Geschrieben im Januar 1998; ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlaß und zu welchem Zweck. Im Nachhinein bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob vielleicht ein reales Erlebnis der Auslöser war, andererseits ist das ziemlich egal. Offenbar hat mich zur Zeit der Entstehung eine Art Realismusfunke durchströmt, ähem; es gibt eine andere Geschichte mit dem Titel "Modern Love", die in eine ähnliche Richtung geht. Die Geschichte hier kam zu den "Atlantischen Tagebüchern" dazu, als das (virtuelle) Buch gerade nicht mehr so hieß. Ob sie, falls das Buch je veröffentlicht werden sollte, noch drin ist, weiß ich ebenfalls nicht.
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Stories

Sieht aus wie Regen

Kälte

Der unwirkliche Professor

Aus der Stille

Der alte Mann schweigt

Bilanz

Zwei Kinder

Die lustige Geschichte von dem Menschen H, der die Welt, in der er lebte, nicht ertrug und sich deshalb weigerte, ihr zu entfliehen

Ein Junge am Bildrand

Zwischenfall im Supermarkt

Titel: Der fremde Freund

ZWISCHENFALL IM SUPERMARKT

Zwischen den Regalen mit Getränken und dem Durchgang zur Kasse ist eine unübersichtliche Biegung; dort geraten an einem Januartag ein älterer und ein jüngerer Mann aneinander. Der Jüngere ist muskulös, seine rotblonden Haare sind von einer Schirmmütze mit Aufschrift bedeckt, das derbe Gesicht mit blassen Sommersprossen überzogen. Die tonnenförmige Frau, die ihn begleitet, trägt die gleiche dicke Polsterjacke in einer anderen Farbe, hat kurzes, schwarz gefärbtes Haar und wirkt mißmutig und ordinär. Der eigentliche Vorgang dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, und seine Folgen sind unmittelbar abzusehen. Der ältere Mann, der sich unsicher bewegt und eine mit Konserven und Gläsern prall gefüllte alte Stofftasche trägt, rempelt gegen den jüngeren Mann, hält kurz inne - als wollte er etwas sagen, was ihm jedoch nicht einfällt - und schickt sich an, ohne weiteres weiterzugehen.

»Willst du einen Haken?« fragt ihn der Jüngere. Als der Ältere zwar stehenbleibt, sonst aber nicht reagiert, wiederholt er die Frage mehrmals.

»Los, entschuldige dich«, fordert die Frau.

»Willst du einen Haken? Ich schlage dir den Schädel herunter«, sagt der Jüngere, worauf der Ältere, bis dahin sprachlos, unwillig murmelt: »Laßt mich doch in Ruhe!«, sich abwendet und zwischen den Regalen verschwindet.

»Bravo, bravo«, sagt ein dicker, alter Mann mit dem Anflug eines mehrdeutigen Lächelns zu dem Jüngeren.

»Mischt euch doch nicht immer ein«, fordert ihn die Frau auf, aber ihr Begleiter fährt ihr dazwischen: »Laß ihn doch, er ist doch für mich!«

Nun entsteht zwischen den Getränkeregalen eine kurze, laut geflüsterte Diskussion zwischen dem jüngeren Mann und der Frau über die Frage, auf wessen Seite der dicke Mann (der inzwischen weggegangen ist) steht.

»Geh du zur Kasse, ich warte draußen auf ihn«, sagt der jüngere Mann. »Der kriegt einen Haken.«

Die Frau stellt sich in die Schlange vor der Kasse. Der jüngere Mann bleibt zunächst bei ihr; mit locker auf den Einkaufswagen gelehnten Unterarmen erzählt er ihr von einer ähnlichen Begebenheit: »Der hat einen sauberen Haken eingefangen. Das lasse ich mir nicht bieten.« Dann geht er ruhigen Schrittes, ohne sich umzuwenden, zwischen den Kassen hindurch und stützt sich in Erwartung des älteren Mannes mit den Fäusten auf das Bord dahinter.

Der ältere Mann, dessen Haut grau schimmert und dessen Haare eine Wäsche und einen Schnitt dringend nötig hätten, steht nun ebenfalls in der Schlange. »Gestohlen hast du auch!« ruft ihm der Jüngere entgegen.

»Was!« sagt der Ältere unwirsch. Es klingt wie das Bellen eines in die Ecke getriebenen Hundes.

