Das ist in der Tat eine etwas seltsame Sache. Es gab eine ganz vage reale Vorlage für die Geschichte, aber im Grunde ist alles frei erfunden, auch wenn das die Sache noch rätselhafter macht, weil ich nicht weiß, aus welchem Hinterzimmer meiner Phantasie so etwas herausspazieren hat können, damals am 19. Februar 1996. Vorgesehen war auch diese Geschichte mal für die Geschichtensammlung "Atlantische Tagebücher" in einer neueren Version, aber gedruckt worden ist sie noch nie. Bei einer Lesung in einem kleinen Zelt mitten im Winter habe ich sie mal vorgetragen und danach (auf deutliche Anregung hin) beschlossen, es sei viel vernünftiger, lustige Dinge vorzulesen.
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Stories

Sieht aus wie Regen

Kälte

Der unwirkliche Professor

Aus der Stille

Der alte Mann schweigt

Bilanz

Zwei Kinder

Die lustige Geschichte von dem Menschen H, der die Welt, in der er lebte, nicht ertrug und sich deshalb weigerte, ihr zu entfliehen

Ein Junge am Bildrand

Zwischenfall im Supermarkt

Titel: Der fremde Freund

ZWEI KINDER

Einmal, ein einziges Mal, stand sie so quer, daß die Welt sie beinahe wahrnehmen konnte.

Sie hat den Hund ausgeführt, obwohl der fast so groß war wie sie selbst. Immer wieder haben ihre Eltern das verboten, aber jetzt, in den Ferien, standen die Eltern morgens nicht früh genug auf, um es zu verhindern. Sie hätte ja auch nur die Tür des Ferienhauses öffnen müssen, und der Hund wäre von alleine hinausgerannt; daß sie dann hinterherrannte, hoffte sie, notfalls sogar als lobenswert erklärt zu bekommen.

Dabei hörte der Hund auf sie, das wußte sie und stellte es deshalb nicht ernsthaft auf die Probe: Das Tier rannte durch die Gegend, tauchte blitzartig in Gebüsche, um gleich darauf wieder herauszuschießen und seine gehetzte Bahn fortzusetzen. Sie stand an einem Punkt, den sie als Zentrum seiner rasenden Kreisabschnitte empfand, und warf wachsame Blicke hinterher. Was hätte schon passieren sollen? Sie brauchte ja nur die schwere Kettenleine zu schütteln, um den Hund an seinen fälligen Gehorsam zu erinnern. »Wenn der Hund etwas reißt«, hatte ihre Mutter düster angedeutet, um das Verbot zu unterstreichen. Tatsächlich sah sie sich einen Vormittag lang immer wieder dem Bild eines Erwachsenen ausgesetzt, der vor ihr am Boden lag: mit todblassem Gesicht, darunter zwei gräßlich zerfetzte Armstümpfe, daneben der Hund mit einer menschlichen Hand im Maul; der sah sie an, während er die Kiefer nachdrücklich anspannte und sie ein schrecklich endgültiges Knacken hörte: Nun würde man auch diese Hand niemandem mehr annähen können. Das war aber nur ein Vormittag, da hatte sie auf der Toilette in einer Illustrierten geblättert und so etwas tatsächlich gesehen. Das war aber ein ganz anderer Hund gewesen, schwarzweiß und gigantisch; dieser hier war nur ein Hund.

Da war eine Unterbrechung, und sie bemerkte, daß der Hund in ein Gebüsch hineingerast war, ohne wieder herauszukommen. Langsam näherte sie sich dem grünen Wust, der so undurchdringlich aussah, obwohl er für Hundebahnen offenbar überhaupt kein Hindernis darstellte. Das Tier lag auf den Vorderpfoten, hatte die Hinterläufe nach oben gestreckt: seine spielerische Angriffshaltung. Vor ihm tat sich eine kleine Grube auf, schwarz, feucht und frisch, darin drei rosa Bündel, kaum so groß wie der Daumen ihres Vaters. Da fiel ihr auf, daß die drei Bündel feine, aber deutlich vernehmbare Pfeiflaute machten. Da fiel ihr auch auf, daß der Hund deutlich sichtbar kaute, während er ihr in die Augen sah.

