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Wegerichs
Heft Erster Teil Dann allerdings könnte für den „letzten Menschen“ dieser
Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: „Fachmenschen ohne Geist,
Genußmenschen ohne Herz“: dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher
erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben. Max Weber, Protestantische Ethik Schönheit ist mit dem modernen Leben nicht vereinbar. Gustave Flaubert 1 Über ihm hing der Himmel so schwer, daß er Falten
warf, in deren Bäuchen sich die Feuchtigkeit grauschwarz verdichtete.
Noch war kein Tropfen gefallen; es schien unter den hängenden Wolkenwülsten
Uneinigkeit zu bestehen, wann und wo dies zuerst zu geschehen hatte, und
der junge Mann auf seinem Fahrrad trat im Stehen in die Pedale, um dem
dräuenden Guß zu entgehen, dessen symbolische Vorläufer ihn von innen
bereits erreicht hatten: Er schwitzte matte Perlen, während er neben der
breiten Ringstraße im Münchner Norden dahinfuhr, die sich im Gegensatz
zu ihrer sonstigen Gewohnheit fast leer bis zu dem blaugrauen Vorhang
am Horizont streckte; nur gelegentlich brauste ein verspäteter Schwerlastwagen
an dem Mann vorbei und schmiß ihm einen süßlich-bitter stinkenden Luftzug
hin, dessen weicher Schub das Treten für einen Moment erleichterte. 2 Wegerich mochte die Vorstellung eines offenen
Hauses, die er für weitläufig italienisch hielt und mit Begriffen
wie Kultur und Urbanität verband: als Begegnungsplatz der Ideen, dem man
den Charakter einer Stätte des Wohnens, der Privatheit, nur in diffusen
Zügen anmerkte. Das Haus, das er bewohnte, war zum Wohnen ursprünglich
nicht gedacht gewesen; es war ein ehemaliges Kasernengebäude, mit monströs
hohen Decken, riesigen Räumen, die eine gewöhnliche Zimmereinrichtung
arrogant abgewiesen, zum geduckten Provisorium degradiert hätten, weshalb
er von vorneherein darauf verzichtet hatte. In der Küche gab es einen
großen Tisch mit zwei langen Bänken, was urtümlich, rustikal, wie auch
immer, jedenfalls: wirken sollte in dem von ihm intendierten Sinn: als
Sammelbecken für Gedanken, als deren Moderator er sich empfand. Er war
überzeugt, in einem gesegneten Abschnitt der Menschheitsgeschichte zu
leben: dem Zeitalter der Kommunikation, die weitaus mehr und etwas ganz
anderes sei als das Weitergeben überkommener Lebenstechniken und Anweisungen.
Es gehe, wurde er selten müde zu betonen, um die reine Kommunikation,
als solche und aber auch als Akkumulation. An diesem Abend war er in
gewissem Sinne selbst der Ideengeber, aber es war nicht wirklich seine
Idee, die er, wie er sich gerne ausdrückte: in die Runde warf (die indes
diesmal keine war). Ein Magazin, eine Kulturzeitschrift mit lokalen Schwerpunkten
herauszugeben, hatte ihm schon lange, wie er sagte: vorgeschwebt, ihn
bewegt. Er mochte die Idee der Bewegung an sich, sprach gerne von
der Notwendigkeit des Aufbrechens, Ingangsetzens, Vorwärtsbringens. Sein
Vortrag war ein kurzer gewesen, eigentlich nur eine Anregung zum Weiterdenken.
Er hatte die Titelseite einer solchen Zeitschrift, die seit vielen Jahren
mit großem Erfolg gratis in Großstädten verteilt wurde, leicht verändert,
einen neuen Titel darübergesetzt und die photokopierten „Entwürfe“ auf
den Tisch gelegt, um Reaktionen zu sammeln. Dazu hatte er strategisch
plazierte abwertende Bemerkungen gemacht über bestimmte Merkmale des erfolgreichen
Magazins, die er als Grundlage seiner Idee benutzt hatte und nun als Problempunkte
brandmarkte, um die Marktlücke deutlich zu machen, in die er hineinzustoßen
gedachte. Sein „Hauptaugenmerk“ gelte der „Idiotie“, das lokale Kinoprogramm
nicht nach Filmtiteln, sondern nach Kinos zu sortieren („Kein Mensch“,
sagte er, sehe sich einen Film an, weil er in einem bestimmten Kino laufe)
und keinen Service zu bieten, etwa nähere Angaben zur Größe der
Vorführräume zu machen; es war und blieb rätselhaft, wieso er ausgerechnet
dieses Argument in den Mittelpunkt seiner Darlegungen stellte, es als
Aufhänger benutzte, andererseits ließ sich nachvollziehen, daß
er einen solchen nun einmal brauchte. Es gab, dies sei der Wirklichkeit
halber erwähnt, noch zwei weitere Magazine, die seinen Forderungen in
unterschiedlicher Form entsprachen – und ihn zur Anprangerung des Mangels
angeregt hatten –, die Wegerich jedoch im Gespräch nur kurz streifte.
Das eine, das den Titel „MY CITY“ trug, sehe er nicht als Konkurrenz,
da es außer miserabel geschriebener Reklame nichts enthielt, was sich
dem Bereich Kultur zuordnen ließe, und zudem, von einer Hamburger Zentralredaktion
vorformatiert und mit einem Großteil der Texte bereits gefüllt, in normierten
Einzelausgaben in allen möglichen Städten erschien, in denen jeweils nur
ein paar belanglose lokale Termine und Informationen von Praktikanten
hinzugefügt wurden. Das andere war ein bloßes Stadtmagazin und als solches
Wegerichs Ansicht nach aufgrund seiner geringen Auflage und Reichweite sowieso nicht der Rede wert. Zu diesen speziellen Erläuterungen
hinzu kamen einige allgemeinere Ausführungen zum Komplex urbanen Lebens,
die darauf hinausliefen, daß dieses in Veränderung begriffen sei: Immer
mehr Menschen, insbesondere im kreativen
Bereich tätige, kämen in die Situation, sich als Folge der modernen
Flexibilität und Mobilität in Städten wiederzufinden, die ihnen fremd
seien. Da stünden sie nun, nach Ende ihrer täglichen Tätigkeit, mit einem
geradezu überbordenden Bedürfnis nach Erlebniskonsum, das von niemandem
aufgegriffen und bedient werde. Hier wolle er „hineinstechen“. Er sprach
von Kommunikation, die er als Angebot verstanden wissen wolle: Jemand
bietet mit einem Event die Möglichkeit, etwas zu erleben,
ein anderer hat ein Leben und nichts, um es zu füllen, und durch Kommunikation
gelinge es nicht nur, Angebot und Bedürfnis zusammenzuführen, sondern
gleichzeitig und weit darüber hinaus ein urbanes Leben zu generieren,
das wiederum zu einem stetig anschwellenden Wachstum, zu einer rauschhaften
Verdichtung seiner selbst führe. „Die Stadt erleben!“ rief er. Obwohl sich ihm der Begriff
mehrmals geradezu aufdrängte, vermied er es, von Energie zu sprechen,
schon gar vom englischen Begriff energy, weil er fürchtete, damit
Assoziationen an die seit Jahren diskreditierte Kultur der „Sanyassins“
auszulösen, der Angehörigen jener weltumspannenden Sekte des vor einigen
Jahren als Besitzer von mehreren dutzenden Rolls-Royce-Limousinen verstorbenen
indischen Gurus Baghwan, die er gleichwohl diskret und heimlich bewunderte,
denn im Grunde lag ihm bei seinem Ideal von Kommunikation und Ideenmarktplätzen
wenig an den beteiligten Menschen. Es ging ihm um eine weitaus reinere,
sozusagen vom Schmutz kleinlicher Verrichtungen befreite Form der Kommunikation,
wie sie den stets orangegekleideten Baghwanjüngern auf staunenswerte Weise
gelungen war: die Verwandlung von Gedanken, Wünschen, Ansprüchen, Trieben
in pures Geld. Das Bild einer aus dem Nichts entstandenen schimmernden
Blase von illuminiertem Reinwert lieferte den Hintergrund all seiner Gedanken
und Pläne, denn eigentlich konnte er mit Menschen nicht viel anfangen
und strebte danach, sein Leben von Abhängigkeiten zu befreien. Daß darin eine gewisse Paradoxie
lag, war ihm nicht gänzlich unbewußt, doch vermied er es, darüber nachzudenken,
da ihm planendes Denken abseits betriebswirtschaftlicher Exponentialverläufe
ungeheuer schwerfiel und überdies wertlos erschien. Er hielt solches Denken
für weltfremd und im Zweifelsfalle durchaus schädlich, für eine Illusion,
die jene, die ihr verfielen, fesselte und handlungsunfähig machte. Seine
Philosophie, wenn er sie in
kurzen Worten ausdrücken hätte müssen, war eine einfache: Man wirft etwas
hinein in die Welt, sieht zu, wie es sich entwickelt, schiebt hie und
da etwas an, erntet die Ergebnisse und freut sich gemeinsam darüber. Wegerichs Entwürfe stießen
auf skeptischen Zuspruch bei seinem Gast (wir erkennen, obwohl ihn die
beiden Kerzen auf dem Tisch aus unterschiedlichen Winkeln verfehlen, den
vor dem Regen fliehenden Radfahrer wieder): dem von ihm als intellektuell
und ziemlich abgehoben empfundenen Kritiker und Kolumnisten Schnürer,
den er über ein anderes seiner Projekte kennengelernt hatte und aufgrund
seiner (Schnürers) grundsätzlichen Kritik an und Skepsis gegenüber seiner
(Wegerichs) eigenen Philosophie (und vor allem ihren noch radikaleren
Vertretern) schätzte. Mit dem Kolumnisten zu sprechen, gab ihm das Gefühl
einer elektrisierenden Energiezufuhr, da dieser in wesentlich anderen
Bahnen dachte als er und ihm dadurch den Eindruck vermittelte, sein Ideengebäude
zu erweitern und selbst Teil eines intellektuellen Kosmos jenseits von
Verwertungsstrukturen sein zu können. Er hätte dies anders ausgedrückt,
da er sich als Katalysator von Kommunikationen und damit selbstverständlich
als integraler Teil derselben empfand. Vielleicht hätte er sich selbst
in einem bläulich angenebelten Moment gestanden, letztlich vor allem darauf
aus zu sein, das, was er als „Querdenken“ empfand, einer Verwertung zuzuführen;
aber hierüber nachzudenken vermied er ebenfalls. Es würde sich schon fügen. Sein Gast, der, was Wegerichs
Hochachtung zu einem wahrscheinlich nicht geringen Teil trug, ihm drei
Lebensjahre voraus hatte (und dabei aber jünger wirkte als er selbst mit
seinen dreißig, was an Wegerichs streng gestutzten Drahtlocken liegen
mochte, die sich über der Stirn bereits deutlich sichtbar lichteten, aber
auch an seiner seit Jahren mühsam unterdrückten Neigung, zu schwellen
und eine stämmige Korpulenz auszubilden), – dieser Gast schnitt sich ein
Stück Käse ab, trank einen großen Schluck Wein und schien auf etwas zu
warten, eine Reaktion auf eine skeptische Bemerkung, die dem Gastgeber
jedoch entgangen war, da er sich in eigenen Überlegungen verstrickt hatte.
Wegerich sah ihn deshalb nur unbestimmt an, was den gewünschten Erfolg
zeitigte: Schnürer erläuterte seinen Gedankengang noch einmal. Wegerich
hörte diesmal zu, verstand aber nicht, worauf Schnürer hinauswollte, und
nickte wortlos. Ein kurzes Schweigen trat ein; das Rauschen des Regens
schwoll kaum merklich an. Wegerich kannte dieses Schweigen und hatte sich
darauf trainiert, es strategisch einzusetzen: Wer zuerst sprach, bewies,
daß ihm das Schweigen peinlich war, und akzeptierte damit, daß der andere
die Gesprächsführung innehatte. Es war in diesem Fall nur ein kleines
Spiel, denn ohnehin schien Wegerich zu spüren, daß er Schnürer ungefähr
und annähernd da hatte, wo er ihn haben wollte: Schnürer würde die Idee
des Kulturmagazins weiterdenken, nicht weil sie ihm wichtig war, sondern
hauptsächlich weil er sich Wegerich allein durch die Tatsache der Einweihung
in dessen Pläne verpflichtet fühlte und vermeiden wollte, ihn zu brüskieren.
Der Job als Kolumnist für Wegerichs anderes Projekt – ein Werbeheft für
einen Konzertveranstalter – war Schnürer schon wirtschaftlich zu wichtig,
um ein solches Risiko einzugehen. Es wäre Schnürer andererseits peinlich
gewesen, diese wirtschaftliche Abhängigkeit von Wegerich auch nur sich
selbst gegenüber einzugestehen, weshalb er sich (und damit Wegerich) ein
größeres, wohlmeinenderes Interesse an der neuen Idee suggerierte, als
er aufgrund der vagen Darlegungen Wegerichs tatsächlich empfinden konnte. So senkte sich frühnächtliche
Stille in den hohen Raum, der vom Tisch aus zentral, aber sparsam beleuchtet
wurde, was ihm eine scheinbare Unbegrenztheit verlieh. Wegerich, mit breit
ausgestellten Ellenbogen gemütlich über die Tischfläche gelehnt, lockerte
sein fast kantenfreies, von frisch (und für seine weichen Züge etwas zu
kurz) geschnittenen Stoppelhaaren mit einem badekappenähnlichen Randboden
umrahmtes Gesicht, indem er mit der Zunge in den Kauflächen seiner Zähne
nach festsitzenden Körnern grub, trug dabei ein vertrauliches Lächeln
und versuchte Schnürers Blick festzuhalten. Es gelang ihm nicht, da Schnürer,
der mit übereinandergeschlagenen Beinen aufrecht auf der Bank saß, einen
Arm mit dem anderen festhielt und dabei über die anmutig schwingende Rauchschnur
seiner Zigarette mit dem Dunkel dort oben verbunden war, nachdenklicher
zu wirken versuchte, als er war (in seinem Kopf herrschte wie meist ein
schwirrendes Stelldichein von Satzbruchstücken, Bildfetzen und Melodien),
immer wieder anderswo hinschaute (ins Dunkel), seine Augen dann nur unwillig
wieder einschwenken ließ (weil ihm das mit einverständlicher Bedeutung
überladen schien) und ein deutliches Lächeln unterließ (aus demselben
Grund; seine grundsätzliche Skepsis entsprang zu einem nicht geringen
Teil dem Bedürfnis nach Selbstschutz vor dem eigenen Hang zu vorschneller
Begeisterung, für den er schon als Kind oft mit Einsicht und peinlicher
Reue gebüßt hatte). Vage ahnte Wegerich, daß
es früher oder später zu gewissen Konflikten kommen könnte, da Schnürer
bei aller erzwungenen Servilität ein eigensinniger Mensch war (was er
ja gerade so schätzte), der bei jeder Gelegenheit über „den Kapitalismus“
und seine aktuell gültige „neoliberale“ Variante herzog. Aber das reizte
ihn an der Kombination: Würde es ihm in solchen Fällen gelingen, die jeweiligen
Einzeldispute so sehr zuzuspitzen und zugleich zu entschärfen, daß er
die Ergebnisse von Schnürers konfliktbefeuerten Denkprozessen für sich
und die Sache nutzen konnte, ehe ein grundsätzlicher Konflikt (und
gar eine mögliche Trennung) absehbar würde? Er hatte eine gewisse Erfahrung
mit solchen Situationen. Bei seinem anderen Projekt, dem kostenlosen Programmheft,
das er im Auftrag einer deutschlandweit tätigen Veranstaltungsfirma herausgab,
um in gebündelter Form Werbung für deren Tourneen und Festivals zu machen,
hatte er anfangs den etwas verschrobenen Graphiker und Photokünstler Schaffel
als Chefredakteur beschäftigt, dem es durch das Einstreuen zweckfremder
Beiträge gelungen war, dem Heft einen Ruf als gestalterisch wagemutiges
und inhaltlich niveauvolles Sammelbecken unterschiedlichster, in jedem
Falle aber ausgefallener und innovativer geistiger Strömungen zu
geben und es solcherart für externe Werbepartner interessant
zu machen. Der weitere Bekanntenkreis des Graphikers hatte dabei als Nachschubquelle
gedient; Autoren, Photographen und Zeichner, die sich aus eigenem Antrieb
höchstwahrscheinlich niemals dazu herabgelassen hätten, mit einem wie
Wegerich auch nur zu sprechen, hatten ihre anfängliche Skepsis überwunden
und endlich auch Wegerich selbst Sympathie oder wenigstens einen gewissen
Respekt entgegengebracht – schließlich: Er war es doch, der eine derartige
Spielwiese neuer Ideen ermöglichte und gegen alle Widerstände durchsetzte!
–, und als mit der Zeit das Heft allen Beteiligten ans Herz gewachsen
war, konnte Wegerich unter dem Druck gewisser Notwendigkeiten der wirtschaftlichen
Realität eine Reihe von Zugeständnissen durchsetzen, die das nunmehr etablierte
Medium einer größeren kommerziellen
Verwertbarkeit öffnen sollten. Dafür war es nötig gewesen, die abgehobenen
Züge des Hefts Stück für Stück zurückzufahren – auf dem Markt verankert
war es jetzt, und die, die es aufgrund seines intellektuellen, innovativen
Rufs als Werbeträger schätzten, würden, so hoffte er, von der schrittweisen
Kommerzialisierung sehr wenig oder überhaupt nichts mitbekommen, da sie
von solchen Dingen nichts verstanden, andererseits aber allzu freche Angriffe
auf ihr gewohntes System der Verwertungen gar nicht schätzten. So hatten
sie am Ende beides: ein willfähriges Reklameinstrument, das zugleich (wenigstens
angeblich immer noch) ein Publikum ansprach, das sie mit ihren üblichen
Instrumenten niemals zu erreichen hoffen konnten. Selbstverständlich mußten
auch die anfänglichen Träger dieses Images schrittweise aus dem Projekt
entfernt werden, da die Konflikte an Heftigkeit zunahmen. Der Chefredakteur
Schaffel war einer der ersten gewesen, die Wegerich die Mitarbeit aufgekündigt
hatten. Andere folgten; und jedesmal gelang es Wegerich, die Sache als
von höheren Mächten bestimmt darzustellen, weshalb seine eigene Wertschätzung
bei den ehemaligen Mitarbeitern und das, was er als Freundschaft empfand,
nur in wenigen Fällen gelitten hatte. Er wußte, daß er die meisten dieser
ehemaligen Mitarbeiter (die ihm zudem in vielen Fällen persönlich höchst
sympathisch waren) eines Tages wieder brauchen können würde. Kontakte
waren das A und O im Kommunikationsgeschäft. Schnürer war von den ursprünglichen
Mitarbeitern des Programmhefts der einzige, der noch nicht abgesprungen
war, und deshalb hatte sich Wegerich mit der Idee des Stadtmagazins auch
an ihn gewandt: Daß Schnürer noch immer für das Heft (es trug den selbsterklärenden
Titel „EVENT-Magazin“) schrieb, deutete er, auch weil er den Autor vor
diesem Abend nur ein einziges Mal persönlich getroffen hatte, nicht als
Zeichen von persönlicher Loyalität (oder gar Sympathie für die Änderungen
am Konzept), sondern er schloß daraus, daß Schnürer, der auf das Heft
angewiesen war, da ansonsten niemand seine Kolumne drucken würde, in
ungewöhnlichem Maße bereit war, Zugeständnisse zu machen und seine Ansprüche
zurückzuschrauben, solange nur der Kern seines Anliegens unangetastet
bliebe. Es war ihm bei einer Gelegenheit sogar gelungen, Schnürer unter
Hinweis auf die mögliche Gekränktheit eines Werbekunden dazu zu überreden,
eine Folge seiner Kolumne zurückzuziehen und einen anderen Text zu liefern
– dieses nicht beabsichtigte, aber gezielte Experiment, das Anlaß des
ersten und für lange Zeit einzigen telephonischen Kontakts der beiden
gewesen war, hatte Wegerich überzeugt, daß Schnürer der richtige Mann für das neue Projekt war. Wegerich spürte jedoch,
daß Schnürer noch zögerte. Er beschloß daher, das Gespräch für heute abzubrechen
und bei anderer Gelegenheit wieder aufzunehmen. Ein paar Fragen und Bemerkungen
zu persönlichen und politischen Belangen lockerten Schnürers Stimmung
und trugen, da war sich Wegerich aus Erfahrung sicher, dazu bei, eine
Atmosphäre lose keimender freundschaftlicher Verbundenheit zu erzeugen,
die sich für die weitere Entwicklung als förderlich erweisen würde. Als
sich Schnürer nach Mitternacht in die kühl dampfende städtische Helldunkelheit
verabschiedete, versprach er, Wegerich bald über seine weiteren Gedankengänge
zu informieren, und nahm diesem wiederum das Versprechen ab, auch dann
„Freunde zu bleiben“, wenn das Projekt scheitern würde. (Er verwendete,
alkoholbedingt sehr undeutlich artikulierend, als Zugeständnis an Wegerichs
Denkweise den Ausdruck „an die Wand fahren“, was er im nachhinein auf
dem Heimweg mit einem gewissen Erstaunen registrierte.) Wegerich lächelte,
denn er wußte: Er hatte, so weit, einiges erreicht. 3 Es wird nützlich sein, kurz zu erwähnen, in welcher
Zeit unsere Geschichte spielt. Es ist in diesem Teil der Welt sehr kurz
vor dem Ende eines Jahrhunderts, eines Jahrtausends gar (obgleich sich
ein großer Teil der betroffenen Menschen nicht ganz sicher ist, wann dieses
Jahrtausend eigentlich endet: Groteske öffentliche Diskussionen widmen
sich der Frage, ob es ein Jahr Null gebe oder gegeben habe; das
mag damit zu tun haben, daß die Menschen, die in dieser Zeit leben, bei
allem, was sie tun, davon ausgehen, daß sie bei Null anfangen.
Es ist ständig die Rede von Stunden Null, von einer Tabula rasa,
Aufbruch und Neustart, dem Überwinden von diesem
und jenem etc.), und wie meist in solchen Zeiten herrscht bei aller Sehnsucht
nach schicksalhaften und kathartischen Katastrophen eine Grundstimmung
der Euphorie. Ohne zu wissen warum, haben viele Menschen das Gefühl, sie
müßten, wiewohl oder weil ein Neubeginn jederzeit und immer anstehe, etwas
mitnehmen, hinüberretten in das neue Jahrtausend, das ihnen wie ein großer,
leerer Raum erscheint, dessen Verbindungstüren in die Vergangenheit zugemauert
und verputzt werden, wenn man ihn erst einmal betreten hat. Das Bedürfnis des Mitnehmens
betrifft aber nicht nur das Jahrtausend, sondern es ist ein bestimmender
Zug des allgemeinen Lebensgefühls in dem Teil der Welt, in dem unsere
Geschichte spielt. Bei allem, was sie tun, haben die meisten Menschen
stets die Frage im Hinterkopf, ob dabei etwas herausspringt, was sie mitnehmen
können. Im Grunde wissen oder ahnen sie, daß es ihnen letztlich nicht
gelingen kann, überhaupt etwas mitzunehmen, weil der Tod ein Vehikel ohne
Kofferraum ist; aber sie handeln, als wollten sie dieser Erkenntnis mit
roher Gewalt zu Leibe rücken, um sie aus der Welt zu schaffen. Wenn sie
über politische Belange diskutieren, gibt es dabei stets nur ein Thema:
das Vorwärtskommen, Nachvornebringen und die Notwendigkeit
des Wachsens und Anschwellens aller Vorgänge. Es muß, darüber ist sich
die Mehrheit der Menschen einig, alles noch schneller wachsen und mehr
werden, damit etwas bleibt, was man mitnehmen kann, und damit „es“ endlich
besser wird. Am populärsten jedoch sind
Pläne, die versprechen, daß das Ergebnis der Bemühungen (gemeint ist grundsätzlich:
Geld in verschiedenen Darreichungsformen) nicht wächst, sondern mit einem
Schlag in ungeheurer Menge materialisiert, und daß für seine Darstellung
überhaupt keine Bemühungen nötig sind, sondern nur ein Geistesblitz, eine
große Idee, eine katalytische Ansammlung von Energie, die sich in einer
magischen Handlung entlädt. Man bewundert Menschen, die mit einem Fingerschnippen
in ihrer persönlichen Stunde Null den Durchbruch schaffen
und wenige Wochen später als Multimillionäre in den Klatschspalten auftauchen,
die der zweitwichtigste Teil der Zeitungen geworden sind (der wichtigste
ist jener, in dem unter dem Signet „Wirtschaft“ die Notwendigkeit von
Neustart, Aufbruch und Wachstum
beschworen wird). Auch Wegerich ist durchdrungen
von dem Willen, „es“ zu schaffen. Seine bisherigen Versuche des Durchbruchs
sind hoffnungsvoll verlaufen, aber stets (auch in seiner vorhergehenden
Profession als zunächst Teilnehmer, dann Manager der Verteilung von Gratiswarenproben
bei „Events“ im Auftrag verschiedener Hersteller von Süßgetränken, Tabakwaren
und anderen Produkten) ist er dabei an eine Grenze gelangt, an der es
nicht recht weitergehen wollte: an der das Wachstum seines Erfolgs nicht
mehr bogenförmig nach oben verlief, sondern sich asymptotisch der gefürchteten
Null-Linie annäherte, die möglicherweise ein sicheres Auskommen versprach,
aber jegliche Möglichkeit einer plötzlichen Explosion und des Mitnehmens
einer großen Geldmenge ausschloß. Wegerich hat sich einen gewissen Pragmatismus
angeeignet, vor dem er, wenn er ihm in gewissen Momenten bewußt wird,
erschrickt wie vor einem unvermittelt aufgeblühten Eiterpickel im Spiegelbild
seines Gesichts. Er weiß, daß er über das, was ihm möglich erscheint,
hinausdenken muß, um dorthin zu kommen, wohin er möchte. 4 In Schnürers Kopf kollidierten die Ideenfetzen,
die ihm Wegerich um die Ohren gehauen hatte. Darunter waren solche, die
ihm sympathisch erschienen, und solche, vor denen er eine milde (und durch
die frisch geborene Sympathie für Wegerich weiter abgemilderte) Form von
Abscheu empfand. Es war ihm rätselhaft, wie es Wegerich gelingen konnte,
beide Gruppen so zu betrachten, als wären sie unabdingbare symbiotische
Partner. Zu den Ideen, die ihn mit einer gewissen sehnsüchtigen Vorfreude
erfüllten, gehörte das Bild einer meinungsstarken, im Stadtgefüge
verwurzelten sowie selbstverständlich in einem Schwabinger oder Maxvorstädter
Altbauhaus residierenden Redaktion, das Wegerich grob umrissen hatte.
Das Leben in deutschen Großstädten, hatte er betont, könne nur registrieren
und reflektieren, wer in seiner strategischen
Mitte, im kulturellen Epizentrum
der Nation (das zweifellos, Berlin hin, Berlin her, München sei oder sein
werde) sich befinde und – einerseits mittels verläßlicher, vertrauenswürdiger
Zuträger und Quellen in anderen Metropolen,
andererseits aber jedenfalls selbst vor
Ort – daran teilnehme. Schnürer verband mit diesem Bild müßige Gespräche
in nachmittäglichen Cafés und Spaziergänge durch sonnige Seitenstraßen
des Universitätsviertels, obwohl er ahnte, daß das Bild auch oder eventuell
sogar nur eine andere Seite haben würde. Er gefiel sich in der Phantasierolle
des wild denkenden, flanierenden Feuilletonisten, der als philosophischer
Steuermann den Weg des Magazins, seine (selbstverständlich vorausgesetzte)
inhaltliche Relevanz und Tiefe bestimmen würde. Es gelang ihm nicht zur
Gänze, diese Vorstellung mit der Geschichte des von Wegerich herausgegebenen
Reklamehefts zur Deckung zu bringen, insbesondere was den ehemaligen Chefredakteur
betraf. Hatte Wegerich da nicht einen streng kommerziellen Kurs eingeschlagen?
Hatte er nicht die Veröffentlichung jener Folge seiner Kolumne, zwar Verständnis
und Bedauern ausdrückend, aber im Ergebnis dennoch handstreichartig verhindert,
nur weil Schnürer in einer kurzen Textpassage eine leicht süffisante,
kaum boshafte Anspielung auf die Werbeplakate einer Großbrauerei untergebracht
hatte, die zu den Sponsoren (und wesentlichen Anzeigenkunden) des
Heftes und dessen Auftraggebers gehörte? Er mußte andererseits konzedieren,
daß er Wegerichs Beweggründen zur Trennung von Schaffel in gewissem Maße
folgen konnte. Auch ihm war Schaffels geradezu manische Tendenz, die Hefte
mit selbstgemachten Photographien von diversen Technomärschen zu dekorieren,
fragwürdig erschienen und ganz persönlich nicht sonderlich sympathisch
gewesen, nicht nur wegen des unerträglichen Industrielärms, den derartige
Paraden verstrahlten, sondern auch wegen des Schwelgens seiner schwarzweißen
Bilder in faschistoider Optik sowie am Rande auch wegen der grundsätzlich
bildorientierten Gestaltungsweise des Chefredakteurs, der nicht selten
Zeilen und ganze Absätze seiner Kolumne zum Opfer gefallen waren, indem
sie in körnigen Bildelementen ertranken. Doch war ihm auch das Bestreben
Wegerichs suspekt gewesen, die Sache positiver zu besetzen, weil
er hinter solch wolkigem Sprachmüll die Funktionsweisen der Reklamebranche
durchschimmern sah und schon in dem ersten Gespräch mit Wegerich bezüglich
des EVENT-Magazins (als es um die Neuausrichtung gegangen war)
an einigen Stellen bemerkt hatte, daß dieser von journalistischem Anstand
und kritischer Distanz wenig wußte und auch nichts wissen wollte, wiewohl
er sich freilich als eine Art „Weltmann“ gab, der für alles offen
sein wollte usf., – obwohl er sich sagte, es gehe derlei Denken und Handeln
sehr wahrscheinlich zumindest teilweise auf den bei einem Reklameheftchen
nicht abzustreitenden Druck zur Servilität gegenüber lebensnotwendigen
Werbepartnern zurück, ahnte auch Schnürer, daß es zu Konflikten
kommen konnte, jedoch entsprach es seiner Art, solche Konflikte, wie die
Zukunft überhaupt, keinen prognostischen oder gar strategischen Bemühungen
zu unterziehen. Schnürer war ein Mann der Gegenwart nur insofern, als
diese die Frucht einer Vergangenheit von gewaltiger Ausdehnung und vielerlei
ergründenswerten Verwinkelungen war; eine Zukunft gab es seiner Ansicht
nach nicht. Zur Gegenwart gehörte aber
nun einmal, daß der Chefredakteur Schaffel nicht mehr Chefredakteur war.
Als sein Nachfolger wirkte momentan ein grundsätzlich und jederzeit überfordert
und erschöpft wirkender ehemaliger Volontär einer Tageszeitung, der nebenbei
etwas Geld mit Kochbüchern und Reiseführern verdiente und Schnürers Kolumne
kein großes (und somit jedenfalls kein destruktives) Interesse entgegenbrachte.
Es war nicht zu bestreiten, daß alle wichtigen Entscheidungen von Wegerich
ausgingen, so zum Beispiel auch die stärkere Service-Orientierung
des Heftes, die zur Vertreibung aller ursprünglichen Autoren außer Schnürer
geführt hatte. Schnürer wußte oder ahnte wenigstens, daß er mittels seiner
Kolumne als eine Art „Feigenblatt“ fungierte, das das Heft von seinen
vielen Artgenossen absetzen sollte, die stapelweise in Konzerthallen und
Clubs, neben Altpapiercontainern und in den weniger regelmäßig gehegten
Gebüschen städtischer Grünanlagen herumlagen, wo sie sich mit Regen und
Hundeurin vollsogen und ein Sinnbild des Gegenteils dessen boten, wofür
zu stehen sie vorgaben. Schnürer wußte das und wollte
es doch eigentlich nicht wissen, weil er seine Kolumne als Möglichkeit,
gewisse Gedanken öffentlich zu machen, zu sehr schätzte, um sie zum Gegenstand
irgendwelcher Skeptiken werden zu lassen. So, dachte er, wie es ihm bislang
gelungen war, seine bisweilen scharfe Kritik an Kapitalismus, Konsumismus
und Geldreligion nebst anderen Verrücktheiten an Wegerich vorbeizuschleusen,
würde ihm das möglicherweise auch bei einem neuen Kulturmagazin gelingen.
Voraussetzung dafür war allerdings, daß er nicht und vor allem nicht allein
zum Gegenpol von Wegerichs Tendenzen wurde, sondern in einigem Abstand
zu dem Konflikt zwischen kritischem Geist und Verkaufswut über den Wassern
schwebte. Es würde also alles davon abhängen, daß es ihm gelang, diesen
Abstand zu wahren, zum Beispiel durch die „Zwischenschaltung“ weiterer
Mitarbeiter, was insofern sowieso erforderlich sein würde, da Schnürer
sich seiner eigenen Faulheit und Unstetigkeit bewußt war – das Maß, in
dem er für administrative und repräsentative Aufgaben zur Verfügung stehen
wollte, lag sehr nahe bei null. Dies alles rollte ihm in
ungeordneten Wellen durch den Kopf, der vom vielen Wein, den ihm Wegerich
unablässig nachgegossen hatte, reichlich schwer war. Immerhin, sagte er
sich abschließend, ehe er einschlief (und erzeugte damit ein Auflodern
von Vorfreude und Tatendrang, das ihn warm und angenehm überraschte),
würde er die Sache ja vielleicht einmal probieren können. 5 Seit jenem ersten Seit jenem ersten Treffen waren einige Monate vergangen; mehrere Male waren Wegerich und Schnürer in Wegerichs offener Ideenwohnung zusammengesessen. Dabei hatten sich Grundzüge eines Rituals eingespielt und Umrisse der Kulturmagazinplanung verfestigt sowie zugleich expansiv verformt. Nun, Mitte des Jahres 1999, stellte sich die Sache so dar: In unregelmäßigen Aufwallungen, nicht selten wenn sich das Gespräch im Kreis zu drehen oder zum Stillstand zu kommen drohte, visionierte Wegerich gewagte, zeittypische Geschäftsverläufe, die Schnürer unter ostentativem Einsatz von Euphorielosigkeit mehr oder weniger ignorierte und statt dessen versuchte, die Diskussion auf intellektuelle und journalistische Bahnen umzuleiten. Es sei eine sagenhafte Ausgangssituation, sagte Wegerich, der, wie Schnürer erfreut (weil er dies im Sinne seiner Sympathie für den Gesprächspartner als gutes Zeichen deutete) feststellte, in den letzten Wochen schlanker und beweglicher geworden war und das zu kleinen, drahtigen Locken gekräuselte Haar nun so kurz trug, daß es seinen Kopf wie eine schwarzbraune Badekappe überzog. Die neu gefundene Agilität und Energie betonte die Schlaksigkeit seiner Bewegungen; wenn er sich nun beim Argumentieren über den halben Tisch warf, wirkte das nicht mehr entkräftet und resignierend, sondern unbedingt und bestimmend. München, sagte Wegerich und warf sich über den halben Tisch Schnürer entgegen, sei ganz vorne mit dabei, tonangebend und trendsetzend. Schnürer (dessen defensive Gesprächshaltung sich, wie er selbst konstatieren mußte, eher noch verstärkt hatte) schwankte zwischen der Gewißheit, daß solche Behauptungen reiner Unfug, ein Salat aus leeren Wörtern seien (dessen entflammende Wirkung er gleichwohl auch an sich selbst nicht gänzlich abstreiten konnte), und der Ahnung, daß er nicht verstand, was gemeint war. Vergeblich versuchte er, sein Schweigen mit einem verständigen Gesichtsausdruck zu dekorieren, ehe er vorsichtig die Notwendigkeit ansprach, den Hagel von Konsumaufforderungen, der auf die Menschen niedergehe, kritisch zu reflektieren. Wegerichs Bemühungen waren
erfolgreicher. Es ging mittlerweile nicht mehr einfach nur um ein deutsches
Kulturmagazin, sondern um eine ganze Armada solcher Hefte, die in sämtlichen
großen (und also wichtigen) europäischen Städten (zunächst den
deutschsprachigen, nach entsprechender Expansion
aber in lokal orientierter Form samt eigener Logistik auch in anderen) zum Preis von einer Mark beziehungsweise
(nach der für das Projekt sehr günstigen Einführung der gesamteuropäischen
Währung) einem Euro erhältlich sein und den mobilen urbanen Massen serviceorientierte
Freizeitangebote liefern sollten für eine Umgebung, die ihnen aufgrund
der wirtschaftlichen Gegebenheiten (und deren weiterer Entwicklung in
Richtung auf ein Leben in nomadenhafter Dauerbewegung) fremd sein und
bleiben mußte. Diese Freizeitangebote betrafen die üblichen, für interessant
erachteten Sparten des Konsums von Musik, Filmen und sonstiger konsumierbarer
Kultur. Schnürers vorsichtige Versuche, Politik, Geschichte und konsumfremde
Bereiche des Lebens einfließen zu lassen, erzeugten je nach Wegerichs
momentanem Elan kurze Gesprächspausen oder überhaupt keine Wirkung, was
er je nach Laune funktionell als Ablehnung oder Zustimmung, immer jedoch
ideell als Unverständnis wertete. (Er fand indes, dies sei nicht weiter
schlimm; dafür war er ja da.) Wegerichs körperliche
Vorstellungen von dem Magazin waren auch ideell rein funktioneller Natur:
Es sollte „CULT“ (englisch ausgesprochen) heißen. (Das kostenlose Konkurrenzmagazin
hieß „HIER“. Wegerich erklärte, das sei genau, worum es für den Leser
gehe: nicht einfach hier zu sein, sondern aktiv mitzutun, durch die Äußerung
von Bedürfnissen und den Konsum eines bestimmten kulturellen Angebots
dieses Angebot mitzugestalten und etwas zu bewegen.) Es sollte in allen
lokalen Ausgaben weitgehend normiert und mit Unmengen von Listen und Tabellen,
enthaltend Termine, Ortsangaben, Veranstaltungsmottos usw. – geordnet
nicht nach Tagen (wie in HIER), sondern nach Sparten (worin Wegerich den
unique selling point sah, der zugleich für eine enorme Kostenersparnis
sorgen würde) – gefüllt sein, denen als „journalistisches Element“ empfehlende
Kurztexte sowie – immerhin dies hatte Schnürer vorläufig durchgesetzt,
ohne auf Widerspruch oder Desinteresse zu stoßen – größere Features, Reportagen und eine Reihe unterschiedlicher Kolumnen beigestellt
werden sollten. Hierfür gedachte Schnürer namhafte, jedenfalls aber wort-
und gedankenmächtige Autoren zu finden, die die Kosumorientiertheit des
Heftes wenn nicht aufheben, so doch zumindest mildern und konterkarieren
würden. Der Konflikt, den beide
in unterschiedlicher Deutlichkeit erahnt hatten, war bereits eingetreten,
ohne daß ihnen dies richtig bewußt gewesen wäre (da sie sich auf grundsätzlich
verschiedenen und doch auf das selbe Ziel gerichteten Bahnen wähnten,
zwei Flipperkugeln ähnlich). Wegerich nämlich dachte überhaupt nicht daran,
sich die Beteiligung finanzkräftiger Investoren und Werbepartner
und die „Zusammenarbeit“ mit den Organisatoren der diversen „Events“ durch
Defaitismus, Sarkasmus und intellektuellen Larifari erschweren zu lassen.
