Geschrieben als erster Entwurf im September 2001, später umgeschrieben, erweitert, verbessert, wieder umgeschrieben, ergänzt usw., wahrscheinlich bis Herbst 2003. Da habe ich die Geschichte dann auf Einladung von Herbert Rosendorfer als einen von mehreren Vorschlägen für einen Abdruck in der Zeitschrift "Dolomiten" ausgewählt. Den Vorzug erhielt eine andere Geschichte, "Kälte" ist bislang nicht gedruckt erschienen.
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Stories

Sieht aus wie Regen

Kälte

Der unwirkliche Professor

Aus der Stille

Der alte Mann schweigt

Bilanz

Zwei Kinder

Die lustige Geschichte von dem Menschen H, der die Welt, in der er lebte, nicht ertrug und sich deshalb weigerte, ihr zu entfliehen

Ein Junge am Bildrand

Zwischenfall im Supermarkt

Titel: Der fremde Freund

KÄLTE

Wir öffnen die Augen, gewöhnen uns an das plötzliche Licht - und stellen uns folgende Situation vor:

Eine junge Frau hat den Einfall, eine Pflanze zu erwerben. Sie befindet sich in ihrem Auto, auf der Heimfahrt von ihrem Arbeitsplatz.

Wie die Stadt, in der sich die junge Frau aufhält, genannt wird, spielt keine große Rolle, sagen wir uns. Auf dem ganzen Planeten sind sich alle Städte gleich, wenn man sie von dort betrachtet, wo sich die junge Frau befindet: Bändern gleich erstrecken sich Straßen, gesäumt von Schildern und Abfahrten zu Einkaufszentren; in ungreifbarer Nähe führen gestaffelte Hochhaustürme mit grimmigen Gesichtern den Fahrenden müde Tänze vor, die niemand beachtet.

Möglicherweise wird die junge Frau von Musik beschallt, die eine raffinierte Mischung aus Wohlbefinden und Sehnsucht in ihr erzeugt. Möglicherweise hat die Musik zu dem Einfall, eine Pflanze zu erwerben, beigetragen. Das ist nicht weiter wichtig.

Zu dem kleinen Haus, in dem die junge Frau wohnt, gehört ein ebenso kleiner Garten, dem sie nicht viel Aufmerksamkeit widmen kann, da sie viel und gerne arbeitet. Es ist sechs Uhr abends, ein milder Frühlingstag, die Sonne steht noch ein gutes Stück hoch am Himmel über der Autobahn, das Gartencenter hat noch geöffnet.

Vielleicht machen wir uns einen kurzen Gedanken über das Wetter, das manche Menschen dazu bewegen kann, an Pflanzen zu denken und den Wunsch zu empfinden, selbst eine Pflanze zu besitzen. Es ist möglich, daß noch am Tag davor an ungünstigen Stellen, etwa in dem dauerbeschatteten Bereich unter einem kreisförmigen Autobahnzubringer, Schnee gelegen hat, daß die junge Frau Wochen hinter sich hat, in denen sie, wenn sie aus dem Fenster ihres Büros auf den Parkplatz blickte, kaum etwas sah als düstere Vogelwolken, zwischen denen nur selten ein fernes, kalkweißes Licht aufflackerte. Denken wir nicht zuviel darüber nach.

Die junge Frau geht einige Zeit unschlüssig zwischen blechernen Regalen mit großen Abteilungen identischer Pflanzen herum. Vielleicht würde sie sich gerne beraten lassen von einem der ungeschlachten Männer, die ihre grünblauen Overall-Uniformen tragen wie ein Karnevalskostüm, das zwei Nummern zu klein ist. Es spricht sie aber niemand an; die Männer, die alle aussehen, als würden sie ihren Beruf nicht sehr mögen oder als hätten sie überhaupt keinen Beruf, laufen in verschiedenen Richtungen an ihr vorbei, ohne sie zu beachten. Sie wüßte auch gar nicht, welche Antwort sie sich erhoffte, oder welche Frage sie stellen sollte.

