist Erde, dachte er, als er das roch, süß, sauer, bitter, alt, tot, lebendig. Was riecht bitter, dachte er, was riecht alt? Bücher, da war er wieder zu Hause, dort, wo die Deckel ihn einschlossen, ihn bewahrten vor dem Tiefen, das ihn anzog, hinunter zog, bitter roch, alt roch, anders roch, anders als je, wo Worte fehlten, weil Worte nichts waren. Staub darüber, der von ihm stammen mußte, obwohl er ihn nicht kannte, entsetzt ihn sah, wenn er wieder da war, darüber sich rottete, in Wolken, flüchtig, von Atem verwundbar, doch nie zu vertreiben, klebrig, immer da, darüber, zu verdecken von oben, was er unten offen dachte.

Seine Mutter hatte er gesehen, als sie sich in Erde verwandelte, war bei ihr gesessen. Was ist Sitzen? Sitzen, dachte er, den Körper krümmen, um einem physikalischen Gesetz zu widerstehen, das uns zum Boden zieht, zur Erde, dahin, wo Schweigen ist, weil nichts ist.

Und da war so viel. Das lebte.

Sie sehen ihn an, die seinen, die anderen nicht, die wissen mehr, die sehen weg und warten, um den Tag so zu behandeln, wie sie alle Tage behandeln: als Sprossen, deren eine dereinst bricht und einen hinab läßt, auf daß der nächste die nächste Sprosse finde, hinauf, hinauf und irgendwo dazwischen.

Warum wehren sie sich? denkt er.

Er hat auch den Vater gesehen, aber nicht wirklich, denkt er, obwohl er wirklicher da war als die Mutter. Die hatte sich nicht verwandelt, war hinüber gegangen, war nicht weggegangen, war noch da, danach. Das Bett unter ihr nicht mehr zu benützen, Weg damit! das Mädchen, das ihre Hand gehalten und für nicht mehr Hand erklärt, sich plötzlich in einen Apparat verwandelt hatte, als die Mutter weg und noch da war. Weg, weil naß, beschmutzt, mit Namenlosem, was davor dazugehört, danach nicht mehr. Ihre Haare wachsen noch, hatte das Mädchen gesagt. Meine auch, er, obwohl ich auch dort bin. Ach was, sie, so reden alle, es ist nur ein Seil weniger, das die Hängematte hält. Nein, keine Hängematte, hatte er gesagt, wirklich gesagt, da ist nur ein Netz, und das löst sich auf, und ich kann kein neues bauen.

Essen Sie erstmal was, hatte sie gesagt. Um es dazu zu machen?

Da war Wasser, da war Luft, wenig Luft, aber genug, um sie einzusaugen. Er hatte die Erde gerochen, aber mehr gefiel ihm ein Grashalm, der darin steckte, sich klammerte mit Haaren wie Fingern, Fingern wie Haaren, klammerte in das Vergangene, es aufsog, gelöst im Wasser, das es ihm einflößte, schwimmen machte in ihm, wie tat er das? Oben war Neues daraus geworden, es blieb ein kleines rundes Ding, in dem sich der Mond und der Tod brach, leer, nichts, Wasser, das reinging und wieder rausging, und zurück blieb das.

Der Vater war nicht darin, obwohl er ihn dort vermutete. Worte, Bilder, unsicheres Lächeln vor Kameras, Leben, das nie war. Dann Erde, fern, Erde nur, Vorgänge, wie er jetzt lächelnd dachte, all diese Vorgänge, wie sie riechen. Wirklicher, weil nicht wirklich gegangen. Nicht so gewesen, gesehen.

Er sieht sie an, die anderen, die nichts können, so wenig Zeit haben, Luft in sich haben und sie loswerden möchten wie der Grashalm das Wasser loswird, aber nicht können, weil es sich nicht gehört, gefährdet, was sie hält, Seile eines Netzes, das sie nicht bauen können. Zu Hause liegen die Deckel, die hat er aufgehoben, als Schutz, um zu wissen, daß nichts nachwächst darin, was nicht darin ist. Zu wissen, daß nichts darin war. Gebrannt hat es gut. Kein Wasser, nur Asche, die andere Hälfte. Er wird die Deckel aufbewahren und sie weitergeben. Seht sie an, es kommt nichts nach.

Sie warten. Er möchte lächeln. Wie lange hat er gewartet, jetzt warten sie. Er hat Zeit, denn ihm bleibt nicht mehr viel davon, im Großen, was ist ein Moment. Die haben sie nicht, denn Zeit verleiht ihm, das ahnen sie, Größe. Wenn er schweigt, wächst er. Worte kann man zitieren, Stille müssen sie erinnern, man wird sie ihnen vorhalten.

Er wird die Stille sein, und sie werden graben müssen. Leben damit, mit dem Stillen, was da ist, nicht zu hören, nicht gegenzureden. Wer ja sagt, wartet auf das Nein; umgekehrt. Wer nichts sagt, kann warten. Das Licht sammelt sich wie ein Kreis um ihn, er sieht empor, spürt, wie ein Leben in ihn strömt, ihn erfüllt, er sieht weiß, weiß weiß.

Er sieht, aber da ist nichts, da ist alles. Sie warten. Der alte Mann schweigt.

(Und haben sie nicht Angst in all ihrer erbauten Ruhe, fürchten sie nicht, die Seile könnten von selbst nachgeben an Stellen, die sie nicht ahnten, wo sie doch all die anderen Stellen, wo sie halten, so gut befestigt haben?)


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