Die Erfahrung mit dem Reklameheft hatte ihn gelehrt, daß Schnürer ein
Mensch war, mit dem man umgehen konnte. Schnürer wiederum hatte aus derselben
Erfahrung den Schluß gezogen, daß es möglich war, inmitten feindlicher
Linien eine aufrechte und aufklärerische Haltung einzunehmen und mit gewissen
Modifikationen beizubehalten. Was der jeweils andere dachte, ahnten beide,
wähnten sich jedoch im Besitz der realistischeren Einschätzung und fühlten
sich beim Spinnen ihrer wechselseitigen Gedankenfolgen und Erlauschen
des jeweiligen Echos zu wohl, um darin etwas Unrechtes sehen zu wollen. 6 Es treten nun, sowohl Schnürers Absichten als
auch denen Wegerichs in unterschiedlicher Weise entsprechend, weitere
Personen ins Bild. Um das Tischchen in Wegerichs „Garten“ (der ehemalige
Innenhof des Kasernengebäudes, weitgehend verwildert, um den Eindruck
von Offenheit zu verstärken) saßen Anfang April 2000 neben Wegerich (wiederum
schlanker und bewegter) und Schnürer (zusammengefaltet wie gewohnt) noch
Vennemann und Neitzl; beide entstammten Schnürers Bekanntenkreisen. Vennemann,
etwas jünger als Schnürer und ein wenigeres älter als Wegerich, arbeitete
als Redakteur einer ländlichen Lokalausgabe einer Tageszeitung, die, was
ländliche Lokalausgaben anbetrifft, im Münchner Umland eine annähernd
hegemoniale Position innehatte. Wie Schnürer war er informelles Mitglied
einer Art von losem Stammtisch in einer Kneipe in Obergiesing (wo er auch
wohnte), den eine gemeinsame Bekannte (mit der Vennemann seit früher Jugend
auf typisch herzliche, aber leicht distanzierte Art befreundet war, die
Schnürer jedoch erst seit kurzer Zeit und infolge von Umständen kannte,
von denen noch zu sprechen sein wird) ins Leben gerufen und nach und nach
mit unterschiedlichsten Menschen gefüllt hatte, die meistenteils miteinander
nichts als das unregelmäßige Zusammensitzen am Kneipentisch verband, das
immer wieder zu eifrigen, gerade durch ihre Unverbindlichkeit befeuerten
Diskussionen führte. (Wir sehen einen erregten Schnürer, der einem desinteressierten,
zudem schwer betrunkenen Menschen, den er kaum kennt, um, wie es scheint,
jeden Preis klarzumachen versucht, daß dieser ein „Opfer“ sei; und schon
ist die Szene wieder verflogen, denn Schnürer war fast ebenso betrunken.) So waren auch Vennemann
und Schnürer eines noch nicht lange zurückliegenden Abends über das Medium
der Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Berufsgruppe ins Gespräch gekommen
und hatten dabei eine Sympathie füreinander empfinden gelernt, die vorläufig
als solche unbenannt und unausgesprochen geblieben war. Daß Schnürer,
von Wegerich aufgefordert, sich Gedanken über die „weitere Besetzung“
zu machen, an Vennemann gedacht hatte, war neben dessen Beruf wesentlich
auf dieses vage Gefühl einer geistigen und menschlichen Nähe zurückzuführen. Vennemanns Gesicht war bestimmt
von großen, braunen Augen, die stets mit leichtem Erstaunen (und nach
fortgesetztem Weingenuß einem etwas weniger leichten Schielen) in die
Welt sahen, sowie einem höchst charakteristischen Mund: klein und spitz,
vermochte er sich im Lachen zu erstaunlicher Breite zu öffnen und dabei
der lichten Stirn als gegensätzliches Kreissegment zu korrelieren, die
ansonsten einem kantigen, schmal verlängerten Kinn Halt bot. Er versprühte
eine offensive, frohsinnige Begeisterung, hinter der sich ein diskret
pulsierender Kern tastender Unsicherheit und vorsichtiger Schutzbemühungen
um höflichkeitsbewehrte, in längeren Phasen des Alleinlebens gehegte Residuale
persönlicher Eigenheiten verbarg, und bildete damit das weitgehend perfekte
Gegenstück zu Neitzl, einem grundsätzlichen Pessimisten und Skeptiker,
der äußerlich einem gemütlichen Hefegebäckstück nicht unähnlich war und
seine Unbeirrbarkeit in entwaffnende, freundlich dargebrachte Direktheit
und einen weichen Saum lächelnder Warmherzigkeit kleidete, womit es ihm
fast immer gelang, zu erreichen, was er erreichen wollte. Gelang es ihm
nicht, sorgte er mit komödiantisch übertriebenen Wurstigkeitsäußerungen
für Heiterkeit. Neitzls journalistische
Erfahrung beschränkte sich auf einige kleinere Artikel, die er auf Schnürers
Auftrag hin für ein kostenloses Musikmagazin, bei dem Schnürer als Redakteur
tätig war, geschrieben hatte, nachdem sich die beiden beim Studium der
Germanistik kennengelernt hatten, weil sie (beide hatten erst Ende zwanzig
das Studieren begonnen) eine zweiköpfige Altersgruppe bildeten und in
einem Seminar zur Geschichte des Fußballspiels ein gemeinsames Referatsthema
zugeteilt bekommen hatten. „Du machst das Referat“, hatte Neitzl damals
bestimmt, als er mit Schnürer das erste Mal in seiner Wohnung zusammensaß,
„ich habe schon die Nudeln gekocht.“ Obwohl Neitzl, wann immer
Schnürer ihn auf gewisse Schwächen oder Versäumnisse (etwa die Erwähnung
von Querverbindungen zwischen diversen Musikgruppen) in seinen Schallplattenkritiken
hingewiesen hatte (wie auch bei gänzlich anderen Gelegenheiten), lautstark
betonte, er habe „ja sowieso keine Ahnung“ und um derlei Faktenkram müsse
sich Schnürer deshalb selber kümmern, hielt ihn Schnürer grundsätzlich
für fähig, beinahe jede Tätigkeit und also auch die eines Redakteurs auszuüben.
Nach dem Studium, mit dem er ein Jahr vor Schnürer fertiggeworden war,
hatte Neitzl eine höchst exotische Stellung als Leiter (und einziger Mitarbeiter)
der Abteilung „Öffentlichkeitsarbeit und Marketing Ost“ in einem Verlag
angetreten, der ausschließlich exorbitant teure Kataloge und Datensammlungen
herausgab, deren Anschaffung daher nur für Universitätsbibliotheken und
ähnliche Institutionen überhaupt in Frage kam. Wie man für Werke wie das
auf Mikrofilm gespeicherte Verzeichnis aller zwischen 1600 und 1900 in
Deutschland verlegten Bücher (das eine fünfstellige Summe kostete) Kunden
akquirierte – eine Tätigkeit, die Neitzl nicht etwa nur an Schreibtisch
und Telephon ausübte, sondern auch auf Buchmessen und Kundenbesuchen in
Gegenden wie Ungarn, Estland und sogar dem Iran –, war Schnürer ein Rätsel
geblieben. Die Anekdoten, die Neitzl von dieser Tätigkeit erzählt und
mit denen er Partyküchenversammlungen über ganze Abende unterhalten hatte,
sowie die Tatsache, daß Neitzl nach einiger Zeit zwar entlassen worden
war, jedoch eine ziemlich hohe Abfindung ausgehandelt hatte, ließen Schnürer
fest darauf vertrauen, der Freund werde notfalls auch die seltsamsten
Aufgaben vielleicht nicht fachlich kompetent, aber doch jedenfalls und
wenn auch mit stetigem Klagen und Murren (und vielleicht gerade deswegen)
überzeugend übernehmen und lösen können. Neitzl hatte ihm auf seine Anfrage
hin erklärt, er halte derartige Projekte zwar für „einen Yuppieschmarr’n“,
sei aber selbstverständlich bereit, mitzumachen. Schnürer müsse ihm halt
sagen, wo er „sich hinstellen“ solle, dann werde das „schon hinhauen“. Was Neitzl jetzt interessierte
und wonach Vennemann nur mit höflicher Zurückhaltung andeutend (und Schnürer
mangels Interesse an derartigen Dingen überhaupt nicht) gefragt hätte
(und fragte), war ein Busineßplan. Nämlich hatte sich das Kulturmagazin
in Wegerichs Kopf unter Einsatz euphorisierender Düngung erneut weiterentwickelt:
Aus der Armada uniformer Einzelausgaben war, fast logischerweise und dem
Zeitgeist aus winzigen Ideenfunken herausquellender Firmenmodelle entsprechend,
eine regelrechte, allerdings noch nicht förmlich gegründete Aktiengesellschaft
geworden, aus der, derselben Logik folgend, wiederum zwei neue Geschäftsbereiche
gesprossen waren. Das Magazin sollte demnach nicht nur (was sowieso im
Jahr 2000 nicht mehr anders zu denken gewesen wäre) an das Internet angebunden
werden. Wegerich war, und Schnürer fragte sich unwillkürlich, wessen Vorbild
er dabei diesmal folgte, auf die Idee eines individuellen Fernsehens
verfallen: ein Programm anzubieten, das sich jeder Konsument nach eigenem
Interesse zusammenstellen lassen konnte (ab welchem Punkt die Idee, wie
man sich denken kann, etwas vage und diffus wurde). Neitzls beharrende Nachfrage
nach der exakt ausformulierten Version des Busineßplans für die
von Wegerich in groben Zügen skizzierte AG blieb vorläufig unerfüllt,
was Wegerichs Geschäftsmodell entsprach. Es sollte jedoch auch dies in
Kürze soweit sein. 7 Wegerich sprach von sich nun gerne in einer mehrfältigen
dritten Person, indem er von Spielern handelte, die auf dem Markt
aktiv seien. Wer diese Spieler ansonsten waren, blieb im Dunkeln.
Es interessierte auch dies Schnürer nicht so sehr, daß er gefragt hätte.
Immerhin Neitzl bohrte gelegentlich nach und brachte wenige Figuren aus
den wolkigen Ausführungen hervor, darunter einen nordwestdeutschen Druckunternehmer,
somit der „harten“, sozusagen körperlichen Seite des Geschäfts
entstammend, den Wegerich als Partner und Investor ins Auge gefaßt und
der wohl auch schon eine Art Interesse an dem Projekt geäußert hatte.
Sein Name lautete Wäger und damit Wegerichs Namen nicht unähnlich; viel
mehr war jedoch nicht zu erfahren. Man schwelgte in dem ungewohnten,
locker dargebrachten Luxus eines kleinen und wohl auch deshalb exorbitant
teuren italienischen Restaurants in einer Neuhausener Seitenstraße, wohin
Wegerich geladen hatte. Auf dem kleinen, runden Tisch wechselten immer
wieder die Geschirrkonstellationen; mit der Zeit ergab sich ein Übergewicht
von Trinkgefäßen. Und diesmal gab es auch einen materiell vorliegenden
Busineßplan, den Wegerich Neitzl mit einer von Schnürer als spielerisch
empfundenen Heimlich- und Wichtigtuerei zuschob. Es handelte sich um etwa
vierzig großzügig bedruckte und mit bunten Graphen dekorierte Seiten.
Neitzl bemerkte kurz, er werde das studieren, und legte den Packen beiseite. Wegerich verausgabte sich
an diesem Abend Mitte April bis an den Rand der Erschöpfung; er trank
den delikaten (wenn auch, wie Schnürer, der ansonsten beim Bier blieb,
aus einem Probierschluck geurteilt hatte, großzügig überteuerten) Weißwein
in glasweisen Schlucken, wovon seine Wangen rot anschwollen. Er versprühte
mit hohem Einsatz seines in den letzten Wochen erkennbar wieder gewichtiger
gewordenen Körpers (die Haare blieben kurz) Optimismus, visionäre Energie
und eine Determination, die immer wieder aus Wörtern wie gnadenlos
herausblitzte. Solch aggressives Gebaren mischte er geschickt mit oft
wortlosen Manifestationen freundschaftlicher Wärme, die sich in Gesprächsphasen,
da Neitzl und in seinem Fahrwasser auch Vennemann skeptische Zurückhaltung
spüren ließen (Schnürer hielt sich sowieso auf einer gewissen Distanz,
was die geschäftlichen Umtriebe anbelangte), zu lodernder Hitze steigerte.
Am Ende zeigten seine steuernden Bemühungen einigen Erfolg: Vennemann
und auch Neitzl empfanden sich nicht mehr nur als ungefähr mit Wegerich
angefreundet, sondern auch in schon erheblichem Maße an dem Projekt beteiligt
und darin auf angenehme Weise verstrickt. Wegerich bezahlte eine enorme
Gesamtrechnung und teilte sich mit Vennemann und Neitzl ein Taxi, obwohl
er in eine ganz andere Richtung mußte. Schnürer ging zu Fuß nach Hause
und begann während des langen Weges (der ihm verschiedene Phasen aus der
Stadt hinauswachsender Bautätigkeit vorführte, ohne großes Interesse zu
wecken) ein gewisses Vertrauen in die Lebensfähigkeit der Idee zu spüren,
an der er sich gleichwohl immer noch nur unabhängig beteiligt empfand. 8 Schnürers Zurückhaltung entsprang nicht, wie
Wegerich mit unsicherer Bewunderung vermutete, intellektueller Koketterie,
sondern einer durchaus ernsten Abneigung gegen die neuerdings immer entfesselter
und wahnhafter auftretenden Begeisterungsstrategien einer noch relativ
neuen Berufsgruppe eigentlich berufsloser junger Leute, die ohne die geringste
Kenntnis von den entwürdigenden Zwängen und sonstigen Begleiterscheinungen
regelmäßiger Lohnarbeit unvorstellbare Geldsummen in Räume stellten, die
sie „über Nacht“ exponentiell zu vermehren gedachten und versprachen,
wozu lediglich ein kurzes Aufwallen von Motivation und selbstlosem Totaleinsatz
am Erfolg nur ideell beteiligter Mitarbeiter notwendig sei, woraufhin
man sodann „absahnen“ könne, um sich mit dem mitgenommenen Geld in neue
Projekte zu stürzen. Was Schnürer dabei am wenigsten behagte, war die
fanatisierte Orientierung dieser Leute auf Zerstörung, Entfesselung, Beschleunigung
und, wie er vermutete, letztlich die Vernichtung von allem, was nicht
dem Vermehren des eigenen Geldvermögens dienlich war. Hierfür hatte Schnürer neben
theoretischen auch sehr handfeste Gründe, war er doch vor nicht langer
Zeit kollaterales Opfer derartiger Umtriebe geworden, indem das kostenlose
Musikmagazin, an dem er als freiberuflich tätiger Redakteur mitgearbeitet
hatte (und dies vorläufig noch tat), von seinem Auftraggeber einer neuen
Firma übertragen worden war. Die Sache war kompliziert und doch recht
simpel verlaufen. Der Auftraggeber, ein seit Anfang der achtziger Jahre
aufgeblähter und in letzter Zeit aber deutlich geschrumpelter Verkaufskonzern
mit Sitz in Flensburg und Filialen in mehreren großen Städten, hatte vordem
neben dem für den Reklamebereich und damit das Magazin zuständigen Geschäftsführer
(der ein persönlicher Bekannter eines erfolgreichen deutschen Rockmusikers
war und sich ansonsten ausschließlich für amerikanische Motorräder interessierte,
weil er sich selbst als „Rocker“ empfand) einen Leiter des Marketings
beschäftigt, der die neue geschäftliche Mentalität und Verhaltensweise
eines Spielers geradezu idealtypisch verkörperte, indem er, ohne
allzuviel von solchen Belangen zu verstehen, unablässig das Hineinstürzen
in alle möglichen neuen Medien, eine permanente Beschleunigung
sowie „peppige“, „frische“ Ideen propagierte und forderte, um die „klassischen“
Funktionsweisen des Handelsgeschäfts (die er schon deshalb verachtete,
weil er von ihnen ebenfalls nicht allzuviel verstand) umzustürzen und
zu dynamisieren. Er war, wie Schnürer fand, nicht nur ein Blender,
der mittels Ausstrahlung wirrer Energie mitzureißen vermochte, ohne zu
wissen, wohin er wen und was reißen wollte, sondern auch gefährlich, da
sich seine zerstörende Tätigkeit immer zuerst und hauptsächlich in dem
Bereich entfaltete, wo Schnürer tätig war und für dessen Erhaltung Behutsamkeit,
kritischer Geist und ein sicheres Fundament grundlegender Bedingungen
lebenswichtig waren. Eines Tages hatte dieser
Marketingleiter seine Stellung gekündigt, eine eigene Firma gegründet
und dem Geschäftsführer ein vollständig fiktives, ausschließlich auf Kenntnis
der Kosten, die bei der Erstellung des Magazins durch Schnürers Firma
anfielen, beruhendes „Angebot“ gemacht, indem er selbige Kosten um einen
minderen Prozentbetrag unterbot, und den Zuschlag erhalten, ohne noch
eine Redaktion oder überhaupt Mitarbeiter und schon gar einen funktionierenden
Geschäftsbetrieb vorweisen zu können. Dies war kurz vor Weihnachten 1999
geschehen und bereits unwiderruflich, als Schnürer und die anderen Mitarbeiter
der Firma sowie deren Inhaber wenige Tage später davon erfuhren. Das Heft
würde noch bis Juni 2000 von der alten Firma produziert werden. 9 Der Busineßplan,
befand Neitzl, sei wenig seriös und größtenteils auf optimistischen Annahmen
begründet; Vennemann war ähnlicher Meinung. Präzise Nachfragen Neitzls
bei Wegerich hatten zu neuen diffusen Angaben geführt, die wiederum Nachfragen
nach sich zogen. Insgesamt und immer aber schien die Zeit zu drängen,
was unter den Gegebenheiten eines Nachmittags im Biergarten im späten
Juni auf sonderbare Weise spürbar wurde (da diese Gegebenheiten natürlicherweise
einem Drängen der Zeit entgegenwirkten). Warum die Zeit so drängte, war
kaum zu ergründen, doch konnte man es notfalls darauf zurückführen, daß
(was Schnürer, Vennemann und Neitzl als erfreulichen Gegensatz zu den
bislang immer weiter aufgeschäumten Phantasiegebilden Wegerichs empfanden)
nun konkrete Unternehmungen anstanden. Noch im Sommer sollte in einem
Workshop ein Probeheft des Magazins und dabei auch dessen grundlegende
Gestalt erarbeitet werden. Wegerich hatte sich bei
den Treffen der letzten Wochen in äußerster Zurückhaltung geübt, was seine
Visionen bezüglich des vorgesehenen Börsengangs
der geplanten Aktiengesellschaft, eines irgendwie gearteten Individualfernsehens
und der konkreten Ausgestaltung des Internetauftritts von CULT
anging. Das kam Vennemann, Neitzl und insbesondere Schnürer entgegen,
da sie ohne eingehendere Nachfrage davon ausgingen, diese Pläne seien
vorläufig zumindest in eine spätere Phase des Projektverlaufs verschoben.
Einige Male hatte Wegerich von Gesprächsterminen und Verhandlungen mit
Investoren erzählt, es jedoch bei Andeutungen belassen, in denen gleichwohl
Millionenbeträge herumschwirrten. Vennemann und Neitzl hatten unterschiedlich
reagiert, im Ergebnis aber doch gleich: Neitzl schien Wegerich generell
nicht sonderlich ernstzunehmen, andererseits wiederum ein gewisses Vertrauen
in eine von solch blumigen Phantastereien unabhängige Grundverläßlichkeit
gefaßt zu haben, mit der auf solide Weise umzugehen sein würde. Vennemann war von den Zahlen
durchaus beeindruckt und leicht verunsichert. Er bemühte sich hin und
wieder um Präzisierung, dies aber mit großer Höflichkeit und Diplomatie
und so wenig Durchsetzungskraft, daß Wegerich seine zweifelnden Fragen
und Bemerkungen ignorieren konnte, als hätte er sie einfach gar nicht
gehört. Zudem war es Wegerich gelungen, mit offensiv zur Schau gestellter
Besorgtheit um Vennemanns berufliche Zukunft dessen Vertrauen zu festigen.
(Er hatte sich sogar Schnürer gegenüber dahingehend geäußert, er sei in
großer Sorge, weil er sich für Vennemann, der wegen des Stadtmagazins
seine praktisch unkündbare „Lebensstellung“ bei der Lokalredaktion aufgeben
wolle, verantwortlich fühle und nicht sicher sei, ob er wirklich fähig
sein werde, dieser Verantwortung gerecht zu werden, – was wiederum den
Erfolg gezeitigt hatte, daß ihm nun auch Schnürer Vertrauen entgegenbrachte,
denn, so dachte er, wer sich derart sorge, auf den könne man sich verlassen.) Man war sich daher am Biergartentisch
einig, es sei nunmehr grundsätzlich immerhin möglich und auch das Beste,
zunächst einfach weiter an der Sache zu arbeiten: beizutragen, was man
selbst beitragen könne, und generelle, über das Heft als solches hinausreichende
Erwägungen auf einen Zeitpunkt zu verschieben, wenn Zeit sei für so etwas.
Schnürer und Vennemann sollten sich um potentielle Mitarbeiter und Autoren
bemühen, die Texte für das Heft liefern würden – er kenne da ja schließlich
niemanden, sagte Neitzl, der sich selbst hinsichtlich organisatorischer
Fragen mit Wegerich auseinanderzusetzen hatte (es existierte ein in gemeinsamen
Diskussionen erarbeitetes, von Wegerich und Neitzl entwurfsweise ausformuliertes
Papier mit dem Titel „Look & Feel“, in dem niedergelegt worden war,
welche Sparten das Heft abdecken sollte und wie sie im einzelnen
gewichtet sein würden). 10 Wiederum waren Mitte Juli in Wegerichs Küche
(es regnete in Strömen) neue Gesichter hinzugekommen, die beide nicht
im geringsten dem entsprachen, was Wegerich zuvor von ihnen erzählt hatte.
Eine Graphikerin namens Schußmann hatte er Schnürer, Vennemann und Neitzl
als eine Art solitäres Genie beschrieben – sie sei auf ihrem Berufsfeld
praktisch konkurrenzlos, von nicht zu übertreffender Innovativität,
dabei aber zugleich in den grundlegenden praktischen Fertigkeiten absolut
verläßlich. (Es war wohl für das Vertrauen, das Wegerich bei seinen Mitarbeitern
inzwischen genoß, bezeichnend, daß niemand auf die Idee kam, zu fragen,
wieso sie bei solch außergewöhnlicher Qualifikation nicht längst eine
hochdotierte Stellung anderswo innehatte.) Der Internet-Fachmann Behrens
wiederum sei ein echter Nerd (einer dieser fanatischen Fachmänner,
die sich für nichts anderes als ihr Spezialgebiet interessierten und deshalb
im Umgang mit anderen Menschen, Umständen und Tätigkeiten meist auf skurrile
bis erschütternde Weise unbeholfen wirkten) und habe im absoluten Alleingang
neben einer andersgearteten beruflichen Tätigkeit eine Internetseite erstellt,
die im Grunde das sei, was CULT brauche – von der Logistik der
Termintabellen und deren Pflege über die Peripherie der
Beschreibung individueller Gegebenheiten der Lokalitäten, von Anfahrtswegen
usf. bis zu einem hochraffinierten Bestellsystem für Eintrittskarten und
die direkte Einbindung der jeweiligen Veranstalter in Sachen Werbung
und Präsentationen. Die Graphikerin Schußmann
erwies sich als äußerlich unscheinbare, für ihre berufliche Situation
in einigermaßen fortgeschrittenem Alter befindliche Frau (sie war alleinerziehende
Mutter eines achtjährigen Sohnes), die in der Diskussion lediglich durch
einige abschätzige Bemerkungen über das Projekt als solches auffiel und
wenig Neigung zu haben schien, daran engagiert mitzuarbeiten oder überhaupt
irgend etwas mit Begeisterung zu tun; eine „Miesmacherin“, wie Neitzl
ihr auf einen ihrer despektierlichen Redebeiträge hin mitteilte. Auch
der Internet-Fachmann Behrens wirkte grundsätzlich skeptisch, doch äußerte
sich diese Haltung bei ihm in Süffisanz. Er schien Wegerich für einen
etwas lächerlichen, leicht zu durchschauenden Scharlatan zu halten. Außerdem
räumte er gleich bei seiner Vorstellung ein, Wegerich habe seine Internetseite
nicht ganz richtig dargestellt und möglicherweise auch nicht ganz richtig
verstanden: Es handle sich lediglich um eine experimentelle Vorstufe dessen,
was Schnürer, Vennemann und Neitzl beschrieben worden war. Die wesentlichen
Besonderheiten seien keinesfalls funktionierende Features, sondern
nur Ideen, die sich ohne immensen Personal- und Kapitaleinsatz nicht verwirklichen
lassen würden und an deren Verwirklichbarkeit er mittlerweile ohnehin
nicht mehr recht glaube, weswegen er im übrigen die Arbeit an der Seite
inzwischen weitgehend eingestellt habe, weil er sich des weiteren auch
nicht sicher sei, ob es für eine solche Seite überhaupt eine Nachfrage
gebe, und wenn es diese grundsätzlich gebe, sei sie ohne umfangreiche
Werbung nicht zu wecken, und eine solche Werbung bedürfe der funktionierenden
Logistik eines Großkonzerns. Wegerich spürte, daß seine
mühevoll geschaffene Überzeugungswirkung ins Wanken geriet. Er versuchte
die Bedenken der beiden neuen Mitarbeiter zu entkräften, indem er sie
zu seinen eigenen Bedenken erklärte, über die er bereits in großen Ansätzen
hinausgedacht und sie so für sich zerstreut habe. Doch sei es nötig, daß
alle Beteiligten sich des Risikos und der Schwierigkeiten bewußt seien,
um diese überzeugend überwinden zu können. Gerade deshalb auch
habe er Schußmann und Behrens eingeladen, obwohl er eine Menge Leute an
der Hand habe, die von solchen Bedenken vollkommen frei seien. Schnürer
war etwas verwirrt. Er empfand Behrens als verklemmten sowie ziemlich
arroganten Wichtigtuer, und die Graphikerin war ihm von Haus aus so völlig
unsympathisch, daß ihn die Erkenntnis verunsicherte, daß beide im Grunde
nur das äußerten, was er selbst auch dachte. Er beschloß, es sei gut,
mal wieder an Einwände erinnert worden zu sein, an die er eigentlich gar
nicht erinnert hätte werden müssen, und entschied, den Bereich Internet
im weiteren zu ignorieren und sich mit der graphischen Gestaltung des
Heftes nur dann zu befassen, wenn die inhaltliche Gestaltung davon betroffen
wäre, dann aber unbeugsam darauf zu beharren, die Form habe dem Inhalt
zu folgen und sich unterzuordnen, um Entwicklungen wie bei Wegerichs Reklameheft
von Anfang an zu verhindern. Hierfür, fand er, war eine Graphikerin, die
wenig von ihrem Beruf zu verstehen und keine eigenen Visionen zu
besitzen schien, eigentlich ganz gut geeignet – grundsätzliche Konflikte
ließen sich leichter lösen, wenn eine der beteiligten Parteien keine ausgebildete
Ideologie vertrat. Wiederum mit Erstaunen
bemerkte er, daß ihm die Graphikerin und der Internetfachmann auch deshalb
unsympathisch waren, weil sie sich dem Projekt gegenüber so wenig aufgeschlossen
und begeisterungsfähig zeigten. 11 Der August begann, wie der Juli geendet hatte:
mit Dauerregen und dauernden Diskussionen, die sich zuletzt intensiviert
hatten, weil Schnürers Tätigkeit bei dem kostenlosen Musikmagazin vor
einem Monat zu Ende gegangen war und der Workshop näherrückte.
Wann immer Schnürer daran dachte, überkam ihn ein Gefühl wohliger Ohnmacht,
weil es seine Gewohnheit und Art war, die Dinge hinzunehmen, wie sie kamen,
ohne sich großartig zu bemühen, sie zu lenken, zu leiten und zu gestalten.
Andererseits wehrte er sich gegen dieses Gefühl; möglicherweise war in
seinem Gehirn durch die Arbeit für das Musikmagazin und die Vorgänge,
die sich dort in der letzten Zeit abgespielt hatten, eine Drehbewegung
in Schwung gekommen, die nun eines neuen Angelpunkts bedurfte. Seine grundsätzliche
Skepsis, in den vorangegangenen Monaten gedämpft und beinahe erstickt
durch die Notwendigkeiten des täglichen Bemühens um eine Entwicklung,
die einer solchen Skepsis die Grundlage entziehen würde, war unerwartet
zurückgekehrt und gewachsen. Nämlich war ihm aufgefallen,
daß sein ursprüngliches Selbstbild des flanierenden intellektuellen Kopfes
einer frei denkenden Autorengruppe in einer (Maxvorstädter) Altbauredaktion
mit den derzeitigen Planungen nicht nur nicht in Einklang zu bringen,
sondern stillschweigend und möglicherweise endgültig aus den Vorstellungen
aller Beteiligten verschwunden war. Niemand sprach mehr von der inhaltlichen
Grundidee des Heftes, die Vennemann und Neitzl und sowieso Schußmann und
Behrens gar nicht groß zu interessieren schien. Statt dessen war die Rede
von Terminen, Heftstrukturen und, wenn es überhaupt um Texte ging, von
knapp gehaltenen Empfehlungstexten, wie er sie für Wegerichs Reklameheft
verfaßte. Wenn er sich an den Diskussionen beteiligte, schlich sich deshalb
immer öfter ein aggressiver und renitenter Beiklang in seine Redebeiträge. Daß Wegerich außerdem, da
er weitgehend erreicht hatte, worum es ihm gegangen war, seine Bemühungen
um privatfreundschaftliche Beziehungen zurückgeschraubt und statt dessen
einen zusehends arbeitgebermäßigeren Umgangston angenommen hatte, war
Schnürer hingegen ganz recht. Streng betrachtet, sagte er sich (und spürte
seinen Trotz), ging es nur noch darum, dieses Ding auf die Beine zu stellen,
es als Job zu betrachten, mit dem er sich möglichst wenig zu belasten
trachtete, und sich ansonsten anderen Dingen zu widmen, wie er es ohnehin
vorgehabt hatte. Eine gewisse Enttäuschung über diesen Verlauf der Sache
mußte er sich eingestehen. Für den Workshop mochte das jedoch keine
ganz schlechte Voraussetzung sein. 12 Schauplatz des Workshops war ein normalerweise
in einem deprimierenden Zustand unrenovierter Zwecklosigkeit leerstehender
Raum in einem Seitenflügel einer ehemaligen Fabrik, in der sich auch die
Redaktion des EVENT-Magazins und Wegerichs eigenes Büro befanden. In dem
Raum standen vier Resopaltische mit stählernen Beinen, die zu einer Tischfläche
zusammengeschoben wurden. Durch die großen Schiebefenster ging der Blick
auf ein trostloses Vordach, auf dem neben dem üblichen Anflug verrotteten
Papiers eine seit langer Zeit tote Taube herumlag. Schnürers Blick war
der einzige, der von Zeit zu Zeit dort hinausging während der vier düsteren,
von zerfetzten Wolken durchflossenen Augusttage, die er mit Wegerich,
Vennemann, Neitzl, der Graphikerin Schußmann, dem Internetfachmann Behrens
und Wegerichs „Finanzchef“, einem offenbar von der vermuteten intellektuellen
Gewichtigkeit der Veranstaltung anfangs eingeschüchterten, jedoch auf
angenehme und freundliche Weise unverblümten jungen Mann namens Mayer,
dort verbrachte. Auf dem steinernen Fensterbrett
waren Blätter angeordnet, jeweils nur mit einem Wort beschriftet: „Musik“,
„Theater“, „Kino“, „Literatur“, „Kinder“ usw. – letztere Rubrik
war Wegerich in den Wochen vor dem Workshop auffällig wichtig geworden,
ohne daß Schnürer sagen konnte, weshalb. Immerhin: Wegerich hatte eine
Tochter, die bei der Mutter aufwuchs, welche beiden jedoch weder Schnürer
noch Vennemann und Neitzl (mit dem Wegerich mittlerweile engeren Kontakt
zu pflegen schien als mit den übrigen Mitarbeitern) kannten. Wenn wesentliche Dinge nicht
zu besprechen waren oder nicht besprochen sein wollten, neigte Schnürer
dazu, seine Diskussionsenergie in Unwichtiges umzuleiten. So warf er sich
jetzt mit großem Engagement auf die Frage, ob die Rubriken im Heft
alphabetisch oder nach irgendeinem noch zu findenden System der Gewichtung
angeordnet sein sollten. Im Grunde war ihm das vollkommen egal. Er hatte
sich weitgehend damit abgefunden, daß sich ein Heft, wie es ihm zeitweise
im Kopf herumgegangen war, unter den gegebenen Umständen nicht würde verwirklichen
lassen. Er mußte sich dabei auch einen grundsätzlichen Irrtum eingestehen:
Die freie, auf hohem intellektuellem Niveau stattfindende, feuilletonistische
Auseinandersetzung mit auf die Kultur unterschiedlicher Städte, ihre Bewohner,
ihre Geschichte usf. bezogenen Themen und Problemen widersprach dem Konzept
eines bis auf die unterschiedlichen Terminlisten uniformierten Programmheftes.
Er hatte, was vielleicht auf seine Neigung zum phantasievollen Wunschdenken
zurückzuführen war, von Anfang an falsche Vorstellungen gehegt. Jetzt
konnte es nur noch darum gehen, inmitten der Auflistungen von Konsumangeboten
gewisse Inseln von „Sinn“ zu etablieren und gewisse Dinge, die Wegerich
in den letzten Wochen immer mal wieder in die Runde geworfen hatte,
schon im Ansatz zu verhindern. Dabei handelte es sich zum Beispiel und
vor allem um „Klatschseiten“ mit Schnappschüssen und höchstens andeutungsweise
süffisanten Bemerkungen aus turnusmäßig wechselnden „Szenen“, wie sie
Wegerich in seinem Reklameheft seit einiger Zeit eingeführt hatte, um
den Betreibern gewisser Lokale, mit denen er geschäftlich (und folglich
auch privat) in Verbindung stand, Platz zur Selbstdarstellung bieten zu
können, sowie (zur Gewinnung zahlungskräftiger Anzeigenkunden) ausschließlich
aus großformatigen Photographien bestehenden Modestrecken
und einen Heftteil mit dem Arbeitstitel „Einkaufen“, der als mit einer
journalistischen Tarnkappe versehene Werbefläche für Geschäftsleute dienen
sollte. Hinter letzterer Idee stand,
wie dies bei Wegerich oft so war, eine weitere, die darüber hinausging:
ein mit CULT verbundenes Vierteljahresheft, zumindest vorläufig auf den
Namen „CULT Shopping“ getauft, gedruckt auf edlem Papier und ansprechend
luxuriös gestaltet, das sich ausschließlich Konsumbedürfnissen des modernen
urbanen Menschen widmen und logischerweise Seite für Seite gegen das journalistische
Gebot der Trennung von Werbung und redaktioneller Äußerung verstoßen sollte.
Derartiges lehnte Schnürer für sich selbst mit Vehemenz ab. Wenn schon
ein zusätzliches Periodikum angedacht werde, sagte er, müsse dies eines
sein, das sich den in CULT zu kurz oder gar nicht vorkommenden Bereichen
widme, die seiner wenigstens anfänglichen Meinung nach das Herz des Heftes
hätten bilden sollen: über den Umfang von Kurzrezensionen hinausreichende
Kritik, freigeistiges Feuilleton, das Denken und Leben jenseits des Konsums.
Wegerich hatte sich in letzter Zeit angewöhnt, auf derartige Äußerungen
Schnürers höchstens mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck und ein
paar beschwichtigenden Bemerkungen zu reagieren. Nun vertrat Schnürer die
Position, die Rubriken müßten alphabetisch geordnet sein, auch
mit dem Hintergedanken, es werde sich damit wenigstens verhindern lassen,
daß die Bereiche „Einkaufen“ und „Klatsch“ das Heft zur Gänze dominieren
würden. Wegerich brachte vor, man müsse sich danach richten, was die Menschen
interessiere, und dies seien nun einmal in erster Linie Klatsch sowie
hochwertige Produkte. Neitzl ließ ein schweres Seufzen hören, mit
dem er seinen generellen Überdruß an derartigen Verhandlungen zum Ausdruck
brachte, Vennemann ein kaum weniger gewichtiges „Hm“. Schnürer argumentierte,
es sei auch vom Gesichtspunkt der Benutzbarkeit des Heftes ideal, wenn
der Leser nicht lange blättern müsse, um zu finden, was er suche. Eine
solche Serviceorientierung sei nur durch alphabetische Sortierung zu gewährleisten.
Er hoffte, indem er sich eines Arguments bediente, das Wegerichs Repertoire
entstammte, diesen zumindest in Widersprüche verwickeln zu können. Wegerich
schien nachzudenken und sagte endlich, es sei vielleicht besser, die diesbezügliche
Diskussion später fortzuführen, um Polemik zu vermeiden. Neitzl wandte
ein, es gehe eigentlich nur noch um so oder so. Vennemann versuchte die
bisherige Diskussion kurz zusammenzufassen; Schnürer fiel ihm ins Wort,
indem er dasselbe auf Grundlage seiner Argumente tat. Wegerich sagte,
so habe das keinen Sinn. Der „Finanzchef“ Mayer, der bis dahin in verblüfftem
Schweigen den unerwarteten Schlagabtausch verfolgt hatte, der ihm den
Eindruck totaler Unversöhnlichkeit verfeindeter Positionen vermitteln
mußte, fragte, wieso das eigentlich wichtig sei. Schnürer sagte, ihm gehe
es darum, zu verhindern, daß CULT genauso werde wie „das Zeug da“ (in
einer Zimmerecke lag ein großer Haufen von Kultur- sowie Stadtmagazinen
aus mehreren Ländern, die im wesentlichen alle aus ein paar Klatschseiten,
einem „Schaufenster“, „Panorama“, „Boulevard“ oder ähnlich genannten Teil
mit Produkt- und Veranstaltungsreklame sowie vielen Listen bestanden).
Es sei nicht besonders hilfreich, derart unkonstruktiv zu argumentieren,
sagte Wegerich. Schnürer entgegnete, man sei sich von Anfang an einig
gewesen, daß alle diese Magazine nicht funktionieren, weil sie nach genau demselben unjournalistischen, billigen
und durchschaubaren System vorgingen – eben Klatsch, Reklame und Listen.
Von einer solchen Einigkeit wisse er nichts, sagte Wegerich, es gehe vielmehr
darum, und da sei man sich nun wiederum sehr wohl einig gewesen, ein nicht
funktionierendes System so umzugestalten, daß es funktioniere. Mit journalistischem
Anspruch, sagte Schnürer, sei es nicht zu vereinbaren, jeglichen kritischen
Ansatz zu vermeiden und sich auf ein paar Empfehlungstexte zu beschränken.
Für ihn, sagte Wegerich, gebe es da einen Riesenunterschied, der genau
darin liege, daß man die Empfehlungen journalistisch aufbereite. Das sei Blödsinn, sagte Schnürer.
Dann habe man sich grundsätzlich mißverstanden, sagte Wegerich. Wozu jemand
ein Heft kaufen solle, fragte Schnürer, das genau denselben billigen Reklamedreck
enthalte wie zum Beispiel das Heft, das er, Wegerich, selbst kostenlos
herausgebe. Er registriere eine derartig destruktive Haltung mit Erstaunen,
sagte Wegerich, im übrigen schätze er die journalistische Qualität der Artikel, die er, Schnürer, für besagtes
Magazin verfasse, sehr hoch ein. Schnürer schwieg, weil er nicht weiterwußte.
Der Internetfachmann Behrens sagte seufzend, man solle sich doch nun bitte
langsam mit wichtigeren Dingen beschäftigen, anstatt den ganzen Tag mit
diesem Journalismuszeug seine Zeit zu verschwenden, wo das doch sowieso
nicht so wichtig sei. Schnürer schüttelte den Kopf. Vennemann sagte mit
diplomatischer Gravität, da irre er sich, es müsse bei einem journalistischen
Projekt schon auch darum gehen, was die Beteiligten eigentlich unter Journalismus
... Wozu man für ein paar Reklametexte eigentlich Honorare zahlen wolle,
redete ihm Schnürer dazwischen, da könne man doch auch einfach die jeweiligen
Waschzettel und Ankündigungen abtippen. Mit Polemik komme man nicht weiter,
sagte Wegerich, und Neitzl ließ ein schweres Seufzen hören. Nachmittags kamen sich die
Beteiligten, wie man so sagt: wieder näher. Das lag daran, daß Wegerich
inzwischen eine überwiegende Präferenz von Schnürers alphabetischer Ordnung
registriert hatte und darum beschloß, zunächst nachzugeben und die diesbezügliche
Diskussion zu einem späteren Zeitpunkt entweder mit neuen Argumenten wieder
aufzunehmen oder sich irgendwann ganz einfach als Herausgeber zu einer
Entscheidung im Interesse des Gesamtprojekts genötigt zu sehen. Er habe,
sagte er also, nachgedacht und grundsätzlich eingesehen, daß mehr für
das alphabetische System spreche. Er hoffe, fügte er hinzu, daß diese
Einsicht als Beispiel für alle und bestimmte Diskussionsteilnehmer dienen
könne. Schnürer bemerkte die Spitze in seine Richtung, war jedoch zu erleichtert,
um darauf zu reagieren. Wegerichs Trick, um Schnürer
von seinem Beharren auf irgendwelchen verstiegenen journalistischen Erwägungen
abzubringen, funktionierte, da sich nun auch Schnürer genötigt sah, gewisse
Zugeständnisse zu machen. Vielleicht, dachte er, ist die Sache mit den
Empfehlungstexten nicht gar so schlimm; immerhin gelang es ihm auch in
den Beiträgen, die er für das Reklameheft schrieb, hin und wieder eine
ironische Bemerkung unterzubringen, die Wegerich und seinesgleichen möglicherweise
gar nicht bemerkten. Und daß nicht jeder Text eine Empfehlung sein müsse,
sondern daß es auch Abratungen geben könne und müsse, darin war man sich
ja noch einig. Am Nachmittag wurde das
Budget für das Probeheft verhandelt. Schnürer addierte die vorgeschlagenen
Honorare für die bei Autoren zu bestellenden Texte und kam auf ein Ergebnis
von etwa fünfzigtausend Mark. Das sei leider nicht drin, sagte der „Finanzchef“
bedauernd; man verfüge für das Probeheft nur über ein Budget von fünfzehn-
bis höchstens zwanzigtausend Mark. Man müsse ja, sagte Wegerich, die Honorarsätze
nicht so starr halten, sondern könne je nach journalistischem Anspruch
variieren. Man einigte sich auf drei unterschiedliche Sätze für kurze,
mittlere und lange Texte. Letztere, dachte Wegerich, würden sowieso praktisch
nicht anfallen, von Schnürers Kolumne auf der letzten Seite vielleicht
abgesehen. Diese Kolumne, darauf hatte
Schnürer bestanden, müsse inhaltlich „frei“ sein, sich also einem beliebigen
Thema widmen können. Es wäre aber zu begrüßen, sagte Wegerich, wenn sie
sich hin und wieder auch einem aktuellen
Thema widmen könne. Das sei grundsätzlich denkbar, sagte Schnürer,
dürfe aber nicht Bedingung sein. Es solle aber als Möglichkeit zumindest
wünschenswert sein, sagte Wegerich, und Neitzl bewahrte die Debatte mit
der geseufzten Bemerkung, es meinten doch beide dasselbe und im übrigen
seien solche Sachen vorläufig vollkommen wurst, vor dem erneuten Einstürzen
der Dämme diplomatischer Zurückhaltung. Es blieb nicht die letzte
Auseinandersetzung dieser Art, was Wegerich, wenngleich er seine ständig
wechselnden Positionen mit leidender Hartnäckigkeit und kaum beherrschbar
scheinendem Furor vertrat, mit Freude erfüllte, weil Schnürers Verhalten
zeigte, daß er nun, nach einer längeren Phase des inneren Abstandnehmens,
wieder oder erstmals mit ganzem Herzen hinter CULT stand. Die jeweiligen
Einzelentscheidungen, soviel wußte Wegerich aus der Erfahrung mit seinem
Reklameheft, wären sowieso diversen evolutionären Prozessen unterworfen,
die er dann und wann mit gezielten Stößen in Gang setzen und in die notwendige
Richtung steuern würde. Darum auch erklärte er sich
mit einigen Vorschlägen Schnürers für weitere Kolumnen in verschiedenen
Heftteilen einverstanden: Im Sportteil sollte regelmäßig eine Fußballkolumne
erscheinen, die sich, da CULT aus Gründen mangelnder Tagesaktualität auf
eine eingehende Spielberichterstattung verzichten mußte, auf intellektuelle
Weise mit der jeweiligen Situation verschiedener Bundesligavereine und
sporadisch auch mit anderen Dingen befassen würde. Für den am zweiten
Tag neu eingeführten, bezüglich seiner Ausrichtung
noch schwebenden Heftteil „Stadtleben“ hatte Schnürer mehrere Ideen: „Außenansicht“
sollte Betrachtungen aus der Feder nicht in der jeweiligen Stadt lebender
Literaten und Schriftsteller enthalten, „Damals jetzt“ auf aktuelle Ereignisse
und Tendenzen bezogene Ausschnitte aus alten Romanen, Autobiographien
und anderen Büchern sammeln. Es sei ihm hier ein bißchen viel von Literatur
die Rede, wandte Wegerich lediglich ein, und ob solche Sachen nicht in
den Literaturteil hineingehörten. Für diesen hatte Schnürer jedoch bereits
die Serie „5.000 Zeichen“ (mit exakt 5.000 Anschläge langen Texten bekannter
wie auch vollkommen unbekannter Gegenwartsliteraten) erfunden. Für den
Musikteil wiederum war „Mittendrin und doch dabei“ vorgesehen, ein reportageartiger,
von Szenegängern der jeweiligen
Stadt verfaßter Rundgang durch den aktuellen Bestand an lokalen Bands
sowie in deren Dunstkreis sich tummelnden Menschen (und als solcher, wie
Schnürer selbst überrascht und erfreut bemerkte, ein willkommenes Zugeständnis
an Wegerichs Klatsch-Forderungen). Man müsse, bat Wegerich,
bei so viel Feuilleton und Meinung darauf achten, daß die Fakten
und der Servicegedanke nicht zu kurz kämen. Man sei sich, entgegnete
Schnürer, doch einig, daß man ein journalistisches Magazin wolle. Selbstverständlich,
sagte Wegerich, doch bedeute Journalismus nicht zwangsläufig Meinung und
Feuilleton, sondern vor allem Information:
Was passiert wo wann? Das sei kein Journalismus, wandte Schnürer ein,
sondern Ankündigung. Er widmete sich sodann in einem längeren Vortrag
dem Unterschied zwischen „Ankündigungsjournalismus“, der vom Grundgedanken
her dem Reklamebereich zuzuordnen sei, und „Berichterstattungsjournalismus“.
