Wann diese Geschichte entstanden ist, weiß ich nicht mehr genau; es muß zwischen Spätsommer 1998 und Sommer 2000 gewesen sein. Die erste Version blieb lange liegen, weil ich nicht recht wußte, was ich damit machen sollte, wurde dann, als Herbert Rosendorfer sie für die von ihm betreute Reihe "Literatur am Samstag" in der Zeitung "Dolomiten" ausgewählt hatte, kräftig überarbeitet und ist dort wohl auch im Frühjahr 2004 erschienen. Aus dem ursprünglich geplanten und für Ende 2004 angekündigten Sammelband mit den Samstags-Stories des Jahres 2004 ist hingegen, soweit ich weiß, nichts geworden.
 
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Stories

Sieht aus wie Regen

Kälte

Der unwirkliche Professor

Aus der Stille

Der alte Mann schweigt

Bilanz

Zwei Kinder

Die lustige Geschichte von dem Menschen H, der die Welt, in der er lebte, nicht ertrug und sich deshalb weigerte, ihr zu entfliehen

Ein Junge am Bildrand

Zwischenfall im Supermarkt

Titel: Der fremde Freund

EIN JUNGE AM BILDRAND

Es war eigentlich ein ganz normaler Abend gewesen, und der Junge, der da auf der Veranda im Halbdunkel saß, sah eigentlich auch ganz normal aus. Trotzdem blieb Robert am Zaun stehen, starrte ihn an, deutete auf ihn. Ich solle mir das mal ansehen; aber ich sah erst was besonderes, als Robert anfing, über den Zaun zu klettern. Da wurde der Junge aufmerksam, schien sich nicht entscheiden zu können, ob er staunen oder flüchten sollte. Dann blieb ihm keine Zeit mehr zum Entscheiden, denn Robert rannte über den Rasen auf ihn zu, packte ihn mitten in einer verspäteten Panikbewegung am Hemd und fing an, mit rudernden Händen auf ihn einzuschlagen. Der Junge rief Hey, machte dann keinen Laut mehr, wehrte sich halbherzig, ohne zurückzuschlagen. Robert sagte auch kein Wort; erst als er sich beruhigt hatte und den Jungen bloß mehr anstarrte, zischte er: Du verdammtes Schwein!

Ich beobachtete die Szene und verstand nichts. Was soll denn das, wollte ich Robert zurufen, aber ich brachte keinen Laut heraus. Schließlich ließ er den Jungen los, wandte sich ab und stiefelte zum Zaun zurück, kletterte wieder herüber, wischte sich beide Hände an den Oberschenkeln ab, berührte meine Schulter und sagte, gehen wir.

Wozu war das denn gut? fragte ich, als wir ein paar Schritte von der seltsamen Szene entfernt waren. Das war mal fällig, sagte Robert. Jedesmal, wenn ich hier vorbeikomme, sitzt der blöde Kerl auf seiner Veranda. Na und, sagte ich, warum soll er da nicht sitzen? Hast du das Haus gesehen? Verdammt noch mal, was macht der Kerl in so einem Haus? Und läßt sich's dann noch raushängen, das verdammte Schwein.

Hey, bist du vielleicht neidisch auf den, oder was? Ich lachte versuchsweise ein bißchen. Und wenn schon, was soll's, sagte Robert und lachte auch, nicht wirklich lustig, aber immerhin: Die gerade noch grelle und scharfe Szene begann zu verschwimmen.

Ich bemerkte den Porsche, der im Schrittempo neben uns herfuhr, zuerst. Ich ahnte irgendwas und tat deshalb so, als wäre mir nichts aufgefallen. Laß uns durch den Park gehen, sagte ich zu Robert; wir bogen in den Fußweg zur Grünanlage ein und ließen den Porsche damit hinter uns. Ich hörte die Tür schlagen; beschloß, mir nichts zu denken.

