Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion ist in diesem Fall ein undurchdringlicher, ungewisser Dschungel. Tatsächlich beruht die Geschichte (sie entstand an Weihnachten 1997) auf etwas, was passiert ist (oder eben nicht), tatsächlich sind die Namen ziemlich durchsichtige Pseudonyme. So wie in der Geschichte ist aber selbstverständlich nichts davon passiert (oder eben nicht nicht). Eine der Personen spiegelt sich zu allem Überfluß auch noch in gewissen Gegenständen, die in der Geschichte herumhängen, sowie in gewissen stilistischen Kniffen (die übrigen entsprangen zu einem nicht geringen Teil exzessiver Nabokov-Lektüre). Mehr dazu sage ich irgendwann. Die Geschichte wurde ein paar Mal vorgelesen, aber bislang nicht gedruckt. Ein Teil davon bildete die Grundlage für die Geschichte "Die Hohenzollernstrasse", die sich beim Abseitigen findet.
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Stories:

Sieht aus wie Regen

Kälte

Der unwirkliche Professor

Aus der Stille

Der alte Mann schweigt

Bilanz

Zwei Kinder

Die lustige Geschichte von dem Menschen H, der die Welt, in der er lebte, nicht ertrug und sich deshalb weigerte, ihr zu entfliehen

Ein Junge am Bildrand

Zwischenfall im Supermarkt

Titel: Der fremde Freund

DER UNWIRKLICHE PROFESSOR

Schnürer war nicht eigentlich aufgeregt, gewisse Erfahrungen ließen ihn jedoch der Begegnung mit Professor Nelkenthal mit einer nicht zu überspürenden Unsicherheit entgegen sehen. Um diesen Zustand zu erklären, genügt es für uns, aus der "Begegnung" den "Versuch einer Begegnung" zu machen, als solcher war er nämlich nicht der erste, den Schnürer unternahm, seit er Professor Nelkenthals Seminar im vorhergegangenen Wintersemester besucht hatte.

Schnürer öffnete das Schloß an seinem alten Postfahrrad und überlegte, ob er richtig gekleidet war. Gewiß, gegen eine helle und kurze Hose war im Sommer nichts einzuwenden, doch hatte es am Tag zuvor geregnet, und der rostbraune Ledersattel stand bei seinem Besitzer in dem (im übrigen empirisch nicht belegbaren) Verruf, in nassem Zustand bei Berührung abzufärben. Verheerende Vorstellung: dem Professor den Rücken zuzukehren und mit einer deutlich sichtbaren braunen Spur auf der Hose davon zu gehen. Die Begegnung wäre die letzte gewesen.

Schnürer blickte zum Himmel, der kein Indiz für eine kommende Wolkentätigkeit aufwies. Er beschloß, Sattel und Wetter nicht zu trauen und ging in die Wohnung zurück, um seinen Kleppermantel zu holen. Wer Professor Nelkenthal kannte, wußte, was ein Kleppermantel war, und wer einen solchen besaß, konnte sich zumindest einbilden, der Mantel könne als literarische Anspielung das Verhältnis zwischen Dozent und Student entkrampfen. Nicht alles, was Studenten denken, hat Hand und Fuß.

Als Schnürer um die erste Ecke bog, begann es heftig zu regnen, und er konnte ein Aufwallen von Schadenfreude nicht unterdrücken, reckte die Faust gen Himmel und sah einen Mann, der damit beschäftigt war, auf der Dachterasse eine lange Reihe von Blumenkästen zu wässern, deren Durst er offenbar überschätzt hatte. "Entschuldigung", sagte der Mann. Schnürer ließ ihn sagen, was er wollte, trat heftig in die Pedale und dachte an das Seminar bei Professor Nelkenthal.

Der Professor hatte seine Arbeit über literarische Formen formaler Literatur sehr gelobt, ihm sogar eine Veröffentlichung nahegelegt, was Schnürer mit einer Mischung aus Scham und Stolz aufnahm, weil er sich in gewissen Momenten, wenn er ein paar Bier zuviel getrunken hatte, durchaus als Schriftsteller zu sehen geneigt war. Um die Angelegenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hatte er beschlossen, seinen "Schein" bei einer der seltenen Sprechstunden des Professors persönlich abzuholen und ihn bei dieser Gelegenheit vorsichtig noch einmal darauf anzusprechen.

"Wen suchen Sie denn?" hatte eine Stimme gefragt, zu der Schnürer niemanden sah. Er irrte durch die Büroräume des Instituts, die in freitagnachmittäglicher Idylle lagen. Außer dem leichten Summen der Möbel, die die angestaute wissenschaftliche Wichtigkeit einer Woche wohlig abstrahlten, war bis dahin nichts zu hören gewesen. Im hintersten Zimmer fand Schnürer einen Mann, der sich die Fingernägel putzte und dabei angestrengt ein Papier betrachtete, ohne Schnürer eines Blickes für wert zu befinden.