Es sei, folgerte er, daher nötig, die textliche Aufbereitung von
noch kommenden Ereignissen zu vermeiden (man könne schließlich nicht über
etwas schreiben, das noch gar nicht passiert sei und von dem niemand wisse,
ob es gut, schlecht oder sonst was sein werde) und sich statt dessen zurückliegenden
Konzerten, bereits erschienenen Büchern und stattgefundenen Ereignissen
zu widmen, um Diskussionen anzustoßen und ein Forum für solche Diskussionen
zu sein. Es gehe, sagte Schnürer, bei jeder Kritik im Grunde darum, dem
Leser zu ermöglichen, sich ohne eigenen Konsum eine diskussionsfähige
Meinung zu bilden. Das sei schon möglich, sagte Wegerich, aber es gehe
doch auch darum, den Leuten zu sagen, was los sei in den deutschen Städten.
Man könne, sagte Schnürer, aber nicht fundiert und kritisch über Dinge
berichten, die erst in der Zukunft los sein würden. Das könne man sehr
wohl, sagte Wegerich, der beste Beweis seien seine, Schnürers, Konzertankündigungen
im EVENT-Magazin. Diese, fuhr Schnürer (dem nun doch der zuvor mühsam
zusammengehaltene Kragen platzte) dazwischen, seien genau das Gegenteil
von Journalismus: Reklame. Das sehe er nicht so, sagte Wegerich mit einer
gewissen Kälte in der Stimme. Man könne doch beides machen und solle sich
jetzt nicht mit Unwichtigkeiten aufhalten, sondern lieber konkret werden,
sagte Neitzl und beendete damit die Diskussion erneut rechtzeitig. Am dritten Tag des Workshops
wollte sich die Runde (der der Internetfachmann Behrens aus Gründen, die
zumindest Schnürer, ohne nachzufragen, nicht erfuhr, nicht mehr angehörte)
graphischen Fragen zuwenden. Die Graphikerin Schußmann legte ein Blatt
mit einem kreisrunden, von einem großen C umfaßten CULT-Signet vor, das
niemandem recht gefallen mochte, und schob einige Seiten mit Listen und
ein paar kleinen Textkästchen nach, die ebenfalls niemandem gefielen.
Das wirke alles recht altbacken und bieder, sagte Schnürer in förmlichem
Ton, woraufhin die Graphikerin, die bis dahin an den Diskussionen nicht
teilgenommen hatte, gekränkt war und an den weiteren Diskussionen nicht
mehr teilnahm. Um ein Scheitern des gesamten Workshops zu vermeiden,
machten Neitzl, Vennemann und Wegerich sowie versuchsweise der „Finanzchef“
Mayer konziliante und vorsichtige Änderungsvorschläge: Man könne das Signet
doch auch „klassisch“ viereckig machen, die Texte in Kästchen ohne Rahmen
und Hintergrundfarbe oder nur mit Rahmen oder nur mit Hintergrundfarbe
oder womöglich sogar mit beidem stellen usw. Die Graphikerin grummelte,
steckte ihre Blätter wieder ein, und die Diskussion wurde vertagt. Am vierten Tag des Workshops
fehlte auch die Graphikerin Schußmann. Sie habe, teilte Wegerich mit,
ihm mitgeteilt, sie habe so viel „um die Ohren“, daß ihr eine geregelte
Mitarbeit an dem Projekt nicht möglich sei. Schnürer war etwas verwundert,
weil Wegerich ihm vor einiger Zeit erzählt hatte, die Graphikerin sehe
das Projekt Kulturmagazin „nicht zuletzt auch“ als Vehikel für
ihren beruflichen Wiedereinstieg nach der Zeit, die sie der Erziehung
ihres Sohnes gewidmet hatte; er fragte jedoch nicht weiter nach, weil
er die Graphikerin Schußmann für unfähig und zudem unleidlich hielt, sich
eine Zusammenarbeit mit ihr nicht vorstellen konnte und das Gefühl hatte,
daß Wegerich, allen früheren diesbezüglichen Äußerungen zum Trotz, ähnlicher
Meinung war. Überdies pflegte Schnürer eine grundsätzliche Abneigung gegen
Graphiker, die daher rührte, daß er die Empfindung hatte, die eigentliche
Basis jeder Zeitschrift (der Text) werde von diesen und unter deren Einfluß
auch von anderen zunehmend als disponibles graphisches Element aufgefaßt,
das man als beliebige Füllmasse zur „künstlerischen Gestaltung“ von Seiten
einsetzen, hierfür in jedem notwendigen Maß kürzen, verlängern, verändern
und anpassen konnte, ohne sich überhaupt dafür zu interessieren, worum
es in dem jeweiligen Text ging. Hingegen sah Schnürer die graphische Aufmachung
einer Seite als Mittel, um den Text zu transportieren: ihn so zu
gestalten, daß er Interesse weckte und seine jeweilige Bedeutung sichtbar
wurde. Wegerich vertrat in dieser Hinsicht weiterhin die etwas vage Ansicht
„Form follows Function“, von der Schnürer vermutete, daß er sie irgendwo
(am Ende bei Schnürer selbst) aufgeschnappt und sich nur deshalb eingeprägt
hatte, weil sie englisch war und notfalls als Argument für beide Standpunkte
eingesetzt werden konnte. Es war nun weitgehend alles
besprochen und beschlossen, manches davon ohne Schnürers Teilnahme und
Wissen. Zum Beispiel hatte Neitzl mit Wegerich vereinbart, daß er, da
er derzeit ohne Anstellung war, sein Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung
jedoch Ende Oktober auslief, ab Anfang November mit dem Tätigkeitsschwerpunkt
CULT für Wegerichs „EVENT-Print GmbH“ tätig würde, die das gleichnamige
Magazin herausgab und von Schnürer, Neitzl und Vennemann in logischer
Ableitung als zumindest finanziell tragende Basis auch des Kulturmagazins
angenommen wurde. Ein weiteres Mal wurde die Liste mit den in Auftrag
zu gebenden Texten für das Probeheft durchgegangen. (Man hatte sich auf
einen fiktiven Relevanzzeitraum von 3. bis 9. August geeinigt, was, da
man bereits den 5. August schrieb, unrealistisch war, jedoch nach Ansicht
aller Beteiligten den Bedingungen entsprach: Die Zeit, wurde Wegerich
nicht müde zu betonen, drängte. Spätestens im Oktober sollte CULT zumindest
in zwei oder drei Städten regulär erscheinen, da konnte man bei der Simulation
die Voraussetzungen etwas vereinfachen.) Wegerich bemängelte das
Fehlen einer textlichen Vorgabe für den Bereich „Clubs“ – dieser, so meinte
er, sei angesichts seiner Relevanz für das Freizeitverhalten der Zielgruppe
von erheblicher Bedeutung. Schnürer wandte ein, es sei grundsätzlich möglich,
sich dem Phänomen journalistisch und kritisch zu nähern, jedoch werde
oder vielmehr würde ein solcher Umgang mit dem „Thema“ kaum auf Interesse
bei denen stoßen, die in diesem Bereich als Konsumenten aufträten. Dann,
sagte Wegerich, müsse man eben das schreiben, was diese Konsumentengruppe
lesen wolle. Diese Konsumentengruppe, sagte Schnürer, wolle grundsätzlich
überhaupt nicht lesen. Das, sagte Wegerich, sei polemisch. Es müsse doch,
sagte Neitzl, möglich sein, jemanden zu finden, der geistvoll schreiben
könne und trotzdem im Bereich „Clubs“ zu Hause sei. Schnürer sagte,
er könne sich da unter Umständen jemanden vorstellen – er dachte an den
Rundfunkredakteur Stangert, der dafür bekannt war, sich mit (allerdings
bröckeligem) intellektuellem Brimborium dem Themenbereich des Tanzens
zu monotonen Rhythmen und seiner diversen Begleiterscheinungen (Schnürer
vermied das Wort „Kultur“), wie man sagte: anzunähern –, jedoch sei grundsätzlich
zu bedenken, ob man da nicht Geld zum Fenster hinauswerfe und ob es möglich
sein werde, das Thema über eine einmalige kritische Durchleuchtung hinaus
noch weiter zu behandeln. Wenn der Artikel einmal da sei, sagte
Neitzl, könne man ihn ja später auch im regulären Heft irgendwann drucken
und sich ansonsten auf Ankündigungen von Clubevents beschränken. Schnürer
versprach, sich darum zu kümmern. Auf die abgebrochene Diskussion
über die graphische Gestaltung des Heftes wurde in dem von allen Beteiligten
als vorläufig abschließend empfundenen Gespräch nicht mehr eingegangen.
Wegerich hatte angekündigt, sich noch einmal um eine zumindest übergangsweise
Mitarbeit der Graphikerin Schußmann zu bemühen und ansonsten ersatzweise
die neue Graphikerin des EVENT-Magazins, auf die er große Stücke halte,
darauf anzusetzen. Da niemand in Stimmung war, einen erneuten Disput
über die grundsätzliche Bedeutung graphischer Gestaltung auszulösen (Neitzl
fand eine solche überflüssig, Wegerich hatte konkrete Pläne, Vennemann
wollte sich aus diesem Bereich heraushalten, und Schnürer glaubte nicht
mehr, seine Ansicht in der Kürze der verbleibenden Zeit vermitteln zu
können), wurde dies so hingenommen. 13 Schnürer war, wir kommen nicht umhin, es zu erwähnen,
wenngleich sowohl die Tatsache als auch der Bereich, dem sie üblicherweise
zugerechnet wird, für die hier dargestellten Entwicklungen wenig relevant
zu sein scheint, seit gut zwei Jahren verheiratet. Seine Frau – ihr Name
ist nicht von Belang – entsprach nicht dem, was man unter Berücksichtigung
früherer Beziehungen als den von ihm bevorzugten Typ eingrenzen könnte.
Äußerlich hatte sie nichts Weiches, „Romantisches“, Naiv-Warmes, Weltfremd-Verträumtes;
ihr Trotz enthielt keine Beimischungen von Verletzlichkeit, ihre Verletzlichkeit
war frei von Hingabe, ihre Hingabe blieb streng und kontrolliert, ihre
Strenge hatte nichts Naives, ihre Naivität war frei von Stolz, ihr Stolz
ungetrübt von Trotz, von … – wie immer man den vielfältigen und doch eigentümlichen
Reiz beschreiben wollte, der Schnürer für gewöhnlich aufmerksam, verliebt
und bisweilen beharrlich reagieren ließ. Äußerlich wirkte sie herb, aber
attraktiv, wenngleich nicht auffällig; ihr langes blondes Haar, das keinen
Goldglanz und auch kein weißes Strahlen hatte, sondern nur hell und stumpf
wirkte, war ebenso typisch wie die kleinen Augen, die sich zwischen grau,
grün und braun nicht recht entscheiden mochten und eigentlich gar keine
Farbe hatten. Ihr Auftreten wirkte stets forsch und resolut, aber Schnürer
wußte, daß sie sich ihre offensive Selbstsicherheit zu einem gewissen
Teil antrainiert hatte, und erkannte an ihrem Lachen, wenn es dazu diente,
Unsicherheit zu überspielen. Auch die Beziehung zu ihr
folgte nicht den Mechanismen, die sich in früheren Fällen als in dieser
Hinsicht für ihn typisch herausgeformt hatten; er hatte sie weniger kennengelernt
als daß er von ihr kennengelernt worden war. Doch kam ihm dies durchaus
entgegen, da sich so die Gelegenheit bot, einem Leben und seinen Verlaufsformen
mit einem Sprung zu entkommen, die er zunehmend als Belastung empfand,
weil sie in mehrerlei Hinsicht in mittlerweile bekannte Sackgassen führten.
Immerhin hatte er, über die Sachlichkeit einer solchen Analyse selbst
erstaunt, seine spätere Frau schon nach wenigen kurzen Begegnungen für
grundsätzlich passabel befunden, war im folgenden während einer gemeinsamen
Reise durch das herbstlich verödende Mittelitalien von einer weder erwarteten
noch erahnten sexuellen Betriebsamkeit sowie von deren offenbarer Selbstverständlichkeit
und beiderseitigen Konvenienz (die er so seit seiner allerersten Liebesbeziehung
vor annähernd zwanzig Jahren nicht erlebt hatte und für einen Glücksfall
hielt, der mit allergrößter Wahrscheinlichkeit kein drittes Mal eintreten
würde) überrascht worden und hatte daraus den logischen und sachlichen
Schluß gezogen, es sei nun endlich an der Zeit, erwachsen zu werden und
dies rituell zu bekräftigen. Einsprüche aus dem Freundeskreis tat er als
unerheblich ab. Neitzl hatte zusammen mit Schnürer das Seminar besucht,
in dessen Verlauf ihn die Frau kennenlernte, und auf Schnürers zaghafte
Andeutungen hin, um wen es sich bei der bis dahin verschämt geheimgehaltenen
Person handle, die hinter der Absage einiger gemeinsamer Biergartenbesuche
stecke, sofort gesagt, er meine doch nicht etwa „die mit dem schlechten
Referat“. Schnürer mußte zugeben, daß der Seminarvortrag zu den Lebensdaten
einer bekannten deutschen Schriftstellerin der Nachkriegszeit tatsächlich
nur aus dem Ablesen einiger Lexikonzeilen bestanden hatte, erklärte Neitzl
aber, er sei nicht aus wissenschaftlichen Gründen an der Frau interessiert. Nach der etwas kläglichen
Zeremonie der Verheiratung (auch dies erschien ihm durchaus seinem Wesen
zu entsprechen, da er es als unangenehm empfand, Mittelpunkt und Anlaß
exaltierter Feierei zu sein) war er in ihre Wohnung gezogen, die sich
über die unteren beiden Etagen eines vierstöckigen, von insgesamt drei
Parteien bewohnten Hauses im Münchner Osten erstreckte und seiner Frau
von ihren wohlhabenden Eltern schon während ihres Studiums zur Verfügung
gestellt worden war, und kümmerte sich fortan mit stiller Emsigkeit um
den bescheidenen Garten und die ohne große organisatorische Bemühungen
sofort funktionell umrissenen Bereiche des Haushalts. Bisweilen fühlte
er sich in der stillen, besonders nachts gelähmt und wie tot daliegenden
Vorstadt, in der er jetzt lebte, einsam, zumal seine Frau nun, da sie
ihn hatte, kein besonderes Interesse mehr an ihm und den Dingen, die ihn
beschäftigten, zeigte. Doch war ihm dies zu anderen Zeiten durchaus angenehm,
da es ihm erlaubte, seinen Neigungen nachzugehen, ohne diese rechtfertigen
zu müssen. Er ging viel spazieren,
wobei ihn besonders das brachliegende ehemalige Betriebsgelände hinter
dem Bahnhof der Vorstadt und die umliegenden, bereits in den Grundzügen
einer siedlungsfunktionellen Erschließung befindlichen Grünflächen anzogen.
Vergessenheit, Verfall und die fossile Ruiniertheit ehemaliger Zivilisationsbemühungen
hatten ihn seit je her fasziniert. Schweigend, aufs Geratewohl denkend,
ging er verrostete Gleise entlang, bis sie unvermittelt an verfallenen,
von Stacheldrahtgewirr aus Brombeerästen überwucherten Puffern endeten,
stieg über zerfetzte Zäune, sammelte Überbleibsel aus verlassenen Lagerhallen.
Vielleicht meinte er, ohne sich dessen bewußt zu sein, den bisweilen schmerzhaft
empfundenen Mangel an ihm entgegengebrachter Zärtlichkeit kompensieren
zu können durch die Versenkung in das unscheinbare, doch pulsierende Leben
solcher Bereiche der Vernachlässigung, der Nutzlosigkeit und Vergessenheit,
das ihn unvermittelt anrührte, wenn er etwa die Verrichtungen eines Käfers
beobachtete. Darüber jedoch, so viel können wir wissen, dachte er nicht
nach. Gelegentlich versuchte er,
seiner Frau seine Begeisterung für alle möglichen „kleinen Dinge“, die
vom rasenden modernen Leben schon geschwindigkeitsbedingt unbeachtet bleiben
mußten, zu vermitteln, auch seinen Kummer über die zwangsweise ebenfalls
unbemerkt bleibenden Beschädigungen, die dieses rasende Leben in den als
nutzlos geächteten und ignorierten Nischen anrichtete, aber da sie auf
solche Hinweise stets nur mit Befremdung, Unverständnis oder Desinteresse
reagierte und er dies längst wissen und erwarten mußte, können wir davon
ausgehen, daß er sich seine Geschichten eigentlich nur selbst erzählte
und erzählen wollte. Es konnte ihm auch nicht
entgehen, daß seine Ehe, das gemeinsam gedachte, mittlerweile aber weitestgehend
ohne einander stattfindende Leben, auf Dauer nicht haltbar war. Doch verhinderte
vielleicht sein Unwille, seine in lebenslanger Übung ausgebildete und
verfeinerte Abneigung dagegen, nicht effektiv funktionierende Dinge und
Vorgänge einer groben, gewaltsamen Neugestaltung zu unterziehen, daß er
sich dessen bewußt geworden wäre. Zweifellos litt er an der beschriebenen
Einsamkeit, an dem Gefühl, nichts und niemandem zugehörig oder auch nur
verständlich zu sein. Vielleicht jedoch genoß er dieses Leiden sogar,
da es für ihn einen nostalgisch gefärbten Reiz hatte, der sich aus der
unglücklichen Disposition speiste, daß er schon als Kind ebenfalls Phasen
einer solchen Einsamkeit durchlebt hatte, in denen er seine Tage allein
in leerstehenden Fabriken, auf Baustellen und Straßen verbracht hatte,
die jenen in der Vorstadt, wo er jetzt wohnte, sehr ähnlich gewesen waren. Immerhin: Daß er seine frühere
Wohnung in Schwabing (drei kleine, seit der Kanzlerschaft Adenauers nicht
mehr renovierte Zimmer, die er von seiner Großmutter geerbt hatte) nie
vollständig geräumt hatte, sie vollständig zu räumen oder gar zu verkaufen
sich bei Gelegenheiten, wenn seine Frau ihn darauf ansprach, vehement
weigerte und deren teilweise Vermietung (erst ein Zimmer, dann zwei) an
Studenten stets als „Untervermietung“ empfand und darstellte, könnte darauf
hindeuten, daß er die Zeitweiligkeit seines jetzigen Lebens sehr wohl
erahnte. Zu meinen, er habe sich auf dieses Leben absichtlich übergangsweise
eingelassen, um sich vielleicht von gewissen Dingen zu „reinigen“ und
Platz für andere, neue Möglichkeiten zu schaffen, wäre jedoch unzulässig.
Wie wir bereits wissen, glaubte er nicht an eine konkret zu umreißende
Zukunft. Auch hierfür gab es einen Grund, der in einem Biologiebuch verborgen
lag, das er im Alter von vierzehn Jahren zufällig geöffnet hatte: Die
Beschreibung des menschlichen Lebens als unausweichliche Reihung bestimmter,
vorhersehbarer Vorgänge von Entstehung, Reife und Verfall und ganz besonders
die Formulierung „Für einige Jahre befindet sich der Mensch nun auf dem
Höhepunkt seiner Kräfte“ hatten ihn dermaßen schockiert, daß in der tränenfeuchten
Verzweiflung, die folgte, etwas in ihm zerbrochen war, was unbedingte
Voraussetzung für ein zielgerichtetes Existieren war – doch sollten wir
diesen Abweg hier verlassen. Was wir vorläufig wissen müssen, ist dies:
Die sexuellen Bemühungen seiner Frau und (nach mehreren auf von ihm als
verletzend empfundene Weise vergeblichen Versuchen) auch Schnürers waren
nach der Eheschließung sehr bald verebbt; in letzter Zeit hatte es einige
recht heftige Auseinandersetzungen gegeben, deren unentschiedene Beilegung
befürchten ließ, daß sie sich jederzeit an geringen Anlässen erneut entzünden
konnten. Einer dieser Anlässe war
die von seiner Frau kürzlich in die Wege geleitete Anstellung einer Putzfrau,
die einmal wöchentlich die Wohnung saubermachen sollte. Schnürer empfand
nicht nur deren Wirken als störenden Einbruch in die Sphäre seiner Tage
und Beschäftigungen, der ihn von dem entfernte, was er als filigran verschränkte
Statik aus Umgebung und Dasein sah. Auch die bloße Tatsache, daß seine
Frau seine eigenen Bemühungen um Aufrecht- und Saubererhaltung dieser
Konstruktion so gering schätzte, daß sie die Hilfe einer wildfremden Person
zu bezahlen für nötig hielt, kränkte ihn. Zudem war Schnürer kürzlich
beim Aufräumen, das er stets vor dem Eintreffen der Putzfrau durchzuführen
pflegte, auf eine leere Packung eines neuartigen, offenbar auf täglicher
Überprüfung gewisser weiblicher Körpersekrete beruhenden Mittels zur Empfängnisverhütung
gestoßen. Es wäre übertrieben, zu behaupten, daß er sich nur deshalb so
intensiv der Planungs- und Vorbereitungsarbeit für das Kulturmagazin widmete,
weil er sich der Konfrontation mit aus diesen Dingen folgenden Überlegungen
zu entziehen trachtete. Doch sollten wir die Gegebenheiten immerhin nicht
außer acht lassen. 14 Die Tage nach dem Workshop verbrachte
Schnürer in noch geringfügig größerer Einsamkeit als sonst. Seine Frau
war beruflich unterwegs; ihr Ehrgeiz in diesen Dingen war, wahrscheinlich
(wie sie selbst meinte) aufgrund der Tatsache, daß sie es nie nötig gehabt
hatte und (vorausgesetzt, ihr Vater entwickelte nicht plötzlich eine schlechte
Gewohnheit, die den Verlust seines Millionenvermögens zur Folge hätte)
nie nötig haben würde, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, so groß,
daß sich ihre Nervosität bis zu einem beängstigenden Zittern steigern
konnte, in dem sie ihre sowieso brüchige und von ruckartigen Bewegungen
und Reaktionen (auch im Gespräch neigte sie zu überdeutlicher Wiederholung
zustimmender und bekräftigender Laute und Gesten) gezeichnete Balance
vollständig zu verlieren schien. Sie starrte in solchen Momenten mit resoluter
Hilflosigkeit in die Welt, sammelte sich jedoch meist umgehend wieder
und strebte neuen Herausforderungen entgegen. Schnürer wußte mit diesen
beiden Extremen ihres Wesens nicht recht umzugehen. Schon das beiläufige
Mitfühlen erschöpfte ihn derart, daß er ihre Abreise wie den plötzlichen
Eintritt von Ruhe und Entspannung empfand. Folglich dauerte es eine
gewisse Zeit, bis er sich aufraffen konnte, die eigenen Bemühungen um
CULT, die nach dem Ende des Workshops erschlafft waren, wieder aufzunehmen.
Hinzu kam, daß es ihm in gesprächiger Runde meist gut gelang, sich zu
Wort zu drängen und, wenngleich die treffende Formulierung nur schrittweise
ertastend, seinen Standpunkt und dessen Relevanz darzulegen, wohingegen
die nahezu vollkommene Stille im verlassenen Haus (nur sehr selten ertönte
das Signal einer Nachbarskatze, die ihm durch die offenstehende Terrassentür
einen Besuch abstattete) die ungünstigsten Voraussetzungen für die Durchführung
eines Telephonats bot, die er sich vorstellen konnte. Seine Stimme schien
dann unerträglich zu dröhnen, seine Argumente unziemlich, unausgegoren,
in keine bestimmte Richtung treibend. Er saß am Tisch, die längst gelesene
Zeitung vor sich, und in seinem Kopf drehten sich Formulierungen, die
dazu geeignet sein sollten, den Angesprochenen zur Mitarbeit nicht nur
zu bewegen, sondern eine gewisse Begeisterung zu entfachen. Dann ging es jedoch erstaunlich
leicht. Innerhalb unwirklich kurzer Zeit hatte er nach jeweils knapper
Darlegung der charakteristischen Grundzüge und Merkmale des Magazins aus
seiner Sicht (die, dessen war er sich bewußt, eine idealistische und nicht
vollständig mit den Vorstellungen Wegerichs in Einklang zu bringende war)
und ohne Angabe eines genauen Honorarbetrags (der nur ungefähr vereinbart
worden war) mehrere Zusagen zur Mitarbeit an dem Probeheft und eventuell
sogar darüber hinaus. Wiederum trat eine leichte Erschöpfung ein, diesmal
gemischt mit Zufriedenheit, so daß er beschloß, die noch ausstehenden
Texte einfach selbst zu verfassen. Es ging ja nur um ein Probeheft, und
da er nun einmal wieder am Tisch saß und die Stille erneut die Herrschaft
im Haus ergriffen hatte, erschien ihm das allemal leichter als weitere
Telephonate. Er begann mit dem „Club“-Text,
einer ziemlich belanglosen, vorgeblich essayistischen Annäherung an Begriff
und Funktion des Diskothekentürstehers, die ihm, obwohl er an dem Thema
keinerlei Interesse hegte, ein bißchen süffisant geriet, sich insgesamt
aber so harmlos und nichtssagend las, daß sie Wegerich wohl genehm sein
könnte; das Argument, der in Aussicht gefaßte Autor sei nicht zu erreichen
gewesen, hielt er als Polster bereit. Er log äußerst ungern, doch noch
weniger mochte er es, Dinge vertreten zu müssen, die er selbst für nicht
vertretenswert hielt. 15 Ende August rief Wegerich Schnürer an und bat
um ein Treffen. Sie saßen in der ehemaligen Kantine der Fabrik, die neben
dem EVENT-Magazin eine Reihe von Werbeagenturen und anderen Bürofirmen
beherbergte; es herrschte nachmittägliche Ruhe. Schnürer bestellte ein
Glas Wasser, das ekelhaft nach Salzen schmeckte, Wegerich aß das Tagesgericht,
einen Teller Nudeln mit sahniger Sauce, und trank Wein. Er wirkte auf
merkwürdige Weise aufgeräumt; die Anspannung, die den Hintergrund der
Arbeit an CULT in den vorangegangenen Monaten gebildet und sich stetig
gesteigert hatte, schien verflogen. Er sei, sagte er, nicht
sicher, welche Richtung das Projekt nehmen werde. Schnürer gab sich Mühe,
seine Verständnislosigkeit zu verbergen, und fragte vorsichtig nach Details,
insbesondere nach der Graphikerin Schußmann. Wegerich reagierte ausweichend,
doch war seinen entspannten Äußerungen zu entnehmen, daß die Graphikerin
endgültig „ausgestiegen“ war. Er zeigte sich darüber jedoch nicht sonderlich
besorgt. Schnürer schlug vor, die beiden ehemaligen Graphiker des kostenlosen
Musikmagazins, die er fachlich und noch mehr persönlich schätzte, zur
Mitarbeit einzuladen. Wegerich äußerte sich wiederum nur unbestimmt, als
wäre ihm die ganze Sache egal. Statt dessen vertiefte er sich in umfangreiche
Ausführungen über die Qualitäten eines Londoner Kultur- und Programmheftes,
das er für perfekt, ideal und ein Vorbild halte, an das man wahrscheinlich
kaum je heranreichen könne. Schnürer, der das Magazin kannte und es journalistisch
höchstens im unteren Mittelmaß ansiedelte, schwärmte vorsichtig von den
US-amerikanischen Magazinen „New Yorker“ und „Atlantic Monthly“, an denen
ihm besonders die seitenlangen, nicht oder kaum bebilderten Essays und
Reportagen sowie die ruhige, unauffällige, seriöse und, was er so nicht
sagte, äußerst konservative graphische Gestaltung gefielen. Natürlich
wäre so etwas ein Traum, meinte Wegerich lächelnd. Schnürer sagte, sich
langsam in deutlichere Begeisterung hineinredend, da es ein derartiges
Magazin in Deutschland überhaupt nicht gebe, sehe er da eine enorme Marktlücke,
und sehr vorsichtig deutete er an, für CULT in der momentan geplanten
Form gelte das mit Sicherheit nicht. Das Heft werde sich vielmehr mit
einer Unzahl ähnlicher Hefte, in jeder Stadt für sich und überregional,
herumschlagen müssen. Es wäre, fügte er zusammen, doch wesentlich vernünftiger,
ein wirklich gutes, richtig intellektuelles Magazin zu machen, das konkurrenzlos
dastehe, als zu versuchen, etwas, was es in ähnlicher Form schon gebe,
noch zusätzlich in den Markt hineinzudrücken. Wegerich schien nachdenklich,
ließ sich aber keine erkennbare Meinung abringen. Ebenso fruchtlos verlief
einige Tage später ein neues Treffen in der ehemaligen Kantine, an dem
außer Wegerich und Schnürer auch die beiden früheren Graphiker des Musikmagazins
teilnahmen. Wegerich umgab sich von Anfang an mit einer arroganten, nonchalanten
Skepsis, die den Eindruck erweckte, er habe an einer Mitarbeit der beiden
Graphiker keinerlei Interesse und im Grunde auch keine besondere Lust
mehr, überhaupt ein Kulturmagazin herauszugeben. Die Graphiker reagierten
entsprechend: Sie zeigten ein paar Arbeiten, mit denen sie sich gerade
beschäftigten und früher beschäftigt hatten, ließen jedoch keine Begeisterung
für die Idee des Magazins erkennen, so daß Schnürer, dem die Situation
peinlich war, in die noch peinlichere Lage geriet, ein Projekt verteidigen
und für es werben zu müssen, von dem er in der jetzigen Form selbst nicht
richtig überzeugt war. Man trennte sich ohne Pläne. Tags darauf rief Wegerich
Schnürer an und sagte, er finde die Arbeiten der beiden Graphiker in höchstem
Maße altmodisch, konservativ, geradezu bieder. Im übrigen seien sie (worin
Schnürer den wahren Grund für Wegerichs ablehnende Haltung vermutete)
für CULT mit Sicherheit viel zu teuer. Die neue Graphikerin des EVENT-Magazins
werde in den nächsten Tagen die Gestaltung des Probeheftes fertigstellen.
Die bisherigen Ergebnisse ihrer Arbeit seien sehr gut, die Suche nach
einem neuen Graphiker habe sich damit erübrigt. Er sei, sagte Wegerich
abschließend, Schnürer sehr dankbar, daß er den „Club“-Text verfaßt habe,
und rechne ihm dieses Entgegenkommen hoch an. Regenstürme und Gewitter
waren einem lähmend warmen, scheinbar zeitlosen Septembersommer gewichen,
als sich Schnürer, Vennemann und Neitzl in Wegerichs Büro einfanden, um
das fertig gestaltete Probeheft zu begutachten und abzunehmen.
Es stellte sich jedoch heraus, daß es keine fertige Gestaltung gab. Auf
Wegerichs Schreibtisch lagen die Seitenentwürfe, die die Graphikerin Schußmann
im Workshop vorgelegt hatte. Wegerich selbst war noch anderswo
beschäftigt; Schnürer, Vennemann und Neitzl nahmen in seinem Büro Platz
und zeigten sich gegenseitig ihre Verwunderung und Ratlosigkeit. Als Wegerich,
in den Redaktionsräumen diesem und jenem noch etwas lustig oder dringend
Gemeintes zurufend, ins Büro stürmte, hatte er die neue Graphikerin dabei,
eine schüchterne, verwirrt und überfordert wirkende Frau, die in dem folgenden
Gespräch den Eindruck erweckte, von einem Auftrag zur Gestaltung des Kulturmagazins
gar nichts zu wissen. Sie sei, sagte sie, so sehr damit beschäftigt, sich
in das Programmheft einzuarbeiten, daß sie bislang überhaupt nicht
dazu gekommen sei, sich näher mit den Entwürfen für das neue Magazin zu
befassen. Schnürer, Vennemann und Neitzl sahen sich noch um einiges verwunderter
und ratloser an. Nach einer betretenen Pause, während der die Graphikerin
die drei Blätter mit den Entwürfen abwechselnd in die Hand nahm, betrachtete
und wieder auf den Tisch legte, ohne irgend jemanden anzusehen, sagte
Neitzl, sie wisse ja wohl, daß es sich dabei gar nicht um gültige Entwürfe
handle. Man sei sich einig gewesen, daß eine Neugestaltung nötig sei,
und habe angenommen, nun die fertig gestalteten Seiten vorgelegt zu bekommen.
Es müsse sich, fügte Schnürer hinzu, hier wohl um ein Mißverständnis handeln.
Wegerich wiederholte, was schon die Graphikerin gesagt hatte: Sie sei
derzeit sehr beschäftigt und komme praktisch nur in ihrer ohnehin knapp
bemessenen Freizeit dazu, sich mit CULT auseinanderzusetzen. Die Verfeinerung der Entwürfe werde noch etwas
Zeit in Anspruch nehmen. Von einer „Verfeinerung“, sagte Schnürer, sei
nie die Rede gewesen. Man habe sich vielmehr darauf geeinigt, das Probeheft
ganz neu zu gestalten. Er, sagte Wegerich und nahm das Blatt mit dem kreisrunden
CULT-Signet in die Hand, finde die Entwürfe so unbrauchbar nicht. Sie
stellten doch eine gute Basis dar, an der man nur etwas feilen
müsse. Vennemann wandte ein, er sehe hier überhaupt kein Probeheft; keiner
der bestellten Texte sei verarbeitet und eingebaut worden. Er habe eigentlich
erwartet, in der heutigen Redaktionssitzung die Texte kürzen, in die Graphik
einpassen und dann als druckfertig „absegnen“ zu können. Nun sehe es so
aus, als würde es gar kein Probeheft geben. Wegerich sagte, die Sache
brauche aufgrund unvorhergesehener Schwierigkeiten noch etwas Zeit. Schnürer
sagte, Wegerich habe ihm den Eindruck vermittelt, die Arbeit stehe unmittelbar
vor dem Abschluß. Das sei auch so, sagte Wegerich, aber es dauere eben
etwas länger. Wo denn die bisherigen Ergebnisse der Arbeit der Graphikerin,
von denen er gesprochen habe, seien, fragte Schnürer, seinen Sarkasmus
nur locker zügelnd. Ein ganzes Probeheft zu drucken, sagte Wegerich, sei
sowieso nicht nötig und nur hinausgeworfenes Geld. Die Partner, um die
er sich bemühe, insbesondere der Investor Wäger, brauchten lediglich die
Gewißheit, daß das Ganze funktioniere. Hierfür sei die graphische Gestaltung
nicht so wesentlich wie „das Thema Datenpflege“, auf das er sich deshalb
konzentriere. Was diesen Bereich angehe, sehe er noch enorme Schwierigkeiten
zu bewältigen. Schnürer sagte, für Datenpflege sei er nicht zuständig,
dies sei auch nicht Aufgabe einer Redaktion. Man habe sich während des
Workshops und in der Zeit davor und danach um die Erstellung eines
Probeheftes bemüht, und was er nun als Ergebnis der Arbeit vor sich habe,
sei eigentlich gar nichts. Neitzl, der bis dahin geschwiegen
hatte, meinte, man solle doch wenigstens mit den bestellten Texten ein
paar Seiten füllen, die seinetwegen auch nach den Entwürfen der Graphikerin
Schußmann gestaltet sein könnten. Es wurde ein neuer Termin eine Woche
später vereinbart. Als Schnürer, Vennemann und Neitzl sich vor dem Bürogebäude
trennten, hatten alle drei ein merkwürdiges Gefühl der Auflösung. Der
bisherige Fluß der Arbeit war zum Stehen gekommen, und Wegerich schien
das wenig auszumachen. Es war ihnen, als entwickelte sich das Projekt
in eine ganz neue, nicht erkennbare Richtung. Der Eindruck verstärkte
sich eine Woche später; die neue Richtung nahm dabei jedoch konkrete Züge
an. Die Seiten, die nun auf dem Tisch lagen, folgten im wesentlichen den
Entwürfen der Graphikerin Schußmann. Ein Teil der bestellten Texte war
in kleine Kästchen zwischen die Terminlisten, die alle Seiten dominierten,
eingebaut worden und hatte sich dabei im Durchschnitt als um mindestens
die Hälfte zu lang erwiesen; was nicht hineinpaßte, war einfach weggelassen
worden. Dies, sagte Schnürer nach kurzer Prüfung der Seiten, deren Gestaltung
ungeschickt und flüchtig wirkte, könne seiner Ansicht nach keinesfalls
die Grundlage auch nur einer konkurrenzfähigen Imitation bereits existierender
Kulturmagazine bilden. Wegerich zeigte sich nicht überrascht; er widersprach
auch kaum, sondern wirkte, als hätte er die Vergeblichkeit der bisherigen
Arbeit an dem Probeheft längst eingesehen. Er sei, sagte er, zu der Einsicht
gelangt, daß sich die Sache allein nicht „stemmen“ lasse. Es gehe nun
darum, mit den vorliegenden Rohentwürfen in anderen Städten Partner
zu finden. Dazu müsse man gegebenenfalls die Entwürfe „ausschlachten“
respektive „ausweiden“, um sie möglichen Trägern vermitteln zu
können, wie er das mit dem EVENT-Magazin und der Veranstaltungsfirma gemacht
habe. Man solle sich in diese Richtung Gedanken machen. Er habe, sagte
Vennemann nach dem Treffen zu Schnürer, den Eindruck, Wegerich habe das
ganze Projekt „irgendwie“ aufgegeben, was er selbst eigentlich schade
finde. Schnürer hatte die Ausführungen Wegerichs nur teilweise verstanden.
Er sagte mit einem Anflug von Bitterkeit, es sei eigentlich eine ganz
gute Idee gewesen, ein Kulturmagazin zu machen, fuhr mit einem diffusen
Gefühl der Erleichterung, für das er keine rechte Erklärung fand, nach
Hause und beschloß, sich in der nächsten Zeit überwiegend mit anderen
Dingen zu beschäftigen. Zu einem „Altweibersommerfest“
in Wegerichs Garten, zu dem dieser und seine Lebensgefährtin mit einer
Postkarte ohne handschriftliche Zusätze „herzlich“ geladen hatten („Kaffee
& Kuchen, Jazz Barbecue, House Music all night long“), erschien er
zwar, vermied es jedoch, von Wegerich angesprochen zu werden, was dieser
auch gar nicht zu versuchen schien. Schnürer führte ein betrunkenes Gespräch
mit dem neuen Chefredakteur des EVENT-Magazins und einer jungen Frau,
die mit einer stilisierten Dienstleisteruniform bekleidet war und mit
großem Eifer versuchte, das Thema der indischen Computerarbeiter (die
in großer Zahl nach Deutschland zu holen Fachleute zu jener Zeit dringend
empfahlen, um Engpässe auszugleichen) zu diskutieren. Es gelang
Schnürer jedoch nicht, herauszufinden, ob die eindringlichen Äußerungen
der Frau (die er äußerlich hinreichend attraktiv fand, um das Gespräch
fortzusetzen), die immer wieder darauf hinausliefen, daß „die Inder kommen“,
weil das nötig sei, ernst gemeint waren oder dem Zweck dienen sollten,
ihn zum Narren zu halten, und so gab er seine Annäherungsversuche schließlich
auf und suchte ein vertrautes Gesicht in der plappernden Menschenmenge,
um die Anstrengung eines Small-talks zu vermeiden. Es erwies sich, daß er außer
Neitzl und Vennemann niemanden kannte, und da beide ebenfalls nicht in
der Stimmung waren, mehr zu reden, als bereits geredet worden war, verabredete
er sich für einen der nächsten Tage mit Neitzl zu einem Ausflug an einen
See und verließ das Fest, ohne sich von Wegerich, der mit mehreren unangenehm
wichtigtuerisch wirkenden Personen zusammenstand, zu verabschieden. 16 Vier Wochen lang hörte Schnürer nichts von Wegerich. Dann erhielt er die etwas verwirrende telephonische Anfrage, ob "man" sich nicht "mal wieder treffen" solle - verwirrend deshalb, weil Schnürer insgeheim doch immer noch davon ausgegangen war, die Arbeit an CULT laufe, wenn auch ohne Antrieb von seiner Seite, weiter. Zu dem mittäglichen Treffen in der immer noch sehr warmen Oktobersonne vor der Kantine der ehemaligen Fabrik gesellten sich, ohne daß Wegerich dies angekündigt hätte, auch Vennemann und Neitzl. Es wurde ein freundliches, wenig konkretes Gespräch. Wegerich spielte mit einem versonnenen, entrückt wirkenden Lächeln auf Schnürers Träume von einem Stadtmagazin nach dem Vorbild des "New Yorker" an, meinte, dies sei schon eine sehr schöne Idee, fügte dann, als Schnürer und Vennemann auf die Idee eingingen und sie weitersponnen, jedoch bedauernd hinzu, so etwas lasse sich "unter den bestehenden Bedingungen" leider nicht verwirklichen. Er sei im übrigen urlaubsreif und werde daher für einige Tage verreisen. Nachdem er und Neitzl (der
in Kürze seine versprochene Tätigkeit bei Wegerich antreten sollte) sich
in Richtung der Büros des EVENT-Magazins verabschiedet hatten, ließen
sich Schnürer und Vennemann weiter in müßige Vorstellungen hineintreiben.