Was bildest du dir eigentlich ein, sagte der Junge, der plötzlich neben uns ging. Es war fast völlig dunkel, aber ich sah seine Augen glänzen; er mußte geweint haben, seine Stimme klang sinnlos wütend. Verpiß dich, sagte Robert, ohne stehenzubleiben. Der Junge ging weiter neben uns her. Ich möchte eine Erklärung haben, schrie er. Robert lachte kurz und hart, wie Holz, das auf Holz schlägt. Was gibt's da zu lachen? Wenn ich dir was getan habe, dann sag mir: was! Endlich blieb Robert stehen, wandte sich zu dem Jungen und sagte, er solle brav sein und nach Hause gehen. Seine Mami sehe es sicher nicht gerne, wenn er sich um diese Zeit draußen herumtreibe. Der Junge stürzte sofort auf ihn los, mit erhobenen Armen, die Robert packte und festhielt. Beide starrten sich eine Weile an, dann sagte Robert: Geh zurück in deinen Palast und leg dich in dein Himmelbett schlafen!

Ach, so läuft der Hase, sagte der Junge. Na bitte, dann komm doch mit! Für einen langen Augenblick herrschte völlige Stille, dann schaltete in der Ferne ein Auto in einen niedrigeren Gang, dann wieder: Stille. Ich suchte nach einer passenden, wirksamen Formulierung. Hört doch auf mit dem Scheiß, sagte ich schließlich.

Also gut, gehen wir mit, sagte Robert.

Der Junge öffnete das Gartentor mit einem Griff an die innere Klinke und machte eine übertrieben einladende Bewegung, wie ein altmodischer Butler in einem Sonntagnachmittagsfilm. Wir betraten den Garten. Im Haus war kein Licht zu sehen. Meine Eltern sind nicht da, sagte der Junge, sie sind eigentlich nie da. Armer Junge, sagte Robert. Drei Stufen führten auf die Veranda, die zwei Türflügel standen halb offen. Der Junge drückte auf einen Schalter, und Licht flutete in den Garten. Nun konnten wir uns zum ersten Mal sehen: Der Junge war blaß, sein weißes Hemd hing vorne aus der Hose; er starrte Robert an, der mit müden Augen in der Gegend herumblickte, ohne etwas zu sehen. Ich wandte mich ab, griff mir mit beiden Händen ins Gesicht, fühlte mich so erschöpft.

Was wollt ihr trinken, fragte der Junge, Bier? Wein? Hauptsache kalt, sagte Robert. Als der Junge durch die Verandatür im dunklen Haus verschwunden war, sagte ich: Laß uns abhauen, los. Spinnst du, sagte Robert. Der Junge kam mit drei Bierflaschen zurück, die er verteilte. Er öffnete seine mit einem silbernen Flaschenöffner, reichte ihn weiter, setzte sich im Schneidersitz auf die Veranda und sagte: zum Wohl. Robert setzte sich in den Stuhl, in dem der Junge gesessen hatte, als er auf ihn losgegangen war. Wir schwiegen und tranken. Dann setzte ich mich auch auf den Boden, seufzte, ohne es zu wollen, es klang blöd. Schönes Haus, sagte ich. Ihr habt ja noch nichts davon gesehen, entgegnete der Junge.

Also los, sehen wir's uns an, sagte Robert und stand auf, ging nach drinnen, die Bierflasche in der Hand. Ein kurzes Poltern, dann ein gedämpftes Klirren, dann Roberts Stimme: Verdammter Dreck! Der Junge folgte ihm durch die Tür, dann sah ich, wie mit einem Mal alle Fenster im Parterre aufleuchteten. Drinnen lachte der Junge, dann lachte Robert, dann lachten beide. Ich stand auf, ging zur Verandatür und blickte in eine Art Salon, in dem ein schwarzes Klavier und viele kleine Sofas standen. Robert hielt einen Kopf aus Porzellan in der Hand, der Junge den dazugehörigen Oberkörper. Worüber sie lachten, war nicht zu erkennen. Ich trank einen Schluck Bier und versuchte zu entscheiden, ob ich nicht besser einfach weggehen sollte, jetzt endlich.

Sieh dir diesen Scheißdreck an, rief Robert von drinnen, der Junge lachte immer noch. Ich ließ mir den Porzellankopf zeigen, der hohl und auf der inneren Seite mit einer elastischen Schicht überzogen war. Das ist überhaupt nicht antik, sondern Hongkong-Müll! verkündete Robert, und der Junge lachte wieder. Ist hier überhaupt irgendwas echt? schrie Robert ins Haus hinein und verschwand durch eine Tür. Wo ist dein Zimmer? Oben, rief der Junge; laute Schritte auf einer Holztreppe.