Mit einem Satz war sie bei ihm und schlug ihm die Leine auf den Körper. Der Hund jaulte heftig, sprang auf und knurrte, stürzte sich dann auf seine Grube, schnappte ein weiteres der rosa Knäuel und verschwand ins Dickicht. »Hierher!« schrie sie, außer sich vor Schmerz und Wut, zerriß sich Gesicht und Strümpfe an Zweigen und erblickte den Hund auf der Wiese vor dem Haus, wo er sich außerhalb ihrer Reichweite niederließ und zu kauen begann.

Sie vergaß den Hund und näherte sich den zwei verbliebenen rosa Fingerbündeln, die seltsam zuckten und dabei Pfeiflaute ausstießen, die ein baldiges Ende ahnen ließen. Unter Tränen, aber sich ihrer Aufgabe bewußt, hob sie die beiden auf ihre linke Hand, die sie dann schloß, um die Brut warmzuhalten. Als sie sich dem Haus zuwandte, war der Hund verschwunden, dafür konnte sie an der Türe ihren Vater ausmachen. Obwohl ihre Beine rennen wollten, ging sie ihm langsam entgegen. »War das Vieh schon wieder draußen?« fragte er, ekelhaft wie er aussah: unrasiert, mit verquollenen Augen, nur bekleidet mit einer ausgeleierten weißen Unterhose. »Das sind meine Babies«, sagte sie und schob sich an ihm vorbei.

»Was soll das sein«, sagte ihr Vater, packte sie am Arm und öffnete ihre Hand. »Das sind verdammt nochmal Ratten! Raus mit dem Zeug!« schrie er dann, aber sie hatte sich ihm schon entwunden, war wieder aus dem Haus gelaufen - derart plötzliche Richtungswechsel waren morgens immer am aussichtsreichsten, weil er ihnen nicht folgen konnte - und versteckte sich hinter der aus dem Haus herauswachsenden Scheune. »Schmeiß das Zeug weg! Und wasch dir verdammt nochmal die Hände!« hörte sie ihren Vater brüllen, wartete eine Weile und quetschte sich dann durch das Scheunentor. Dort drinnen führte eine Leiter nach oben ins Haus, so konnte sie ihr Zimmer erreichen, ohne am Schlafzimmer der Eltern vorbei zu müssen.

Die Puppe landete auf dem Boden, statt dessen bettete sie die zwei pfeifenden Kreaturen in die Kissen ihres Kinderwagens, rannte dann die Treppe hinunter in die Küche, wo ihr Vater am Ofen lehnte und stumm den Kessel beschwor, das Kaffeewasser schneller kochen zu lassen. »Wo willst du mit der Milch hin?« rief er ihr hinterher, aber sie war schon außer Reichweite und konnte sich daher erlauben, einfach »Nach oben!« zu schreien: Er war ohnehin viel zu müde, um ihr zu folgen.

Sie zog sich ihr Nachthemd über den Kopf, setzte sich nackt aufs Bett und rollte ein Ende des Stoffes zu einer kleinen Spitze zusammen, die sie in die Milch tauchte. Dann hob sie eines der Babies aus dem Puppenwagen, legte es auf ihren Bauch und hielt ihm die Stoffzitze an den Kopf. »Nun saug aber schnell«, flüsterte sie, und tatsächlich verschwand das Ende der künstlichen Rattenbrust in einem kleinen, halbmondförmigen Schlitz.

Der Tag war lang und heiß, und immer wieder ließ sie ihre Eltern auf der Picknickdecke am Gebüschrand allein, um nach den Babies zu sehen. Sie waren satt, da sie kein Geräusch von sich gaben. Allerdings fiel ihr gegen Abend auf, daß sie sich auch nicht mehr rührten. Das Fenster ihres Zimmers stand offen, draußen waren Scharen von Insekten und Vögeln zu hören; da aber nicht mehr als ein feuchtes, schattiges Halblicht um diese Tageszeit in ihr Zimmer drang, mochten die Babies ebensogut müde sein.

Am nächsten Morgen untersuchte sie sie etwas genauer, denn noch immer hatte weder Bewegung noch Geräusch wieder eingesetzt. Durch die pergamentdünne Haut am unteren Teil der beiden rosa Würstchen (so sahen sie tatsächlich aus, wenn man sich die winzigen Beine wegdachte: wie die rohen kleinen Dinger, die ihr Vater am liebsten grillte) schimmerten weiße Stellen. Da war die Milch, also war alles in Ordnung. Sie legte beide auf ihren Bauch, bedeckte sie mit den Händen und wartete auf ihr Erwachen.