Vielleicht, sagte Schnürer, werde es „irgendwann“ möglich sein, jemand
anderen als Wegerich für die Idee zu begeistern. Es wäre, meinte Vennemann,
schade, wenn, nachdem man so weit gekommen sei, dann nichts aus der Sache
werde. Welche Sache er genau meinte, sagte er nicht. CULT erschien beiden
nach wie vor als etwas Vages, Ungreifbares, das mit den konkreten Ergebnissen
der Arbeit der letzten Wochen wenig zu tun hatte, – eine Idee, die aufgrund
einer zunächst kaum spürbaren Abweichung eine andere Entwicklung genommen
hatte, als man ursprünglich gedacht hatte, und die daher auf eigentlich
frühzeitig absehbare Weise gescheitert war. Es komme, sagte Schnürer,
das meiste immer anders, als man denke, und wenn man erkenne, was man
anders hätte machen sollen, sei es meistens zu spät. Er wußte freilich
selbst, daß das dummes Gerede war, und fand es in diesem Augenblick doch
irgendwie sehr passend und fast weise. 17 Die Stille, die sich in der folgenden Zeit um
CULT legte, wurde nur ein einziges Mal kurz unterbrochen, als der Autor,
der mit der Abfassung der „Kino“-Texte für das Probeheft beauftragt worden
war, Schnürer anrief und freundlich, aber bestimmt fragte, wann denn mit
der Auszahlung der zugesagten Honorare zu rechnen sei. Schnürer verwies
ihn an Wegerich, der kurz darauf Schnürer anrief und fragte, was diese
Sache mit irgendwelchen Honoraren solle. Es seien, erklärte Schnürer,
Texte bestellt worden, und diese müßten nun bezahlt werden, wie dies selbstverständlich
und gängig sei. Wegerich sagte, es sei überhaupt nichts zugesagt worden,
ein Probeheft gebe es gar nicht, und niemand habe irgendwem ein Honorar
versprochen, zumindest nicht mit einer Autorisierung von seiner Seite.
Schnürer widersprach. Zwar habe er selbst mit keinem der Autoren einen
festen Betrag vereinbart, da er angenommen habe, dies falle in die Zuständigkeit
Wegerichs, jedoch sei es grundsätzlich völlig undenkbar, etwas zu bestellen
und dann nicht zu bezahlen, schon gar nicht, wenn man vorhabe, mit den
Autoren auch in Zukunft zusammenzuarbeiten. Er, sagte Wegerich, könne
es sich nicht leisten, sich die vage Möglichkeit einer eventuellen Zusammenarbeit
auf irgendeiner Ebene quasi
zu erkaufen, im übrigen sollten „die Leute“ doch auch einmal etwas Idealismus
an den Tag legen, schließlich gehe es um eine gute Sache. Schnürer sagte,
ihn gehe diese ganze Sache im Grunde gar nichts an, Wegerich möge sich
doch bitte selbst mit den Autoren auseinandersetzen und einigen. Dennoch rief er gleich danach
eine andere Autorin an, die er beauftragt hatte, und fragte sie, ob sie
in der Zwischenzeit eine Bezahlung erhalten habe. Sie erklärte ihm, sie
habe ein paarmal die Telephonnummer Wegerichs, die ihr Schnürer gegeben
hatte, angerufen, jedoch immer nur die Auskunft erhalten, es sei gerade
niemand da und sie möge es wieder versuchen. Sie habe dann beschlossen,
der geringfügige Betrag, der ihr zustehe, sei weiteren Aufwand nicht wert.
Man könne das ja mit zukünftigen Honoraren verrechnen, gegebenenfalls.
Sie fragte, wann es denn nun „losgehe“, und Schnürer sagte, er sei momentan
nicht wirklich sicher, ob überhaupt irgend etwas losgehen werde. 18 Im nachhinein wollte Schnürer scheinen, es habe
sich mit dem Ende des Sommers ein Nebel herabgesenkt, der sein ganzes
Leben in dichtes, sich verdunkelndes Grau hüllte. Wollte er einen Tag
als Beginn dieser Phase markieren, so wäre es jener im späten September
gewesen, von dem er gefunden hatte, es sei der wohl letzte in diesem Jahr,
an dem man zum Baden fahren könne. Zwar überzog sich der Himmel zusehends
mit großflächigen Wolkenteppichen, aber die Luft war warm. Schnürers Frau
lehnte eine gemeinsame Durchführung seines Vorhabens kategorisch ab und
betrachtete ihn dabei mit großen Augen, als wäre er wahnsinnig geworden.
Einen Moment lang war Schnürer versucht, eine Diskussion zu beginnen;
schließlich war sie es, die immer wieder betonte, daß sie von ihm erwarte,
gemeinsame Ausflüge zu organisieren (die indes, um ihren Charakter als
solche zu erlangen, an entfernten, hierfür nachgewiesenermaßen geeigneten
Orten stattfinden mußten, die man zunächst mit dem Auto zu erreichen hatte).
Aber der Tag war ihm zu wertvoll für eine fruchtlose Wiederholung vergangener
Streitereien in derselben Sache, die keinerlei Ergebnis gehabt hatten,
abgesehen von einem diffusen Grundgefühl schlechten Gewissens, das ihn
seither bei allem, was er tat, begleitete. So fuhr er alleine an einen
nahegelegenen Weiher, wo er der einzige Badegast war. Ins brackige, am
Ufer mit fauligem Laub bedeckte Wasser wagte er sich nur kurz, da sich
die nunmehr den ganzen Himmel bedeckenden und dunkel anschwellenden Wolken
einen leichten, doch spürbaren Wind zur Verstärkung der Ouvertüre ihres
Herbsttheaters herbeigeholt hatten. Schnürer lag auf einem Handtuch auf
dem Gras, unter dem der Boden klebrig feucht wirkte, las ein Buch, und
seine einzige Gesellschaft bildete eine Kommune von Gänsen, die mal in
diese, mal in jene Richtung an ihm vorbeimarschierten und sich zu wundern
schienen, warum der verfrühte Wintergast keine Anstalten machte, ihnen
Brot hinzuwerfen. Als es zu tröpfeln anfing, beschloß Schnürer, der Sommer
sei zu Ende, und radelte nach Hause, wobei er das unwohlig quellende Gefühl
hatte, nicht nach Hause, sondern anderswohin zu fahren. Seine Frau verbrachte die
meisten jener Abende mit einer Freundin, die er nur einmal kurz zu Gesicht
bekam, als beide angetrunken ins Haus marschierten, einen kichernden Bogen
durch das Zimmer vollführten, wo er vor dem Fernseher saß, und sodann
Arm in Arm wieder hinausstapften, um „weiterzuziehen“. Schnürer ging allein
zu Bett, wartete lange und schlief alleine ein. Spätnachts erwachte er
von einem entfernten Poltern, dann ertönte aus dem Wohnzimmer im Parterre
eine Endlosschleife eines Soulschlagers aus den sechziger Jahren (PP Arnolds
übertrieben pathetische Version von „The First Cut Is The Deepest“, was
in einem entlegenen Teil von Schnürers übermüdeter Gedankenlandschaft
eine absurde und fragmentarische Argumentationsübung bezüglich der Überlegenheit
von Rod Stewarts diskreterer Version des Liedes entfachte). Einige Zeit
zählte Schnürer die Zahl der Wiederholungen mit, dann schlief er wieder
ein. Er verlor weder am nächsten
Tag noch überhaupt ein Wort über die Episode. Der Zustand seiner Ehe war
für ihn eine Qual, er plagte sich in endlosen stummen (und manchmal sogar
annähernd hörbaren, jedoch von niemandem gehörten) Monologen mit dem Gefühl
der Nutzlosigkeit, des Nichtgewolltwerdens, der Überflüssigkeit, des sinnlosen,
unbeachteten Herumstehens, in das er sich dabei, statt nach einem Ausweg
zu suchen (der leicht zu finden gewesen wäre), maßlos hineinsteigerte,
bis es zur alles überwölbenden Grundstimmung seiner Lebensvorgänge wurde,
nur aufgebrochen in der gelegentlichen Gesellschaft anderer Menschen.
Ebensosehr, jedoch auf andere Weise, quälte ihn das – wie er trotzig zu
glauben entschlossen war – zolibatäre Dasein, von dem er zunächst angenommen
hatte, es werde sich ändern, wenn seine Frau sich in ihre noch relativ
neue Anstellung erst einmal „hineingearbeitet“ haben würde. Als sich der
einmal eingespielte Zustand dann jedoch verfestigt hatte und von seiner
Frau auch weiterhin nicht die erhofften Signale eines körperlichen Interesses
an Schnürer ausgingen (und auch nicht ausgehen konnten, was er zumindest
ahnen hätte können), übte er sich in einem Sichabfinden, warf fremden
Frauen auf der Straße und in der Trambahn sehnsüchtige Blicksignale der
Verlorenheit entgegen (die ohne Reaktion und Folgen blieben, schon weil
sie, ihrem Charakter entsprechend, viel zu vage waren) und ertappte sich
dabei, wie ihn ein fast jugendliches Aufbrausen spontaner Verliebtheit
mit heftigem Pulsschlag erfüllte, wenn er der hübschen Tochter aus dem
übernächsten Haus begegnete und sie ihn freundlich lächelnd grüßte; bisweilen
eilte er dann, sobald er die Haustür hinter sich geschlossen hatte, ans
Fenster im ersten Stock, um ihr nachzublicken, und manchmal starrte er
lange vergeblich hinüber in ihren Garten. Es schien vollkommen undenkbar,
das (vermutlich) etwa sechzehnjährige, schlanke und überhaupt nicht verträumt
oder schüchtern wirkende Mädchen mit den langen braunen Haaren in irgendeine
Form von Beziehung zu verwickeln, die abseits nachbarlicher Höflichkeit
lag, aber ihre bloße Nähe genügte, um Schnürer in Phantasietätigkeiten
zu verstricken, in denen gerade ihre vermeintliche Offenheit, die Unbekümmertheit
ihres (praktisch nicht vorhandenen) Umgangs mit ihm alles mögliche denkbar
erscheinen ließen. Es war ausgeschlossen, über
dies letztere mit seiner Frau (oder überhaupt irgend jemandem) zu sprechen;
hingegen wäre es, wie er wußte, dringend nötig gewesen, alles andere,
was in ihm vorging und sich zusammenbraute, zur Sprache zu bringen, aber
je länger sein Schweigen über seine Befindlichkeiten anhielt, desto unüberwindlicher
wurde es, und mehr noch als die lähmende Sprachlosigkeit fürchtete er
die gelegentlichen szenischen Ausbrüche, die unausweichlich aus entsprechenden
Gesprächsversuchen entstanden, welche daher auch immer von seiner Frau
ausgehen mußten. Ein paar Tage nach dem nächtlichen
Geschehen, das Schnürer als Eruption von diffuser Sentimentalität und
damit relativ richtig deutete, kam es zu einer – wie sich erweisen sollte
– letzten sexuellen Annäherung, die überraschenderweise von seiner Frau
initiiert wurde. Ohne dies, wie es sonst ihre Art war, vorher anzukündigen
(mit Worten wie „Sex machen“), berührte sie ihn nachts im Bett eindeutig
und brachte ihn mit ebenso eindeutigen Bewegungen dazu, sie ebenfalls
zu berühren. Es entwickelte sich eine gegenseitige manuelle Mechanik,
ein verbissenes Reiben und Rütteln, das auf Schnürer monoton und verzweifelt
wirkte und das er mit einem Teil seines Bewußtseins als unbetroffener
Beobachter verfolgte, wobei sich in dem Bereich, wo sich Teilnahme und
Beobachtung mischten, beim wirren Versuch einer verbalen Einordnung des
Geschehens in seinem Kopf die Wörter „Bitte aufhören!“ formten und dort
stehenblieben wie ein vergeblich blinkendes Signal. Da es ihm wie immer
nicht gelang, eine Verbindung von Gehirn und Körper herzustellen und aus
dem Gedanken ein Eingreifen entstehen zu lassen, führte er seinen Teil
der Szene zu Ende, ergoß sich pflichtschuldig ins Spannbettuch und sank
aus der folgenden, pulsierend dunklen Stille in einen unruhigen Schlaf. Auch über dieses Geschehen
wurde nicht gesprochen, denn der einzige Informationsaustausch am nächsten
Tag bestand darin, daß seine Frau ihm abends am Telephon mitteilte, sie
fahre noch kurz zu ihrer Freundin, und dann noch einmal anrief und sagte,
es werde später, sie komme irgendwann nachts. Er hörte sie nicht mehr
eintreffen, saß ihr am nächsten Morgen schweigend gegenüber, getrennt
durch einen Tisch und zwei Zeitungen, und dann war anderes zu besprechen,
als sie aufstand, um sich zu verabschieden, er sie im Sitzen flüchtig
umarmte und sie sagte, es müsse am nächsten Tag dringend über die Beziehung
geredet werden. Da rutschte ihm heraus, es gebe eine solche doch momentan
gar nicht, und da setzte sie, nachdem sie gesagt hatte, sie wisse nicht,
ob sie ihn noch „gern genug“ habe, sich wieder an den Tisch, und es begann
eine gute halbe Stunde, die Schnürer in den folgenden Wochen wie einen
Film immer wieder würde ablaufen lassen, zurückspulen, wieder abspielen,
einzelne Standbilder betrachten, um sich zu quälen. Sie brauche, sagte
seine Frau, Abstand, um „zu sich zu finden“. Diesen Standpunkt vertrat
sie (nach einem zwischenzeitlichen Anruf im Büro, sie sei krank), ebenso
stur wie vehement. Schnürers Vorwürfe, Zugeständnisse, sein Trotz und
sein Zorn prallten von der Wand der feststehenden Entscheidung zurück
wie der gelbschwarze Gummiball, den er als Kind an einsamen Nachmittagen
gegen eine Mauer getreten und sich dabei zum Fußballnationalspieler phantasiert
hatte. Nachdem alles gesagt und
nichts verstanden war, ging seine Frau wieder schlafen und schloß die
Tür. Mit zitternden Fingern und bebend vor wütender Verzweiflung tippte
Schnürer, statt seine Kolumne und die Veranstaltungsankündigungen für
Wegerichs Reklameheft zu verfassen, in die Tastatur, was er zu fühlen
glaubte: Er fühle sich unnütz, nichtig, wertlos, weggeworfen. Als er,
nachdem ihm die Worte ausgegangen waren, unter Tränen las, was da stand,
standen da nur Kreise, Spiralen, die sich ineinander ringelten, einander
umkreisten und auf einen Anfang und ein Ende hinausliefen, das er nicht
erkennen konnte. Er öffnete die Tür zum Schlafzimmer,
setzte sich neben seine Frau an den Bettrand, betrachtete sie, betrachtete
ein gerahmtes Bild, das am Boden an der Wand lehnte; sie hatte es vor
einiger Zeit achtlos irgendwo gekauft und nicht aufgehängt. Sie schlief,
er verließ das Zimmer und das Haus. Fuhr mit dem Fahrrad unter dem anbrechenden
Oktoberabend herum, fand nichts, was ihn festhielt, aß in einer Studentenkneipe
etwas, fuhr dann zu der bereits vor längerer Zeit vereinbarten Geburtstagsfeier
eines Freundes in einer Kneipe in der Isarvorstadt, wo er das Nichterscheinen
seiner Frau (die von seinen dort anwesenden Freunden und Bekannten kaum
einer je gesehen hatte) mit „Unwohlsein“ entschuldigte und sich darauf
konzentrierte, so viel Bier wie möglich zu trinken und so alleinstehend
und frei wie möglich zu wirken. Ihm gegenüber saß eine blonde Frau, in
die er während seines Studiums ein paar Tage lang anflugweise verliebt
gewesen war (auch da war sie ihm gegenübergesessen, ein Semesterseminar
lang jeden Freitagvormittag für eineinhalb Stunden, und hatte ihre nackten
Beine unter einem meist weißen Kleid hervorgestreckt), aber seine Versuche,
Flirtvorgänge zu simulieren, scheiterten daran, daß er inzwischen zu betrunken
war, um irgend etwas zu simulieren. Er lachte, um nicht zu weinen, und
starrte in das entsetzt flackernde Gesicht eines verspätet eingetroffenen
Bekannten, den er keiner Phase und Abteilung seines Lebens zuordnen konnte. Als er zum Haus zurückkehrte,
war er so vollständig betrunken, daß er bei dem Versuch, sein Fahrrad
abzustellen, über dieses stolperte und sich in einer seiner Situation
angemessen unwürdigen Lage im Zaun verfing. Er schlich die Treppe nach
oben, wo er in seinem Arbeitszimmer das Gästebett ausklappte, sich wie
ein Gast fühlte und nach einem vergeblichen Versuch, die Buchstaben auf
einer Buchseite zu erkennen, schlief wie ein bemooster Stein unter einem
Wasserfall. Es ließe sich manches erzählen
von den folgenden drei Tagen, an denen seine Frau „für einige Zeit“ zu
ihrer Freundin zog, Schnürer wie besessen vermeintliche Gefühlsdestillate
in seine Tastatur tippte, abends vor dem Fernseher saß, Wein trank, imaginäre
Telephone läuten hörte und sich in die Vorstellung hineinsteigerte, er
müsse unvermutet plötzlich sterben und werde erst nach Monaten gefunden
werden: mumifiziert auf dem Sofa liegend neben einer leeren Flasche und
einer Chipstüte, vor dem immer noch laufenden Fernseher. Doch hilft uns
das nicht weiter, weil es ein uraltes Spiel war, das er spielte (und gegen
sich selbst zu verlieren schien). Am letzten Tag des Oktobers rief er
Vennemann an (wohl auch weil er Neitzls Sarkasmus und noch mehr seinen
scharfen Realitätssinn fürchtete), verabredete sich mit ihm in einer Kneipe
in Obergiesing (derselben, in der er Vennemann knapp zwei Jahre zuvor
kennengelernt hatte, an jenem mittlerweile zerstobenen Stammtisch) und
sprudelte dort am Tresen nach einigem weitgehend belanglosen Geplänkel
über CULT die ganze Geschichte seiner Ehe heraus, zögernd zuerst, weil
Vennemann mit staunendem Entsetzen reagierte, dann immer eifriger, und
fühlte sich endlich (als er wiederum betrunken war) befreit und ausgeglichen,
als hätte er sich selbst und die Welt nun verstanden und könnte sich mit
frischem Mut daranmachen, beide zu synchronisieren. Es hülfe nicht viel, dies
alles detailliert darzulegen, denn auch hierbei handelte es sich um Kreise
und Spiralen. Erneut versank er in Selbstmitleid, bekämpfte es mit Trotz,
den er für Stolz hielt und unaufgefordert über Bord warf, als seine Frau
anrief, um sich mit ihm zum Essen zu verabreden, wo sie sich dann geduldig
und mit wenig Mitleid seine Schwüre, Vorsätze und Phantasiegebilde von
einer gemeinsamen Zukunft anhörte, um am Ende immerhin zu konzedieren,
man könne ja weitersehen, nachdem man eine Zeitlang getrennt gelebt habe,
was keine Konzession war, sondern eine lediglich leicht variierte Wiederholung
und Bekräftigung ihres Anspruchs auf Abstand, mit dem die Sache begonnen
hatte. Es dauerte fast drei Wochen,
bis Schnürer nach einer erneuten (und noch viel weniger erfreulichen)
Begegnung mit dem Zweck der „Wiederannäherung“ spätabends alleine in der
Kneipe saß, wo er sich zuvor auf dessen Wunsch mit Vennemann „zum Ratschen“
getroffen hatte, und nach dem dritten Bier (Vennemann, der jetzt gleich
um die Ecke wohnte, hatte sich aufgrund schwerer Müdigkeit – unausgesprochen
wohl auch wegen der Unlust, einem schweigend sinnierenden Schnürer gegenüberzusitzen
– bald wieder verabschiedet) unvermittelt begann, eine Liste mit allen
„schlechten Eigenschaften“ seiner Frau, die ihm einfielen, aufzustellen.
Er schrieb so, wie er an den Tagen zuvor getippt hatte, und endlich, nach
vielen neuen Kreisen und Spiralen in einem Feld, das sich zwischen den
Wörtern „aggressiv“, „selbstgerecht“, „gehässig“, „überheblich“ und „lieblos“
auftat, stand unter der gedruckten Überschrift „Notizen“ in seinem Taschenkalender: „Einen Menschen, den man
will, nimmt man sich, wie einen Automaten, stellt ihn sich in die Wohnung,
und wenn nicht das herauskommt, was man will, läßt man ihn wieder entfernen.“ Schnürer las diesen Satz
mehrmals, beschloß, ihn sich zu merken, lächelte so merkwürdig, daß eine
Frau, die am anderen Ende der Kneipe allein am Tisch saß und sporadisch
in ein Buch hineinschrieb, als sie zufällig seinen Blick fing, ebenfalls
lächeln mußte. Und dann beschloß er, in das kleine, von den „Untermietern“
nicht genutzte, aber auch nicht leerstehende, sondern mit seinen seit
Jahren nicht abgeholten Sachen vollgestellte Zimmer in seiner alten Wohnung
zu ziehen. 19 Es waren unterdessen einige andere Dinge passiert.
Vennemann hatte seine Wohngemeinschaft mit einem alten Freund aufgegeben
und war mit Hilfe von Neitzl, Schnürer und einigen anderen Helfern in
die bereits erwähnte neue Wohnung gezogen, wobei Neitzl sich größtenteils
darauf kapriziert hatte, die Reihenfolge zu organisieren, in der Kisten
und Möbelstücke von den anderen nach unten und in der neuen Wohnung wieder
nach oben getragen wurden, was alle Beteiligten ebenso erheitert hatte
wie seine wiederholte Bemerkung, es gebe „hier ja nicht einmal ein anständiges
Bier“ und was das darum für ein Umzug sei. Neitzl wiederum hatte bei Wegerich
seinen neuen Job als CULT-Beauftragter angetreten, der vorläufig im wesentlichen
darin bestand, daß er sich Visitenkarten drucken hatte lassen, die er
nun mit ironischen Bemerkungen („Wenn mal jemand einen Projektkoordinator
braucht, man weiß ja nie“) im Freundeskreis verteilte, und sich ansonsten
um Belange kümmerte, die mit einem eventuellen Kulturmagazin nichts zu
tun hatten. Wegerich hatte bei einem der sporadischen Treffen wegen CULT
Schnürer gegenüber anklingen lassen, daß er Probleme in seiner Beziehung
habe, vorsichtige, aus gegebenem Anlaß jedoch spürbar empathische Nachfragen
sofort abgewehrt und diesbezügliche Gespräche auf ein „privates Treffen“
verschoben (vorzugsweise ein Housewarming in Vennemanns neuer „Bude“),
das dann nicht zustande kam, weil Schnürer offensichtlich manifestere
Probleme derselben Art hatte. Gegen Ende November, als
sich Neitzl, wie er sagte, „einigermaßen eingearbeitet“ hatte, lud er
Schnürer und Vennemann zu einem konzeptionellen Treffen in Wegerichs
Büro. Man wolle, sagte dieser, „ein paar Ideen in die Luft werfen“. Schnürer
sagte, er wisse nicht recht, was er da werfen solle, wo doch das Probeheft
immer noch nicht vorliege. Er möge doch, sagte Wegerich, immerhin schon
mal die Bildunterschriften fertigstellen, die man dann ja „ins Layout
einpassen“ könne. Mit der Empfindung, zugleich anwesend und doch abwesend
zu sein, schrieb Schnürer unter die alten Bilder zu alten, unvollständigen
Texten ein paar Namen und Bemerkungen und hörte mit halbem Ohr zu, wie
Wegerich derweil Neitzl und Vennemann ein weiteres Mal erklärte, es sei
aussichtsreich, das Magazinkonzept weiterzuvermitteln, an Träger
in anderen Städten: Veranstaltungsagenturen wie die, für das er das EVENT-Magazin
herausgab. Mehrmals hörte Schnürer das Wort Betreibermodell, einige
Male auch aus Neitzls Mund. Das habe doch mit einem Kulturmagazin nichts
mehr zu tun, sagte Vennemann verwundert, und Wegerich entgegnete, das
habe es im Grunde sehr wohl, man müsse nur ein bißchen umdenken.
Er sehe da Möglichkeiten. In der Gewißheit, daß er
aufgrund der Trennung von seiner Frau erhöhte Nachsicht genoß, hielt sich
Schnürer aus der müden Diskussion heraus und verabschiedete sich, während
die anderen noch redeten. Um seinen Zustand zu genießen, setzte er sich
in ein fast leeres bürgerliches Lokal gegenüber dem nahegelegenen Ostbahnhof
und hörte, während es draußen dämmerte und er aß, der Unterhaltung des
Schankkellners mit dem einzigen außer ihm anwesenden Menschen zu, einem
offensichtlichen Stammgast, dessen Alter er auf Mitte fünfzig schätzte
und der erklärte, er trinke nun schon seit drei Wochen kein Bier mehr
– obwohl er „organisch gesehen“ durchaus Bier trinken dürfe – und werde
„sein Gewicht“ trotzdem nicht los, was mutmaßlich an der zuckerigen Limonade
liege. Das Gespräch endete, indem der Mann ein Bier bestellte, und Schnürer
hatte das Gefühl, etwas verstanden zu haben, was er nicht verstand. 20 Er zog in sein Zimmer, er traf Menschen, er verabredete
sich mit seiner Frau an einem Samstagvormittag vor einer Filiale einer
Buchhandelskette und ging, nachdem er eine Stunde lang in der vorweihnachtlichen
Kälte gewartet hatte, wieder nach Hause, in der sicheren (und kurz darauf
per Telephon bestätigten) Gewißheit, daß sie vor der am anderen Ende der
Innenstadt gelegenen zweiten Filiale derselben Kette gewartet hatte. Er
fand das typisch und irgendwie lustig, und während er zu Fuß die Leopoldstraße
entlangging, dachte er, daß er tatsächlich nach Hause gehe. Und weil er
es dort aber nicht lange aushielt inmitten des Wesens und Wirbelns seiner
zwei „Untermieter“ – deren Leben daraus bestand, daß sie und zwei bis
vier Freundinnen und Freunde tagelang in verdunkelten Zimmern vor gleichzeitig
laufenden Fernsehern saßen, zwischendurch stückweise die Belegschaft wechselten
und kleine Mahlzeiten und Getränkerunden in die verdunkelten Zimmer trugen,
dann wiederum in einem sporadischen Aufwallen von euphorischer Lebensbegeisterung
umfassende Abendplanungen vornahmen, sich in ekstatischen Kollektivsitzungen
vor Spiegel und Kleiderschrank zurechtmachten und kichernd das Haus verließen,
um ein paar Stunden später zu berichten, sie hätten bei keinem einzigen
Türsteher Gnade gefunden, und sich wieder in die nun natürlicherweise
verdunkelten Zimmer zurückzuziehen, wo für den Rest der Nacht die Fernseher
liefen –, – weil Schnürer diese nervtötende Verkettung und Wiederholung
von Vorgängen nicht lange aushielt, verbrachte er mehr Zeit außerhalb
der Wohnung als drinnen, wo er, da sein Zimmer nun noch zusätzlich mit
dem mobilen Anteil seiner Lebensparaphernalien der letzten zwei Jahre
vollgestellt war, außer der gemeinsamen Küche sowieso keinen Raum hatte,
um sich aufzuhalten. Während des Telephonats
wegen der verpaßten Verabredung vor der Buchhandlung hatte seine Frau
ihn gefragt, ob er an der Geburtstagsfeier ihrer Mutter teilnehmen wolle,
die am selben Abend „im kleinen Kreis“ in einem noblen Restaurant am südlichen
Stadtrand stattfinde. Schnürer reagierte unsicher: Ob ihr etwas daran
liege? Ihre Antwort war absehbar: Es sei entscheidend, ob ihm etwas daran
liege, da sie nicht „alles in die Hand nehmen“ könne. Zudem sei die Frage,
ob er und sie, vor allem aber er sich „freundlich benehmen“ könnten (gemeint
war: nicht so wie bei dem letzten „Wiederannäherungstreffen“, bei dem
er eine, wie er fand, notwendige und gerechtfertigte Distanzhaltung eingenommen
hatte). Schnürer sagte, dies liege nicht an ihm, und erklärte sich bereit,
mitzugehen (auch weil er vermutete, daß ihre Eltern über die Trennung
noch nicht umfänglich informiert waren). Als er vor dem Vorstadthaus
stand, war er einen Moment lang versucht, die Tür aufzuschließen, drückte
dann aber doch auf die Klingel und ließ sich von seiner Frau öffnen, die
ihn mit einer Tasse Tee in der Hand förmlich begrüßte. Er fühle sich sehr
zu Hause, dachte er, und zugleich sehr fremd. Er überlegte, ob er den
Satz aussprechen sollte, ließ es dann aber und fragte, wie es ihr gehe.
Gut, sagte sie, sie komme gerade erst von der Arbeit. Schnürer fiel auf,
daß sie sich nicht berührten, daß weder er noch sie auch nur den Versuch
einer Berührung unternahm. Zwei Körper, dachte er, die Kreise ziehen;
zeichnete man diese Kreise nach, ergäbe sich ein schönes verschlungenes
Schlangenmuster. Das Restaurant pflegte,
wie das Schild am Eingang mitteilte, „oberösterreichische Küche“. Eltern,
Bruder und Schwägerin seiner Frau saßen bereits am Tisch, zerkrümelten
Brot und redeten sporadisch durcheinander. Worum es ging, bekam Schnürer
nicht richtig mit, weil er beim Studium der Speisekarte auf eine Kombination
von Gemse und Wildschwein gestoßen war und lange darüber nachdachte, bis
er das Gericht bestellte – seit dem Auszug aus dem Haus seiner Frau hatte
er kein Fleisch mehr gegessen, auch weil die Zeitungen voll waren mit
Meldungen über eine Rinderseuche, die auf den Menschen übertragbar war,
zu einem grauenvollen Tod in zuckender Umnachtung führte und sich allen
Abwiegelungen zum Trotz neuerdings auch in Deutschland und insbesondere
in Bayern verbreitete, vor allem aber weil er eigentlich seit vielen Jahren
so gut wie kein Fleisch verzehrt und erst in den letzten Monaten mit seiner
Frau damit wieder angefangen und den Konsum derart gesteigert hatte, daß
er im nachhinein darüber entsetzt war und eine geheimnisvolle Korrelation
vermutete. Daß er die seltsame Mischung aus zweierlei Tieren nun doch
bestellte, geschah aus einer ebenso geheimnisvollen Trotzreaktion heraus,
über die er beim Essen sinnierte und so dem Tischgespräch erst folgen
konnte, als sein Teller vollständig geleert war und er sich mit einem
annähernd unangenehmen Völlegefühl zurücklehnte. Die Schwägerin seiner Frau,
stellte er fest, war soeben (und möglicherweise schon seit einiger Zeit)
dabei, von Autorennen zu schwärmen. Die Formel eins, sagte sie, sei ihre
bevorzugte Sportart, die sie leider nicht selbst ausüben könne, aber um
so lieber im Fernsehen verfolge. Schnürer wandte beiläufig ein, er bevorzuge
Fußball, weil ihm jede Form von bloßem Rennen zuwenig Spiel und zuviel
purer Wettbewerb sei. Er ziehe grundsätzlich Sportarten vor, bei denen
die Beteiligten mehr interagierten. Eben dies, nämlich die Interaktion,
schaltete sich seine Frau ein, sei doch die Grundlage der Idee des Autorennens.
Da sei er anderer Meinung, sagte Schnürer. Die Schwägerin, offensichtlich
erstaunt über die plötzliche Schärfe und Kälte, machte große Augen und
schwieg. Interaktion, sagte Schnürers Frau (und blickte dabei ihre Mutter
an), bedeute schließlich, daß man … Bei einem Autorennen und ähnlichem,
sagte Schnürer (der seinen Teller anstarrte und sich bewußt war, daß er
nur teilweise recht hatte), gehe es nicht darum, etwas miteinander zu
tun, sondern man handle und kämpfe gegeneinander. Das, sagte seine Frau,
sei dasselbe. Da irre sie sich grundsätzlich, sagte Schnürer. Mit ihm
könne man halt einfach nicht reden, sagte sie. Es ist ihr vollkommen egal,
was ich sagen will, dachte Schnürer, es geht nur darum, daß meine Begriffswahl
möglicherweise nicht ganz präzise war. Sein noch amtierender Schwiegervater
zerriß das eingetretene Schweigen, indem er fragte, wer einen Schnaps
wolle. Schnürer trank den doppelten Obstler in einem Zug und spürte, wie
sich in seinem Kopf eine Art Lostrommel in Bewegung setzte und in kurzen
Abständen Kugeln ausspuckte, auf denen immer dieselben vier Wörter standen:
aggressiv, gehässig, selbstgerecht, überheblich. Unduldsam und desinteressiert,
dachte er dazu, fühlte eine Leerstelle („lieblos“ hatte sich verabschiedet,
weil es anderweitig mehr benötigt wurde) und befleißigte sich für den
Rest des Abends eines demonstrativen Schweigens. Nach der Verabschiedung
(ihre Mutter hatte ihm ein frohes Weihnachtsfest gewünscht, was Schnürer
klarmachte, daß sie doch Bescheid wußte, und ihn die erbärmliche Charade
sofort und inständig bereuen ließ) stieg er zu seiner Frau ins Auto; während
der Fahrt fiel kein Wort. Erst als sie die Wohnung betreten hatten (zusammen,
aber nicht gemeinsam, dachte Schnürer, der noch ein paar Taschen mit Büchern
und anderem Kram mitnehmen wollte), sagte sie (beim Aufhängen ihrer Jacke,
scheinbar sprach sie mit dem Garderobengestell): „Wir könnten ja wieder
mal was machen.“ Schnürer entgegnete etwas kühler als beabsichtigt, sie
könne sich melden, wenn ihr etwas einfalle. Er könne sich auch melden,
wenn ihm etwas einfalle, sagte sie, woraufhin Schnürer (nun absichtlich
kühl) sagte, es sei wohl klar, daß ihr etwas einfallen müsse (schließlich,
fügte er in Gedanken hinzu, bin ich aus unserer Wohnung und unserem Leben
nicht freiwillig ausgezogen). Das, sagte sie, könne sie nicht: daß alles
immer von ihr ausgehen müsse. Schnürer schüttelte den Kopf, verabschiedete
sich knapp, radelte zurück nach Schwabing und ließ sich in einer Kneipe
an der Ecke (deren Wirt er lange genug kannte, um gelegentliche gehässige
Kurzwitze über das weibliche Geschlecht mit ihm austauschen zu können)
vollaufen, blätterte lustlos in einem spanischen Roman, dessen Klappentext
mit dem Lob der „grandiosen Fabulierlust“ des Autors ihn eigentlich schon
beim Kauf des Buchs abgestoßen hatte, und wechselte fröhlich gemeinte
Blicke mit der wechselnden weiblichen Tresenbesatzung, schleppte sich
schließlich ins Bett, wo er daran dachte, nur zum Zweck sexueller Entspannung
eine alte Freundin anzurufen. Neitzl war ihr vor kurzem begegnet und hatte
berichtet, sie habe „recht alt ausgesehen“. Das, dachte Schnürer, ehe
er einschlief, ist in der Dunkelheit egal. 21 Er verbrachte einen ganzen Abend in einem Lokal,
in das er eigentlich nur kurz hineinschauen hatte wollen, mit einer ehemaligen
Kollegin, die er dort traf und die ihm ihre weitgehend auf (Schnürer vermutete:
an dem unergründlichen Erfolgswillen, den sie auch dann noch ausstrahlte,
wenn das hauptsächlich von ihr geführte Gespräch sekundenweise erlahmte)
gescheiterten Beziehungen beruhende Lebensgeschichte erzählte. Am Ende
begleitete sie ihn nach Hause, hängte sich an seinen Arm und sagte „Lieb
mich, lieb mich, du Schuft!“, um im nächsten Moment kichernd einen Meter
weit von ihm wegzuspringen und kichernd neben ihm her zu tänzeln. Er solle
sich überlegen, was er machen wolle, sagte sie am Ende, vor seiner Haustür;
gemeint war eine gemeinsame Unternehmung, und dann kicherte sie wieder,
leiser, und gab ihm einen spitzen, trockenen Kuß, der nicht recht gelingen
wollte, und da spürte Schnürer, daß er gar nichts unternehmen wollte,
und dachte, er sei nicht mehr fünfundzwanzig. Der Gedanke verflog indes
bald wieder, wie ein leichter Schnupfen im Herbst. Er traf Freunde, Bekannte,
plauderte und philosophierte, saß lesend in Kneipen, unterhielt sich mit
Fremden, ging mit ehemaligen Freundinnen ins Kino, schaffte sich ein Mobiltelephon
an und widmete sich der neuen Technik der „SMS“-Kommunikation, umarmte
Menschen, lachte und kicherte, flirtete, trank ohne Rück- und Vorsicht,
taumelte nächtliche Straßen entlang und wurde das eigentümliche Gefühl
nicht los, sich ohne seine Frau und ohne CULT im Grunde sehr wohlzufühlen. 22 Es war ja aber keines von beiden vorbei. Seine
Frau sah Schnürer sozusagen indirekt, denn nach wie vor besaß er einen
Schlüssel zu ihrer Wohnung, wo ein großer Teil seiner Gegenstände nach
wie vor lagerte, die er etappenweise nach Schwabing zurückspedierte, so
wie er sie zwei Jahre zuvor hinspediert hatte: in Tüten am Fahrradlenker
und in der Trambahn, und wo er, da seine Frau oft auf Reisen war, für
den Unterhalt der Katzen zu sorgen hatte. Seine Frau sah er dort in
Form von Indizien ihrer Lebensvorgänge, die eine zwiespältige Art von
Sterilität aufwiesen: In der Küche stand seit Wochen nichts, was auf menschliche
Anwesenheit schließen ließ, außer einer Plastikschüssel mit verschimmelten
Nudelresten im Kühlschrank, die Schnürer noch selbst zubereitet hatte,
zu einer Zeit, die ihm nun unendlich weit entfernt schien. Auch ansonsten
war wenig zu finden, was über die Sammelbeschreibung „unpersönliches Chaos“
hinausgeragt hätte, und es kam Schnürer in höchstem Maße unwirklich vor,
daß hier bis vor kurzem seine Existenz stattgefunden haben sollte, daß
er sie als gemeinsames Leben empfunden hatte mit einem ihm jetzt fremden
Menschen, den er für sein leeres Leben in einem leeren Haus bemitleidete
und nach dem er in solchen Momenten manchmal eine diffuse Sehnsucht empfand,
von der er doch wußte (und sich selbst erleichtert gestand), daß sie nur
der Erinnerung galt, der Erinnerung an etwas, was nur in seiner Phantasie
oder eben in der Erinnerung stattgefunden hatte – den Unterschied zwischen
beidem zu erkennen und als Richtlinie zu akzeptieren (so wie ein Spaziergänger
vielleicht den Wunsch verspürt, sicherlich aber nicht ernsthaft den Versuch
unternehmen wird, Straßen entlangzugehen, die es nicht mehr gibt) war
ihm schon immer schwergefallen. An CULT dachte er weniger,
zumindest nicht aus eigenem Antrieb. Wegerichs Gedankengänge bezüglich
Betreibermodellen vermochten ihn nicht recht zu interessieren.