»Gestohlen hast du auch!« wiederholt der Jüngere mit triumphaler Belustigung. Mehrere Kunden blicken auf die Szene, es läßt sich aber nicht feststellen, welchem der beiden Männer ihre Empörung gilt. Ein Angestellter des Supermarkts, der gerade in den Laden gekommen und noch in Straßenkleidung ist, tritt zu dem älteren Mann und sieht auf die Stofftasche. Er nimmt eine der Konserven heraus und betrachtet sie.

»Das ist vom Aldi«, sagt der ältere Mann unwillig.

»Unter dem Mantel hast du auch noch was!« ruft wieder der Jüngere. Der Angestellte öffnet den Mantel des älteren Mannes, findet jedoch offenbar nichts. »Wenn das noch mal passiert, waren sie zum letzten Mal im Laden«, sagt er zu ihm und geht weg.

Der Jüngere und die Frau verlassen den Supermarkt. Es ist klar und kalt. Der Mann zieht seine gepolsterte Jacke aus und legt sie über einen Balken, der blattlose Bäume und drahtiges Gesträuch einzäunt. Die Frau stellt sich etwas abseits und hält eine Tüte mit den Einkäufen in der Hand: mehrere Plastikpackungen mit Fleisch, einige Flaschen Bier, Knabberartikel.

Als der ältere Mann aus dem Laden kommt, unbeholfen geduckt, den Kopf zwischen den Schultern, ruft ihm der Jüngere entgegen: »So, jetzt!« Dann überbrückt er die Distanz von etwa zwei Metern mit einem kurzen Anlauf und springt den Älteren mit vorgestrecktem linken Fuß an. Der Fuß trifft den älteren Mann in der Leistengegend. Er schreit »Ah!« und taumelt rückwärts, zurück in den Vorraum des Ladens. Der Jüngere ist sofort bei ihm, packt seinen Mantel mit der linken Hand an der Schulter und steht offenbar kurz vor der Ausführung einer Schlagbewegung, wie er sie ähnlich wohl im Fernsehen gesehen hat. In einiger Entfernung bleibt eine Radfahrerin stehen und blickt auf die Szene. »Misch dich nicht ein!« ruft ihr die tonnenförmige Frau entgegen.

Der Jüngere zerrt den älteren Mann aus dem Vorraum, schüttelt ihn, stößt ihn weg und ruft: »So!«

Der Ältere gerät ins Straucheln, stolpert und fällt. Seine Stofftasche, die er nicht losläßt, schlägt auf das Pflaster; etwas zerbricht und färbt die Tasche feucht.

Ein Polizeiwagen, der auf der Straße fährt, bleibt stehen. Ein Mann und eine Frau in Uniform steigen aus und nähern sich dem Supermarkt. »Was ist hier los?« fragt der Mann.

Der ältere Mann sitzt auf dem Boden und weint. Er deutet unsicher in Richtung des Paares und will etwas murmeln, aber die Frau unterbricht ihn: »Besoffenes Arschloch, asoziales!« Dann wendet sie sich zu den Polizisten und sagt: »Der hat ihn angerempelt, und gestohlen auch noch.«

Die Polizisten gehen zu dem älteren Mann, bleiben links und rechts von ihm stehen. »Stehen Sie mal auf!« sagt die Polizistin. Der ältere Mann versucht aufzustehen, ohne die Tasche loszulassen, was ihm nicht gelingt. Dann stellt er die Tasche so hin, daß sie stehenbleibt. Auf den Pflastersteinen ist ein feuchter Fleck. Unsicher erhebt sich der Mann. »Was ist hier los?« fragt ihn der Polizist. Der gebeugte, graue Mann antwortet nicht. »Nehmt ihn am besten gleich mit«, sagt die tonnenförmige Frau und wendet sich zum Gehen. Der Jüngere holt seine Jacke von dem Balken; während er sie anzieht, ruht sein Blick auf dem Älteren. »Das nächste Mal gibt es einen Haken, den du nicht vergißt«, sagt er und folgt der Frau.

»Ausweis«, sagt der Polizist zu dem älteren Mann, der regungslos neben seiner Tasche steht. Er zieht einen Ausweis aus der Innentasche seines Mantels und gibt ihn dem Polizisten, ohne ihn anzusehen. Der Polizist öffnet das verschlissene Dokument und blättert darin. Dann gibt er dem Mann den Ausweis zurück.

»Und jetzt machen Sie, daß sie hier wegkommen«, sagt der Polizist. Seine Kollegin folgt ihm zum Auto, beide steigen ein und fahren davon. Der ältere Mann bleibt kurze Zeit stehen, nimmt dann seine Tasche und geht langsam weg. Es ist nicht genau festzustellen, ob er den Kopf schüttelt: Man denkt es sich vielleicht nur dazu.


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