Die Babies waren sehr müde, und der Tag rief: An ihrer Türe kratzte und jaulte der Hund. »Dich mag ich nicht mehr!« rief sie, als der Hund jedoch weiter jaulte, öffnete sie die Türe und ließ ihn herein. Sofort stürzte der Hund zum Puppenbett, warf es um und verschlang eines der Babies, ohne zu kauen. Sie bekam einen Schreikrampf, worauf das Tier mit eingezogenem Schwanz und angelegten Ohren auf halber Höhe aus dem Zimmer huschte.

Minuten später stand ihre Mutter in der Tür: »Was ist denn los?« fragte sie blind, rieb sich die Augen und war schon wieder weg, ehe das Mädchen noch »nichts« sagen konnte. Das zweite Baby war aus dem Bett gefallen, hatte sich aber offenbar nichts gebrochen. Sie stellte das Bett auf, legte es wieder hinein und deckte es zu. »Ruf mich, wenn du Hunger hast!« sagte sie und rannte nach draußen.

Der Hund hatte sich im Gebüsch versteckt, aber sie ahnte, wo er war. Bevor er reagieren konnte - er konnte so etwas auch gar nicht erwarten -, hatte sie ihm das Kettenende der Leine so ins Gesicht geschleudert, daß das Tier mit einem jämmerlichen Aufheulen davon wollte. Es sah aber momentan nichts, und nach dem dritten Schlag mit der Leine sah es nur noch Blut und stürzte auf seine einstige Gönnerin los, um sie mit in die Finsternis zu reißen. Das Mädchen stolperte, der Hund verfehlte sie, dann lag er neben ihr, zuckte von der Nase bis zur Schwanzspitze, als ginge ein wellenartiger Ruck durch ihn hindurch, und war mit einem Mal vollkommen still. »Jetzt ist es gut, aber tu das nie wieder!« sagte sie, stand auf und entfernte sich ein Stück von dem Gebüsch, ehe sie zaghaft »komm« rief. Der Hund kam nicht. Sollte er ruhig noch ein bißchen nachdenken.

Ihrem verbliebenen Baby ging es nicht gut, es hatte Blähungen, als sie abends wieder nach ihm sah: Der Bauch hatte seinen Umfang verdoppelt, das Gesicht war grünlich. Sie legte eine zweite Decke darauf, Wärme war gut bei so was.

»Was treibt dieses Kind eigentlich den ganzen Tag?« fragte der Vater beim Frühstück laut, aber die Mutter war noch gar nicht aus dem Bad gekommen und konnte ihn nicht hören. »Dies und das«, sagte das Mädchen und war froh, daß niemand nach dem Hund fragte, da sie ahnte, daß es ihm auch nicht gut ging.

Er lag noch im Gebüsch, und aus seinen Augen krochen Fliegen, als sie sich näherte. Schreien konnte sie immerhin.

Dem Baby ging es besser, es bekam schon einen Pelz. Die Mutter weinte, während der Vater oben im Schlafzimmer schrie.

»Wir müssen das mit dem Hund melden«, sagte der Vater. »Wenn ich die Sau erwische, mache ich ihn kalt.« - »Mach du nur deine Sprüche, das ist doch alles überhaupt nichts wert«, sagte die Mutter und verschüttete ihren Kaffee. Dann lief sie ihr nach auf die Wiese, nackt, aber in eine andere Richtung. Oder überhaupt ohne Richtung: Mitten auf der Wiese blieb sie stehen, drehte sich mit ausgestreckten Armen im Kreis und rief nach oben: »Dann komm doch endlich und hol mich hier raus!«

Die Blähungen lösten sich ohne Geräusch, aber mit einigem Gestank, so daß sie auch nachts das Fenster offenstehen lassen mußte. Zum Glück war der Pelz nun schon so weit gewachsen, daß er das Kind dort bedeckte, wo keine Decke war. Ihr Vater öffnete die Türe, ohne anzuklopfen, legte sich neben sie und berührte sie.

»Sei still«, sagte sie, »du weckst das Kind auf!«

»Ach was«, sagte er, »das schläft noch lange.«


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