Neitzls gelegentliche Animationsversuche widersprachen sich selbst, indem
er sie in einem lustlosen Ton vorbrachte, der seinen üblichen Hang zum
Seufzen noch überstieg, und selten ohne den Kommentar stehenließ, dies
alles habe im Grunde wenig Zweck und Sinn. Zwar kannte Schnürer Neitzl
gut genug, um zu wissen, daß dieser fast alles, was es gab, unter einem
solchen Gesichtspunkt betrachtete, doch kam ihm in diesem Fall die Einstellung
des Freundes sehr entgegen. Er hatte ja auch anderes
zu tun: Der neue Chefredakteur von Wegerichs Programmheft überschüttete
ihn mit Themen – meist kurzfristig anberaumten Veranstaltungen,
für die innerhalb entsprechend kurzer Zeit Ankündigungen zu verfassen
waren –, außerdem hatte er sich bereiterklärt, für den ehemaligen Auftragnehmer
der Musikzeitschrift (die ihrerseits mittlerweile von dem neugegründeten
Verlag in Köln herausgegeben wurde) an der Gestaltung eines Internetauftritts
mitzuarbeiten, der die „kritische Tradition“ der alten Redaktion auf einer
neuen Plattform fortsetzen sollte. Und da er sich jetzt endlich
als freier Autor begreifen durfte, hatte er den Sommer über jeder Redaktion,
in der er jemanden auch nur flüchtigst kannte, seine Mitarbeit angeboten,
so daß in seinem Kalender kaum ein Tag ohne Eintragung eines Abgabetermins
geblieben war. Wenn er von seinen neuen Auftraggebern gelegentlich gefragt
wurde, was eigentlich aus dem kühnen Vorhaben mit dem Kulturmagazin geworden
sei, beschränkte er seine Auskünfte auf leicht verschämte Andeutungen:
Die Sache „schmore“ noch, sei noch nicht „reif“, werde irgendwann „wieder
aufgegriffen“. Nur selten ließ er sich dazu hinreißen, offener Auskunft
zu geben und etwa mitzuteilen, es laufe da nicht alles so, wie „man“ oder
er es sich ursprünglich vorgestellt habe, es gebe eben die bekannten Fallgruben
und Irrwege des Geschäfts, denen man nur mit großem Mut ausweichen könne,
und er sei nicht ganz sicher, ob wirklich alle an dem Projekt Beteiligten
diesen Mut aufbrächten. 23 Um so überraschter war Schnürer, als ihn kurz
nach Beginn des neuen Jahres (mit dem nun endlich und fast unbemerkt tatsächlich
ein neues Jahrtausend anbrach) Wegerich anrief und um ein nachmittägliches
Treffen in einem Schwabinger Café bat. Weniger erstaunt registrierte er,
daß Wegerich sich ohne Umschweife Weißwein bestellte (es begann gerade
erst zu dämmern). „Es“, erklärte Wegerich, über den Tisch gebeugt und
sich zaghaft an seinem Glas festhaltend, gehe nun los. Er habe sich mit
Michalski, dem Herausgeber der seit den späten sechziger Jahren erscheinenden
und vor sich hin kümmernden „Münchner Konzert-, Kunst- und Kinozeitung
(KKK)“, geeinigt, das nicht mehr marktfähige Heft nach dem CULT-Konzept
umzugestalten und ab Juni unter dem neuen Titel erscheinen zu lassen.
Dies könne ein mögliches Pilotprojekt
für das einst geplante bundesweite Magazin werden, ihn interessiere aber
auch das Objekt „an sich“. Er zähle darauf, daß
er, Schnürer, weiterhin dabei sei. Schnürer, obgleich er spürte,
wie seine frühere Begeisterung für das Projekt in einer warmen Welle wieder
auflebte und in ihm pulsierte, reagierte zurückhaltend, auch weil er sich
an Wegerichs herablassende Worte über jenen Herausgeber, mit dem er sich
nun offenbar zusammentun wollte, erinnerte: Der sei grundsätzlich, in
vollem Umfang und in jeder Hinsicht unfähig, geschäftsuntauglich, und
bekomme dies seit längerem auch zu spüren, indem ihm seine ohnehin nicht
nennenswerte Leserschaft wegbreche und zudem die Firma, die ihn
wie eine Reihe anderer Stadtzeitungen im ganzen Land mit Anzeigen versorge,
ihm die Pistole auf die Brust gesetzt habe – man wolle dort nicht mehr
länger zusehen, wie Michalski sein Medium in den Graben reite. Zwar, sagte Schnürer, sei
das Konzept für CULT weitgehend fertiggedacht und -gestellt sowie seiner
Meinung nach auch praktikabel
und tragfähig, doch sei er skeptisch, was die
schnelle Umsetzbarkeit angehe, zumal in Verbindung mit der Logistik
des alten Magazins. Wegerich reagierte auf diese Anspielung mit einer
kurzen Pause, sagte dann, er mache sich da weniger Sorgen, schließlich
habe er mit ihm, Schnürer, ein überzeugendes Konzept erarbeitet und wisse
um seine, Schnürers, Fähigkeiten. Schnürer beharrte auf dem Argument,
die Zeit sei zu knapp bemessen, und wurde sich dabei des Hintergedankens
bewußt, daß er keine große Lust verspürte, auf die Lokomotive eines losfahrenden
Zugs aufzuspringen, von dem erwartet wird, daß er pünktlich an einem Bahnhof
anlangt, dessen genaue Lage niemand kennt und der mit einiger Wahrscheinlichkeit
zu einem wenig erstrebenswerten Ort gehört. Man müsse in dem geplanten
Fall, sagte er, allerspätestens im März ein taugliches Probeheft vorlegen,
für welches man wiederum eine Redaktion und einen Stamm von Autoren, Photographen
und anderen Mitarbeitern brauche, die es noch nicht einmal in Ansätzen
gebe, was auch damit zu tun habe, daß einige Verfasser von Artikeln für
das im Herbst nicht wirklich fertiggestellte Probeheft nicht mehr zur
Verfügung stehen würden, weil es da gewisse Unklarheiten mit der Bezahlung
gegeben habe. Wiederum reagierte Wegerich
ausweichend: Das werde sich alles klären lassen, wenn man sich zunächst
einmal grundsätzlich einig sei, daß man die Sache „stemmen“ wolle. Das
stelle er sich leichter vor, als es sei, sagte Schnürer, der spürte, daß
er sich in Wegerichs Dynamik hineinziehen ließ oder zumindest dabei war,
den Eindruck zu erwecken, er lasse sich hineinziehen. Er rückte das Buch,
das er für den Fall einer Verspätung Wegerichs mitgebracht hatte, auf
dem Tisch zurecht (Charles Fouriers „Pamphlet gegen das goldene Kalb der
Händler“), um Wegerich symbolisch zu verstehen zu geben, daß er für die
Herstellung eines simplen Produkts unter ausschließlich betriebswirtschaftlichen
Rahmenbedingungen nicht zur Verfügung stehe. Wegerich warf nebenhin
einen Blick auf das Buch, ließ sich nichts anmerken und konzedierte aber
immerhin, das Heft müsse zwar eigentlich vor Juli erstmals erscheinen,
da die Finanzierung sehr „auf Kante genäht“ sei, andererseits sei diese
Finanzierung jedoch in jedem Fall für zwei Jahre absolut und krisenfest
sichergestellt, so daß man, falls sich erweisen sollte, daß ein
Magazin von der angestrebten Qualität einen längeren Vorlauf benötige,
den Zeitpunkt des Ersterscheinens unter Umständen noch einmal verschieben
könne. Schnürer überlegte, ohne
benennen zu können, über was er nachdachte. Wegerich wiederholte noch
einmal, für wie fähig er ihn halte und wie dringend er ihn brauche, um,
wie er sagte, „den lahmen Laden in Schwung zu bringen“ und das Konzept,
das er doch schließlich selbst erarbeitet habe, überzeugend umzusetzen.
Schnürer sagte, man könne es ja einmal versuchen. Er werde sich in den
nächsten Tagen mit Autoren in Verbindung setzen und versuchen, sie für
eine Mitarbeit zu gewinnen. Man müsse sich jedoch und ebenfalls sehr bald
mit Vennemann und Neitzl zusammensetzen, um die Redaktionsarbeit zu strukturieren.
Wegerich lehnte sich zufrieden zurück und bestellte noch einen Wein, den
er in zwei Schlucken hinunterstürzte, um sofort ein weiteres Glas zu bestellen.
Nach einer erschöpften Pause sagte er, man müsse nun langsam auch mal
über Geld reden. Schließlich habe Schnürer eine ganze Menge Vorleistungen
erbracht, die irgendwann honoriert werden müßten. Wegerich wußte, daß Schnürer
in diesem Punkt sehr unsicher war. Oft genug hatte dieser ihm berichtet,
er sehe und fühle sich, da er weder auf ein diesbezügliches Studium noch
eine sonstwie geregelte und fundierte Ausbildung als Journalist zurückblicken
und -greifen könne, in diesem Geschäft als Dilettant, dem es äußerst schwerfalle,
den Gegenwert der eigenen Arbeit einzuschätzen. Darüber, sagte Schnürer
jetzt, rede man besser, wenn sich absehen lasse, wie umfangreich die weitere
Arbeit am Konzept, der Struktur und ihrer Umsetzung werde. Er, sagte Wegerich,
sehe Schnürer durchaus weiterhin in einer leitenden Position als Redakteur.
Dies, sagte Schnürer, könne er höchstens für eine Anfangsphase sein, weil
er auf jeden Fall freier Autor bleiben wolle und sich schon aufgrund seiner
sonstigen Tätigkeiten nicht an ein einzelnes Projekt binden könne. Er
werde in den nächsten Wochen prüfen, was noch zu tun sei und was davon
er selber zu tun in der Lage sei, dann sehe man weiter, und dann werde
es möglich sein, sich über ein Gesamthonorar zu einigen. Als Autor werde
er, falls sich für ihn ein Platz finden lasse, jedoch auch weiterhin gerne
zur Verfügung stehen. Davon, sagte Wegerich, gehe er aus, schließlich
müsse das Heft journalistisch über Vergleichbares hinausragen, und dafür
brauche er ihn. Er werde, sagte Wegerich, auf die Frage der Bezahlung
zurückkommen, wenn alles „stehe“, was ja bei einem Erscheinungstermin
Ende Juni spätestens Ende April der Fall sein werde. Oder, fügte Schnürer
hinzu, eben später, falls sich herausstelle, daß die Sache so schnell
doch nicht verwirklicht werden könne. Wegerich schwieg, lächelte ein bißchen,
trank seinen Wein aus und verabschiedete sich. 24 Die KKK-Redaktion war in den letzten Jahren mehrmals
umgezogen und nahm nun einen Flügel der ersten Etage eines Verwaltungsgebäudes
des ehemaligen Schlachthofs ein (womit also – wie Schnürer dachte und
worauf er sich aber keinen witzigen oder aufschlußreichen Reim zu machen
imstande war – Wegerichs tägliches Leben zwischen zwei zu wenig friedvollen
Zwecken errichteten Bauwerken hin- und herpendelte). Deren Funktionsweise
hatte sich in den Räumlichkeiten niedergeschlagen: Der Gang war ungewöhnlich
breit, die Böden mit amtlichem Linoleum belegt, die Zimmer viele Meter
hoch. Wer in solchen Räumen zu tun hatte, neigte unwillkürlich dazu, entweder
in eine Pose der Befehlsgewalt zu verfallen oder sich einer imaginären
solchen zuvorkommend zu unterwerfen. Wegerich kam die gewohnte Architektur
entgegen. Seine mittlerweile sichtlich aufgeschwollene Leiblichkeit schaffte
sich mit ausholenden Schritten Raum und versprühte eine dröhnende Jovialität,
hinter der nervöse Unsicherheit nur noch gelegentlich hervorlugte und
dem aufmerksamen Beobachter zuwinkte. Der Herausgeber Michalski, fast
komplementär mager und so angespannt, als wollte er seinen Körper unter
allen Umständen auf der kleinsten möglichen Bodenfläche unterbringen,
zugleich bestrebt, die ihn nicht zufriedenstellende Ausbeute seines jugendlichen
Höhenwachstums in Eigeninitiative ruckartig zu erhöhen, verbarg seine
eigene Unsicherheit mit zackiger, jedoch weitaus verbindlicherer und diskreterer
Fröhlichkeit, die im Kontrast zu Wegerich um so aufgesetzter wirkte. Er
schüttelte Wegerich heftig die Hand und führte ihn – und in seinem Schlepptau
Schnürer, Vennemann und Neitzl, die er nicht wahrzunehmen schien – durch
eine zweiflügelige Tür in ein Konferenzzimmer, wo seine Mitarbeiter bereits
um ein rechteckig angeordnetes Tischensemble versammelt saßen und beim
Eintreten der Neuankömmlinge ihre Gespräche verebben ließen. Es handelte sich um mehr
Leute, als Schnürer erwartet hatte, doch stellte sich bei der Vorstellung
heraus, daß fast alle Anwesenden sogenannte „Praktikanten“ waren – vollumfänglich
tätige Mitarbeiter, die für ihre Arbeit weder Lohn noch Gehalt bekamen,
da ihre Beschäftigung offiziell Ausbildungszwecken dienen und sie zur
späteren Übernahme einer regulären Stelle befähigen sollte, die es jedoch
in ihrem angestrebten Berufsfeld nicht gab und auch nicht geben würde,
weil so gut wie alle regulären Stellen von Praktikanten besetzt waren.
Die einzigen Ausnahmen bildeten ein forscher, schlecht gelaunter freier
Mitarbeiter, der als Autor nebenbei einen eigenen Bereich im Heft zu redigieren
und einige weitere betriebliche Dinge zu tun hatte, die undurchsichtig
blieben, sowie der (seit der Kündigung seines Vorgängers) „kommissarisch“
amtierende Chefredakteur Sennscheider, der sich selbst nur „Redakteur“
nannte. Er war Anfang dreißig, auffallend muskulös und trug eine imposante
Haarmähne zu hautengen Jeans. Er verachtete die, wie er sie nannte, „Pressedeppen“
im allgemeinen ebenso offensiv wie Geschäftsleute und Intellektuelle,
war selbst jedoch höchst belesen (besonders in der deutschen Literatur
des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts), verehrte und zitierte Gottfried
Benn sowie diverse Philosophen und war Sänger einer Punkrockband. Hinter
seinem wilden Aussehen verbarg sich ein empfindsames Gemüt, ein etwas
unwirklich erscheinender Gleichmut (den er, wenn man ihn darauf ansprach,
„die notwendige Equanimität“ nannte) und ein pessimistischer Geist von
großem Witz. Wer ihn nur vom Sehen kannte, mochte manchen Abgrund ahnen;
wer sehr gut mit ihm vertraut war, ahnte andere Abgründe. Neitzl, der
ihn von einem früheren Anbahnungstreffen bereits kannte, schien ihn auf
Anhieb für schätzenswert befunden zu haben und grüßte ihn persönlich. Das Gespräch verlief einseitig
und war schnell beendet. Wegerich legte seine Stoßrichtung weniger dar als daß er sie eine solche nannte, wünschte
sich ein dynamisches Anpacken,
äußerte die Überzeugung, daß man die Sache „stemmen“ können werde, und
sagte, er lade jeden zum Mittun ein. Michalski antwortete im Namen seiner
stummen Belegschaft mit einem ansatzweise parolenhaften „Nun denn!“- und
„Tja also dann!“-Gestammel, Vennemann und Neitzl blickten aufmunternd
beziehungsweise freundlich-skeptisch in die Runde, Schnürer studierte
nicht vorhandene Notizen in seinem Kalender, und die Versammlung löste
sich in einer Eile auf, die man trotz hier und da vorgeschützter „Noch
zu tun“-Dringlichkeit als Flucht deuten mochte. Schnürer, dem weder die
Räumlichkeiten noch der Herausgeber Michalski behagten, war froh, das
Gebäude wieder verlassen zu können, fing mit halbem Ohr Neitzls belustigten
Kommentar auf, „dieser“ Michalski sei „ein armer Tropf“, und verabschiedete
sich, ohne groß darüber nachzudenken, was sich aus der seltsamen Konstellation,
die da stattgehabt hatte, ergeben sollte. Was sich in den nächsten
Tagen ergab, ging ihn, wie er beschloß, nichts an. Neitzl und Wegerich
hatten verschiedene Projektgruppen
zusammengestellt, die Titel wie „IT“, „Stadtleben“, „Kino“, „Servicestruktur“
und „Heftklammer“ trugen und sich zu meistens recht kurzen Konferenzen
in den Redaktionsräumen einfanden, um sich Planungsgesprächen zu unterziehen,
die hauptsächlich dem Gesichtspunkt der Eile verpflichtet waren. Neitzl
leitete die Gespräche; Vennemann nahm teil, wenn es seine Zeit erlaubte
– er hatte seine Festanstellung bei dem Lokalblatt Ende Januar gekündigt,
mußte dort aber noch vier Wochen tätig bleiben. Sennscheider saß am Schreibtisch
daneben, mit seiner Redakteursarbeit beschäftigt, und beteiligte sich
peripher, indem er hie und da eine Bemerkung fallen ließ. Schnürer sah nur einmal
vorbei, als es um „Literatur und Musik“ ging, um den dazu geladenen Rundfunkredakteur
Stangert davon zu überzeugen, daß das Kulturmagazin ein ernsthaftes Projekt
war, an dem mitzuarbeiten sich lohnte. Es irritierte ihn ein bißchen,
daß Stangert als Gegenargument immer wieder Anspielungen auf die Mitwirkung
Wegerichs machte, den er einmal gar wörtlich als „Parvenü“ bezeichnete,
er vermied es jedoch, sich in ein Gespräch über derartiges hineinziehen
zu lassen. Die Themen, die Stangert schließlich vorschlug (unter
anderem eine Erhebung darüber, wie mutmaßliche oder tatsächliche oder
ehemalige Angehörige der „linken Szene“ der Stadt mit Verkehrskontrollen
schikaniert würden, weil sie alte Autos, vorzugsweise das Modell Renault
4, fuhren, nach denen die Polizei offenbar gezielt Ausschau hielt), notierte
Schnürer mit demonstrativem Interesse und Wohlwollen und gab den Zettel,
bevor er ging, an Neitzl weiter, der sich in den folgenden Tagen an die
Erstellung eines Themenplans für ein erstes Probeheft machen sollte. Wegerich hielt sich von
den Gesprächsrunden fern; er stampfte in gewissen Zeitabständen in großer
Eile durch den Gang und schien sehr beschäftigt zu sein, vor allem damit,
beschäftigt zu wirken. Im Gang hatte er eine feuerlöschergroße Thermoskanne
aufgestellt, die regelmäßig mit Kaffee befüllt werden sollte, aber immer
wieder war zu hören, wie er emsig und vergeblich den am oberen Ende angebrachten
Knopf betätigte, um seine Tasse zu füllen, und damit erst aufhörte, als
er sicher sein konnte, daß zumindest im näheren Umkreis jeder das quietschende
Pumpgeräusch und sein Schimpfen gehört hatte. 25 Schnürers Arbeitsplatz war nur mit Mühe als solcher
zu erkennen: Nachdem er wochenlang, ohne dabei einer anderen Systematik
als seiner augenblicklichen Lust zu folgen, Tüten, Taschen und Kisten
mit dem Fahrrad und der Straßenbahn aus dem Vorstadtreihenhaus in seine
Schwabinger Wohnung transportiert hatte, stapelten und türmten sich in
dem kleinen Zimmer unüberschaubare, bunte und statisch betrachtet nicht
unbedenkliche Mengen von Dingen. An den Wänden reichten die Bücherberge,
die in der Mitte bedrohliche Hohlkreuze und Bäuche entwickelten, bis zur
Decke, dazwischen war gerade noch Platz für ein Plakat geblieben, das
ihm seine Untermieter von einer ihrer Unterwegsnächte mitgebracht hatten;
es zeigte die Hülle einer Schallplatte der Manic Street Preachers mit
der Aufschrift „Know Your Enemy“. Sein Schreibtisch, an dem
er mit dem Rücken zum Fenster saß, nachdem er tapsend und schwankend über
alles mögliche hinweggestiegen war, stets darauf bedacht, sich nicht in
Kabeln, Hemdsärmeln oder anderen Schlingen zu verfangen, war ebenso überhäuft
wie der Sessel und die in drei Schichten und Viererreihen davorstehenden
Kisten, auf die er blickte, wenn er seine Augen vom Bildschirm abwandte.
Seitdem ihm bei dem Versuch, einen Text zu drucken, ein Marmeladenbrot
in den Drucker gerutscht war und diesen so wirksam beschädigt hatte, daß
Schnürer nach dem verbissenen Versuch einer Reparatur seiner aufschäumenden
Wut Luft gemacht hatte, indem er das Gerät mit Hammer und Zange vollständig
zertrümmert, in die Aschentonne geworfen und umgehend durch ein neues
ersetzt hatte, war er immerhin dazu übergegangen, derart gefährliche Nahrungsmittel
nur noch in der Küche zu sich zu nehmen. Weil dort aber ständig Betrieb
herrschte – der inzwischen ebenfalls, und ohne daß dies ausdrücklich erklärt
oder diskutiert worden wäre, dauerhaft in die Wohnung eingezogene Lebensgefährte
seiner Untermieterin hatte eine Vorliebe für in der Pfanne gebratene Mischungen
aus Pilzen und Gemüse, die er zu jeder Tag- und Nachtzeit zubereitete,
wobei ihm die Untermieterin, der Untermieter und dessen Lebensgefährte
(der, wie Schnürer erfuhr, „offiziell“ bei seinen Eltern lebte, mit diesen
aber offenbar wenig Kontakt hatte) gerne Gesellschaft leisteten –, aß
Schnürer schließlich doch wieder am Schreibtisch, beschränkte sich dabei
indes meist auf Dinge, die in Tüten oder Schachteln verpackt waren und
sich bedenkenlos an exponierter Stelle balancieren ließen. Seine wesentliche Beschäftigung
am Schreibtisch bestand in jenen Februartagen darin, E-Mails zu empfangen,
zu lesen, zu beantworten und selbst zu verfassen, letzteres vor allem
an Autoren sowie Buchverlage und Schallplattenfirmen, von denen er als
zuständiger „Betreuer“ für die Bereiche Literatur und Musik mit Informationen
und Freiexemplaren versorgt zu werden hoffte. Zwischendurch erhielt er
Nachricht von Vennemann aus der neuen Redaktion: In der „Arbeitsgruppe
IT“, schrieb dieser – und Schnürer übersetzte die zwei Buchstaben behelfsweise
mit „Computertechnik“; es ging wohl um die Einrichtung eines „Netzwerks“
von Redaktionscomputern –, säßen außer ihm selbst Wegerichs wohl auch
diesbezüglich fachmännischer „Finanzchef“ Mayer, eine Mitarbeiterin, von
der nur den Vornamen Christa erfahren hatte (und, wie es seinem Naturell
entsprach, zu eingeschüchtert gewesen war, nach dem Nachnamen zu fragen,
ergänzte Schnürer in Gedanken), sowie der Herausgeber Michalski, den Vennemann
einen „Kommunikator“ und eine „pausenlose Redemaschine“ nannte. Nach vier
Stunden, schrieb er, habe Michalski gar angefangen, „das eigene Heft schlechtzumachen“.
Dem sei höchstens hinzuzufügen, daß der eine oder andere „Kampf mit Herrn
Michalski vorprogrammiert“ scheine. Jedenfalls habe sich Vennemann genötigt
gesehen, unmittelbar nach der Sitzung der Arbeitsgruppe seine Stammkneipe
aufzusuchen und sich dort bei einer großen Menge Bier und spielerischen
Annäherungsversuchen an eine neue Bedienung, deren abweisend-arrogante
Ausstrahlung sie ihm attraktiv erscheinen ließ, „den Kram aus dem Kopf
zu waschen“. Zu diesem „Kram“ gehörte
auch ein neues Gewächs in Wegerichs erratisch wucherndem Ideengarten:
Er wolle, habe dieser beschlossen, die „Terminlogistik“ des neuen Magazins
auf der abgewandelten Grundlage des „Betreibermodells“ in Form eines „Serviceprodukts“
an andere Partner weiterverkaufen
und habe dafür in einer Boulevardzeitung bereits einen Interessenten gefunden.
Neitzl und er, berichtete Vennemann, seien beauftragt worden, aus fiktiven
Veranstaltungsterminen und kurzen Ankündigungstexten die „Nullnummer“
einer „Szene-Beilage“ für diese Tageszeitung zusammenzubasteln, die demnächst
„präsentiert“ werden solle, um als Testläufer
für weitere Objekte zu dienen,
die, wenn erst einmal die Datenbanklogistik
aufgebaut sei, bundesweit verkauft werden könnten. Dies habe außerhalb
der regulären CULT-Vorarbeiten zu geschehen, daher komme es neben dem
täglichen „Getue und Geplapper“ nun auch noch zu „Nachtsitzungen“. Ab dem neunten März, schrieb
Vennemann einige Tage später, werde der reguläre Redaktionsbetrieb von
KKK umgestellt und bis zum Auslaufen des Heftes neben den dann vollends
konkret werdenden Vorarbeiten für CULT von Sennscheider mit Unterstützung
zweier Praktikanten provisorisch weiter- und zu Ende geführt. Am neunten
Mai solle dann eine „Nullnummer“ von CULT erscheinen. Es war nicht Vennemann,
sondern Neitzl, der Schnürer Anfang März anrief und ihn bat, an der nächsten
Sitzung der Arbeitsgruppe „Heft gesamt“ teilzunehmen. Man brauche, sagte
er, „moralische Unterstützung“, weil Michalski offenbar nicht die geringste
Ahnung und Vorstellung davon habe, in welche Richtung alles gehen solle,
andererseits jedoch allen möglichen Leuten alles mögliche erzähle. Es
werde, sagte Neitzl, eventuell sogar recht dienlich sein, wenn Schnürer
seine Gedanken zur grundsätzlichen Ausrichtung und zum Charakter des Heftes
in schriftlicher Form niederlege, weil man diese dann auch den freien
Autoren zukommen lassen könne. Schnürer begann, unwillig
zuerst, dann sehr zügig, zu schreiben: „CULT ist ein Kulturmagazin.
Das bedeutet, zunächst grundsätzlich: CULT ist eine Sammlung von Geschichten
aus allen kulturellen Bereichen, die nicht streng den Sektoren Politik,
Wirtschaft, Verwaltung zuzuordnen sind. CULT ist jedoch kein Träger für
ein wie auch immer geartetes kulturelles Leitbild. Wir möchten Dinge zeigen,
aber wir wollen kein ‚Image‘ repräsentieren. Unser Blick geht in die Tiefe. Die Orientierung auf Geschichten
bedingt eine andere Herangehensweise an ‚Themen‘ als im Kultur- und Magazinjournalismus
üblich. Es kann uns, salopp gesagt, nicht darum gehen, Themen aufzugreifen,
die auf der Zeitgeist-Sau durchs Dorf getrieben werden, wir wollen auch
weder Schaufenster für blitzlichtartige Karriere-Exhibition noch Lifestyle-Ratgeber
noch Personality-Laufsteg noch Sprachrohr irgendwelcher Institutionen
sein. Nicht die Person, nicht der ‚Trend‘, nicht die Veranstaltung
etc. ist unser Thema, sondern die damit verbundene Geschichte, aus der
sich dann möglicherweise über die Person, den ‚Trend‘, die Veranstaltung etwas (wesentlich Tiefgründigeres
als üblich) erfahren läßt. Deshalb ist auch die Grundfrage
beim Herangehen an Themen nicht: Wer ist das? oder Wann/wo findet das
statt? sondern: Was ist die Geschichte? Eine solche Herangehensweise ist
ungewöhnlich und mit (Denk-)Arbeit verbunden, aber sie bietet die Möglichkeit,
Geschichten zu erzählen, die ansonsten niemand erzählt. Es spielt grundsätzlich
keine Rolle, ob die Geschichte, die wir erzählen, im Rampenlicht einer
Groß-Öffentlichkeit oder in irgendeiner ‚Nische‘ passiert. Wichtig ist aber die Vermeidung aller
Arten von Klischees und Oberflächlichkeiten. Es ist nicht spannend und
interessant, ein paar beliebige Sätze über einen deutschen Jungschauspieler
abzudrucken, nur weil der eine Nebenrolle in Hollywood ergattert hat.
Es ist auch nicht spannend und interessant, festzustellen, daß immer mehr
Menschen – speziell in München, das unser Zentrum, nicht aber unser Horizont
ist – aus Karrieregründen ein Leben als Single bevorzugen etc. Die Kioske
sind voll mit derartigen Versuchen, das Nichts mit Glitter zu bepudern;
aus diversen Gründen gescheiterte Projekte sind deutlicher Beleg für einen
in dieser Hinsicht gesättigten Markt; ein weiteres derartiges Medium zu
etablieren, würde einen Reklameaufwand zur Überdruß-Überwindung erfordern,
der unsere Möglichkeiten bei weitem übersteigt – ganz abgesehen davon,
daß wir in der erwähnten Erweiterung des Blicks in die Tiefe, ins Detail,
in die (auch historische) Geschichte, in die kritische Entschlüsselung
und Interpretation eine kaum zu überschätzende Chance sehen.“ Schnürer lehnte sich zurück
und ließ die zwei Wellen von zornigem Eifer und Zufriedenheit, die ihn
erfüllten, langsam ausrollen. Dann las er seinen Text noch einmal, ahnte,
daß er damit mehrere Nerven treffen würde, und schrieb weiter: „Keinesfalls darf unsere
Herangehensweise romantisierend, verniedlichend, beliebig, oberflächlich
sein oder werden. Die im ‚postmodernen‘ Schnellschuß-Journalismus übliche ‚ironische‘ Distanz sollte vermieden
werden; formatierte Erzählweisen bieten keine neuen Möglichkeiten. Jeder
Autor muß sich zwischen Ernst und Spaß entscheiden; die ‚Nachahmung‘ gängiger Textformen ist
nur da erlaubt, wo es sich um absolut klassische (etwa eine Reportage)
handelt; auch diese sollten so aufgefaßt werden, als hätte man sie gerade
erst erfunden. Wichtig ist eine neue Konzentration auf die alten Fragen:
Wer? Wo? Was? Warum? – nicht wie heute üblich: Wer war wo und hat warum
was getan? (wobei die Informationen meist aus zweiter oder dritter Hand
stammen) sondern: Wo war ich? Was habe ich dort gesehen? Mit wem habe
ich gesprochen? Warum hat das Ganze meiner Meinung nach eine Bedeutung
und welche? Hier erweist sich unsere
lokale Einbindung als Besonderheit und Chance: Statt über das zu berichten,
worüber alle berichten, können wir den Blick auf übersehene und vergessene
Details richten. Wenn und während sich diese ‚Methode‘ in München etabliert, brauchen wir jedoch auch an anderen Orten Autoren,
die in unserem Geist sehen, denken und arbeiten. Es ist uns klar, daß diese
Ansprüche Ideale sind, denen man sich im Einzelfall nur auf gewisse Distanz
annähern, an denen man im Einzelfall auch scheitern kann. Dies sollte
uns nicht daran hindern, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln und
Kräften den bösen Geist der Routine in Schach zu halten. Für Anregungen,
neue Ideen, destruktive Kritik und jede Art von Unterstützung sind wir
jederzeit offen und dankbar.“ Schnürer speicherte den
Text und schickte ihn per E-Mail an Neitzl, der ihn kurz darauf anrief
und sagte, er freue sich auf die Sitzung. Schnürer glaubte, aus seiner
Stimme eine ironische Färbung herauszuhören, er war sich dessen aber nicht
sicher genug, um nachzufragen. 26 Wegerich zeigte sich von Schnürers „Manifest“,
wie er es nannte, sehr angetan. Es sei dies die Summe der konzeptionellen
Arbeit vieler Monate und eine mutige, hundertprozentig treffende Vorgabe
für die weitere Arbeit, sagte er in die Runde, die in unterschiedlich
entspannter beziehungsweise erschöpfter Haltung um vier zu einer Tafel
zusammengestellte Tische herumsaß und vorläufig aus Vennemann, Neitzl,
Sennscheider, Schnürer selbst und einer Praktikantin bestand. Weil Sennscheider
und die Praktikantin ratlos blickten, bat er Schnürer, den Text vorzulesen,
was dieser tat. Als er fertig war, nickte die Praktikantin stumm, offenbar
bis zur geistigen Erschöpfung beeindruckt und durch die Vorstellung, für
ein Heft zu arbeiten, das Wegerich in direktem Anschluß an Schnürers Vortrag
als „klassisches, meinungsstarkes und stilbildendes Magazin im Geiste
des legendären New Yorker“ bezeichnete, in ihrem Selbstbewußtsein gestärkt
und zugleich von einer lauernden Überforderung undeutlich bedroht. Sennscheider drückte den
verkümmerten Rest seiner selbstgedrehten Zigarette mit wie meistens leicht
bebender Hand in einem Flaschendeckel aus, blickte versonnen und sagte:
„Mei.“ Wegerich entschuldigte sich mit einem wichtigen Termin; als er
den Raum verließ, kam Michalski herein, setzte sich zu der Gruppe (wobei
er anscheinend instinktiv Wegerichs freigewordenen Platz mied, der ihm
doch auch zugestanden hätte, und einen weniger exponierten Stuhl an einer
Ecke der Tafel bevorzugte) und lauschte den weiteren Ausführungen von
Schnürer und Neitzl, die betonten, wie wichtig es sei, „echte Geschichten“
zu erzählen, um sich von all dem „Zeug“, das sich ansonsten auf dem Zeitschriftenmarkt
„herumtreibe“, zu unterscheiden und „abzusetzen“. Als eine Gesprächspause
eintrat, ließ Michalski ein scheinbar fröhliches, zustimmendes oder bekräftigendes
Geräusch ertönen. Aller Augen richteten sich auf ihn, der für eine kurze
Weile die Kaffeetasse, die er mit der rechten Hand umfaßt hielt, betrachtete,
als erwartete er, daß sie sich in etwas sehr Interessantes verwandle,
sie dann hochhob und auf den Tisch warf und – als sie nicht zerbrach,
sondern nur kläglich auf die Seite fiel und ein Stück auf Neitzl zurollte,
ehe der Henkel die Bewegung abbremste – rot anlief und mit halblauter
Stimme bellte: „Dann erzählt sie doch, eure Geschichten! Ihr müßt sie
doch einfach erzählen!“ Man schaute irritiert, verwirrt
und mit vereinzelter Belustigung herum, dann sagte Schnürer ohne den geringsten
Anflug von Erregung, genau dies beabsichtige man zu tun, woraufhin sich
die Runde auflöste und Michalski an der Tafel zurückließ. Es blieb Schnürers
vorläufig letzte Begegnung mit Michalski, der in der Folgezeit an Sitzungen
und Treffen nicht mehr teilnahm, zumindest dann nicht, wenn Schnürer dabeiwar,
was dieser indes nicht als Folge einer Absicht deutete. 27 Was Wegerich wesentlich von Schnürer (und übrigens
auch von Neitzl und Sennscheider, nicht gänzlich jedoch von Vennemann)
unterschied, war, daß die Gelassenheit, die er bei Gelegenheit auszustrahlen
sich wenigstens bemühte, vor allem dazu diente, eine ungeheure Angst zu
überstrahlen und zu dämpfen. Es war dies weniger eine Angst vor anderen
Menschen, Situationen, „entscheidenden“ Begegnungen (und deren möglichem
Scheitern), die ihn manchmal auch ohne Anwesenheit anderer Menschen so
quälte, daß er sie mit Geschwindigkeit, Lautstärke, notfalls durch die
eilige Zufuhr von Alkohol bekämpfte, sondern die allem zugrundeliegende
Angst vor dem Vergehen der Zeit, vor dem Tod, dem unausweichlichen Ende
von allem, was wichtig war, insbesondere: seinem Ende. Kaum jemand ahnte etwas
von dieser Angst, die sich aufmerksamen Augen und einem phantasievollen
Gehirn auch daraus erschließen hätte können, wie er seine Ernährung organisierte:
Er schaufelte Nahrung förmlich in sich hinein, als wollte er die Sicherheit
und Dauerhaftigkeit seines Aufenthalts auf der Welt dadurch erhöhen, daß
er seine Gegenwart gewissermaßen verstärkte und verankerte, indem er einfach
körperlich mehr wurde. Diese Strategie war stets nur momentan erfolgreich;
hatte erst der Verdauungsprozeß eingesetzt, schwand Wegerichs Hoffnung
sofort. Zurück blieb dann ein noch verstärktes Gefühl von Ausweglosigkeit
und einer gemeinen, brutalen Paradoxie, gegen deren Wirkungsmacht ihm
nur ein ebenso paradoxes Verhaltensmuster zur Verfügung stand. Der Mensch, dachte er, wenn
er darüber nachdachte, hat seinen Geist und seine Kräfte nicht um sie
brachliegen und verkümmern zu lassen, sondern um sie einzusetzen, um Prozesse
in Gang zu setzen, Dinge und Zustände zu schaffen, die wachsen und die
ansonsten vollkommen sinnlose Welt erfüllen. Die unausweichliche Widersinnigkeit
des Todes, die ein solches Vorgehen eher unterstrich als abschwächte,
war ihm nicht gegenständlich bewußt, aber er ahnte sie, und wenn die Ahnung
ihn zu Zeiten, da seine Aktivität ruhte, mit aller Macht bedrängte, blieb
ihm nur eine sprachlose, hilflose, namenlose Verzweiflung, mit der er
gänzlich allein blieb, weil er sie niemandem, nicht einmal seiner Lebensgefährtin
Alexandra, mit der ihn ein grundsätzlich höfliches, funktionelles Verhältnis
verband, zu gestehen wagte. In letzter Zeit war es häufiger zu Momenten
gekommen, in denen ihn diese Verzweiflung überfallen hatte wie eine schwarze
Wolldecke, die unartige Kinder einem verwirrten alten Mann über den Kopf
werfen, um ihn zu quälen. Immer wieder perlte zu Zeiten, da er sich innerlich
von den Dingen entfernte (die dadurch augenblicklich zur Ruhe kamen),
der Gedanke aus seinen Meditationen heraus: „Es ist zu spät.“ Tatsächlich war festzustellen,
daß der rauschhafte Wahn der Geldexplosionen, den einige pfiffige Menschen
genutzt hatten, um sich ein für allemal allen finanziellen Knappheiten
und den aus ihnen resultierenden Zwängen und Unwägbarkeiten zu entziehen,
langsam, aber merklich abebbte. Ein großer Teil der „echten Werte“ (nicht
davon bedroht, infolge eines falschen Fingerzeigs in einem Börsenirrenhaus
mit einem Schlag zu verpuffen, sondern immobil, edelmetallen oder sonstwie
mit Garantien vertäut) war von jenen Pfiffigen bereits zur Seite geschafft
(und mußte zudem verzinst werden). Die Methoden der Nachzügler wurden
zusehends brutaler und hysterischer; die Vertreter des Gemeinwesens waren
bereits mit Aufräumarbeiten in Form erster Schritte zur planmäßigen Zwangsverelendung
beschäftigt, am Horizont leuchtete etwas, was die einen als Vorschein
eines kompletten Zusammenbruchs, die anderen als Signal der letzten Chance
deuteten, und die Ahnung, Wegerich könnte nicht zu denen gehören, denen
es noch gelingen würde, das „Spiel“ zu ihren Gunsten zu entscheiden, schien
nicht abwegig. Seine gelegentliche Neigung zu einer „sozialkritischen“
Schattierung laut ausgesprochener Gedankengänge (die es vielleicht auch
war, was den Magnetismus zwischen ihm und Schnürer energetisierte) hatte
selbstverständlich damit zu tun (was er sich selbstverständlich nicht
eingestand). Schnürer dachte – und er
hatte dies in ähnlicher Formulierung sogar niedergeschrieben –, daß der
Mensch seinen Geist nicht habe, um ihn brachliegen und verkümmern zu lassen
oder ein blindes, naturfremdes, zerstörerisches Wachstum von Dingen und
Vorgängen zu entfachen, sondern um sich der Sinnlosigkeit zielgerichteter
Aktivitäten (die ihm grundsätzlich verdächtig waren) bewußt zu werden
und (auch als Mittel, mit dieser Sinnlosigkeit umzugehen) Unfug zu treiben.