"Äh, Professor Nelkenthal", hatte Schnürer geantwortet, worauf ihn ein kurzer Blick überflog, der zu überprüfen schien, ob der Antragsteller eine Begegnung mit dem Professor verdient hatte. Immerhin: ein Blick.

"Der ist nicht da." "Aber er sollte um fünfzehn Uhr dreißig da sein", insistierte Schnürer ohne große Hoffnung, daß die Richtigkeit dieses Arguments den Professor herbeibringen würde.

"Er wurde auf seiner Vortragsreise in Eichkatzelried aufgehalten", erklärte der Mann, während seine Finger sich immer wieder nervös der Nagelfeile näherten, die er unter sein Papier geschoben hatte. "Der Termin wird in zwei Wochen nachgeholt, am Montag, den Achten." "Um dieselbe Zeit?" hatte Schnürer gefragt und das kurze Nicken als Antwort genommen. Als er das Zimmer verlassen hatte, hörte er die Nagelfeile zu Boden fallen.

Zwei Wochen waren vergangen, der kalte Vorfrühling hatte sich in einem ekstatischen, weil allzu späten, Übergang in strahlenden Frühsommer verwandelt. Wieder stellte Schnürer sein Fahrrad vor dem Institut ab. Den Kleppermantel hatte er unterwegs abgelegt und auf den Gepäckträger geklemmt, weil der eventuelle Erfolg eines erkennenden Augenzwinkerns ihm den Aufwand an Schweiß und Unangebrachtheit doch nicht zu rechtfertigen schien. Wie immer ging er an dem Pförtner vorbei, ohne ihn zu begrüßen, da er einige Pförtner an anderen Häusern näher kennengelernt hatte und ihnen daher kollektiv den Wunsch eines guten Tages verweigerte. Wie immer sah ihm der Pförtner mit hinter dem Rücken verschränkten Armen nach, wie immer wartete er, bis Schnürer die erste Treppe erklommen hatte.

"Hallo!" rief er ihn sodann zurück. Schnürer kam ihm diesmal fast zuvor: "Wollen Sie in ..." "Den zweiten Stock, genau!" rief er und wartete kurz auf eine weitere Vergatterung, die ausblieb. Drückende Hitze erfüllte den zweiten Stock, selbst die Möbel keuchten fast hörbar, was auch daran lag, daß das Semester inzwischen wieder begonnen hatte und dicke Bündel von Hoffnungen auf zukünftige Karrieren täglich auf ihnen lasteten.

Im ersten Zimmer saß die junge Dozentin Schnarr, bei der Schnürer einmal ein wenig interessantes Seminar besucht hatte. Sie hatte ihn schon damals vom ersten Moment an so wenig gemocht wie er sie, was an der Art liegen mochte, wie sie literaturwissenschaftliche Theorien und Arbeitsweisen auswendig hersagen konnte, während sie beim Ablesen eines achtzeiligen Gedichts zwölf Lesefehler gemacht hatte, ohne sich zu korrigieren oder noch einmal anzufangen. Schnürer fand an Dichtung mehr als an Literaturtheorie.

Die junge Dozentin sah mit einem Schlag überarbeitet aus, als sie ihn bemerkte. "Ja?" sagte sie, als hätte er gerade zu einer umfassenden Kritik an der Literaturtheorie im allgemeinen angesetzt und mitten im Satz den Faden verloren. "Professor Nelkenthal", keuchte Schnürer, erschöpft von der Flucht vor dem Pförtner und der Begegnung mit Frau Schnarr. Sie schüttelte nur den Kopf, und erst jetzt bemerkte Schnürer, daß sie nicht allein war, als ein junges Mädchen an einem Schreibtisch sagte: "Der Herr Professor ist außer Haus."

"Er sollte aber heute hier sein", begann der offenbar erneut erfolglose Schriftsteller, entnervt von der Vorstellung, den Beginn seiner Karriere noch einmal um ein paar Wochen verschieben zu müssen. Die Buchmesse in Frankfurt drang in sein Unterbewußtsein und von dort kurz zwischen ihn und die Realität des Zimmers. "Das war er auch", sagte das Mädchen förmlich, "um neun Uhr."

Schnürer notierte sich den nächsten Termin: der sechsundzwanzigste Mai. Der Blick in seinen Terminkalender belehrte ihn, daß er dann auf den Besuch einer sehr interessanten Vorlesung würde verzichten müssen. Er beschloß, zusammenzubrechen und Bier zu trinken. In einem dem Institut nahegelegenen Biergarten meditierte er mehrere Stunden lang über der Zusammenstellung seines ersten Kurzgeschichtenbandes, der sich dabei im Verlauf des Bierkonsums von einer vagen Idee und viel Ausschuß zu einem ausgewachsenen Suhrkamp-Band mit Klappentext und Ausschnitten aus enthusiastischen Rezensionen entwickelte. Zufrieden mit der Arbeit des Nachmittags radelte Schnürer nach Hause.