Schließlich erwirbt die Frau ein kleines, struppiges Gewächs ohne Blüten, das den Beinamen “Mountain Fire” trägt. Es handelt sich wahrscheinlich nicht um ein einheimisches Gewächs. Ein kleiner runder Zettel aus Plastik, den die Pflanze um den fingerdicken Stamm trägt, weist darauf hin, daß sich die Blätter der Pflanze im Herbst sehr dekorativ rot und orange verfärben. Früchte seien hingegen in mitteleuropäischen Breiten von ihr nicht zu erwarten. “Mountain Fire” komme ohne Dünger aus, müsse kaum gegossen werden und gedeihe notfalls auch im Schatten. Ungezieferbefall sei kaum zu befürchten, die Pflanze ergiebig und dankbar. Sie kostet kaum mehr als die junge Frau gewöhnlich für ihr zweites Frühstück im Büro ausgibt: eine Butterbreze und ein Becher Kaffee.

Da hören wir Einspruch aus dem Publikum. Glotzt nicht so romantisch auf die Pflanze, ruft da jemand. Es sei absurd, ein kaltes Wesen so zu vermenschlichen; im Grunde nicht einmal ein Wesen, sondern ein natürlicher Funktionsablauf von Wachsen und Vergehen. Wir senken den Blick. Mag sein, mag sein. Es ist nicht weiter wichtig.

Die junge Frau fährt nun zu dem kleinen Haus. Die Straßen, die sie dorthin führen, werden schrittweise kleiner, langsamer und ruhiger. Wir sehen lange, blinde Häuserfronten, wir kreuzen den Weg zweier Busse, aus denen uns müde Gesichter überdrüssige Blicke entgegenwerfen, die uns nicht weiter interessieren. Die junge Frau parkt in einer sehr kleinen, kaum befahrenen Straße, nimmt ihre Handtasche über die Schulter und trägt die Pflanze einen kleinen Weg entlang. Es ist immer noch recht hell.

Sie trägt die Pflanze durchs Haus hindurch in den Garten, gräbt ein kleines Loch, legt die Schaufel beiseite, entfernt den Plastiktopf vom Wurzelballen der Pflanze, setzt sie in das Loch und schüttet die verbliebenen Spalten mit überständiger Erde zu. Die Pflanze steht da, und ihr gegenüber steht nun die junge Frau, die sie mit leicht abwesenden Augen betrachtet. Wir sehen ihr Gesicht, aber es sagt uns nichts. Wir können noch eine Weile die Pflanze betrachten. Ihre Arme sind zierlich und kurz, die Blätter dunkelgrün, ziemlich hart und spitz. Hinter ihr erhebt sich ein kleiner, kaum kniehoher Zaun, der den Garten vom Nachbarsgarten trennt. Auch der Draht, aus dem der Zaun besteht, ist dunkelgrün und hart. Die Pflanze steht im Abendlicht, das sich langsam verflüchtigt und endlich erlischt. Vielleicht ist es das erste Mal, daß sie Nebel erlebt.

Unser Blick gleitet nun von den Armen und Blättern der Pflanze weg, auf das Haus zu. Die Glastür zum Garten ist geschlossen. Durch das breite Fenster neben der Tür sehen wir im Inneren des Hauses die junge Frau, allerdings nur ihren Hinterkopf. Sie sitzt in einem Sessel und blickt auf einen Fernseher, der ihr gleichmütig entgegenscheint. Am Rand des Bildes erkennen wir einen jungen Mann, der auf einem Stuhl sitzt und ebenfalls auf den Fernseher sieht. Die Szene bleibt so lange unverändert, bis wir nicht mehr sicher sind, ob es wirklich eine Szene ist oder doch ein Bild.

Es kommt der Sommer. Drei Äste der Pflanze treiben aus, bilden neue Blätter, die heller sind als die alten, die sie nicht verloren hat. Um die Pflanze herum erkennen wir weitere Gewächse, die fröhlich schwellen und gebräuchlichen Wuchs versprechen; bald werden sie als Rosen und Goldregen erblühen, duftende Kräuterwedel in die Sonne strecken oder Früchte tragen, Blaubeeren, Himbeeren, Johannisbeeren.

