Diese Geschichte ist ein Nebenprodukt eines Seminars von Herbert Rosendorfer über Ödön Horváth. Sie entstand am 6. Juli 1996 während einer der Seminarsitzungen und wurde einige Zeit später in der von Dietz-Rüdiger Moser herausgegebenen Zeitschrift »Literatur in Bayern« abgedruckt. Selbstverständlich hat sie keinerlei wissenschaftliche Intention.
PDF-VERSION
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
Stories

Sieht aus wie Regen

Kälte

Der unwirkliche Professor

Aus der Stille

Der alte Mann schweigt

Bilanz

Zwei Kinder

Die lustige Geschichte von dem Menschen H, der die Welt, in der er lebte, nicht ertrug und sich deshalb weigerte, ihr zu entfliehen

Ein Junge am Bildrand

Zwischenfall im Supermarkt

Titel: Der fremde Freund

DIE LUSTIGE GESCHICHTE VON DEM MENSCHEN H, DER DIE WELT, IN DER ER LEBTE, NICHT ERTRUG UND SICH DESHALB WEIGERTE, IHR ZU ENTFLIEHEN

Wer den Menschen H kennenlernte, tat dies meist etwas voreilig. Zwar besaß H die durchaus seltene Gabe, auch dann noch zuhören zu können, wenn er die gleiche Geschichte zum zehnten Mal hörte, weil es ihm mehr um den Mund ging, der sie erzählte, als um die Geschichte selbst. Nicht selten jedoch passierte es, daß der Erzähler von H etwas über sich selbst erfuhr, was er eigentlich gar nicht hatte wissen wollen. Bei manchen war H deshalb beliebt, andere trugen es ihm nach. Zuzuhören, um dem Erzähler etwas über ihn mitzuteilen, galt in jener Zeit nicht als ehrbarer Beruf. Andererseits hatte H niemandem etwas getan, und es ging auch in jener Zeit durchaus als ehrbarer Beruf durch, jemandem etwas zu tun.

»Stellen Sie sich das vor:«, sagte einer am Biertisch zu H, der dort seinen Tätigkeiten nachzugehen pflegte, »es war nur noch eine Woche bis zum Kriegsende - was wir natürlich nicht wissen konnten, aber in der Luft hat schon etwas gelegen -, da bekomme ich und ein Kamerad den Befehl zum Vorstoß hinter die feindliche Linie, bei Nacht und zu Fuß natürlich, anders als heimlich hätten wir da ja nur durch Kapitulation hinkommen können, und das wollte doch noch keiner, weniger wegen dem Vaterland. Nun gab es aber eigentlich gar keine feindliche Linie mehr, weil der Feind längst überall war, und wir konnten uns auch gar nicht recht vorstellen, was wir hinter der feindlichen Linie anfangen sollten. Also meinte ich, wir könnten genausogut gleich nach Hause gehen, wenn sich schon die Gelegenheit bietet, daß man aus dem Dreckloch rauskommt, weil wir dort über kurz oder lang sowieso erschossen werden. Mein Kamerad war durchaus meiner Meinung, und wir gingen in eine Richtung los, in der wir keinen Feind vermuteten. Das ging auch soweit ganz gut, bis wir in den Wald kamen. Mein Kamerad nämlich hatte keine Taschenlampe, weil er seine einem gegeben hatte, der auch keine hatte, aber bei Nacht so gerne unter der Decke Gedichte las. Also beschlossen wir, daß ich voraus gehe und den Weg sichere, und er kommt in einem Abstand nach. Das ging auch soweit ganz gut, aber wie wir schon fast aus dem Wald draußen waren, habe ich wohl eine Mine übersehen, das heißt, sehen konnte man die ja gar nicht, aber gehört habe ich sie, wie mein Kamerad draufgetreten ist. Das macht so ein ganz seltsam unfreundliches Geräusch, und wenn man wieder runtersteigt, ist man praktisch tot. Also mußte mein Kamerad wohl oder übel stehenbleiben. Andererseits konnte ich natürlich nicht eine Woche warten, bis der Krieg aus ist, wovon wir ja auch nichts wußten, also habe ich mich schweren Herzens verabschiedet. Was hätte ich auch tun sollen? Muß der Depp seine Lampe einem geben! Wegen dem Gedichtelesen! Wahrscheinlich steht er da heute noch, nämlich ist zwar der Krieg vorbei, aber die Mine kann das nicht wissen. Außer es findet ihn jemand, der so was entschärfen kann, aber darauf kann man sich schon gar nicht verlassen.«