Der Morgen des sechsundzwanzigsten Mai begann damit, daß Schnürer vergeblich nach der Kopie seiner Seminararbeit suchte, die er für sich behalten hatte, um sie für die Buchveröffentlichung noch einmal zu überarbeiten. Er durchsuchte Schränke, Schubladen und Regale, von denen es zu seinem Entsetzen in den drei Zimmern seiner Wohnung Hunderte zu geben schien. Um zehn Minuten vor neun beschloß er, aufzugeben und loszufahren. An der Ecke begann es zu regnen, und Schnürer schrie ein Schimpfwort nach oben. Da war niemand, wie er mit einem Blick feststellte, der seine Konzentration für einen Moment von der Straße ablenkte, worauf er beinahe ein Kind überfahren hatte, das nun schreiend zu seiner Mutter lief. "Entschuldigung!" rief Schnürer, die Mutter antwortete: "Betrunkener Depp!" Um seinen eben fertiggestellten ersten Roman zu redigieren, hatte Schnürer eine Woche vorher seinen Bierkonsum und in der darauf folgenden Unlust auch die Redaktion eingestellt, weshalb er in den letzten drei Tagen tatsächlich nicht sehr oft richtig nüchtern gewesen war. Um so ungerechter und beleidigender erschien ihm die Beschimpfung, er wetterte innerlich dagegen und war davon so eingenommen, daß er nicht bemerkte, wie er sich verfuhr.

"Himmel Arsch!" entfuhr ihm, als er zum zweiten Mal an einem Postamt vorbeikam, das er bis dahin nicht in seiner Wohngegend gewußt hatte. Als er endlich am Institut ankam, war es viertel nach neun.

"Professor Nelkenthal" stieß er aus und wartete auf eine Reaktion der offenbar neuen Sekretärin, die erhebliche Probleme mit der Schreibmaschine hatte. Sie reagierte nicht, was Schnürer sich erst erklären konnte, als er die Kopfhörer in ihren Ohren sah. "Professor Nelkenthal!" trompetete er durch den Raum. Mehrere Türen öffneten sich auf dem Gang, Gesichter erschienen und verschwanden wieder.

"Wer?" fragte die Sekretärin. Einer alten Theorie Schnürers zufolge sagte ihr Gesichtsausdruck, daß sie ihn sehr gut verstanden hatte und die Frage nur noch einmal hören wollte, um Zeit zum Nachdenken zu haben oder ihn auf ein anderes Thema lenken zu können. Schnürer hatte keine Zeit, um die Theorie jetzt zu verifizieren, also wiederholte er den Namen. Die Frau sah ihn verwirrt an. "Nelkenthal? Tut mir leid ..." Sie blickte auf einen für Laien unlesbaren Dienstplan hinter sich. "Einen Professor Nelkenthal gibt es an unserem Institut nicht."

Schnürer verlor augenblicklich den Verstand. "Blödsinn!" krähte er. Wieder öffneten sich Türen, wieder blickten Gesichter. Man schien ihn jedoch für eine Art Postboten zu halten, denn niemand sprach ihn an. "Wie lange sind Sie denn schon hier?" wollte er wissen, und die Sekretärin antwortete: "Seit vierundzwanzig Jahren."

"Und da behaupten Sie, Professor Nelkenthal nicht zu kennen?" "Ja", sagte die Sekretärin mit einer gewissen Neugierde im Blick. Schnürer war merklich ruhiger geworden, fast hätte sie ein verständnisloses Lächeln gewagt, aber die Verzweiflung, die ihm gerade mit Tonnenwucht auf die Schultern gefallen war, spürte sie so deutlich, daß sie lieber vorsichtig war.

Schnürer trank viel Bier in der folgenden Zeit. Er arbeitete auch an verschiedenen literarischen Werken, die er in einem seiner Anfälle, die an Häufigkeit zunahmen, eines Abends mit Nelkenöl übergoß und in seinem Kamin verbrannte. Die Feuerwehr belehrte ihn, daß es in seiner Wohnung keinen Kamin gab. "Ha!" sagte Schnürer, "ihr könnt mir viel erzählen!"

Als sich die letzten schwülen Nachmittage deutlich einem frühen, dunklen und stürmischen Herbst entgegen neigten, traf Schnürer bei einer seiner ziellosen Wanderungen durch Straßen, die ihre Vertrautheit verloren hatten, die Dozentin Schnarr. "Kennen wir uns?" fragte sie, als sie seinen wirren, aus undenkbaren Tiefen kommenden Blick bemerkte. Von kurzem, hysterischen Lachen unterbrochen, erklärte ihr Schnürer in Ansätzen den Zusammenhang. "Und stellen Sie sich vor", rief er schließlich, "dann behauptet diese neue Sekretärin, es gebe an Ihrem Institut keinen Professor Nelkenthal."

"Welches Institut?" fragte die Dozentin, die Schnürer so plötzlich nicht mehr bekannt erschien, als hätte sich ihr Gesicht in Sekundenschnelle vor seinen Augen in eine fremde Fratze verwandelt. "Sie müssen sich irren", sagte sie und ging eilig weiter. Es begann zu regnen, aber Schnürer hatte seit langer Zeit nicht mehr nach oben gesehen.


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