Darunter verstand er jedoch gerade nicht das panische, zappelnde, wimmelnde
Herumgekasper moderner Arbeits- und Freizeitaktivitäten, sondern ein Denken
und Handeln, das der Einsicht entsprang, daß alles, was man schuf, irgendwann
zerfallen mußte und daß man in den meisten Fällen selbst das erste war,
was zerfiel. Sich um die Zukunft zu sorgen, hielt Schnürer (abgesehen
von gelegentlichen Anflügen diffuser Sorgen) für den Gipfel menschlicher
Dummheit (und den wesentlichen Unterschied zwischen dem Menschen und allen
anderen Lebewesen im Universum, wenn man nicht bereit war, Computer und
andere Maschinen ebenfalls als Lebewesen zu betrachten, was ein wachsender
Anteil seiner Mitmenschen unbewußt zu tun schien); sein Interesse und
Bemühen galt, neben der Gegenwart (wobei das „Leben in der Gegenwart“,
das er gerne propagierte, zumindest teilweise eine Ideologie war, die
er selbst nur bis zu einem gewissen Grad umsetzen konnte), dem Vergangenen,
aus dem sich natürlicherweise mehr über die Vergänglichkeit als solche
lernen und verstehen ließ als aus scheinbar Beständigem und gar hypothetischen
Dauerhaftigkeiten planender Vorausschau. Es müsse, sagte Schnürer,
gerade bei einer Zeitschrift, deren thematischer Blickwinkel sich mit
ihrem Publikum glücklicherweise auf die unmittelbare Umgebung beschränke,
darum gehen, Details zu zeigen, scheinbare Kleinigkeiten aufzugreifen,
von Dingen zu berichten, die in Vergessenheit geraten waren oder zu geraten
drohten, weil sie nicht als Rädchen im umfassenden Vergrößerungsprozeß
taugten. Wegerich, nach vorne gebeugt über dem Tisch hängend und sein
Weinglas mit schwanenkopfähnlicher Handstellung lässig festhaltend, nickte,
und weil das nicht selten bedeutete, daß ihm das vorgebrachte Argument
egal oder unverständlich war, wurde Schnürer deutlicher. Er zählte einige
Dinge aus der langen Liste möglicher Themen für CULT-Geschichten auf,
die in den letzten Wochen von der Redaktion aus eigenen Einfällen und
Vorschlägen freier Mitarbeiter kompiliert worden war und um die es Auseinandersetzungen
gegeben hatte, die mit kalter Schärfe geführt wurden und, wie Schnürer
sagte, ein grundsätzliches Mißverständnis aufzeigten. Vorgeschlagen worden waren
zum Beispiel „Einzelfallreportagen“ über Straßenkinder in München, verschwundene
oder untergetauchte Menschen, Schulschwänzer, anonyme Geburten, Strafgefangene,
Einwanderer und Auswanderer, skurrile Sammler, Bewohner einer „schwarz“
erbauten Flüchtlingssiedlung am Stadtrand, Anwohner des Oktoberfests,
aussterbende Handwerkszweige (Schnürer erwähnte Schraubendreher, Sattler,
Schäffler und Faßbinder, auch um zu überprüfen, ob Wegerich bemerken würde,
daß es sich bei den beiden letzteren um denselben Beruf handelte; Wegerich
nickte nur), ein Ledigenwohnheim im Westend, die Villenkolonie Pasing,
den Psychiater, dessen Urgroßvater mit König Ludwig im Starnberger See
ertrunken war, Strafprozesse gegen Kleinkriminelle, die melancholisch-absurde
Zeremonie einer Stadtteil-“Miss-Wahl“, den Alltag von Analphabeten, „Technikfossilien“
wie Rohrpost und Paternoster, eine Reportage über den Tierpark Hellabrunn
bei Nacht, kuriose Stammtische, Adressen vergessener Prominenter, Werke
unbekannter Schriftsteller, kuriose Stücke in den Fundbüros der Stadt,
Kultstätten von Kleinreligionen, Arbeitersportvereine, Kantinen und Mensen,
unbekannte Denkmäler, den Alltag eines Bestatters, „in die Jahre gekommene“
Wohngemeinschaften und Kommunen in ehemals „konspirativen“ Wohnungen,
das Elternhaus des Oberbürgermeisters, Ölförderung in München (die gebe
es tatsächlich, betonte Schnürer, unnötigerweise, weil Wegerich zwar noch
nie davon gehört hatte, jedoch auch nicht daran interessiert war), Heilsarmee
und Bahnhofsmission, Fremdwohner, freiwillig Obdachlose, Dauercamper,
Straßenmusiker, drogensüchtige Ärzte, Transsexuelle, Rosenverkäufer, Heimkinder
(die von Vennemann erdachte Artikelüberschrift „Mama ist tot“ bedachte
Wegerich mit einem Verziehen der Mundmuskulatur, das auf plötzliche Zahnschmerzen
schließen ließ), Schäfer und Bauern in der Großstadt, ehemalige Bankräuber,
erwachsene Contergan-Kinder, Asylbewerber, Bademeister, professionelle
Zechpreller, altgewordene „Gammler“ und Punkrocker, Berufsphilosophen,
Randfiguren von Revolution und Räterepublik, Stadtentwicklungspläne aus
dem Dritten Reich, Stehausschankbetreiber, Brückenkletterer, Nachtarbeiter
am Hauptbahnhof, „Rundgänge“ durch Kanalisation, Bunkeranlagen und Keller
von öffentlichen Gebäuden, die Lebensgeschichte des Kellners, der beim
Hitlerputsch am Hofgarten zufällig erschossen und zum „Helden des Nationalsozialismus“
erklärt worden war – letzteres eines von Schnürers Lieblingsthemen, von
dem er nun so ausführlich erzählte, daß Wegerichs Nicken zu einer unbewußten
Dauervibration wurde. Widerspruch gegen die thematische
Ausrichtung hatten in den „Themensitzungen“ vor allem die beiden neuen
Graphiker erhoben: Die Redaktion lege es offenbar mit Absicht, Fleiß und
Gewalt darauf an, das Zielpublikum nicht nur zu langweilen (indem
sie ihm Geschichten vorsetzte, für die sich aus guten Gründen kein Mensch
und folglich auch keiner der Mitbewerber je interessiert hatte),
sondern zu deprimieren und regelrecht abzuschrecken. Man wolle doch, da
sei man sich hoffentlich einig, ein dynamisches, lebensfrohes und
-bejahendes, positives sowie bei aller Offenheit für sämtliche ansprechbaren
Altersgruppen grundsätzlich „jugendliches“ Magazin machen. Da könne
man auf keinen Fall mit Themen daherkommen, die ausschließlich mit Scheitern,
Tod, Verfall, Vergessenheit, Hoffnungslosigkeit, Verlust und Verlierern
und mit Kultur nicht im entferntesten zu tun hätten. Schnürer hatte auf derartige
Einwände mit Sturheit reagiert: Es sei die Aufgabe von Graphikern, die
Geschichten, die die Redaktion ins Heft bringe, optisch „umzusetzen“,
und er verstehe überhaupt nicht, wozu Graphiker an „Themensitzungen“ teilnähmen.
Er diskutiere mit ihnen ja auch nicht über Schrifttypen und Marginalspalten
(obwohl er, was er verschwieg, solches durchaus vorhatte). Wegerich war
bemüht gewesen, die Konfrontation zu entschärfen und womöglich beizulegen,
indem er eine „Autorität“ eingeführt hatte: Spetz, den ehemaligen Konzeptchef eines als besonders modern und wagemutig geltenden Lifestyle-Magazins, der auf seinen Wunsch
als Gast zu einer „Themensitzung“ erschienen war. Spetz war etwa fünfzig Jahre
alt, sah aus wie ein kahlrasierter Einzelkämpfer, der sich große Mühe
gab, auszusehen wie ein fünfunddreißigjähriges Photomodell für Zigarettenreklame,
und führte stets einen langbeinigen, anscheinend unbehaarten, vor ungelenkem
Bewegungsdrang sprühenden, aber insgesamt gehorsamen Hund mit sich, von
dem Schnürer vermutete, er solle das „Arbeitskonzept“ des „Gurus“ (wie
ihn Wegerich nur halb im Scherz genannt hatte) verkörpern. Der Guru hatte
die Themenliste der Redaktion kurz überflogen und war nach der Bemerkung
„Find ich prinzipiell gut!“ dazu übergegangen, die diffuse Position der
Graphiker einzunehmen. Die Sitzung endete ohne Ergebnis, was die Redakteure
als Durchsetzung werteten und in den folgenden Tagen einzelne der angedachten
und vorgeschlagenen Geschichten bei den jeweiligen Autoren in Auftrag
gaben. Mit dem Näherrücken des
Fertigstellungstermins der ersten „Nullnummer“ steigerten sich die hektische
Stimmung in den Redaktionsräumen und die Frequenz der Meetings, an denen Schnürer, schon weil sie überwiegend alarmartig
kurzfristig angesetzt wurden, meistens nicht teilnahm. Die Graphikerin
Hollerich, erzählte ihm Vennemann abends am Telephon, sei während solcher
Konferenzen ununterbrochen einem Weinkrampf nahe und wirke derart hysterisch,
daß man um ihre Gesundheit fürchten müsse, während ihr Kollege Klamm –
beide waren Mitte zwanzig und arbeiteten seit über fünf Jahren zusammen
– aufrecht wie eine Zaunlatte dasitze und nur selten Bemerkungen mache,
die offenbar darauf abzielten, die verhärteten ideologischen Differenzen
zwischen Graphik und Redaktion durch ätzenden Spott noch weiter zu verhärten.
Es sei aufgrund einer für eine vierstellige Summe angekauften Photoserie
von Münchner Plätzen und Gebäuden (aufgenommen aus „ungewöhnlicher Perspektive“)
für die „Nullnummer“ und das erste Probeheft eine Titelgeschichte mit
der thematischen Überschrift „München – Wo steht diese Stadt?“ beschlossen
worden, von der Wegerich gemeint und im Grunde gefordert habe, daß Schnürer
sie verfasse. Schnürer reagierte resigniert und zugleich belustigt: Das
könne er schon tun, sagte er zu Vennemann. Die Graphiker (von denen der
Vorschlag gekommen war) sollten ihm eben ein „Exposé“ vorlegen und darin
„den thematischen Rahmen abstecken“. Das Exposé erhielt Schnürer
am nächsten Tag. Es handelte sich um ein Din-A-4-Blatt, auf das jemand
(der Graphiker Klamm, vermutete Schnürer richtig) mit Kugelschreiber unter
die Überschrift „München – Wo steht diese Stadt?“ gekritzelt hatte: „Wo
steht München? Was geht in München? Was ist los? Was tut sich? usw.“ Das
war alles. Schnürer, der in die Redaktion geradelt war, um das Blatt,
die mit Blindtext vorgestalteten Seiten der Titelgeschichte und eventuelle
„Zusatzinfos“ abzuholen, reagierte weniger resigniert und mehr belustigt.
Wenn das, sagte er zu Wegerich (der ihn, über eine Kaffeetasse gebeugt,
lauernd aus den Augenwinkeln ansah), das sei, was die Graphiker unter
einem „Exposé“ für eine Titelgeschichte verstünden, dann brauche man sich
über deren Kulturbegriff und ihre zukünftige Beteiligung an thematischen
Entscheidungsfindungsprozessen keine Gedanken mehr zu machen. Wegerich
verstand nicht, worauf er hinauswollte, nickte aber, um eine Diskussion
zu vermeiden. Neitzl, der mit beiden Händen in den Hosentaschen dabeistand,
lachte fröhlich. Wenn Schnürer noch „Infos“ brauche, sagte er, solle er
doch am besten gleich selber mit den Graphikern reden. Das, sagte Schnürer
nach einem kurzen Blick auf die Ausdrucke der zwölf Seiten – die praktisch
nur aus immens vergrößerten Bildern von Hochhäusern, betonierten Plätzen
und einer Achterbahn bestanden, in denen kleine Kästen für fünf bis zehn
Zeilen Text pro Doppelseite ausgespart waren – werde wohl nicht nötig
sein. Seinen Text über den großstädtischen
Mobilitätswahn und die aus ihm resultierende Unwirtlichkeit und Ortlosigkeit,
den er noch am Abend zuvor begonnen hatte, schrieb Schnürer nicht weiter.
Statt dessen suchte er nach kurzen Zitaten von Schriftstellern, Philosophen,
Politikern und Filmregisseuren, die irgendwie mit München und seinen Zuständen
zu tun hatten oder in Verbindung gebracht werden konnten und in die kleinen
Textblöcke paßten. Die zwölf Zitate, die er schließlich auswählte, schickte
er zusammen mit einem kurzen Vorspann – „München bewegt sich – doch wo
steht diese Stadt? Wir zeigen ungewöhnliche Blicke und Perspektiven, die
Richtungen, Ziele und Visionen erahnen lassen“ usw. – per E-Mail an Neitzl.
Der antwortete nach wenigen Minuten: „Wie du das immer hinkriegst. Wegerich
ist begeistert von dem Käse.“ Die „Nullnummer“ bestand
aus sechzehn Seiten: einer Titelseite, die den Oberkörper und das Gesicht
eines fröhlichen, Mädchens im Studentenalter und die Überschrift „Wo steht
diese Stadt?“ zeigte, einem von Neitzl „optimistisch“ und „lebensbejahend“
formulierten Vorwort, der um die Hälfte gekürzten „Titelgeschichte“ mit
den Hochhausbildern und Zitaten, vier mit Blindtext gefüllten „Serviceseiten“
(Konzertankündigungen, Termine und gängige, gestellte Reklamephotos diverser
Musikgruppen und Schauspieler) sowie, auf der Rückseite, der Redaktionsanschrift
und dem Claim „CULT – Du bist dabei“, den eine laut Wegerich „edle
und superangesagte“ Werbeagentur erfunden hatte, als Grundlage für eine
„Kampagne“, mit der das neue Magazin schon vorab beworben und während
der Markteinführungsphase dann etabliert werden sollte. Schnürer ahnte, daß diese
Kampagne erschreckende Geldbeträge verschlingen würde oder bereits verschlungen
hatte, und war schon deshalb nicht bereit, etwas Gutes daran zu finden,
äußerte sich aber weder zu dem blödsinnigen Spruch, der seiner Ansicht
nach die Absicht und Ausrichtung des Magazins nicht annähernd oder
gar treffend wiedergab, sondern einen falschen Eindruck von greller Sensationsmache
erweckte, noch zu der nichtssagenden, auch bildlich keinerlei Stringenz
ausstrahlenden „Titelgeschichte“, weil er hoffte, der offensichtliche
Mißerfolg der weitestgehend von den Graphikern konzipierten „Nullnummer“
werde Wegerich zu der Einsicht gelangen lassen, es sei nötig, das Heft
nun endlich doch mit erzählerischer, kritischer Substanz und Kompetenz
zu füllen, die nur von der Redaktion kommen könne. Wegerichs Reaktion auf die
„Nullnummer“ während der Konferenz zu deren „interner Präsentation“ (an
der außer ihm, Redakteuren, Graphikern und Praktikanten auch der Guru
Spetz, nicht jedoch Michalski teilnahm) gab zu solchen Hoffnungen keinen
Anlaß: Er lobte die „Leistungen“ aller Beteiligten mit geradezu hymnischen
Worten, sah in der „Vorlage“ ein „riesiges Zukunftspotential“, und obwohl
die Gebärden, mit denen er all dies vorbrachte, nicht passend und synchron
wirkten, schien er doch ohne jeden Zweifel zufrieden. Der Guru Spetz sagte,
es handle sich um eine „super Ausgangsposition“, die man da geschaffen
habe, wünschte „frohes Weiterschaffen“ und führte seinen Hund hinaus.
Die Graphikerin Hollerich strahlte wie auf ihrer eigenen Hochzeit und
warf Blicke in den Raum, die Anerkennung und Begeisterung zu ernten versuchten
und dabei Spitzen von Verzweiflung trugen; ihr Kollege Klamm saß aufrecht
da und lächelte ein kaum sichtbares Strichlächeln. Neitzl sagte „Also,
Freunde, dann machen wir mal weiter“, ging mit Vennemann hinaus, und Schnürer
blieb mit dem in seiner gewohnten Sitzungshaltung auf einem Stuhl kauernden
und bis dahin schweigsamen Sennscheider allein im Konferenzraum zurück.
Sennscheider drückte den Rest seiner selbstgedrehten Zigarette mit bebender
Hand in einem Flaschendeckel aus und fragte, was Schnürer meine. Er sehe
da noch nicht besonders viel, sagte Schnürer, und das, was er sehe, erfülle
ihn nicht unbedingt mit großen Hoffnungen. So könne man das wohl sagen,
sagte Sennscheider und blieb sitzen, als sich Schnürer nach einigen Minuten
eines einverständlichen Schweigens verabschiedete und ging. 28 Es werde besser sein, sagte Neitzl am Telephon,
wenn Schnürer an der Konferenz diesmal teilnehme, denn es gehe um „Grundsätzliches“,
und es sei „die Kacke am Dampfen“. Schnürer verspürte wenig Lust, weil
sein Zimmer von strahlendem Sonnenschein durchflutet war und er kurz vor
Neitzls Anruf beschlossen hatte, einen langen, entspannenden Spaziergang
zu unternehmen. Seit der „internen Präsentation“
der Nullnummer war eine Woche vergangen, in der er kaum an CULT gedacht
hatte. Es war nun beinahe Mitte April, und der Termin für das „Erscheinen“
der ersten Probeausgabe (die nicht richtig gedruckt, sondern in einer
Auflage von etwa zwanzig Exemplaren auf einem Farbkopierer hergestellt
werden sollte) rückte näher. Schnürer wußte, daß in der Redaktion von
den frühen Morgenstunden bis spät in die Nacht gearbeitet wurde und daß
seine instinktive Weigerung, sich mit dem Stadtmagazin zu befassen, von
einem Trotz herrührte, der sich mangels Gegenüber weder entladen noch
auflösen konnte, und deshalb beschloß er, auf den Spaziergang zu verzichten. Die Atmosphäre in dem Konferenzzimmer
war so stickig und angespannt, daß eine gewittrige Entladung mit Blitz
und Donner auch in meteorologischem Sinne vorstellbar erschien. Wegerich
stürmte als letzter an den Tisch, versuchte, als sein Stuhl das Hervorziehen
unter dem Tisch mit einem furzenden Geräusch begleitete, ein hektisches
und betont lockeres Kichern, auf das jedoch niemand reagierte, und sagte
dann, es sei fünf vor zwölf und könne so nicht weitergehen. Als auch darauf
niemand antwortete und sich die Redakteure nur untereinander Blicke zuwarfen,
fuhr er nach einer Pause fort, er sehe sich gezwungen, die „Zügel“ nunmehr
„etwas fester anzuziehen“. Das Konzept, auf dem CULT beruhe, müsse, das
sei allen Beteiligten (es blieb in einer seltsamen Schwebe, wen er damit
meinte) klar, marktfähig umgesetzt werden. Er sehe in dieser Hinsicht
von seiten der Redaktion bislang nicht nur keinerlei Bemühung, sondern
geradezu einen Widerstand, der offensichtlich darauf abziele, die ganze
Sache „in den Graben zu reiten“. Vennemann sagte, er wisse nicht, wurde
jedoch von Wegerich sofort unterbrochen: Obwohl er mehrmals und eindringlich
darauf hingewiesen habe, daß ein Kulturmagazin in erster Linie das kulturelle
Geschehen wiederzugeben und anregend zu begleiten habe, sei nicht
die geringste Bereitschaft hierzu da und nicht der geringste Ansatz zur
Umsetzung des gemeinsam erarbeiteten Konzepts zu erkennen. Ganz speziell
seien „Clubkultur, Partyszene, People und Events“ derart wichtig, daß
er mit Verwunderung und völligem Unverständnis registriere, daß die Redaktion
diesem zentralen Bereich mit kompletter Ignoranz begegne. Er könne sich
Geduld nicht mehr leisten. Der ausgewiesene Fachmann Spetz habe ihn darauf
aufmerksam gemacht, daß in den bisherigen Heftplanungen zum Beispiel der
„Magazinteil“, das „Schaufenster des Heftes“, noch gar nicht „angelegt“
sei, ohne den, das hätten „Nachforschungen und Erhebungen“ längst eindeutig
belegt, ein Heft grundsätzlich nicht marktfähig sein könne. Das,
forderte Wegerich, sei absolut „vordringlich“ und sofort umzusetzen. Eine Weile herrschte Schweigen,
dann fragte Vennemann in hörbar verblüfftem, verwirrtem und neugierigem
Tonfall, was man sich unter einem solchen „Schaufenster“ denn vorzustellen
habe. Soweit er wisse, sei davon bislang überhaupt nie die Rede gewesen.
Er habe, sagte Wegerich, manchmal das Gefühl, es hier mit „Neulingen“
und „Amateuren“ zu tun zu haben, und könne nur noch einmal betonen, wie
verwundert er sei. Man habe doch wohl ausführlich genug über moderne Themen diskutiert, um diese angemessen,
im Einzelfall auch titeltauglich,
repräsentieren zu können. Schnürer sagte, es gehe also offenbar darum,
einzelne Geschichten aus den „Ressorts“ herauszureißen, insbesondere „Bestseller,
Blockbuster und Megastars“, und daraus ein buntes Panorama zu gestalten.
Er sei nicht erfreut über Schnürers negative und ironische Ausdrucksweise,
sagte Wegerich, diese zeige aber immerhin, daß er wisse, was los sei.
Soweit er sich erinnern könne, sagte Schnürer, sei man sich einig gewesen,
daß das von Vennemann redaktionell betreute „Urbane Leben“ das zentrale
Ressort und zugleich den einleitenden Hauptteil des Heftes bilden solle,
auch um als Vorbild für Einzelausgaben in anderen Städten zu dienen. Das
sei Blödsinn, sagte Wegerich. Niemand habe je geplant, Geschichten über
„Stadtratssitzungen und Freibiereröffnungen“ zum „Dreh- und Angelpunkt“
eines Kulturmagazins zu machen, weil jeder Mensch wisse, daß man mit solchem
Zeug keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken könne. Von Geschichten dieser Art,
sagte Schnürer, sei tatsächlich nie die Rede gewesen. Wenn er sich recht
erinnere, sei die lange Liste mit geplanten Themen und Geschichten Wegerich
durchaus bekannt. Die Graphikerin Hollerich stöhnte laut. Wenn ihr schlecht
sei, sagte Schnürer, solle sie das doch bitte draußen erledigen. Es entstand
ein empörtes Durcheinander. Schließlich sagte Schnürer, es tue ihm leid,
wenn ihm der Kragen geplatzt sei, aber er frage sich, wozu man wochen-
und monatelang an einem vernünftigen Heft gearbeitet habe, wenn die Resultate
der Arbeit nun plötzlich niemanden mehr interessierten. Wenn Wegerich
vorhabe, CULT zu einer schrillen Konsum- und Klatschgazette für „Yuppies
und Partygesocks“ umzugestalten, sei er damit auch kommerziell auf dem
Holzweg, was man im übrigen so oft besprochen habe, daß sich eine derartige
Diskussion von vornherein erübrige. Das sehe er anders, bellte Wegerich
angriffslustig. Was denn nun überhaupt los sei, fragte Vennemann. Wenn
das gewünscht sei, könne man ja die ganzen bestellten Geschichten auch
wieder abbestellen, seufzte Neitzl, er wolle aber bitteschön möglichst
bald erfahren, was denn jetzt eigentlich in dem Heft drinstehen solle.
Das sei doch wohl eindeutig klar, zischte der Graphiker Klamm, und seine
Kollegin Hollerich schrie, sie könne von diesem „herunterziehenden Zeug“
nichts mehr hören. Es gebe so viele „super Sachen“ in der Stadt, zum Beispiel
kenne sie jemanden, der aus Hamburg hergezogen sei und hier jetzt „ganz
groß was auf die Beine“ stelle, das sei doch zum Beispiel „ein Superthema“,
ebenso wie zum Beispiel „die besten Eisdielen“ und eine von ihr schon
oft vorgeschlagene Geschichte über junge Filmemacher und Firmengründer
und andere Menschen, die „Visionen“ hätten und nicht nur „alles Scheiße“
fänden. Schnürer lächelte aggressiv
mitleidig, äußerte aber nichts. Es gehe, sagte Wegerich, „natürlich“ um
„solche Sachen“. Er sehe sich gezwungen, darauf zu bestehen, daß „bis
morgen etwas auf dem Tisch“ liege, weil er sonst „Konsequenzen ziehen“
müsse. Mit ihm, sagte Schnürer mehr zu sich selbst als zu jemand anderem,
sei so etwas nicht zu machen. Neitzl seufzte resigniert, sagte, er habe
zuviel zu tun, um hier stundenlang wolkige Gespräche zu führen, und verließ
den Raum. Sennscheider, der bis dahin geschwiegen hatte, fragte mit leiser,
angestrengter Stimme, ob eine Liste mit den von der Graphik gewünschten
Themen bis zur morgigen Sitzung vorliegen werde. Plötzlich trat Michalski
in den Raum, wurde von einer Welle aus feindseligem Schweigen empfangen,
rief „Aha!“ und ging wieder hinaus. Da niemand mehr etwas zu sagen wußte,
war die Sitzung beendet. 29 Schnürer verbrachte den Nachmittag damit, befeuert
von Zorn und triumphalem Zynismus ein neues „Manifest“ zu verfassen: „Im Zuge der fortschreitenden
Orientierung des kulturellen Lebens auf quasi industriell organisierte
Veranstaltungen (Events) und Produkte (Platten, Filme) haben sich auch
die auf diesem Bereich tätigen Medien verändert. Da es unter anderem nicht
mehr darum gehen soll, zu entschlüsseln, welchen Gehalt an Sinn eine Veranstaltung
oder ein Produkt enthält und vermittelt (Kritik), sondern zum Besuch einer
Veranstaltung bzw. zum Kauf eines Produkts anzuregen oder die breite Palette
diesbezüglicher Unterhaltungsmöglichkeiten ansprechend zu präsentieren
(was im Grunde dasselbe ist, aber ausrichtungstechnische Unterschiede
nach sich zieht), hat sich der Schwerpunkt der Berichterstattung von der
nachträglichen Diskussion auf die Ankündigung verlagert. Zwar sind in
einigen Medien einige der alten Formen (etwa die Rezension oder das Gespräch
mit dem Hersteller oder einem an der Herstellung Beteiligten) erhalten
geblieben, aber auch hier hat sich in den meisten Fällen die Einsatzweise
verändert (das Interview als Teil der Konsumempfehlung). Breiteren Raum als in der
Vergangenheit nehmen daher Veranstaltungskalender, Ankündigungen von Neuerscheinungen
und Programmhinweise aller Art ein, die von kurzen, auf den spezifischen
Charakter von Wortwitzen, ironischen ‚Statistiken‘ o. ä. reduzierten Beiträgen
zu denselben Themen flankiert werden. Da journalistische Techniken, Regeln
und Formen hierbei keine Rolle spielen, wird auch der Begriff Journalismus
nur noch in seltenen Fällen verwendet. Gängig ist die Bezeichnung ‚Content‘,
die andeutet, was intendiert und notwendig ist: den Raum zwischen Werbeflächen
und Produkthinweisen mit Texten zu füllen, die soviel Aufmerksamkeit generieren,
daß der Nutzer des Mediums weiterblättert und so auch Werbung und Produkthinweise
zumindest nebenbei wahrnimmt. Diese Evolution der Medien
hatte und hat Auswirkungen auch auf die zugrundeliegenden Vorgänge und
deren Rezeption, die im folgenden kurz erläutert werden sollen. Im Mittelpunkt
wird dabei die Frage stehen müssen, was Kultur überhaupt ist, wer in welcher
Form daran teilnimmt und wodurch sie von ‚oben‘ oder ‚außen‘ beeinflußt wird. Die heutige Einstellung
zu und der (vor allem industrielle) Umgang mit öffentlicher Kultur in
einer modernen Gesellschaft beruhen auf einem grundlegenden Irrtum. Produktbezogene
Kultur besteht darin, daß über Filme, Bücher, Schallplatten, Konzerte,
Aufführungen und Ausstellungen diskutiert wird, die niemand gesehen und
gehört hat mit Ausnahme der hierfür beruflich zuständigen Kritiker, deren
Einschätzungen und Beobachtungen Ausgangspunkt der Diskussion sind. Über
die Produkte, die tatsächlich massenhaft konsumiert werden (Bestseller-Bücher,
Hit-Schallplatten, Blockbuster-Filme), wird nicht nur kaum diskutiert,
es besteht auch offenbar jenseits der Vorankündigung (mit Erwähnung der
Wichtigkeit des Erwerbs bzw. Konsums) kein Diskussionsbedarf. Kritische
Gedanken und Hintergrundberichte über den reinen inhaltlichen Sinngehalt
von Erscheinungen wie Stephen King oder Phil Collins werden als esoterische
Spielart der popkulturellen Postmoderne aufgefaßt und sind wohl auch so
gemeint. Festzustellen ist eine verbreitete
‚Medien-Müdigkeit‘ (die sich in Abstinenz und geringer Aufmerksamkeit,
grundsätzlicher Verachtung etc. zeigt). Durchgesetzt hat sich daher
in den letzten Jahren die Tendenz zur Trennung der unterschiedlichen Bereiche
von Produkt-/Veranstaltungshinweis einerseits und flankierendem Lesestoff
andererseits. Hierfür sind in vielen Zeitschriften Strecken mit Bezeichnungen
wie ‚Magazin‘, ‚Spektrum‘, ‚Schaufenster‘ etc. entstanden, deren Form und Charakter im
Einzelfall Abweichungen und Sonderformen aufweisen, deren grundsätzliche
Intention jedoch ähnlich ist. Schreibt man die größte Relevanz einerseits
der Repräsentation der angesprochenen Zielgruppe, ihres Lebens und ihrer
Träume, andererseits dem Sektor der Produkte und produktgleichen bzw.
-bezogenen Veranstaltungen zu, so muß sich das in diesem ‚Magazin‘-Teil des Mediums unmittelbar
niederschlagen. Berichte zu Vorgängen und Themen von ausschließlich gesellschaftlich-sozialer
Bedeutung ohne Konsumorientierung und Relevanz für die individuelle Lebensgestaltung
können dann höchstens eine marginale, flankierende und füllende Rolle
spielen; dabei ist auf Kürze, Lesefreundlichkeit und ansprechende Gestaltung
zu achten, da sie sonst ihre Funktion, den positiv anregenden Charakter
des Mediums für das Auge und Empfinden des Lesers zu umrahmen und ihn
zum Weiterblättern und Dabeibleiben zu animieren, nicht erfüllen können. (Ein gänzlich anderer Fall
liegt vor, wenn ein Medium entscheidet, Kultur als Diskussionsgegenstand
und -ergebnis aufzufassen, sie und vom Produktbereich zu trennen und sich
nicht als Mittler zwischen Industrie und Konsument, sondern als Forum
der Diskussion unter kulturell-sozialen Subjekten zu verstehen. Dieser
Fall spielt für die gegenwärtige Ausrichtung und Planung bei CULT keine
Rolle.) Ausgehend von dem Gedankengang,
daß ein Kulturmagazin in erster Linie konsumiert wird, um sich zu informieren,
was der Markt an Möglichkeiten kommerzieller Unterhaltung sowie hochwertiger
Freizeit- und Lebensgestaltung anbietet, richtet sich der Magazin-Teil
von CULT vornehmlich an die urbane Elite mit Altersschwerpunkt unter dreißig
Jahren (es sei aber darauf hingewiesen, daß die Gruppe der optisch und
verhaltensmäßig Unterdreißigjährigen heute einen großen Anteil Übervierzigjähriger
enthält), die sich durch Karriereorientierung, ‚konformistische Individualität‘ (die Neigung, sich als Individualist zu definieren,
indem man dieselben Produkte konsumiert und dieselben Trendverhaltensweisen
ausübt wie alle anderen ‚Individualisten‘) und hohe Konsumfreudigkeit auszeichnet. Der Magazin-Teil sollte
daher vor allem Artikel enthalten, die 1. verhaltens- und konsumbezogene
urbane Trends (Nightlife, Essen, Mode, Lifestyle-Produkte, Trend- und
Fun-Sport, Statussymbole etc.) aufgreifen und kommentieren; 2. signifikante Einzelfälle
herausheben, die in gewisser Weise stellvertretend für Erfolgserlebnisse
oder (wichtiger!) unerfüllte und unerfüllbare Erfolgsträume stehen, die
für die Zielgruppe typisch sind (junge Unternehmer, Schauspieler, Models
etc.); 3. in ihrer graphisch-optischen
Gestaltung und in dem verwendeten Bildmaterial ein Lebensgefühl zum Ausdruck
bringen, das von Dynamik, Ereignisreichtum und Zukunftsfähigkeit geprägt
ist; 4. Problem- und Konfliktbereiche
ausschließlich anhand geglückter und zukunftsweisender individueller Lösungsversuche
darstellen; 5. individuelle, kuriose
Erscheinungen aufgreifen, die keine weitere ‚Bedeutung‘ haben, sondern für sich
stehen und Spaß am Lesen, Schauen und Blättern machen; 6. Kultur und ihre Träger
aus Blickwinkeln zeigen, die Anregungen zur eigenen urbanen Lebensgestaltung
geben können.“ 30 Er, sagte Neitzl, als er Schnürer kurz darauf
anrief, verstehe sehr wohl, worauf er hinauswolle und sei „vollumfänglich“
auf seiner Seite, doch werde man einerseits mit Polemik nicht weiterkommen,
und andererseits sei nicht zu erwarten, daß irgend jemand mit diesem Papier
etwas anfangen könne; allerhöchstens werde es zu noch einer „Vergatterung“
durch Wegerich kommen, die den Betrieb aufhalte und auf die er nicht die
geringste Lust habe, weil er fertigwerden und nach Hause wolle. Ob es
nicht „um Gottes Willen“ möglich sei, etwas zu schreiben, was er „denen
verkaufen“ könne. Schnürer schickte ein falsch
dosiertes, bitteres Lachen in den Hörer und formulierte einen weiteren
Text, in dem er zunächst von der „in der letzten Woche beschlossenen inneren
und inhaltlichen Umstrukturierung des Heftes“ sprach, die „grundlegende
praktische Änderungen“ notwendig mache, und dann für jedes einzelne Ressort
Vorschläge auflistete, die alle auf das gleiche hinausliefen: Es müßten
sämtliche angebotenen „Themen“ vor der Vergabe von Aufträgen unter Absprache
mit Graphikern und Bildredaktion auf „Titeltauglichkeit“ getestet, die
„größeren“ sodann in das „Schaufenster“ verschoben und die eigentlichen
Ressortseiten mit „Listings“ und möglichst kurzen Aufforderungen zum Konsum
von Produkten und Veranstaltungen gefüllt werden. Für Texte dieser Art
sei eine Zusammenarbeit mit freien Autoren nicht nötig, sie könnten vielmehr
aus „Presseinfos“ und Ankündigungen der entsprechenden Hersteller und
Veranstalter von der Redaktion selbst „erstellt“ werden. Die vielen geplanten
Kolumnen und Meinungsartikel könne man im Sinne des „Servicegedankens“
„eindampfen“ oder gleich ganz weglassen, auf längere „Lesegeschichten“,
gar zu „unaktuellen“ Themen, solle man im Zuge desselben Gedankens verzichten,
und im übrigen sei darauf zu achten, daß bei jeder Art von Text die Möglichkeit
einer Verknüpfung mit Verlosungen, Präsentationen etc. berücksichtigt
werde. „All diese Überlegungen
und Vorgaben“, schrieb Schnürer abschließend, „beziehen sich zunächst
auf die Erstellung der Nullnummer. Ihre Umsetzbarkeit und die Notwendigkeit
weiterer konzeptioneller Schritte in die nunmehr eingeschlagene (oder
eine andere) Richtung muß anhand des ‚experimentellen‘ Ergebnisses geprüft und diskutiert werden.“ Nachdem er den Text per
E-Mail an Neitzl geschickt hatte, sah er lange aus dem Fenster, bis sein
Blick nichts mehr erfaßte, riß sich dann gewaltsam aus der Meditation
heraus, betrachtete seinen Bildschirm und stellte plötzlich fest, daß
seine Arbeit für CULT (oder was er dafür gehalten hatte) im wesentlichen
erledigt und zu Ende war. Er spürte, wie ihn dieser Gedanke mit einem
überraschten Aufwallen maßloser Enttäuschung erfüllte, fühlte aber zugleich
eine noch etwas unsichere Vorfreude auf die vielen Möglichkeiten, die
ihm dieser Abschied eröffnete und die, was sie noch schöner machte, vorläufig
winzigen, zarten Keimlingen ähnelten, deren Form und Farbe nicht erraten
lassen, ob sie zu Blumen, Bäumen, Gestrüpp oder kleinblättrigem Kraut
heranwachsen werden. Obwohl ihn Neitzl (diesmal
ganz sachlich und ohne ironischen Unterton) darum bat, nahm er an der
Konferenz, in der sein neues „Manifest“ vorgestellt werden sollte, nicht
teil. Das lag weniger an dem Gefühl, seine Arbeit sei getan, als daran,
daß er CULT mehr und mehr als eine Art Tragikomödie betrachtete und als
solche zu spannend fand, um selbst an der Handlung mitzuwirken. Ohne dies
bewußt beschlossen zu haben, begab er sich in die Position eines Zuschauers,
der die Gunst seines Applaudierens nicht als selbstverständliche Geste
betrachtet. Vennemann hielt ihn per
Telephon und E-Mail auf dem laufenden: Es gebe inzwischen einen noch recht
wackeligen, aber einigermaßen „tragfähigen“ Seitenplan, gerechnet werde
mit einem Anzeigenanteil von etwa fünfzehn Prozent, was um die zwanzig
Seiten ausmache. Es erschien Schnürer etwas paradox, daß er aus seiner
augenblicklichen Position heraus Briefe und E-Mails an diverse Autoren
schrieb und sie um Mitarbeit an den von ihm konzipierten Kolumnenserien
„Außenansicht“ und „5.000 Zeichen“ bat, auch weil er nicht mehr davon
überzeugt war, daß es diese Kolumnen je geben würde. Daß er einige Zusagen
und bereits nach wenigen Tagen sogar erste Texte erhielt, machte ihn wieder
etwas zuversichtlicher. Er redigierte und kürzte die Texte und schickte
jeweils einen davon an Neitzl weiter, der nur mit knappem, förmlichem
Dank antwortete. Schnürer wußte nicht zu sagen, ob Neitzl zuviel zu tun
hatte oder durch seinen Rückzug aus dem Tagesgeschäft gekränkt
war, brachte aber auch nicht die Kraft auf, ihn anzurufen. Neitzl rief dann selbst
an, teilte mit, es „stehe soweit alles“, wirkte dabei abwechselnd gekränkt
und überarbeitet und bat Schnürer aber am Ende, ihn bei der Pressekonferenz
zu vertreten, die am folgenden Tag in den Räumen der Werbeagentur stattfinden
sollte. Er habe „weder Zeit noch Lust auf diesen Unfug“. Schnürer solle
„denen“ seinetwegen erzählen, er sei krank „oder irgendwas“, und weil
Schnürer Neitzls Haltung gefiel und er sich ihm freundschaftlich verpflichtet
fühlte, sagte er zu. 31 Die Agentur war eine derartige architektonische
Absurdität, daß Schnürer, als er sie gefunden hatte, zwischen sprachloser
Verblüffung und spontanem Lachen schwankte (und beides unterließ). Er
hatte eine unscheinbare Hofeinfahrt zwischen zwei gesichtslosen Blockbauten
(vermutlich aus den sechziger Jahren) passiert, war im Hinterhof zunächst
ratlos vor einer Glasfront gestanden, die keine Tür zu haben schien, war
über einen möglicherweise „raffiniert“ gemeinten Seitenschlitz zwischen
den Glasscheiben doch hineingelangt und hatte sich in einer komplett überdimensionierten
Empfangshalle mit auf Hochglanz poliertem Steinboden und einem gewaltigen
Tresen aus demselben dunklen Mineral wiedergefunden, in der sich außer
ihm niemand aufhielt. Hinter dem Tresen strahlte ein Emblem aus Gold-
und Bunttönen. Schnürer hörte Stimmen, folgte ihnen und gelangte durch
einen Gang, dessen schmale, düstere Enge und schmucklos grauweiße Wände
einen krassen Gegensatz zum lächerlichen Prunk der Empfangshalle bildeten,
in eine grell erleuchtete Kammer ohne Fenster, in der außer einer Kaffeemaschine
zwei junge Frauen standen, die sich unterhalten hatten und bei seinem
Eintreten erschrocken verstummten. Er wolle zu der Pressekonferenz, sagte
Schnürer und korrigierte das „will“ in Gedanken zu „muß“. Eine der beiden Damen ging
ihm voraus, den Gang entlang um drei oder vier Ecken, und führte ihn in
einen Raum, der einem Schulklassenzimmer ähnelte. Auf einem Podest am
Türende standen ein langer Tisch und ein Overheadprojektor, dahinter hing
eine Leinwand. Die gegenüberliegende Wand bestand vollständig aus Glas,
nur unterbrochen von Eisenträgern, und gestattete einen Blick in einen
monoton bepflanzten Innenhof, der an ein Gefängnis erinnerte und von dem
Schnürer nicht zu sagen wußte, wo er, wenn man auf der Straße vor dem
Haus stand, zu suchen wäre. Von den etwa hundert Stühlen
waren nur wenige besetzt. Am Tisch saßen Wegerich, Klamm, Michalski und
(wie Schnürer vermutete) einer der Inhaber oder Leiter oder „kreativen
Köpfe“ der Werbeagentur, ein grotesk dunkelbraungebrannter Anzugträger
mit geschorenem Kopf, dessen herrische Agilität an den Guru Spetz erinnerte.
Sein Gesicht trug ein strahlendes, optimistisches Lächeln zur Schau. Wegerich
blätterte in Unterlagen, Klamm sah sich ausdruckslos um, indem er seinen
Kopf knappe Bewegungen nach links, rechts und zurück zur Mitte durchführen
ließ wie ein mechanischer Automat; Michalski vervollständigte den schulischen
Eindruck der Szenerie, indem er dasaß und blickte wie ein übermäßig vorbereiteter,
nervöser Schüler bei einer mündlichen Prüfung. Ein Streber, dachte Schnürer,
setzte sich ans Glaswandende des Tischs und ließ zwischen Michalski und
sich einen Stuhl frei. Wegerich beugte sich in
seine Richtung, fragte, wo Neitzl sei, und erfuhr, dieser sei krank. Als
die über der Tür hängende Uhr auf zehn nach zehn gesprungen war, wurde
die Tür geschlossen, und der Mann von der Agentur verstärkte sein Lächeln
noch um ein paar Grade, erhob sich dann und sagte, er begrüße die Anwesenden
und freue sich über deren Interesse. Schnürer suchte nach bekannten Gesichtern,
fand jedoch unter den fünf oder sechs Berichterstattern in den vorderen
Reihen niemanden, der ihn auch nur an jemanden erinnert hatte. Die mittleren
Reihen der Zuhörerplätze waren vollständig freigeblieben, nur ganz hinten
saßen noch drei Leute, die er ebenfalls nicht kannte, von denen er aber
vermutete, es handle sich um Mitarbeiter eines oder mehrerer anderer Magazine,
worauf die belustigte Erwartung in ihren Gesichtern hinzudeuten schien. Wegerich hing einen halben
Meter weit über dem Tisch, was ihn wie vor Erschöpfung zusammengesunken
wirken ließ, sagte, auch er freue sich, und stellte Michalski (der sich
ruckartig verbeugte), Klamm (der nicht reagierte) und Schnürer (der „die
Redaktion vertrete“) vor. Der Mann von der Agentur schaltete den Projektor
ein, und auf der Leinwand erschien der CULT-Schriftzug mit der Parole
„CULT – Du bist dabei“, der einige Sekunden lang stehenblieb und von jedermann
im Raum stumm betrachtet wurde. Dann drehte sich der Mann von der Agentur
wieder nach vorne und sagte, er sehe es als große und lohnende Herausforderung
an, mit einer anspruchsvollen Kampagne den Roll-out eines „Magazins
völlig neuen Typs“ zu begleiten, das sich „auf die Fahnen geschrieben“
habe, die Stadt von einer Seite zu zeigen und „erlebbar zu machen“, die
man noch nicht kenne. Ihm und seinen kreativen Mitarbeitern sei es darum
gegangen, die besonderen Qualitäten von CULT in einen Claim zu
„destillieren“, der diese Qualitäten widerspiegle und zugleich „Lust am
Lesen und Leben“ mache. Schnürer fühlte sich erröten,
wandte sich zu der Glaswand und betrachtete das Quadrat aus unscheinbarem
Einheitsgestrüpp, das an den vier Wänden, die den Hof umschlossen, entlanglief.
