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früher passiert:

Herbst 2005:

Das sind die kleinen Gemeinheiten des Lebens: Kaum hat man sich an den "Klimawandel" so richtig gewöhnt und freut sich jedes Jahr auf Sonne, Föhn, Regen und ausgedehnte Spaziergänge von November bis Februar, da kehrt mit einem Mal das Phänomen zurück, das viele Kinder nur noch aus nostalgisch glitzernden Schullesebuchgeschichten kennen: der Winter. Es klirrt und friert, und die Öfen fressen Holz, als wollten sie die Bäume in der Umgebung das Gruseln lehren.

Was tut man da? sich zurücklehnen und die kalte Zeit winterschlafmäßig verdösen? Schön wär's. Es war (und ist) aber viel zu schreiben - ein schon mehrmals erwähnter Roman, dem wir nun mal den Namen "Wegerichs Heft" geben wollen und der schwillt und schwillt, aber noch nicht zu Ende gehen mag. Sowie vielerlei kleine Texte und Kolumnen und dies und das. Korrekturen am Deep-Purple-Buch waren durchzuführen, die sich nun bald in der zweiten Auflage wiederzufinden hoffen. Und nun liegt zu allem Überfluß eine quadratmetergroße Biographie eines bekannten Musikschaffenden auf dem Parkett, weil sie auf keinen Tisch hinaufpassen mag, und harrt ihrer Übertragung ins Deutsche.

Zum Ausgleich kann man sich mit anderen Dingen beschäftigen, zum Beispiel gegen den Ball treten und anderen Menschen dabei zusehen, wie sie gegen den Ball treten. Man kann auch, wenn einem gar zu wohl ist, sich ein paar ruinöse Zähne entfernen lassen und dann für längere Zeit so in die Welt grinsen:

 

schon ... findet man sich tatsächlich im späten Oktober wieder, mit dem Wetter, das der Sommer hartnäckig und fast zur Gänze erfolgreich verweigert hat. Und mit einem Haufen Dinge, die sich dem Ereignen nicht verweigern konnten:

Beginnen tut der Herbst traditionell auf der Theresienwiese. Tat er auch diesmal, was zwei damals vom soeben erfolgten Erscheinen ihres Deep-Purple-Buchs sichtlich geschaffte und aber auch erfreute Herren gleich am ersten Tag genossen, wobei ein inzwischen sozusagen offizielles Autorenportrait entstand:

Das war noch keine zwei Tage alt, da durfte ich schon (und zum wiederholten Mal) auf die Bühne der Münchner Lokalität GAP steigen, um bei "Speak & Spin" neben ein paar "Schwabinger Krawall"-Folgen auch die Kurzgeschichte "Titel: Der fremde Freund" zu Gehör zu bringen. Wovon es, was bei Lese- und Hörveranstaltungen ja irgendwie naheliegt, keine Bilddokumente gibt.

Nun aber stand die alljährliche Gruppenreise in den Urlaubssüden an, diesmal aufgrund eines Phänomens mit dem schönen Namen "Tramontana" und weniger schönen (nämlich reichlich windigen) Eigenschaften in den Herbst verlegt, was teilweise als erfolgreich resümiert werden darf. Die Sonne gab sich, wie sie das im Jahr 2005 gerne tat, verstockt, was auch nicht unbedingt ein Schaden sein muß, weil man dann zumindest bislang ungesehener Exemplare der "Böhmischen Trüffel" ansichtig werden und die Abende an lustigen Kaminfeuern verbringen kann. Endlich mußte das Zentralgestirn dann aber doch nachgeben und sich ausgiebig zeigen. Welche wunderbare Gegend es ist, in der man Anfang Oktober knietief in Eßkastanien watet und die einzigen Pflichten darin bestehen, ungeheure Nahrungsmengen auf den kollektiven Tisch zu bringen, Hosen und Schuhe vor dem Zugriff wilder Hunde zu sichern, bergeweise Bücher zu lesen und per Eilkurier von der Musikexpreß-Redaktion angelieferte Schallplatten zu hören, - läßt sich höchstens aus den Bildern erschließen.


