Das sieht auf den ersten Blick gar nicht aus wie eine Geschichte, und vielleicht ist es auch keine. Oder irgendwie doch. Geschrieben wurde der Text 1992 als "Einstimmungsstück" für eine Reihe von kurzen Episoden, Gedanken und Gedichten, aus der später die Idee zu "Atlantische Tagebücher" entstand.
 
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Stories

Sieht aus wie Regen

Kälte

Der unwirkliche Professor

Aus der Stille

Der alte Mann schweigt

Bilanz

Zwei Kinder

Die lustige Geschichte von dem Menschen H, der die Welt, in der er lebte, nicht ertrug und sich deshalb weigerte, ihr zu entfliehen

Ein Junge am Bildrand

Zwischenfall im Supermarkt

Titel: Der fremde Freund

SIEHT AUS WIE REGEN

Sitzt da, die Arme aufgestützt, wirft einen Schatten auf ihre Hände, die den Kopf halten. Eine dunkle Konstruktion, dunkler noch als der Rest, die Luft, die schwer über uns hängt, um uns, irgendwie dunkel grün, auch der Tag.

Sagt nichts, aber ich sehe etwas Helles, denke mir den Rest dazu und weiß, daß es ein Lächeln ist.

Liegt dann wieder im Bett und spricht zu mir, macht die schwere Luft vibrieren, die dunkle Luft, feucht und grün irgendwie. Spricht mit einer Stimme, die feucht und dunkel klingt. Von unten kommt, tiefer als sie, tiefer als wir.

Sitzt wieder am Tisch, sieht an mir vorbei, sieht gar nirgends hin. Sieht nichts. Falsch, nichts erreicht meine Augen, sagt sie, denn sehen kann man nicht bewußt, es muß etwas hineingeraten.

Augen sind keine Hände, sagt sie.

Ihr Haar ist feucht. Nicht naß, nur dieser Rest von Feuchtigkeit, der nicht rausgeht, wenn die Luft so ist, schwer und grün. Es ist warm, aber wenn ich mich bewege, fühlt es sich kalt an.

Draußen ist der Tag, aber es ist nicht viel da. Er drängt die Blicke zurück, schwer und feucht.

Die Blicke. Augen werfen Blicke, sage ich ihr, und sie bewegt ganz leicht den Kopf.

Tun sie nicht. Nur eine Metapher oder so. Was ist mit den Ohren?

Der Klang unserer Worte, selbst meiner eigenen, die durch den Schädelknochen gedämpft mich als Mischung erreichen, ist feucht und schwer. Es gibt Tage, an denen man mit geschlossenen Augen besser hört. Wenn die Luft so feucht und grün ist, so dunkel, braucht man die Augen nicht zu schließen. Was sichtbar wird, sind nur Geräusche, die sich so weit ausdehnen, daß sie die schwere Feuchte der Luft durchdringen und dem Auge faßbar erscheinen, kurz nur und undeutlich, wie das, was ich für Lächeln gehalten habe. Es war vielleicht ein Lächeln, aber man kann es auch anders sehen.

Nicht die Augen sehen, sondern das Gehirn, sagt sie. Du erkennst eine Form und ordnest ihr eine Bedeutung zu.

Dann liegt sie wieder im Bett, macht ein Geräusch und deckt sich zu, bis über den Kopf, obwohl es nicht kühl ist.

Unter der Decke ist es sehr feucht, dunkel und grün, und sie sieht aus wie Regen.


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