Der junge Mann steht oft vor der Pflanze und sieht sie erfreut an. Wir könnten uns vorstellen, daß er gerne beobachten würde, wie ein neues Blatt entsteht. Er gießt die Pflanze, deren Stamm immer noch so dünn ist wie ein Finger und immer noch den kleinen runden Plastikzettel trägt, der Informationen über die Pflanze bereithält. Manchmal sitzt der junge Mann im Gras und liest ein Buch. Manchmal unterbricht er seine Lektüre, betrachtet die Pflanze, liest den kleinen Plastikzettel, obwohl er längst weiß, was darauf steht. Am Bildrand sehen wir kurz die Nachbarin, eine ältere Dame, die im Gegenlicht freundlich lächelt. Abends geht der junge Mann ins Haus, wenn er am Schlagen der Tür hört, daß die junge Frau kommt.

Dann wird es Herbst. Wir sehen den jungen Mann nun seltener. Das Bild ist unsicher; wenn wir ihn dabei beobachten, wie er im Garten steht und die Pflanzen betrachtet, wirkt sein Gesicht durchscheinend. Sein Blick geht vielleicht in die Ferne, doch lächelt er nicht, was uns vermuten läßt, er blicke gar nicht; was da in die Ferne geht, ist eine Ahnung, die sich nur dem Beobachter öffnet. Aber wir denken nicht zuviel darüber nach, denn da ist schon der Winter. Es regnet, bisweilen tagelang. Wir meinen, für Momente ein Gesicht am Fenster zu sehen, aber wir könnten uns irren. Sonnenlicht bricht sich in wulstigem Eis, dann fällt wieder Schnee und bedeckt den schwarzgrauen Todesschlaf der Sommernatur.

Als der Winter endet, ist manches zu Ende gegangen. Die junge Frau wohnt nun wieder alleine in dem Haus; wo der junge Mann hingegangen ist, werden wir nie erfahren. Noch immer sieht die junge Frau, wenn es abends dunkel geworden ist, auf den Fernseher.

Als die ersten Sonnenstrahlen den baldigen Beginn des Frühlings versprechen, öffnet die junge Frau die Tür zum Garten und tritt hinaus. Es ist wenig übrig von dem, was sie in Erinnerung hatte; nur vereinzelt finden sich zwischen den grünen Büscheln der bereits verblühten Schneeglöckchen und der Frühlingsknotenblumen dunkle Blätter, die in Erdnähe den nagenden Frost vieler Wochen überstanden haben und erst dann ermattet niedersinken werden, wenn ihre helleren Nachfolger schon zu erkennen sind. Der Strauch, “Mountain Fire”, ist nicht mehr feuerrot, sondern ganz farblos; er hat alles Laub verloren und streckt die nackten Arme hoffnungsvoll in die ersten Sonnenstrahlen.

Die junge Frau nimmt eine Heckenschere und einen Eimer und beginnt, zunächst unschlüssig, Streu und Laub einzusammeln und tote Zweige von den Hecken zu knipsen. Für einen Moment ruht ihr Blick auf dem Strauch, und wir meinen, eine leise Enttäuschung in ihrem Blick zu lesen, aber da irren wir uns wahrscheinlich. Sie schneidet die kahlen Äste des Strauches knapp über dem Boden ab und wirft alles in den Eimer. Zurück bleiben vier hölzerne Augen in der schwarzen Erde, die langsam grau verblassen werden, bis sich irgendwann, möglicherweise, Zeit findet, auch die Wurzeln auszugraben.

Vor dem Haus der jungen Frau hat die Stadtverwaltung eine braune Biomülltonne aufgestellt. Die junge Frau klappt den Deckel hoch und leert den Eimer mit dem Gestrüpp hinein. Dann wird es dunkel, denn mehr ist nicht zu erzählen.


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