Was soll das eigentlich werden, fragte ich den Jungen; versuchte, eine mahnende Stimme zustandezubringen. Laß ihn doch, lachte der Junge, ist doch lustig. Hier ist sonst nie was los. Ihr seid echt total bescheuert, alle beide, sagte ich. Robert rief von oben: Ich pack's nicht. Wir stiegen die Treppe hinauf, der Junge hinter mir her. Robert lag in einem riesigen Bett, eine Zipfelmütze auf dem Kopf. Er reckte die Bierflasche nach oben in die Luft und brüllte: Gute Nacht, Kameraden! Ich konnte nur den Kopf schütteln. Jetzt fehlen bloß noch die Eltern, dachte ich.

Und da waren sie auch schon. Erst zwei schlagende Autotüren, der Junge fuhr zusammen; dann Schritte und Stimmen, ein Schlüssel, furchtbar laut. Willkommen im Reich der Arschlöcher, brüllte Robert, worauf unten sofort alles still war. Joseph? fragte nach einiger Zeit eine Frauenstimme. Hier, rief der Junge. Die Eltern kamen langsam und vorsichtig die Treppe rauf, während Robert immer noch brüllte: Macht es euch bequem! Legt ab und fühlt euch wie zu Hause, werte Wandersmänner! Ich wünschte mir, auf der Stelle zu verschwinden oder in eine Blumenvase verwandelt zu werden.

Der Vater war schmächtig und sah aus, als erwartete er jeden Moment eine anonyme Ohrfeige aus dem Dunkel. Die Mutter, dürr und elegant, folgte ihm und versuchte vergeblich, sich hinter seinem schmalen Rücken zu verstecken. Ich sagte: Guten Abend; aber das Lächeln ging völlig daneben.

Die sind hier eingebrochen, sagte der Junge. Was? rief der Vater, ich wollte was sagen, aber er glaubte seinem Sohn sowieso nicht. Seid ihr nicht ganz bei Trost, fragte er. Es klang schrecklich altmodisch, wie aus einer alten Billig-Fernsehserie.

Ihr Herr Sprößling hat uns eingeladen, einen netten Abend mit ihm zu verbringen, rief Robert aus dem Bett, richtete sich plötzlich auf und riß sich die Zipfelmütze vom Kopf, mit einer Riesengeste: und da sind wir! Ich unterdrückte das Lachen, das sich in meinem Bauch ausbreitete, langsam einen Rhythmus fand und schließlich nicht mehr zu unterdrücken war. Kann mir jemand erklären, was hier vorgeht, kam die Stimme der Mutter hinter dem Rücken des Vaters hervor.

Wir kamen zufällig hier vorbei, sagte ich. So was Dummes habe ich ja noch nie gehört! unterbrach mich Robert. Er rutschte aus dem Bett, klappte in aufrechte Position und spielte seine Komödie weiter: ein Diener, dann streckte er dem Vater die Hand entgegen. Angenehm! sagte er. Der Vater ging an ihm vorbei in das Schlafzimmer, sah sich um, als überprüfte er die Vollständigkeit des Mobiliars. Der Junge sprang plötzlich zur Tür, zog sie zu, drehte den Schlüssel um, steckte ihn ein und rannte lachend die Treppe hinunter. Ich starrte Robert an, dann die Mutter, die erst mich anstarrte, dann Robert. Niemand sagte was. Die Türklinke bewegte sich, vorsichtig, dann rüttelte der Vater daran. Olga, rief er, mach auf! Der Junge hat den Schlüssel, sagte sie mit zitternder Stimme, und ich registrierte die Bezeichnung mit Verwunderung: der Junge. Mach die Tür auf, Joseph, sagte der Vater. Unten sprang ein Auto an. Ach Gott, sagte die Mutter, hielt sich die Hand vor den Mund und rannte hinunter. Wir folgten ihr. He, rief uns der Vater nach.