Solche gibt es wiederum nicht von der "Bewegungsfreiheit"-Lesung im Münchner Literaturhaus am 20. Oktober, an der ich mit Frank Spilker und Kristof Schreuf teilnehmen durfte und wo nicht nur gelesen, sondern auch Musik aufgelegt und selbst musiziert wurde - letzteres allerdings dann doch nur von den beiden höchst sympathischen Mitlesern, von denen einer die Frage seines rechtzeitigen Eintreffens dank diverser Unwägbarkeiten und eines kaputten Telephons bis zuletzt spannend gestaltete und dann feststellen mußte, daß er seinen leeren Gitarrenkoffer von Hamburg nach München geschleppt hatte. Zu späterer Stunde fand sich die erweiterte Runde im "Atzinger" ein, wo endlich doch Bilder gemacht wurden, die allerdings vorläufig als verschollen gelten müssen. Ebenso wie der dabei spontan entstandene "Schwabinger Krawall" ...

Sodann begab ich mich, weil man fast alles mal gesehen haben muß, auf die Frankfurter Buchmesse, um die Absurdität des Literaturbetriebs in ihrer vollsten Blüte zu sehen, absurd viel Bier zu trinken, absurde Gespräche zu führen, viele nette und liebe Menschen zu treffen und spätnachts die Rothsche Bude mit einer ausgewogenen Mischung aus Progressive Rock und Babyshambles zu beschallen. Wesentlich eindrücklicher war am andern Tag ein Ausflug in die Stube des großen Wort-, Ton- und Sprachkünstlers Ror Wolf, dem sich ein höchst vergnügliches gemeinsames Abendessen anschloß. Sowie, wiederum einen Tag später, die Weltpremieren-Duolesung (samt Musikvorführung) von Roth und Sailer in einer der liebens- und lobenswertesten Gastwirtschaften zumindest des weiteren Umkreises: der "Eselsmühle" in Fürth-Ellenbach im Odenwald. Da wurden dann sogar Bücher signiert (wie man ausnahmsweise sieht), bis die Finger den Stift nicht mehr halten konnten und andere Dinge anstanden - in erster Linie der Austausch von unerhörten Begebenheiten und großkollektives Lachen.


Und da war's dann auch Zeit zum Heimkehren.

Daheim - oder fast dort - fand am 26. Oktober die erste Folge der Belästigungen/Schwabinger-Krawall-Lesungen in der Schrannenhalle statt. Deren rechtzeitiges Zustandekommen an jenem Abend vor allem einem jungen Mann namens Nemanja Vucicevic zu verdanken ist, weil der drei Minuten vor Schluß mit einem wunderbaren Tor eine Verlängerung des Pokalspiels gegen Duisburg verhinderte. Das Hallenlesungskonzept selbst bleibt vorläufig eine Sache der Improvisation, die auch beim zweiten Versuch am 9. November einige Fragen offenließ (zum Beispiel: Wie findet man den richtigen Ort?).

Und endlich war am 30. Oktober beim "Literarischen Wohnzimmer" in den gemütlichen Räumlichkeiten des Raumwandler e.V. Gelegenheit zu einer richtig ruhigen Lesung, bei der viele geneigte Ohren vier (oder waren's fünf?) Folgen des "Schwabinger Krawall" lauschten. Eine sehr schöne, sensationismusfreie Veranstaltung, für die Marcel, Marcus und Cornelius großer Dank gebührt und die, solange es sie noch gibt (was man ja auf lange Sicht nie genau weiß), unbedingt empfohlen und erlebt werden sollte. Wie's dort weitergeht, wird sich hier zeigen.

Und dies, wie stets, auch insgesamt.


alle irgendwelchen Rechte: Michael Sailer