Er, sagte der Mann, der seinen Namen nicht nannte, übergebe das Wort nun
an den Herausgeber Wegerich, den er als „Mann mit Visionen“ schätzen gelernt
habe und der sich sodann auf Fragen zu seinem Projekt freue. Wegerich
schien einen Moment nachzudenken, holte dann Luft und sagte: „Kultur erleben!
Die Stadt erleben!“ Dies sei der „griffige Slogan“, der „auf den Punkt
bringe“, was er und Michalski und eine Gruppe „kreativer Geister“ als
„publizistische Lücke erkannt und umgesetzt“ hätten. CULT sei … Schnürer
dachte an ein Durcheinander von Dingen, die kurz durch seinen Kopf trudelten
und nichts miteinander zu tun hatten, und hörte erst wieder hin, als um
Fragen gebeten wurde. Was das neue Magazin von
den anderen Kultur- und Stadtmagazinen unterscheide, wollte jemand erfahren,
und Wegerich antwortete ohne Zögern und ohne seine Antwort näher zu erläutern:
alles. Ob er für das neue Magazin auf dem „überlaufenen Sektor“ überhaupt
einen Platz sehe? Wegerich sagte: „Ohne jeden Zweifel.“ Weitere Fragen
wurden nicht gestellt, und so kündigte er an, es werde im Anschluß noch
Gelegenheit zu Einzelgesprächen geben, und wandte sich wieder dem Mann
von der Werbeagentur zu, der nun mit dem Projektor eine Folge von Anzeigen-
und Plakatentwürfen zeigte, auf denen außer dem Claim nicht viel
zu erkennen war. Es handle sich, sagte er dazu, vorläufig noch um Entwürfe,
man habe sich jedoch entschlossen, den innovativen Weg zu gehen und diese
Entwürfe bereits im vorliegenden Stadium zu präsentieren, weil auch ein
Kulturmagazin, ebenso wie die Kultur als solche, immer und notwendigerweise
„im Fluß“ und nie in irgendeiner Weise „fertiggestellt“ sei. Nach dem
fünften Entwurf, der seinen Worten zufolge einen einsam am blauen Himmel
schwebenden Fallschirmspringer zeigte, der durch den „Kontrast“ die Botschaft
„CULT – Du bist dabei“ verstärke und verdeutliche, erlahmte das Interesse.
Der Mann von der Werbeagentur sagte, dies sei im Grunde ein „Urknall“,
aus dem ein ganzes Universum entstehen werde, und verwies auf die von
Wegerich bereits angekündigte Gelegenheit zu Einzelgesprächen. Schnürer stand auf und ging
zu der einzigen Tür in der Glaswand. Ein junger Mann, an dessen Schulter
ein Tonbandgerät mit einem Tragriemen hing, hielt ihm ein Mikrophon vors
Gesicht und fragte, worin er die besondere Kompetenz der CULT-Redaktion
sehe. Schnürer sagte irgend etwas, bemerkte dann, daß er dabei war, in
einen Monolog hineinzugleiten, in dem er sich über die Sinnlosigkeit eines
„Ankündigungsjournalismus“, dessen reklameartiges Wesen und die Unvereinbarkeit
derartiger Ansätze mit einem guten Kulturmagazin auslassen würde, und
beendete das Gespräch mit einem Lächeln, weil er ahnte, daß sich das,
was er da als Konzept und Anspruch des neuen Magazins beschrieb, in dem
Magazin in keiner Weise wiederfinden würde, und weil er fürchtete, sich
von der lachhaften Szenerie und dem Unsinn, den Wegerich und der Mann
von der Werbeagentur geplappert hatten, zu einem allzu heftigen Sarkasmus
animieren zu lassen. Er dankte dem Reporter, der sich nachträglich als
Praktikant bei einem Privatradiosender vorstellte, bat ihn um kritische
Berichterstattung, erntete ein fragendes Lächeln und fuhr nach Hause. 32 Als er am nächsten Tag den Kurzbericht des Praktikanten
im Radio gehört hatte, wünschte er sich spontan, er hätte völlig andere
Dinge gesagt, obwohl er wußte, daß das nichts geholfen hätte, denn die
kurzen Zitate, die in den Beitrag eingeschnitten waren, sagten, aus ihrem
ursprünglichen Zusammenhang gerissen, gar nichts, und aus jeder anderen
Äußerung von ihm hätte man mühelos ebenso sinnlose oder verfälschende
Zitate herausschneiden können. Er fand sich damit ab; der Bericht war
verklungen, und daß ihn überhaupt jemand – und gar mit Interesse – gehört
hatte, war zweifelhaft. Neitzl sagte am Telephon,
Wegerich fühle sich von Schnürer im Stich gelassen, und er persönlich
fände es besser, wenn er wenigstens ab und zu vorbeischaute und an den
„fürchterlichen“ Sitzungen teilnähme. Es war nicht Neitzls Schuld, daß
Schnürer darauf übermäßig gereizt reagierte. Am Abend zuvor war er mit
seiner Frau verabredet gewesen, hatte sich, als sie in dem Lokal um die
Ecke von seiner Wohnung am Tisch erschienen war, wo er bereits saß, um
ein belanglos freundliches Gespräch bemüht und war von ihr mit der Forderung,
er solle endlich seine übrigen Sachen aus dem ehemals gemeinsamen Haus
schaffen, regelrecht überfallen worden. Seine aufgesetzte Souveränität
war von ihrer aggressiven Bestimmtheit ausgehöhlt und weggeschwemmt worden
wie eine Sandburg von der Flut; sie hatte ihn kaum einen Satz zu Ende
bringen lassen, seine Bitte um Verständnis (die Untermieter, die enge
Wohnung, in der jetzt schon kein Platz mehr war, usw.) ignoriert, war
nach wenigen Minuten und ohne ihr Getränk auch nur anzurühren wieder aufgestanden
und grußlos gegangen. Bebend vor Zorn und Verzweiflung war Schnürer am
Tisch sitzengeblieben, in einem Anflug von Peinlichkeit versucht gewesen,
nach seinem auch ihr Glas leerzutrinken, hatte es dann doch nicht getan
und diese Unterlassung absurderweise wie einen kleinen Sieg empfunden. 33 Es sei zum Kotzen, sagte Neitzl. Von dem ursprünglichen
Konzept sei man inzwischen kilometerweit entfernt, es gebe keine Anzeigenkunden,
die Honorare für Autoren seien immer noch nicht festgelegt, das Budget
für Texte werde aber täglich kleiner, ständig schwirrten irgendwelche
„Photographenyuppies“ durch die Gänge, ohne daß irgend jemand von den
Redakteuren wisse, um was es gehe, Wegerich knurre jeden an, den er treffe,
und die Graphikerin Hollerich habe am Tag zuvor einen hysterischen Anfall
erlitten, sei vom Stuhl gefallen, habe minutenlang gekreischt und sei
schließlich von Klamm hinausgeführt worden. Er, sagte Schnürer, habe mit
diesem Circus jedoch nichts zu tun. Er werde die verabredeten Buchbesprechungen
und Konzertankündigungen für das Probeheft so schnell wie möglich liefern,
ansonsten habe er anderes zu erledigen. Er solle sich aber doch schon
mal Gedanken über die Themenauswahl für die ersten Hefte machen, sagte
Neitzl fordernd, schließlich sei das „sein Bereich“, zumindest was Musik
und Literatur angehe. Da irre er sich, sagte Schnürer, ihn gehe das nichts
an. Eine Viertelstunde nachdem
er aufgelegt hatte, stand Neitzl vor der Tür. Man müsse miteinander reden,
sagte er zu Schnürer, der ihn nicht hereinbat, sondern sagte, er habe
keine Zeit. So gehe das nicht weiter, sagte Neitzl wütend, er könne sich
nicht einfach aus allem heraushalten und die anderen sitzenlassen. Das
müsse er aber, sagte Schnürer, es gehe nicht anders, er habe alles mögliche
zu tun und zu bewältigen und im Kopf (er erwähnte seine namenlose Frau,
ohne von ihr zu sprechen – eine heimliche Prüfung für Neitzl, die dieser
nicht bestand, was in Schnürers hektische Verzweiflung einen Schuß Zorn
hineinrührte) und seinen Teil zu CULT mit dem neuen „Yuppiekonzept“ erschöpfend
beigetragen. Wenn ihn dieses neue Konzept so anwidere, sagte Neitzl, verstehe
er nicht, wieso er es dann überhaupt geschrieben und sich nicht vielmehr
gegen Wegerichs „Terror“ gewehrt habe. Es habe keinen Zweck, um
etwas zu kämpfen, was verloren sei, sagte Schnürer. Es werde eben ein
Magazin geben, das derselbe Mist sei wie alle anderen derartigen Machwerke
und deswegen genauso scheitern werde. Vielleicht werde Wegerich das eines
Tages einsehen, vielleicht auch nicht, ihm sei das im Grunde egal, er
habe sich um anderes zu kümmern. Redakteur sei er nicht mehr und könne
er mit dem neuen Konzept auch nicht mehr sein, und seine „Textchen“ werde
er gerne weiterhin liefern, solange sie gewünscht seien. Neitzl seufzte
und sagte, er verstehe Schnürer ja (womit er sich irrte), aber der müsse
seine und Vennemanns und Sennscheiders Lage auch sehen. Das tue er, sagte
Schnürer versöhnlich und versprach Neitzl, ihn zu unterstützen, wenn er
könne. Sie betrachteten eine Weile ihre Gesichter, die langsam weicher
und vertrauter wurden, dann seufzte Neitzl. Schnürer seufzte ebenfalls,
vollführte eine kleine, nur noch ein bißchen zu groß geratene Handbewegung
und gab seinen Widerstand gegen das nur noch ein bißchen zu klein geratene
Lächeln auf. Als Neitzl gegangen war,
erhielt Schnürer einen Anruf von Wegerich, der mit keinem Wort auf seinen
„Rückzug“, sein neues Konzeptpapier und seine Abwesenheit einging, im
Gegenteil sehr freundlich klang und fragte, ob man sich abends „zusammensetzen“
wolle, um nun doch endlich über Geld, aber auch über „allgemeine Dinge“
zu reden. Es wäre ihm, sagte er, lieber, wenn dieses Treffen nicht in
den Redaktionsräumen stattfände, auch weil er irgendwann etwas essen müsse. 34 Schnürer, der selbst nur ein Bier bestellt hatte,
sah zu, wie Wegerich einen Teller Nudeln in sich hineinschaufelte und
mit vollem Mund nach dem Kellner winkte, um neuen Wein zu bestellen. Er
hoffe, sagte Wegerich, als der Teller leer und abgeräumt war, auch weiterhin
auf Schnürers Mitarbeit und Unterstützung. Schnürer lehnte sich zurück,
faßte mit der Hand nach seinem Glas, ließ es jedoch stehen und sagte,
als Redakteur stehe er für das neue Konzept auf keinen Fall zur Verfügung.
Er erwartete, daß Wegerich ihm nun erklären würde, es gebe gar kein neues
Konzept, es laufe vielmehr alles wie geplant, aber Wegerich nickte nur
und fragte, welche Geldsumme er sich für seine bisherige Mitarbeit vorstelle.
Schnürer sagte, er habe davon keine genaue Vorstellung und wolle sich
gerne an einem Vorschlag orientieren. Fünfundzwanzigtausend Mark, sagte
Wegerich fragend, ob das ein „Eckpunkt“ wäre. Schnürer tat so, als überlegte
er, nickte dann kaum merklich und sagte, es sei auf jeden Fall ein Angebot.
Er, sagte Wegerich, könne sich, obwohl die finanziellen Mittel äußerst
knapp seien, vorstellen, das Angebot noch zu erhöhen, wenn Schnürer sich
eine weitere Mitarbeit vorstellen könne. Als Autor, sagte Schnürer, sei
er ja sowieso weiterhin dabei, und wenn Wegerich tatsächlich etwas daran
liege, seine Meinung zu hören, dann könne er diese schon ab und zu äußern.
Wegerich sagte, ihm liege sehr viel an Schnürers Meinung, schließlich
gehe es um ein gemeinsames Projekt. Das könne man so nicht mehr behaupten,
sagte Schnürer, das ursprüngliche Projekt sei in wesentlichen Punkten
ein ganz anderes gewesen; im verschatteten Bereich seines Hinterkopfes
erwachte gähnend die Frage, ob das ganze Beharren auf dieser und jener
Sichtweise nicht insgesamt ein Irrtum sei: Möglicherweise, flüsterte sie,
sei es den beiden verschiedenen Menschen an diesem Tisch von Anfang an
um zwei verschiedene Projekte und Zeitschriften gegangen. Die Frage, ob
es unter den von Wegerich gleich zu Beginn vorgegebenen Bedingungen überhaupt
je möglich gewesen wäre, Schnürers Idee weiter als in eine beschauliche
Sackgasse hinein zu denken, wollte vorläufig noch ein bißchen weiterdösen. Wegerich schlug vor, Schnürer
während der Markteinführungsphase, deren Dauer er auf drei bis
sechs Monate schätze, monatlich viertausend Mark zu bezahlen (was, wie
Schnürer ohne Nachrechnen wußte, ein vielfaches des selbst im besten Fall
zu erwartenden Texthonorars wäre). Damit, sagte Wegerich, wolle er einerseits
das Honorar für die von Schnürer geleistete Vorarbeit gewissermaßen nachträglich
erweitern (da im Moment eben nicht genug Geld zur Verfügung stehe, um
ihm ein wirklich angemessenes Angebot zu unterbreiten), andererseits hoffe
er aber auch in Zukunft und für die Dauer dieser Phase auf Schnürers kritische
und beratende Unterstützung, wenn es um grundsätzliche und konzeptionelle
Dinge gehe. Wenn die Sache erst einmal laufe, könne man ja weitersehen. Das geht nicht, und das
weißt du, dachte Schnürer, aber es gelang ihm nicht, das, was ihm wie
formlose Wolken durch den Kopf zog, verständlich zu formulieren (die Frage,
ob er wissentlich getäuscht worden sei, war nun endlich auch nach Hause
gekommen, jedoch sofort in tiefen Schlaf gesunken, und brabbelte im Traum
wirres Zeug), und deshalb schwieg er – war es möglich, daß er sich geirrt
hatte und Wegerich eigentlich die ganze Zeit auf seiner Seite war und
die enervierenden Reibereien tatsächlich nur daher rührten, daß er aufgrund
seiner Position und Verantwortung gezwungen war, gewisse Sachzwänge zu
respektieren und sich ihren Konsequenzen so weit zu fügen, wie er es tat,
um auf der anderen Seite Freiräume zu lassen für die Vorstellungen und
Ideen, die Schnürer hatte und die, wenn er sich das recht überlegte, nicht
von selbst entstanden, sondern von Wegerich wie von einem Katalysator
zumindest teilweise erzeugt worden waren? Er war verwirrt, hatte das Gefühl,
nur halb anwesend und halb ganz woanders und im Grunde nirgends zu sein,
als wäre er von der Klinge der Gegenwart gerutscht und hinge nun in einem
Zeitnebel herum, unfähig, zu begreifen, was passierte und was es bedeutete,
und sagte endlich, mit vielen müden Fragen im Kopf und ohne eine Vorstellung
zu haben, was Wegerich eigentlich wollte, er finde das Angebot sehr fair
und nehme es an. Es wäre, sagte Wegerich,
„aus abrechnungstechnischen Gründen sehr günstig“, wenn Schnürer den Betrag
von fünfundzwanzigtausend Mark auf drei Rechnungen verteilen könnte. Das
sei kein Problem, sagte Schnürer. Als er gerade überlegte, ob er sich
ein zweites Bier bestellen sollte, um möglicherweise den Rest des Abends
über etwas ganz anderes zu plaudern, trank Wegerich seinen Wein in einem
Zug aus und sagte, während er schon aufstand, er habe es leider ein bißchen
eilig, aber man sehe sich ja in den nächsten Tagen. 35 Schnürer sah Wegerich in den folgenden zwei Wochen
nur einmal: bei der Verteilung der photokopierten und von Hand gebundenen
Probehefte. Ohne wie die anderen darin zu blättern, nahm Schnürer das
Heft unter den Arm, schlug es dann doch kurz auf, studierte das Impressum
und bat Neitzl, darauf zu achten, seinen Namen zukünftig nicht mehr unter
„Redaktion“ aufzuführen. Dann ging er in Wegerichs Büro, wo dieser mit
einer Frau sprach, die Schnürer nicht kannte. Ob er kurz stören dürfe,
fragte Schnürer, und reichte Wegerich drei Rechnungen über zweimal zehn-
und einmal fünftausend Mark, die er mit der Betreffzeile „CULT Projektphase
1“ bis „CULT Projektphase 3“ versehen hatte. Wegerich warf einen kurzen
Blick auf die Rechnungen, gab sie Schnürer dann zurück und bat ihn, sie
noch einmal zu schreiben und nicht an seine Privatanschrift, sondern an
die neue Firma „CULT Print GmbH“ zu richten. Schnürer tat dies und schickte
die Rechnungen diesmal in einem Couvert mit der Post. 36 Es mußte ja auch einen Alltag geben. Der bestand
für Schnürer aus den episodischen Stunden, die er an seinem Schreibtisch
damit verbrachte, die üblichen kurzen Ankündigungstexte zu verfassen,
deren Zahl sich dadurch erhöht hatte, daß er sie nun nicht mehr nur für
Wegerichs EVENT-Magazin lieferte, sondern (mit kleinen, unscheinbaren
kosmetischen Operationen) auch für CULT. Erstaunt stellte er zwischendurch
fest, daß es einem widerspenstigen Flämmchen von Idealismus gelungen war,
in dem Schutthaufen aus Überdruß, Vergeblichkeit und Entkräftung, der
in seinem Inneren das von CULT geschaffene und bewohnte Ambiente bildete,
weiterzuglimmen und bisweilen aufzuflackern, wenn er zum Beispiel mit
jungen Autoren zu kommunizieren hatte, die ihm, da sie, meist von Neitzl,
an ihn als „zuständig“ verwiesen worden waren, am Telephon und per E-Mail
„Themen“ anboten – womit sie Geschichten in einem sozusagen vorembryonalen
Zustand meinten, die also vorläufig nur aus Namen und vagen Andeutungen
von Wichtigkeit bestanden und erst dann zur Lesbarkeit kristallisieren
würden, wenn Geld zumindest in hypothetischer Form materialisierte. Derartige
Angebote erweckten in Schnürer einen von jenem Flämmchen gewärmten Trotz,
gegen den er sich nicht zu wehren versuchte, selbst dann nicht, wenn ihm
die vortragende Schreiberin oder der (meist etwas aufdringlichere) Schreiber
grundsätzlich sympathisch war und wenn er sich daran erinnerte, daß er
selbst, genau betrachtet, ja nichts anderes tat als sie und er und eigentlich
noch weniger. Aus der Küche drang das
vormittägliche Gemurmel der Untermieter, hin und wieder gespickt mit glockenhellen
Schreien und Kicherstößen, dem Rumpeln eines gewaltsam verschobenen Sitzmöbels,
den erschrockenen Schmerzrufen gestoßener Töpfe und Pfannen, dem Rauschen
des Wasserhahns, dem aufdringlichen Animationsgeschrei eines Radiokaspers,
der zu fürchten schien, in dem von ihm selbst erzeugten schallenden Strudel
von kakophonischem Reklamelärm zu ertrinken. Dann wieder läutete das Telephon,
ertönten Schritte, floh sein Blick aus dem Fenster, wo er zum Beispiel
einen Schmetterling fing, der orientierungslos dem ungefähren Duft vieler
Efeublüten entgegentaumelte. 37 Vennemann und Neitzl hielten ihn per E-Mail über
ihren eigenen Alltag und dessen Entwicklung auf dem laufenden. Wegerich
habe in einer „Themensitzung“ gefordert, erfuhr er am 16. Mai, die von
Schnürer eingeführte Kolumne „Außenansicht“ müsse „positiv besetzt“ werden.
Schnürer schrieb zurück, in diesem Falle könne er die Betreuung der Kolumne
selbstverständlich nicht mehr länger übernehmen. An der Sitzung, teilte
man ihm weiter mit, habe auch der Guru Spetz teilgenommen, der als „externer
Berater“ um eine Beurteilung des Probeheftes gebeten worden sei. Er habe
geäußert, CULT habe „viel zuviel Inhalt“, brauche dringend „mehr kleine,
verdauliche Happen“, müsse „provokanter, überspitzter und einfach auch
mal billig“ sein, um sich ab- und durchzusetzen. Außerdem habe er gefragt:
„Wo sind die Produkte?“ Es müßten „geschickte Formen der Einbindung in
Stories gefunden werden, weil das jeder liest“. „Mehr klauen!“ habe seine
abschließende Aufforderung gelautet. Schnürer antwortete, er könne derartiges
Gefasel (das die Graphikerin Hollerich begeistert begrüßt und um die Forderung
nach mehr „knackigen Sachen“ ergänzt hatte) nicht einmal als Witz lustig
finden und höchstens als radikale Darstellung des absoluten Gegenteils
dessen ernstnehmen, was CULT der ursprünglichen Idee zufolge wolle und
solle. Daß ihm Vennemann außerdem
berichtete, er sei am selben Tag nach der Sitzung mit Wegerich zur „Präsentation“
der Tageszeitungsbeilage bei Chefredakteur und Geschäftsführer des Boulevardblatts
gefahren und dieser habe sich dabei höchst seltsam benommen, registrierte
Schnürer nur leicht irritiert, weil er sich für dieses Nebenprojekt nicht
recht interessieren mochte. Wegerich, schrieb Vennemann, habe ihm im Auto
zunächst eröffnet, er denke daran, einen zusätzlichen Mann für diese Beilage
einzustellen, um Neitzl und ihn (die, wie Vennemann nicht geäußert, sondern
nur gedacht habe, für diese Zusatzarbeit sowieso eigentlich gar nicht
zuständig waren und auch kein Geld bekamen) zu „entlasten“. An wen er
dabei denke, habe Vennemann gefragt und als Antwort den Namen eines Redakteurs
einer Tageszeitung genannt bekommen, den er nicht kannte. Nach einiger
Zeit habe Wegerich dann hinzugefügt, die Beilage werde in Zukunft auch
nicht mehr von der CULT Print GmbH produziert werden. Seinen abschließenden
Satz habe er, Vennemann, ohne ihn zu verstehen und aber auch ohne nachzufragen,
als Handlungsanweisung für das Gespräch mit dem Chefredakteur und dem
Herausgeber verstanden: „Wir müssen denen zeigen, daß das nicht geht!“
habe Wegerich gesagt. Schnürer mutmaßte, Vennemann habe da wahrscheinlich
etwas falsch verstanden; weil er selbst jedoch gar nicht verstand und
auch nicht verstehen wollte, um was es ging, dachte er nicht weiter darüber
nach. Am 22. Mai erfuhr Schnürer
– und obwohl frühere Vorstöße in dieser Richtung stets abgewehrt worden
waren, war er darüber nicht verwundert –, Wegerich habe ohne weitere Diskussion
die Einführung einer „Klatschseite“ beschlossen. Vennemann meldete am
8. Juni von einer „Themenkonferenz“ mit anschließender „Heftkritik“, Wegerich
habe eine „stärker sichtbare Dreiteilung des Heftes in Magazin-, und Programmteil“
sowie, was die in den Artikeln verwendete Sprache betraf, „mehr präsentische
Tendenz und eine gewisse Lässigkeit statt Nachrichtenstil“ gefordert.
Machte sich Schnürer darüber noch Gedanken? Es kam ihm so vor, als liefe
alles wie geplant, mit der im Grunde kaum wesentlichen Einschränkung,
daß er sich eingestehen mußte, den Plan komplett falsch verstanden oder
mutwillig falsch ausgelegt zu haben. Die Graphikerin Hollerich, fügte
Neitzl hinzu, finde die Texte „generell viel zu lang“. So ging es weiter, und so
wollte es kein Ende nehmen mit den Verabschiedungen von jedem einzelnen
Detail, das ihm an der Idee eines Kulturmagazins einst wesentlich erschienen
war. Vielleicht, dachte Schnürer, war es ein Fehler gewesen, sich zurückzuziehen
und die ganze Sache ihrem offenbar natürlichen Lauf zu überlassen; aber
wollte er denn aus dem unbestreitbaren Faktum, daß er über die Mitteilungen
in verzweifelte, trotzige Wut geriet, wirklich herauslesen, daß ihm an
dieser Idee noch etwas lag oder überhaupt je gelegen hatte? Wäre es nicht
ehrlicher gewesen, sich einzugestehen, daß er im Unrecht gewesen war,
daß er nicht getäuscht worden war, sondern sich selbst getäuscht hatte?
Und wäre es jetzt nicht am vernünftigsten, den ganzen Fall zu den Akten
persönlicher Irrtümer zu legen, sich über die Belange der Freunde Neitzl
und Vennemann hinaus nicht mehr damit zu befassen und, auch was diese
anging, zu den wesentlicheren Dingen des Lebens zurückzukehren? Vielleicht fand Schnürer
die Vorgänge einfach zu spannend, um sie zu ignorieren. Am 18. Juni, zwei
Tage vor dem Erscheinungstermin des ersten Heftes, erfuhr er von Vennemann,
die Graphiker seien „weg“ und sollten durch einen „Art Director“ ersetzt
werden, nach dem noch gesucht werde. Dann rief Neitzl an und fragte, ob
ihn die „Rundmail“ mit der Einladung zur „Startparty“ bei Wegerich am
folgenden Abend erreicht habe. Schnürer verneinte; die E-Mail traf eine
Stunde später ein: Wegerich entschuldigte sich, er habe alle seine Mails
bislang an Schnürers Mailadresse bei CULT gerichtet und lade ihn hiermit
herzlich ein. Schnürer antwortete knapp, er werde kommen und bitte darum,
alle Mails an seine Privatadresse zu senden oder weiterzuleiten, weil
er nichts von einer CULT-Adresse wisse und eine solche, da er nicht Redakteur
sei und in den Redaktionsräumen keinen Arbeitsplatz habe, auch nicht brauche. 38 Es hatte Schnürer schon seit längerem irritiert,
daß ihm seine Untermieter immer und ausschließlich als mehrgesichtiges
Gesamtphänomen gegenübertraten und Begegnungen in letzter Zeit – im Grunde
seit Monaten, insbesondere aber seitdem er mit Hilfe von Vennemann, Neitzl
und einem von ersterem gesteuerten geliehenen Lieferwagen das ehemals
eheliche Haus in der Vorstadt endgültig geräumt hatte – weitgehend überhaupt
vermieden, ihm – soweit das unter den klaustrophobisch beengten Bedingungen
der kollektiv genutzten Räume (Flur, Küche, Bad) möglich war – aus dem
Weg gingen, sich in den allerseltensten Fällen einer zufälligen Begegnung
in entgegengesetzter Richtung wortlos (sofern man kaum hörbare Räuspergeräusche
und Brummlaute nicht als Worte wertete) an ihm vorbeiquetschten, ansonsten
bei seinem Eintreten großäugig und erschreckt blickten, in stets derselben
oder doch sehr ähnlichen Konstellation (sie auf dem Schoß ihres Freundes
sitzend, eine Zigarette in der Hand, er auf der anderen Seite des Tisches,
sein seltener vorhandener Lebensgefährte mit dem Rücken zu Schnürer in
der Mitte), und sein Verschwinden aus der gemeinsamen Sphäre durch stumme
Unterbrechung der Unterhaltungsvorgänge (wie ein Standbild, dachte er)
zu beschleunigen versuchten. Eine Ausnahme bildete nur gelegentlich der
Freund der Untermieterin, wenn ihn Schnürer antraf, wie er am Herd stand
und, während im jalousierten Dunkel hinter einer der geschlossenen oder
angelehnten Türen – die zu öffnen Schnürer auch nach komplettem Abmarsch
der Mannschaft eine strenge Scheu untersagte – der Fernseher hektische
Animationsbotschaften ausstieß, seine Gemüse-Pilz-Mischungen in der Pfanne
wendete: Zwar schaute er Schnürer höchstens zufällig an, doch fiel ihm
wenigstens beizeiten eine Begrüßung ein. Schnürer hatte dem Freund,
von dem er wußte, daß er in einer Band spielte und ebenso oft im Nachtleben
kursierte wie die anderen Mitglieder des Viergestirns, dem er jedoch eine
größere Eloquenz zuzutrauen bereit war, angeboten, eine CULT-Kolumne über
die Vorgänge in der „Münchner Szene“ (worunter er im weitesten Sinne die
Band des Freundes, befreundete Bands und das Publikum der vier bis fünf
Tanzlokalitäten, die diese und ihr Umfeld bevölkerten, verstand) zu schreiben.
Die bisherigen Ergebnisse waren nicht begeisternd, aber immerhin vorhanden,
und ließen sich mit etwas Aufwand an Formulierung und sanft ironischer
Erweiterung als Simulation der Abbildung von Lebensvorgängen verwenden.
So hatte er mit dem Freund zumindest ein gemeinsames Gesprächsthema, das
er ihm nun, da er sich als CULT-Redakteur nicht mehr empfand, aufkündigen
mußte. Er werde sich in Zukunft
diesbezüglich an Vennemann oder Neitzl wenden müssen, sagte er in den
Rücken des auf die Pfanne konzentrierten Freundes, der dies mit einem
„Aha!“ quittierte. Ob er bei „der Sache“ nicht mehr dabeisei, fragte der
Freund nach einer Pause zurück, und Schnürer unterbreitete ihm die durch
häufigen Gebrauch vorformulierte Erklärung, „die Sache“ habe sich komplett
anders entwickelt als ursprünglich gedacht, weshalb er nicht mehr Redakteur
sein könne und wolle und selbst ebenfalls nur noch als gelegentlicher
Textautor mitwirken werde. Der Freund sagte, ihm sei
das ziemlich egal; er hege keine sonderlichen Ambitionen, Journalist zu
werden, und es müsse in seinen Augen auch die Kolumne nicht sein. Warum
er denn nicht schreiben wolle, fragte Schnürer, und der Freund sagte,
er habe nicht das Gefühl, daß er dafür besonders geeignet sei. Er frage
sich eigentlich sowieso, für was er geeignet sei, weil er zur Zeit zwar
Bassist sei, sich aber auch als Bassist nicht allzu gut einschätze und
die Band, in der er spiele, für nicht übermäßig gut halte. Ob er denn
nicht studieren wolle, fragte Schnürer, und der Freund sagte, er täte
dies schon gerne, wisse aber nicht, was er studieren solle, und auf ein
Studium der Betriebswirtschaftslehre, das, soweit er das mitgekriegt habe,
jeder absolviere oder zumindest anfange, der nicht recht wisse, was er
studieren solle, habe er keine Lust. Schnürer, der ihm letzteres
zugute rechnete, nutzte den Lauf der Kommunikation und fragte, ob er demnächst
mit der Untermieterin zusammenziehen wolle. Das wisse er noch nicht, sagte
der Freund; momentan wohne er noch bei seinen Eltern, wobei – er grinste
Schnürer an – das vielleicht auch ein bißchen übertrieben sei. Und ja
wahrscheinlich auch nicht mehr lange gehe, fügte Schnürer bemüht leicht
hinzu, und der Freund rührte wieder in der Pfanne. Da in diesem Augenblick
der Untermieter und in seinem Fahrwasser die Untermieterin mit typisch
erschrocken-ungehaltenem Gesichtsausdruck in die Küche einrückten, sich
an den Tisch setzten und wortlos Zigaretten anzündeten, als wäre es ihre
Mission, den Freund der Untermieterin vor eventuellen Belästigungen zu
schützen, ahnte Schnürer (bei aller Anspannung mit einer gewissen Erleichterung),
daß das Thema nun endlich auch von ihnen aufgegriffen würde. Und in der
Tat fragte die Untermieterin nach dem Ergebnis des letzten Treffens mit
seiner Frau. Das Ergebnis, sagte Schnürer freundlich und leicht belustigt,
seien die in der Wohnung neu hinzugekommenen Umzugskartons, Regalbretter
und anderen Gegenstände. Ob er denn noch mit einer „Einigung“ rechne,
fragte der Untermieter, und Schnürer sagte, eine solche Einigung sei,
indem er die Vorstadtwohnung nunmehr vollständig geräumt habe, bereits
eingetreten. Die Untermieterin sagte, daß also eine „Versöhnung“ wohl
nicht mehr möglich sei. Schnürer schüttelte den Kopf. Was er dann vorhabe,
fragte sie. Er werde wieder hier einziehen, sagte Schnürer, also: richtig
einziehen. Da müsse man wohl eine Lösung
finden, sagte der Untermieter nach einigem Schweigen. Schnürer nickte.
Er wolle sie nicht unter Druck setzen, sagte er, aber eine Lösung müsse
in der Tat gefunden werden. Ob es für ihn okay sei, fragte die Untermieterin,
wenn sie Ende Juli auszögen. Um sich seine Erleichterung nicht anmerken
zu lassen, zögerte Schnürer kurz, nickte dann wieder. Er werde ihnen gerne
bei der Wohnungssuche behilflich sein, eventuell lasse sich in seinem
Bekanntenkreis das eine oder andere Zimmer finden, zumindest für „den
Übergang“. Sie wollten, sagte die Untermieterin, auf jeden Fall wieder
zusammenziehen, ein Zimmer sei also nicht geeignet, sondern denkbar nur
eine Wohnung, die am besten Platz für alle vier bieten müsse. Das werde
nicht leicht, sagte Schnürer, zumal wenn man lediglich knapp drei Monate
Zeit habe von jetzt – Anfang Mai – bis Ende Juli; aber er werde, wenn
sie dies wünschten, auch in dieser Hinsicht „herumfragen“, und falls sich
gar nichts ergebe, könne man ja eventuell auch über eine gewisse Verlängerung
der Wohndauer reden. Schade, sagte sie und blickte den Untermieter an,
während ihr Freund weiterhin in der Pfanne rührte. Schade sei das schon,
sagte Schnürer, aber geahnt habe er eine solche Entwicklung mit Sicherheit
nicht. Der Untermieter sagte, da hätte er sich die Renovierungsmaßnahmen
in seinem Zimmer eigentlich auch sparen können, und Schnürer, peinlich
berührt, sagte, auch darüber könne man reden, vorstellbar sei eine Abstandszahlung
beim Auszug oder eine Verrechnung mit der demnächst zu erwartenden Jahresabrechnung
für Strom und Gas. Ja ja, sagte die Untermieterin,
drückte ihre Zigarette aus, und da offenbar alles gesagt war und der Freund
die Pfanne vom Herd nahm, verließen alle drei die Küche, und Schnürer
hätte, als sich die Zimmertür der Untermieterin hinter ihnen geschlossen
hatte, beinahe laut gejubelt vor Freude. Die Hochstimmung, in die ihn
die Materialisierung eines Termins für das Ende der beengten und chaotischen
Wohnsituation versetzt hatte, hielt die folgenden zwei Wochen an, bestärkend
begleitet von einer dringenden Ungeduld, die ihm jegliche Lust raubte,
weiterhin an dem Provisorium herumzubasteln oder auch nur die Staubballen
zu entfernen, die sich um ihn herum am Boden sammelten und bei jeder Bewegung
in tänzerischen Choreographien herumhuschten. 39 Wie Schnürer so am Tisch saß und der plappernden
Gemeinschaft, die sich für eine solche wenigstens teilweise tatsächlich
zu halten schien, beim Plappern und Essen zusah, bemerkte er, daß ihn
aus dem Halbdunkel heraus immer wieder unsicher freundlich lächelnde Blicke
eines Mannes trafen, den er nicht kannte. Ob er vielleicht wisse, wer
das sei, fragte er Neitzl, und dieser erklärte ihm, es handle sich um
den Terminredakteur Styri, der ehemals oder immer noch, er wisse das nicht
so genau, als Kulturautor bei einer oder mehreren Tageszeitungen tätig
gewesen oder noch tätig sei und den Wegerich eingeladen habe, da er ihn
möglicherweise mit der Erstellung oder Betreuung jenes Boulevardzeitungsterminbeilagenprojekts
beauftragen wolle oder vielleicht auch schon beauftragt habe. In jedem
Fall sei er ein netter Kerl, und Schnürer solle sich doch mal mit ihm
unterhalten. Schnürer verspürte dazu keine große Lust und fragte zurück,
ob das Terminbeilagenprojekt nun etwa doch nicht „gestorben“ sei. Das wisse er auch nicht,
seufzte Neitzl, man erlebe ja bei Wegerich immer wieder Überraschungen,
ihm persönlich sei das aber relativ egal, hingegen finde er es gar nicht
schlecht, in Styri einen weiteren, einigermaßen guten Autor gewonnen zu
haben oder möglicherweise gewinnen zu können. In der Tat erinnerte sich
nun auch Schnürer, den einen oder anderen Konzertbericht von Styri gelesen
zu haben und zumindest einen davon, bezüglich einer besonders peinlichen
und impertinent dauertourenden uralten Hardrockband, in seinem grobschlächtigen
Sarkasmus gar nicht schlecht und sehr angemessen gefunden zu haben. Da stand Styri schon neben
ihm, herbeigeführt von Vennemann, der ihn vorstellte, Schnürer „unser
Hirn“ nannte und ebenfalls und aber im Gegensatz zu Neitzl zweifelsfrei
erklärte, Styri solle – darüber habe er mit ihm vor drei Wochen gesprochen
und ihn sozusagen „eingewiesen“ – das Boulevardzeitungsterminbeilagenprojekt
übernehmen, wonach Schnürer nun lieber nicht mehr fragen wollte. Er gratulierte
Styri zu jener damaligen Konzertkritik, an die sich dieser erst nach einigem
Entsinnen mit einem freundlichen Lachen erinnerte, um Schnürer sodann
in ein Gespräch über eine junge Münchner Autorin verwickeln zu wollen,
die doch „auf jeden Fall was für die Literatur“ sei, deren Roman über
ein merkwürdiges Rockmusikphänomen in der nahen Zukunft Schnürer jedoch
nur kurz durchgeblättert und thematisch ebenso wie sprachlich eindeutig
mißraten gefunden hatte, ohne sich irgendwelcher Einzelheiten zu entsinnen,
weshalb er Styris in enorm sympathischem schweizerdeutschen Dialekt vorgebrachte
Werbung mit der Zusage, bei Gelegenheit in das Buch noch einmal „einen
Blick hineinzuwerfen“, abwürgte. Weil damit jedoch der Gesprächsstoff
erschöpft war und Schnürer auf die Tageszeitungsterminbeilage nicht zurückkommen
wollte, erwiderte er Styris Lächeln und sagte unbestimmt, es werde dem
Heft sicher guttun, einen Autor wie ihn zu haben, und sicher habe er bemerkt,
daß das Heft „schreiberisch“ bislang noch arg „dünn besetzt“ sei. Styri
war anderer Meinung, schwang sich dazu auf, die Erstausgabe, obwohl er
sie nur kurz durchblättern habe können, in den höchsten Tönen zu loben;
es handle sich um etwas, das lange fällig gewesen sei, eine „Erlösung“
regelrecht, an die er große Erwartungen knüpfe, auch was die Offenheit
und Visionarität des Herausgebers anbelange. Schnürer spürte, daß sein
Respekt für Styri angesichts derart unkritischer Lobeshymnen sofort zu
schwinden begann, und beendete den Sermon mit dem vagen Hinweis, er müsse
mit Neitzl noch „etwas besprechen“, und den Roman der jungen Münchner
Autorin, den werde er sich auf jeden Fall noch einmal anschauen. Er fand Neitzl in ein Gespräch
mit den beiden nunmehr ehemaligen, Wegerichs Begrüßungsworten zufolge
„unter dem Goodwill-Gesichtspunkt“ eingeladenen Graphikern vertieft, mit
dem er nichts zu tun haben wollte, sah sich nach Vennemann um, der, auf
einer Bierbank neben dem Tisch sitzend, mit den beiden Praktikanten ebenfalls
höchst geschäftig diskutierte, dabei hin und wieder die Gabel in den Teller
auf seinem Schoß führte, sich einen Berg Nudeln in den Mund schob und
kauend weitersprach, während die vor ihm stehenden Praktikanten aufmerksam
zuhörten. Als er Schnürers Blick auffing, grinste er, jedoch erschien
Schnürer das Grinsen auf merkwürdige Weise unrichtig und beschwichtigend,
weshalb er nur kurz die Bierflasche hob und sich nicht näherte. Vennemann
hob seinerseits den Nudelteller, machte mit vollem Mund und großen Augen
ein über den ganzen Lärm hinweg deutlich hörbares Mmm!-Geräusch und redete
dann weiter auf die Praktikanten ein. Schnürer bemerkte, daß ihn
sogar Vennemanns Enthusiasmus über das von Wegerich erstellte Nudelgericht
wütend machte. Es handelte sich, wie er fand, nicht um etwas, was man
derart lautstark oder überhaupt loben, mit hymnischen Mmm!-Geräuschen
bedenken und löffelweise in sich hineinschaufeln mußte oder auch nur durfte.