Langsam begann mich die Sache zu amüsieren. Der Mercedes entfernte sich mit heulender Gangschaltung und bog um die nächste Ecke. Können Sie mir jetzt vielleicht mal erklären, was hier eigentlich los ist, sagte die Mutter verzweifelt. Robert nahm sie in den Arm. Beruhigen Sie sich, sagte er, wie ein Schauspieler. Ich sagte: Ich glaube, ich weiß, wo er hin ist. In den Park.

Aber wieso denn? fragte die Mutter. Oben brüllte der Vater wütend: Herrgott noch mal! Gehen wir, sagte Robert und führte die Mutter die Straße entlang. Ich folgte ihnen, wir bogen in den Fußweg zur Grünanlage. Da stand der Mercedes, aber ohne den Jungen. Er ist uns vorhin mit dem Porsche nachgefahren, sagte Robert, immer noch wie ein Schauspieler, ein nachdenklicher Detektiv oder so: Hier muß er umgestiegen sein. Vielleicht sollten wir die Polizei holen.

He, jetzt reicht's aber langsam, fuhr ich ihn erschrocken an, die Polizei braucht's echt nicht! Die Mutter versuchte die Wagentür: Sie war offen, der Schlüssel steckte im Zündschloß. Kommen Sie, sagte sie, öffnete die Beifahrertür und ließ den Motor an. Ich sah Robert an, er zuckte mit den Schultern, wir stiegen ins Auto. Schweigend fuhr die Mutter den Kiesweg entlang, das Auto kippte über den Randstein auf die Straße und rollte zum Haus zurück, aus dem kein Geräusch mehr kam. Über der Eingangstür stand ein Fenster offen, und als die Mutter das Gartentor geöffnet hatte, schrie sie: Um Gotteswillen, Paul; rannte los, und jetzt sahen wir auch den Vater, der neben dem Kiesweg im Gras lag. Als sie sich über ihn beugte, stöhnte er, dann hörten wir die Mutter weinen. Leck mich, sagte Robert, der Typ ist aus dem Fenster gesprungen, so ein Wahnsinniger. Helfen Sie mir, rief die Mutter, wir trugen den Vater zu dritt ins Haus und legten ihn in dem Salon mit dem Klavier und der kaputten Hongkongstatue auf eines der vielen Sofas. Die Mutter zog ein Mobiltelefon aus der Manteltasche, wählte, wartete, sagte ihre Adresse und: schnell, bitte!

Es gibt nicht viel mehr zu erzählen. Der Vater hatte sich beide Beine und einen Arm gebrochen, eine Gehirnerschütterung noch dazu, weil er bei dem Versuch, aus dem Fenster auf den Mauervorsprung zu klettern, abgerutscht und mit dem Hinterkopf gegen den Fenstersims geknallt war. Die Notärzte hatten die Polizei gerufen; aber nachdem geklärt war, daß es kein Einbrecher, sondern der Hausherr selbst war, zogen die beiden Beamten wieder ab. Zwei Stunden lang saßen wir mit der Mutter in der Küche, tranken Tee und sagten kaum ein Wort. Am nächsten Tag rief Robert die Mutter an. Der Vater blieb drei Wochen im Krankenhaus, wir besuchten ihn zweimal zusammen mit der Mutter, die uns nun jeden zweiten Tag zum Teetrinken einlud und alle möglichen Geschichten von ihrem Sohn erzählte. Er sei immer so ruhig gewesen, gut in der Schule, nett zu Gästen, habe nie irgendwelche Freunde oder Geheimnisse gehabt. In drei Wochen sollte er sein Abitur machen und wollte danach Theologie studieren, was ihm der Vater vorgeschlagen hatte. Sie sei davon nicht allzu begeistert gewesen, aber der Junge habe nie widersprochen. Sie verstehe das alles überhaupt nicht. Robert hielt ihre Hand, wir sagten meistens gar nichts. Irgendwann ging ich nicht mehr hin, weil ich fühlte, daß ich störte, wenn sich Robert und die Mutter händehaltend in die Augen sahen und schwiegen.

Der Porsche wurde nach zwei Wochen gefunden: Er stand an einem Waldrand in der Nähe der französischen Grenze und war einem Bauern aufgefallen, der die Polizei informierte, weil dort Naturschutzgebiet war. Der Junge blieb verschwunden.


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