»Bis er dann heimkommt, ist sein Hund tot und die Frau mit einem anderen davon«, sagte H, der bis dahin nur genickt hatte. »Dann lieber von der Mine zerrissen, ändern kann man's eh nicht.«

»Sie sind ein Zyniker«, mischte sich ein Dritter ein.

»Aber gar nicht«, winkte H ab. »Nämlich ein Zyniker sieht die Dinge im Gegensatz zu allen anderen Menschen nicht so, wie man sie gerne hätte, sondern so, wie sie sind. Ich sehe durchaus, wie die Welt sein sollte, aber was hilft das, wo sie doch nicht so ist?«

»Nicht, daß er etwa ein Zyniker wäre, stört uns«, stellte ein Vierter klar, dessen Bart sich heftig regierungstreu sträubte, weil er H schon länger im Auge behalten hatte, »sondern seine krumme Nase, die er überall hineinsteckt, wo sie nicht hineingehört!«

»Zum ersten muß ich Ihnen sagen«, entgegnete H, »daß zufällig ihre eigene Nase, die sie hier jetzt hereingesteckt haben, sich von der meinen nur sehr unwesentlich unterscheidet. Sie ist nämlich ebenfalls krumm.«

»Ins eigene Gesicht muß ich mir ja nicht sehen!« erzürnte sich der andere.

»Das sehe ich anders. Aber ich weiß ja, das mit dem Sehen ist so eine Sache. Im übrigen ist mir meine Nase ins Gesicht hineingeboren, ich kann sie nicht ändern.«

»Da irren Sie sich. Die haben wir Ihnen schneller herausgeschnitten, als Sie glauben! Werden Sie sich noch wundern!«

H wunderte sich nicht besonders; in jener Zeit kam es durchaus in Mode, Leuten die Nasen aus den Gesichtern zu schneiden, und da H viel von der Welt verstand, die er nicht ertrug, hatte er das seit längerem geahnt, wohl wissend, daß er es nicht hindern konnte. Als er das Gefühl hatte, daß die Reihe an seine eigene Nase kommen könnte, beschloß er daher, das Land zu verlassen. Seine Welt aber nahm er mit sich, da er sich an allen Orten, an denen er sich aufhielt - und das waren nicht wenige, denn wer einmal seine Wurzeln abgeschnitten hat, schlägt keine neuen - notgedrungen mit Menschen umgab, deren Nasen ebenfalls gefährdet oder bereits herausgeschnitten waren. Die Geschichten, die er dort zu hören bekam, ähnelten sich bald so sehr, daß H sie für seine eigene hielt und immer schwerer ertrug.

»Worauf wollen wir warten?« sagte er. »Es kommt nichts mehr.«

»Sie sind ein Zyniker«, sagte da wieder jemand zu H, und der antwortete: »Ja, das bin ich, denn ich weiß, wie die Dinge sind, aber nicht mehr, wie sie sein sollten. Lachen kann ich darüber auch nicht.«

So zog H durch die Welt, die er nicht ertrug, und sah, wie sie war, und hoffte auf wenig.

»Steigen Sie ein«, bot ihm jemand an, »ich bringe Sie nach Hause. Es fängt an zu regnen.«

»Nein«, sagte H und lächelte, »nach Hause kann ich nicht, auch wenn ich wüßte, wo das ist. Und in ein Auto sollte man nicht steigen, wo schon so vieles so gefährlich ist. Zu Fuß gehen ist sicherer, auch im Regen; da wird höchstens die Nase naß, und dann weiß man wenigstens, daß man sie noch hat, wenn schon sonst nichts mehr.«

Der andere fuhr weg, und H hielt seine Nase in den Regen und sagte für sich: »Höchstens, es schlägt einem ein Ast den Schädel ein«, und sah nach oben und lachte den Baum aus.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer | pdf