Im Grunde, fand Schnürer, während er vor Wegerichs Kloschüssel stand und
seine Blase entleerte, um sie gleich darauf wieder füllen zu können, war
das Ergebnis von Wegerichs Kochkunst ein Äquivalent des Ergebnisses seiner
Fähigkeiten als Zeitschriftenverleger: ein blasser Haufen Pampe mit ein
paar bunten Fetzen von industriell gezüchtetem, leblosem Fischfleisch
und viel geschmackfreiem, fettigem Rahm. Während die anderen das
Zeug aßen, ohne darauf zu achten, was sie da taten, und nebenbei hoffnungsfroh
plapperten, achtete Schnürer weniger darauf, was sie plapperten, als darauf,
was sich insgesamt abspielte: das Mampfen, das sinnlose Durcheinandergeplapper,
die seltsame Euphorie über etwas so Banales wie ein Heftchen, mit dem
noch vor wenigen Stunden erklärtermaßen keiner der Anwesenden auch nur
einigermaßen zufrieden gewesen war. Die Situation erinnerte Schnürer an
einen Effekt, den er aus Horrorfilmen kannte: Obwohl sich niemand von
seinem Platz wegbewegte und mit großer Sicherheit auch die Dimensionen
von Raum und Zeit ihre Stabilität beibehielten, schien sich der Raum zwischen
ihm und den anderen zu dehnen und er sich dadurch vom betriebsamen Geschehen
zu entfernen. Ab und zu fing er unsichere, prüfende Blicke Wegerichs ein,
ohne etwas mit ihnen anfangen zu können. Irgendwann mochte er nicht mehr
zurücklächeln und setzte eine nachdenkliche Solitärmaske auf. Ob es ihm nicht gutgehe,
fragte Neitzl, und Schnürer winkte mit einem Kopfschütteln ab. Er solle
doch diesen Blödsinn in Gottes Namen nicht ernstnehmen, murmelte Neitzl
und brach zu einem neuen Gespräch auf, das er nach kurzer, für Schnürer
unverständlicher Ouvertüre mit großzügigen Portionen von lautem Lachen
würzte. Ob etwas sei, fragte Vennemann, und Schnürer wollte ihm erklären,
daß der (inzwischen fast leere) Nudeltopf nichts anderes enthalte als
das CULT-Heft, nämlich einen laschen Berg Mehlpapp mit ein paar grell
gefärbten Bröckchen von degeneriertem Fabrikfisch, der sich über Nacht
in verdorbenes Stinkzeug verwandeln werde, mariniert in klebriger Tunke,
die nach nichts schmecke als nach fehlendem Salz. Vennemann sah ihn an,
offenbar entgeistert, zugleich besorgt und bemüht um eine treffende Antwort,
die ihm nicht einfallen konnte, da er nicht die geringste Ahnung hatte,
was Schnürer sagen wollte und was er damit bezweckte. Nachdem er ein regelrechtes
Lachen als unpassend verworfen hatte, äußerte er, es seien eben Nudeln
(oder nicht?), und wartete mit staunenden Augen auf nähere Auskünfte,
die er nicht erhalten konnte, da in diesem Moment Neitzl wieder herantrat
und ihm lachend riet, er solle „den Griesgram“ doch „schmollen“ lassen. Und dann hatte Schnürer
genug gehört, gesehen und getrunken, um gehen zu müssen. Er warf Neitzl
und Vennemann eine knappe Verabschiedung hin, registrierte die Antwort,
man sehe sich morgen „oder so“, ließ sie jedoch unverknüpft baumeln, blickte,
als er Wegerichs erweiterten Radius durchqueren mußte, streng nach vorne
und verließ das Gebäude. Die warme, große Stille,
die ihn aufnahm, als die Tür ins Schloß gefallen war und während er sein
Fahrrad aufsperrte, war keine; nach wie vor hörte er die vielen Stimmen
und das Geklirre, Geklapper und Getrappel, doch kam ihm außer dem Husten
und Rülpsen der Klospülung, das durch das offene Fenster schallte, nichts
davon mehr nahe. Er radelte davon und pfiff ein Lied, von dem er nicht
wußte, wieso es ihm nach so vielen Jahren plötzlich wieder eingefallen
war. Daß er bei der Ausfahrt
aus dem ehemaligen Kasernengelände falsch abgebogen war, fiel ihm auf,
als es noch nicht zu spät zum Umkehren gewesen wäre, er sich aber an die
falsche Richtung bereits so gewöhnt hatte, daß er einfach weiterfuhr und
-pfiff und dabei höchstens dachte, es sei eine Stadt ja irgendwie ein
geschlossenes System, in dem irgendwann, solange man sie nicht verließ,
jeder Weg an jeden Ort führen mußte. Die Häuser wurden kleiner, die Gärten
größer, dunkler auch, und Schnürer bog, seiner Intuition folgend, nach
rechts ab. Der eine oder andere Straßenname erschien ihm vage vertraut,
was, da er keinen davon konkret zuordnen konnte, nicht viel hieß. Als
die Häuser wieder höher wurden und die Straßen sich ausgiebiger mit Ampeln
schmückten, wähnte er sich auf dem rechten Weg, fuhr schneller und begann
nun, das alte Lied zeilenweise laut zu singen. Auf welche Weise er derart
schließlich an den südwestlichen Rand der Innenstadt gelangte, war nicht
nachzuvollziehen und sowieso gleichgültig. Das Schild einer kleinen Kneipe,
aus der, als sie drei Gäste auswarf (wie ein Getränkeautomat Flaschen
auswirft: als wäre jemand nötig, der sie aus dem Limbus des Apparats entnähme,
um den Vorgang sinnvoll zu beenden, was in diesem Fall ein müder, erfreuter
Taxifahrer übernahm), für einen langen Augenblick Musik gedrungen war,
erinnerte ihn an eine nicht eingehaltene und längst vergessene Verabredung,
vielmehr die Einladung eines Bekannten (der dort, an jenem Abend zum ersten
Mal und seither ab und zu, als Discjockey tätig war). Tatsächlich stand der Bekannte,
der Händel hieß, sich gerne mit einer Mischatmosphäre von Seriosität,
Eleganz und Kulturmondänität ausstattete und von dem Schnürer sonst nicht
viel wußte, am Tresen vor einem Bier, allein. Schnürer stellte sich daneben,
erzählte etwas von einem Zufall und bestellte ebenfalls ein Bier. Händels
Eigenart war ein geradezu strahlendes Interesse an den Tätigkeiten anderer
Menschen, und so erfuhr er nun (wenn auch in polizeistundenbedingt geraffter
Form) alles Wesentliche über das neue Magazin CULT, das am nächsten Tag
erstmals erscheinen werde und aber, wie er Schnürers Darlegungen entnehmen
mußte, ganz und gar nicht das sei, was er, Schnürer, oder irgendein vernünftiger
Mensch sich gewünscht oder als wünschenswert vorgestellt hätte. Weil Händel
nach einer abschließenden sarkastischen Tirade bezüglich Wegerichs nicht
weiter nachfragte und Schnürer statt dessen einen mittlerweile herangetretenen
und bis dahin lediglich unsicher lächelnden Menschen namens Jens (dunkelblond,
schlank, Mitte dreißig) vorstellte, holte Schnürer (inzwischen beim vierten
Bier) dazu aus, diesem die umfassende Geschichte ein weiteres Mal zu erzählen,
wurde jedoch von dem Wirt unterbrochen, der sachlich erklärte, er müsse
nun endgültig schließen. Schnürer schlug vor, den Abend anderswo fortzusetzen,
wußte jedoch nicht zu sagen, wo. Händel zählte ein paar Kneipennamen auf,
bis Jens endlich nickte: Der „Kleine Garten“ habe noch bis drei geöffnet
und sei zu Fuß zu erreichen. Es handelte sich um ein
zwischen vier kurze Wände und ein Dach gezwängtes Gedränge an einem langen
Tresen, das von den hineingepferchten Menschen und lauter Rockmusik derart
beschallt wurde, daß man Mühe hatte, sein eigenes Wort zu verstehen. Schnürer
beschränkte sich deshalb zunächst darauf, Anwesende und Vorgänge zu betrachten
und hin und wieder eine ironische Bemerkung zu machen. Nachdem er wiederum
zwei Bier konsumiert hatte, sammelte sich sein inneres Schwanken und Fluktuieren
zu einem angenehmen Schwebezustand, der Lärm und Gedränge incorporierte,
gleichzeitig aber so weit ausblendete, daß es möglich wurde, fremden Ohren
längere Zusammenhänge zu unterbreiten und diese dabei einer klärenden
Inventur zu unterziehen. Und so erzählte er nun Händels Freund Jens von
dem Kulturmagazin. Es sei, sagte er, eine klaffende Lücke im medialen
Getriebe unabstreitbar vorhanden, die ein solches Magazin ausfüllen könne,
ja müsse, um den Circus fremdgesteuerter Events, der den modernen
Menschen sein Leben wie eine Fahrt in einem exzentrisch konstruierten
Kettenkarussell weniger erleben als erdulden lasse, zu konterkarieren,
ihm sinnvolle Strukturen entgegenzustellen, die eben keine „Angebote“
seien, sondern, ach was, ihn hinwegzufegen, den ganzen Mist. Wegerich
nun habe ihm anfangs den Eindruck vermittelt, er wolle genau oder ungefähr
dies oder werde es zumindest ermöglichen oder allerwenigstens nicht hindernd
im Wege (ha! ha! ha!) stehen. Dies indes sei ein Irrtum gewesen, nein,
es habe sich etwas verändert, nein, anders: alles habe sich geändert,
und Wegerich, insgesamt ein wankelmütiger, formbarer Mensch, sei inzwischen,
ob ihm dies bewußt sei oder nicht, zu einem Verfechter oder Vertreter
und irgendwie auch Opfer (nein, dies dann doch nicht) der Mächte oder
Mechanismen oder eben Machtmechanismen geworden, für deren Überwindung
er ihn, Schnürer, ursprünglich wenigstens angeblich in die Sache hineingezogen
habe. Daß Jens zwischendurch mehrere
Male dringend aufs Klo mußte, deutete Schnürer nicht als Zeichen von Desinteresse
oder Überforderung, sondern er nutzte die Pausen (in denen er sich außerdem
jeweils ein neues Bier holte, so daß er schließlich mit zwei Gläsern dastand,
aus denen er abwechselnd trank), um Zusammenhänge klarer herauszuarbeiten
und in Formulierungen zu gießen, die ihm indes, wie er selbst bemerkte,
stellenweise – da er sie immer schneller abladen mußte, ehe sie wieder
zerschmolzen – verrutschten und entglitten. Es sei alles ein Riesenblödsinn,
sagte er, nicht als abschließende Zusammenfassung, sondern um sich zu
sammeln. Wegerich, den er im Grunde sehr schätze, habe sich in etwas hineinziehen
lassen, was er nicht überblicke und begreife, was sehr schade sei, – und
da bekam er eine Ahnung, daß er sich zu wiederholen begann, wollte aber
nicht zu sprechen aufhören, und es mußte ja auch hinaus, und Schnürer
erreichte die Phase seines Zustandes, in der ihm gewisse Zusammenhänge
in so ungeheurer Klarheit vor Augen und auf die Zunge traten, daß sich
aus ihnen alles Wesentliche in Leben und Welt übertragend erklären ließe,
in der er andererseits ahnte, daß ihm sehr bald Leben und Welt vollkommen
gleichgültig sein würden. Man müsse, sagte er, hielt kurz inne, wollte
den Satz mit einer wegwerfenden Handbewegung zu Ende bringen, schüttete
dabei jedoch den Inhalt seines (etwa viertelvollen) rechten Glases Jens
über die Hose und warf das Glas zu Boden, was er einerseits enorm komisch
fand, was ihm andererseits, da einige der Umstehenden mit einer deutlichen
Distanzierung reagierten, einen willkommenen Anlaß zur Abgrenzung lieferte,
denn solches Verhalten zeige die Blödheit der Leute, die ihm, da sie sich
offensichtlich ebenso wehrlos dem Konsumzeug fügten wie Wegerich, allesamt
den Buckel hinunterrutschen könnten. Einer Frau mit kurzen, dunklen Haaren
und scharf geschnittenem Gesicht mit markanten Backenknochen, die ihn
für einen blitzkurzen Moment vage angelächelt hatte, sagte er, da die
schwindelige Sehnsucht, die ihm bei diesem Lächeln in den ganzen Körper
gefahren war, nicht abklang, sondern nur weicher wurde, auf dem Weg zum
Klo ins Ohr, sie sei das schönste Mädchen, das er je gesehen habe. Als er mit der Stirn an
der kühlen Kachelwand über dem Urinal lehnte, meinte Händel neben ihm,
es sei dies ein lustiger Abend, und Schnürer, der Händels Bemühen, unter
allen Umständen Haltung zu bewahren (und diese Haltung, wenn es um eine
Kontaktaufnahme mit Frauen ging, strategisch etwas plump einzusetzen),
ansonsten manchmal verdächtig fand, fühlte sich ihm auf schicksalhafte
Weise freundschaftlich verbunden und schlug daher vor, man müsse unbedingt
noch etwas trinken. Es sei nun allerdings spät, wandte Händel ein, und
der Wirt werde nach Schnürers Glasmalheur möglicherweise nichts mehr herausrücken.
Schnürers zweites (leeres) Glas, das er auf dem bogenförmigen Dachfirst
des Urinals abgestellt hatte, geriet ins Rutschen, stürzte sich auf den
grauschwarz gesprenkelten Boden und zerschellte klangvoll, woraufhin (sehr
wahrscheinlich zufällig) draußen im Schankraum die Musik verstummte und
das vielstimmige Plaudergebrüll für ein paar Sekunden anschwoll, um sich
dann, als hätte ein Dirigent behutsam seinen Stab gesenkt, auf einem neuen
Lautstärkeniveau einzupendeln. Schnürer zeigte kichernd auf die Scherben,
vermochte den ihm vorschwebenden Satz über den inzidenten Kommentar des
gläsernen Artgenossen jedoch nicht in eine sprechbare Form zu bringen.
Händel lachte bellend und schlug vor, ein Café am Viktualienmarkt aufzusuchen,
das in den frühesten Morgenstunden öffnete und als Sammelbecken für Menschen
diente, denen die Nacht für das erforderliche Maß an Getränkeaufnahme
und Gesprächsabgabe zu kurz geraten war. Als sie zu Fuß bei dem Lokal
anlangten, mußten sie feststellen, daß es wegen Ruhetag geschlossen hatte.
Also setzten sie ihren schwankenden Marsch durch die Fußgängerzone fort
und landeten schließlich am Hauptbahnhof, wo sie sich vor einen Getränkestand
an einen Tisch stellten, der aus einer runden Platte bestand, die auf
ein Faß montiert war, und an dem vor einer halbvollen Bierflasche ein
älterer Mann stand, der auf ihre Frage, ob hier noch frei sei, antwortete:
„Ich diese Tisch. Ich Mann.“ Schnürer, Händel und Jens stellten sich dazu,
der Mann hob seine Flasche und sagte: „Türk Mann gut Bier!“ Schnürer holte
bei dem Getränkeverkäufer drei Flaschen, sie stießen mit dem türkischen
Tischinhaber an, nahmen einen langen Schluck und starrten schweigend in
die Richtung, in die die Gleise führten. Er, sagte Jens, habe gute
Lust, in den nächstbesten Zug nach Italien zu steigen, um „endlich mal
rauszukommen“, und als Schnürer ihn pflichtbewußt nach seinem Job fragte,
erklärte er, es würde sich in diesem Fall praktisch um eine Dienstreise
handeln, da er als Beamter beim Zoll unter anderem für die Ermittlung
und Erhebung der Schaumweinsteuer zuständig sei. Diese wiederum sei keine
Bagatelle, wie man oft höre, und darüber hinaus sei sie eine enorm diffizile
Angelegenheit und ein Feld, auf dem getrickst werde, wo es nur gehe. Im
Grunde sei die Sache einfach: Sekt sei ein Produkt, das durch Gärung in
Flaschen entstehe, wobei sich in der Flasche Druck entwickle. Erreiche
der Druck einen bestimmten Wert, werde Schaumweinsteuer fällig. Die Erreichung
des steuerpflichtigen Druckwerts sei praktisch nicht zu vermeiden, es
sei denn, man verzichte auf die Herstellung des in der Flüssigkeit enthaltenen
Kohlendioxids durch Gärung und verwende statt dessen technische Kohlensäure,
was in Deutschland nicht statthaft, in Italien hingegen üblich sei. Das
auf diese Weise entstehende Produkt, das unter der abweichenden Bezeichnung
„Prosecco“ vermarktet werde, sei mithin kein Sekt und müsse auf Grund
des geringeren Drucks in den Flaschen auch nicht mit dem ansonsten vorgeschriebenen
Sektstopfen samt Drahtbügel verschlossen werden, sondern es könne ein
beliebiger Stopfen zur Verwendung kommen. „Stopfen gut“, sagte der
Türke. „Ich Mann.“ Hier nun, sagte Jens, werde
die Sache vollends kompliziert. Nämlich bestehe nicht nur der Verdacht,
sondern es sei in vielen Fällen erwiesen, daß der durch die Hinzufügung
technischer Kohlensäure zu gewöhnlichen Weißweinmischungen in Prosecco-Gebinden
entstehende Druck das schaumweinsteuerfreie Maß überschreite. Doch sei
dies einerseits schwer zu messen, weil der Druck, der auf dem Stopfen
laste, durch eine Formel berechnet werden müsse, die so lang sei, daß
er sie immer noch nicht vollständig aus dem Kopf hinbekomme. Ungefähr
dies mal das und spezifisches Gewicht des Extrakts der Trockenmasse durch
Umfang mal Alkoholgehalt mal Atmosphäre in Pascal durch Pi in Dingsbums
hoch minus neun oder fünf plus irgendwas und so weiter. Des weiteren müsse
das Testgebinde zum Zwecke der Messung auf einen exakten Temperaturwert
von minus sieben Grad herabgekühlt werden, doch befinde sich das Kühlgerät
im Keller, der Meßraum hingegen im vierten Stock, weshalb er inzwischen
dazu übergegangen sei, seine private Kühltasche zum innerdienstgebäudlichen
Transport zu verwenden, was im Grunde sowieso Unfug sei, weil der entsprechende
Passus in der technischen Vorschrift, der behaupte, es sei bei minus sieben
Grad ein druckfreies Öffnen der Flaschen möglich, nicht zutreffe und schlichtweg
Blödsinn sei. Andererseits komme es im Gegensatz zu den üblichen Messungen
bei einheimischen Firmen zu einer stichprobeweisen Messung bei Importgebinden
ohnehin nur, wenn der Zollgrenzbeamte einen begründeten Verdacht hege,
was eigentlich in jedem Falle der Fall sein müsse, jedoch in Bayern im
Gegensatz zu Baden-Württemberg äußerst selten vorkomme; einzige Ausnahme
sei ein bestimmter Grenzbeamter, der einen Zorn auf einen ehemaligen CSU-Minister
hege, der wiederum im Voralpenland ein teures Nobeletablissement betreibe
und des öfteren große Prosecco-Lieferungen erhalte, die dann jedesmal
kontrolliert und fast immer nachträglich mit Schaumweinsteuerbescheiden
belegt würden. Nun sei es zu gewissen Unstimmigkeiten
gekommen, da auf einer Art halbem Dienstweg und höchstwahrscheinlich durch
mehrere anonyme Vermerke die Gültigkeit und Stichhaltigkeit des Druckberechnungsverfahrens
in Frage gestellt worden sei. Ein Ringvergleichstest mit einer sektähnlichen
Mischung aus Wasser, Glycerin und Zucker habe ergeben, daß seine Dienststelle
zwar bei den Meßverfahren nicht nur, wie es neuerdings, ob sinnvoll oder
nicht, in allen Bereichen verlangt werde, wettbewerbsfähig, sondern außerordentlich
sauber arbeite, bei der Druckberechnung hingegen hinter den Ergebnissen
anderer Dienststellen zurückbleibe, was Unfug sei, weil es sich ja um
eine reine Berechnung handle, bei der man sich, wenn die Meßergebnisse
stimmten, gar nicht vertun könne. „Nix getan“, sagte der Türke.
„Diese gut.“ Auf Grund der widersprüchlichen
und unsinnigen Ergebnisse des Ringvergleichs habe er, Jens, zunächst eine
Eingabe auf dem Dienstweg veranlaßt, um das Resultat und dessen Bewertung
in Frage zu stellen, des weiteren habe er einen grundsätzlichen Versuch
unternommen, herauszubekommen, woher diese bewußte Formel zur Druckberechnung
eigentlich komme. Dies habe man ihm jedoch weder in den zuständigen Ministerien
in Bayern und Deutschland noch bei der EU und in Paris sagen können. Es
sei die Formel also offensichtlich gewissermaßen aus dem Nichts entstanden
oder von einem spaßigen Zollmenschen eines Tages einfach erfunden und
unter Verwischung aller Spuren in die Vorschriften und Ausführungsbestimmungen
hineingeschmuggelt worden, wie die berühmte Loriotsche Steinlaus, möglicherweise,
ha ha ha, weil der betreffende Beamte sich eine für seine Beförderung
nötige Bewertung wie „th“ („tritt hervor“) sichern habe wollen, ohne sich
dem komplizierten Bewertungsverfahren zu unterziehen oder irgend so etwas. „Alles Wurst“, sagte der
Türke. „Ich Mann.“ Dies alles, sagte Jens,
sei aber im wesentlichen sowieso egal. Entscheidend sei hingegen, daß
er inzwischen herausbekommen habe, daß einer seiner wichtigsten „Kunden“,
eine große Schaumweinherstellungsfirma in Nordbayern, ihr Produkt längst
nicht mehr mittels Flaschengärung, sondern größtenteils in riesigen Tanks
herstelle. Da werde dann also die Flüssigkeit aus einem vierzigtausend
Liter fassenden Behältnis durch Entleerung am unteren Ende in Flaschen
abgefüllt, und dabei stelle sich selbstverständlich die Frage des Abfülldrucks,
da durch das solcherart gestaltete Abfüllen im oberen Bereich des Tanks
ein Unterdruck entstehe, der durch Einpumpen technischer Kohlensäure ausgeglichen
werden müsse. Er habe diesbezüglich angefragt, wie man denn eine einwandfreie
und den Vorschriften entsprechende Sicherstellung des zulässigen Gehalts
natürlicher Kohlensäure, ähem, also sicherzustellen und unzulässige Beimengungen
technischer Kohlensäure zu verhindern gedenke, wofür es seines Wissens
überhaupt keine denkbaren und möglichen Trennverfahren gebe, weil die
Substanzen logischerweise chemisch vollkommen identisch seien; aber die
zuständigen Techniker des Hersteller hätten ihm lapidar versichert, da
„passiere nix“. Nun stehe er also gewissermaßen vor einer Grauzone, und
man könne die Angelegenheit so sehen, daß ohne eine eingehende vergleichende
Erhebung und Untersuchung der in Italien üblichen Herstellungsverfahren
der ganze Wirrwarr nicht mehr zu entwirren sei, weswegen er, genau betrachtet,
zu einer Dienstreise dorthin so gut wie verpflichtet sei. Nur werde eine
solche freilich nicht bewilligt, weil man verlange, daß zunächst seine
Dienststelle bei einem neuen Ringvergleichstest so gut abschneide, daß
ein entsprechender Etat überhaupt erst zur Verfügung gestellt werden könne.
Da drehe man sich im Kreis. Er nahm einen langen Schluck
von seinem Bier und murmelte, bei der Biersteuer sei dies alles ungleich
einfacher. Schnürer, der Jens’ Erzählung atemlos und mit einem gelegentlichen
beiläufigen Staunen über die Schärfe und Unmittelbarkeit seines Zuhörens
verfolgt hatte, sagte, er werde gleich wahnsinnig und es sei unbedingt
notwendig, über derlei absurden Unfug einen ausführlichen Hintergrundbericht
zu veröffentlichen, weil es sich dabei um eine Ebene des modernen Lebens
handle, von der kaum jemand etwas wisse oder auch nur ahne, was Jens sofort
abwehrte, da praktisch alles, was er gerade erzählt habe, unter das Dienstgeheimnis
falle. Da werde sich ein Weg finden lassen, lallte Schnürer, es finde
sich immer ein Weg. „Bier aus“, sagte der Türke.
„Muß neu.“ Er sammelte die halbvollen Flaschen von Schnürer, Jens und
dem bis dahin mit vollständig leerem Blick schweigenden Händel, der auch
jetzt nach einem versuchsweisen Einschalten seiner Augen nur kurz abwinkte,
ein und schwankte zu der Bude. „Guten Morgen“, sagte einer
der beiden uniformierten Männer, die plötzlich am Tisch standen. „Die
Fahrkarten bitte.“ Wenn er eine solche besäße, sagte Schnürer, wäre das
schön, das tue er aber nicht, was andererseits nicht weiter schlimm sei,
weil er gar nicht vorhabe, einen Zug zu besteigen; dies gelte, soweit
er das sehe, für alle Anwesenden. Händel nickte stumm, Jens starrte auf
seine gestreckten Finger, als sähe er sie zum erstenmal, der Türke war
mit den Bierflaschen in der Hand ein paar Schritte vom Tisch entfernt
stehengeblieben. In diesem Fall, sagte der zweite Uniformierte, müsse
man die Aufforderung aussprechen, den Bahnhof stante pede zu verlassen,
da der Aufenthalt und der Erwerb von Waren nur Reisenden mit einer gültigen
Fahrkarte gestattet sei. Das, sagte Schnürer, habe er noch nie gehört.
Zu einer Diskussion, sagte der erste Uniformierte, sei man nicht bereit. Als Schnürer am frühen Nachmittag
aus einer tiefen Bewußtlosigkeit erwachte, hatte er das (möglicherweise
von den Ausläufern eines Traumes herrührende) Gefühl, sein Bett habe sich
in eine gigantische fleischfressende Pflanze verwandelt, die ihn umschlungen
und Tentakel in seinen Kopf und seine Gelenke gebohrt hatte, um mittels
einer von Drüsen abgesonderten lähmenden Giftflüssigkeit sein Inneres
zu verflüssigen und abzusaugen. Er erinnerte sich dumpf und dunkel an
vernebelte Episoden eines orientierungslosen Heimwegs, auf dem er unter
anderem im S-Bahn-Geschoß unter dem Marienplatz Station gemacht und sich
in eine Toilettenkabine eingeschlossen hatte, die sich von innen (zumindest
von ihm in seinem Zustand) nicht mehr öffnen hatte lassen, weshalb er
gezwungen gewesen war, sich durch den Zwischenraum zwischen der Kabinenumwandung
und der kalkigen Betondecke hindurchzuzwängen, auf der anderen Seite einem
verblüfften Mann, den er nur verschwommen sah, vor die Füße zu fallen
und von Kopf bis Fuß weiß bestäubt aus der Toilette zu torkeln. Scham
stieg in ihm auf wie die schwarze Flüssigkeit in einer Espressokanne und
verdrängte das Gefühl durchdringenden Jammers und völliger, schmerzhafter
Bewegungsunfähigkeit. Rücklings und so flach wie
möglich lag Schnürer, da ihm die Kraft fehlte, um wieder in sein Hochbett
hinaufzuklettern, nach einem vergeblichen Versuch, die Küche zu erreichen,
auf dem Boden und füllte die nicht von Kisten, Bücherstapeln und sonstigem
Gerümpel belegte Fläche so gut wie vollständig aus. Er war körperlich
damit ausgelastet, zu atmen, ließ seine wirren Gedanken pulsierende Blasen
bilden und dachte plötzlich an Geld. Die Rechnungen, die er Wegerich
vor fast sechs Wochen geschickt hatte, waren noch nicht bezahlt worden
(wenn, wovon Schnürer ausging, um die Kompliziertheit des Gedankengangs
in einem erträglichen Rahmen zu halten, nicht in den letzten beiden Tagen
etwas passiert war, wovon er noch nichts wissen konnte). Ende Mai hatte
Schnürer eine weitere Rechnung über viertausend Mark geschrieben, vor
einer Woche – etwas verfrüht, vielleicht in unbewußt drängender Absicht
– die nächste, für „redaktionelle Mitarbeit“ in den Monaten Mai und Juni.
Die Konstruktion mit der angeblichen „redaktionellen Mitarbeit“ und der
Aufteilung des ersten großen Betrages auf drei Rechnungen erschien Schnürer
nun nicht mehr recht verständlich. Er hatte gedacht (und Wegerich hatte
diesen Anschein erweckt), es gehe darum, die zur Verfügung stehenden finanziellen
Mittel nicht sozusagen auf einen Schlag über Gebühr zu belasten – eine
Art Ratenzahlung, zu der auch die letzten beiden Rechnungen gehörten,
die ja nichts mit einer „redaktionellen Mitarbeit“ zu tun hatten, sondern
sein Honorar für die Projektarbeit an CULT gewissermaßen nachträglich
erhöhten. Wieso aber hatte Wegerich,
wenn es ihm darum gegangen war, die Einzelbeträge bezahlbar zu halten,
keinen der Einzelbeträge bezahlt, so daß er jetzt letztlich doch eine
Summe bezahlen mußte, die sogar den auf seinen Wunsch hin in drei Einzelbeträge
aufgeteilten Grundbetrag weit überschritt? Waren seine Rechnungen im Trubel
um die Fertigstellung des ersten Heftes und die Markteinführung
des Magazins „untergegangen“? Oder gab es finanzielle Schwierigkeiten,
die die Bezahlung bislang unmöglich gemacht hatten? Schnürer erinnerte
sich an die Geldbeträge für Photographen, die exorbitanten Summen, die
laut Vennemann und Neitzl an die beiden ehemaligen Graphiker bezahlt worden
waren. Er dachte an die Werbeagentur und ihre Anzeigenkampagne, die inzwischen
sogar Reklamefilme in Kinos umfassen sollte und wohl kaum realisiert worden
wäre, wenn kein Geld geflossen wäre. Ohne eine Ahnung von der finanziellen
Struktur derartiger Agenturen zu haben, ahnte er doch, daß sein Honorar
im Vergleich zu den dafür angefallenen Kosten kaum groß ins Gewicht fiel. Als es ihm endlich gelang,
eine stehende Haltung einzunehmen, läutete augenblicklich das Telephon.
Neitzl fragte, wo Schnürer am Abend zuvor „abgeblieben“ sei, und ließ
auf dessen nicht ganz ernsthaft gemeinte Bitte, nicht so schnell und laut
zu sprechen, ein schadenfroh schallendes Gelächter ertönen. Ob er in das
druckfrische Heft nicht wenigstens einen Blick hineinwerfen wolle, fragte
Neitzl, und Schnürer bat, ihn mit Wegerich zu verbinden, den er sowieso
dringend treffen müsse und der ihm dann ja gleich ein Heft mitbringen
könne. Was es so Dringendes gebe, fragte Neitzl, und Schnürer sagte, das
wolle er ihm gerne bei Gelegenheit erklären, wenn er mit Wegerich gesprochen
habe und überhaupt wieder ein der Lage sei, etwas zu erklären. „Aha“,
sagte Neitzl unzufrieden, und nach einer kurzen Pause war Wegerichs Stimme
am Telephon. Schnürer verabredete sich mit ihm am späten Nachmittag und
verbrachte die Zeit bis dahin mit ausgiebigen Erfrischungsbemühungen. Da die Küche während seines
Aufenthalts im Bad von den fröhlich lärmenden Untermietern (deren für
Ende Juli verabredeten Auszug er seit dieser Verabredung so wenig erwarten
konnte, daß er ihre Anwesenheit kaum noch ertrug und in den sieben Wochen,
die seither vergangen waren, auch seinerseits jeden Versuch einer Kommunikation
eingestellt und kein Wort mehr mit ihnen gewechselt hatte) in Beschlag
genommen worden war, setzte sich Schnürer an den kleinen Tisch im Hinterhof
des Hauses, blätterte in Paul Lafargues „Recht auf Faulheit“, das er zufällig
aus einem Bücherstapel hinter seinem Schreibtisch gezogen hatte, las aber
nicht wirklich, weil sein immer noch dröhnender und pulsierender Kopf
damit ausgelastet war, auf Wegerich zu warten und Gedankenfetzen abzusondern. Dann blätterte Schnürer,
ebenfalls ohne große Aufmerksamkeit, die CULT-Erstausgabe durch, die ihm
Wegerich auf den Tisch gelegt hatte. Schade, sagte er, sei es schon, daß
es nun wieder kein „richtiges“ Kulturmagazin gebe, sondern nur eine leicht
abgewandelte Konkurrenz für das unsägliche MY CITY. Er, sagte Wegerich,
sei da anderer Meinung; er finde, CULT sei durchaus auf einem guten Weg.
MY CITY hingegen habe, wie er aus „Quellen“ erfahren habe, große Schwierigkeiten,
stehe möglicherweise sogar vor dem Aus und müsse sich mit Tricksereien
behelfen, etwa indem das verlegende Haupthaus in Hamburg einen großen
Teil der Auflage der wenigen verbliebenen lokalen Ausgaben aufkaufe und
vernichte, um Anzeigenkunden zu verschaukeln, die aber trotzdem ihre Anzeigen
inzwischen teilweise umsonst bekämen, weil ihr Ausfall ansonsten weitere
Anzeigenkunden zum Absprung bringen könnte. Insofern sei er sehr zuversichtlich,
zumal die „Resonanz“ überwiegend positiv und schon nach einem Tag absehbar
sei, daß die Abverkäufe gut liefen: Er kalkuliere mit einer Auflage
von fünfzehntausend, was sehr erfreulich sei und sich durch die in wenigen
Tagen beginnende Verteilung von zehntausend CULT-Gutscheinen, die bei
Tankstellen, Kiosken und Zeitschriftenhändlern eingelöst werden könnten,
noch beträchtlich steigern werde. MY CITY arbeite
„offiziell“ mit einer Auflagenzahl von zwölftausend, die man jedoch aufgrund
der erwähnten Tricksereien erheblich nach unten korrigieren müsse; in
Wirklichkeit liege die belastbare Zahl wohl kaum höher als dreitausend
und damit nur unwesentlich über der Reichweite, bei der sich KKK gegen Ende
eingependelt habe. Das erwiesene Scheitern
des MY-CITY-Konzepts, sagte Schnürer, mache es für ihn noch unverständlicher,
warum CULT exakt dieselbe Richtung einschlagen und man das ursprüngliche
Konzept, ohne es auch nur auszuprobieren, über Bord werfen habe müssen.
Er könne natürlich nur hypothetisch sprechen, sei jedoch davon überzeugt,
daß ein „richtiges“ Kulturmagazin eine noch wesentlich bessere Resonanz
und – zumindest auf lange Sicht – auch eine höhere Auflage erzielen könnte,
auch deshalb, weil der Markt für ein weitestgehend auf Termine
und „Event“-Ankündigungen beschränktes Magazin durch das kostenlose HIER
und Wegerichs eigenes EVENT-Magazin sowieso abgedeckt sei. Er,
sagte Wegerich, könne diesen Standpunkt nicht nachvollziehen. Er sehe
CULT als hochwertige Alternative, die journalistische Qualität
und Anregungen für das urbane Leben in „idealer“ Weise vereinige,
jedoch selbstverständlich noch nachgebessert werden könne und müsse. Schnürer
schwieg, um die leergelaufene Diskussion zu beenden. Er müsse, sagte er dann,
auf seine Rechnungen zu sprechen kommen. Dieser Bereich, fiel ihm Wegerich sofort ins Wort (und betrachtete bei seinen
zögerlich folgenden Ausführungen vornübergelehnt die Tischplatte), sei
noch „etwas problematisch“. Er müsse Schnürer um eine weitere Woche Geduld
bitten, da ein Investor seine
Einlage noch nicht bezahlt habe, dies aber
„aller Voraussicht nach mit Sicherheit“ bis zum Ende der Woche erledigt
haben werde. Für die kurze Zeitspanne bis dahin seien ihm „die Hände gebunden“.
Schnürer fragte vorsichtig, worin die Schwierigkeit mit diesem „Investor“
bestehe, aber Wegerich beschränkte sich auf Andeutungen, erwähnte eine
„Garantie“ einer Bank, sprach von „Unterschriftsreife“, veränderten Bedingungen
und einer teilweise neuen „Ausgangslage“, die „Modifizierungen“ nötig
gemacht hätten, und weil Schnürer nichts von dem verstand, was er da hörte,
fragte er auch nicht weiter nach. Er, sagte er, vertraue auf Wegerichs
Versprechen einer Bezahlung zu Wochenbeginn und hoffe, daß er sich auf
ihn verlassen könne. Daß er das könne, sagte Wegerich abschließend, sollte
er eigentlich wissen, und selbstverständlich werde er ihn diesbezüglich
auf dem laufenden halten. 40 Schnürer spürte an sich selbst eine gewisse Abwesenheit,
als wäre die Welt ihm ein Stück entrückt und hätte sich mit Schleiern
aus dünnem Nebel getarnt. Er sah, wenn er hinsah, Dinge, Menschen, Vorgänge
sehr wohl, doch schienen weder Geschwindigkeit noch Richtung zu stimmen,
und daß er selbst eingreifen könnte, war kaum denkbar. Er spazierte in der drückenden
Sonnenglut die Leopoldstraße entlang, wunderte sich, wie viele Menschen
offenbar ebenfalls nichts anderes zu tun hatten, wühlte in den Pappkisten
der Bouquinisten, erwarb einen 1944 auf holzigem Papier gedruckten Gedichtband
eines ihm völlig unbekannten Mannes, der in verlogen elegischem Heroismus
von nächtlichen Erlebnissen an der Kriegsfront und dem Schicksal eines
Volkes erzählte; er warf einer Bettlerin, die auf einem abgerundeten Steinstumpf
vor einer Bankfiliale saß, eine Münze in den Plastikbecher und bezahlte
der eher belustigten als empörten Frau, deren Kaffee er solcherart irrtümlich
metallisiert hatte, einen neuen Kaffee (die Münze, von der er dies, ohne
darüber nachzudenken, angenommen hätte, reichte dafür nicht). Acht Tage nach dem Erscheinen
des ersten CULT-Heftes teilte ihm Neitzl per E-Mail mit, durch die Einführung
eines neuen „Schlüssels“ seien die Honorare für Autoren ein weiteres Mal
gesenkt worden. Ihm, schrieb Schnürer zurück, sei das vollkommen egal,
aber die Redaktion solle sich angesichts der ebenfalls erneut gekürzten
Längenvorgaben für Texte vielleicht überlegen, gänzlich auf freie Autoren
zu verzichten, um noch mehr Geld zu sparen, da man die nun offenbar gewünschten
Veranstaltungshinweise von ein paar Zeilen doch durch „Eindampfen“ der
entsprechenden Ankündigungen selbst erstellen könne. Statt einer
Antwort erhielt er eine E-Mail von Vennemann: Neitzl sei zur Zeit „ungenießbar“,
der neue Art Director hingegen
ein „sympathischer Spinner“, der „dauernd kurz vor einem Nervenzusammenbruch“
stehe. Da sich Neitzl nicht mehr
meldete und Schnürer befürchtete, er sei wegen seiner E-Mail beleidigt,
rief er ihn am 2. Juli in der Redaktion an. Er sei soeben bei der Bank
gewesen, sagte er, und habe mit großer Freude festgestellt, daß auf seinem
Konto tatsächlich (wenn auch eine Woche später als von Wegerich versprochen)
Geld von CULT eingegangen sei (wenn auch nur der auf der ersten von fünf
fälligen Rechnungen ausgewiesene Teilbetrag von zehntausend Mark). Das
sei schön für ihn, brummte Neitzl, und freue ihn ehrlich; er selbst hingegen
hege eine gewisse Besorgnis, weil sein Gehalt für den Juni überfällig
sei. Er habe Michalski deswegen angesprochen, der habe aber nur erstaunt
geschaut und sei stotternd und kopfschüttelnd davongestoben. Es könne
also sein, sagte Neitzl, nun wieder lachend, daß man sich über Texte und
gar ihre Längen sehr bald keine Gedanken mehr machen müsse, wenn der Laden
insgesamt „zusammenklappe“. Vier Tage darauf erfuhr
Schnürer von Vennemann, die Gehälter der gesamten festen Belegschaft seien
„endlich doch noch“ überwiesen worden. Dafür habe er von den Anzeigenverkäufern
mitbekommen – sozusagen indirekt: mehr als ein intensives Grummeln und
Armewerfen sei ihnen nicht zu entlocken gewesen –, daß da „was im Busch“
sei. Wiederum vier Tage später sagte Neitzl, der Anzeigenverkauf laufe
„katastrophal“, weshalb Wegerich und Michalski beschlossen hätten, im
August nur ein Heft (ein „Doppelheft“ mit normalem Seitenumfang) zu veröffentlichen,
um Druckkosten zu sparen. Der Anruf beunruhigte Schnürer derart, daß er
sich sofort an den Schreibtisch setzte, seine CULT-Rechnungen in einer
„Gesamtmahnung“ zusammenfaßte, diesmal (was er bisher aus Scheu, wie ein
typischer „Geschäftsmensch“ zu wirken, unterlassen hatte) eine Zahlungsfrist
setzte (sieben Tage) und die Mahnung per Einschreiben abschickte. Ob Schnürer Mitte Juli,
nachdem seine Mahnung wohl angekommen, jedoch ohne Reaktion geblieben
war, tatsächlich noch glaubte oder doch wenigstens hoffte, er werde sein
Geld bekommen, ist schwer zu sagen. Daß ihn ein gewisser Fatalismus befallen
hatte, läßt sich nicht abstreiten; möglicherweise rührte er auch daher,
daß Schnürer das Geld nicht wirklich dringend brauchte – für seinen Lebensunterhalt
reichte das Einkommen, das er für die Texte in Wegerichs EVENT-Magazin
und anderen Heften bezog –, was seinen „moralischen“ Anspruch darauf etwas
zu mildern schien. Aber so oder so blieb die Zahlung weiterhin aus. Neitzl
schilderte ihm die Lage als „dramatisch“: Wegerich, offenbar in höchster
Panik, hatte am 16. Juli eine Redaktionssitzung einberufen, um den Redakteuren
zu erklären, er habe jegliches Vertrauen auf sie und ihre Kompetenz verloren
und werde sich daher selbst zum Chefredakteur ernennen. Die Redaktion,
sagte Neitzl, habe für diesen Fall ihren sofortigen Rücktritt und die
kollektive Kündigung zum 1. September angekündigt. Vennemann schickte
Schnürer eine Kurzmitteilung per Mobiltelephon: „Der Ofen“ sei „bald aus.“ Am nächsten Tag war die
Sache beschlossen: Wegerich, sagte Vennemann, habe nach einer erneuten
Diskussion („Schreierei“) vergeblich versucht, die Praktikanten (die Wegerich
neuerdings als „Volontäre“ bezeichne) zum Bleiben zu überreden. Michalski
wiederum habe die Trennung der gesamten Redaktion vom Verlag mit der Aussage
kommentiert, seiner Meinung nach sei die „Personalstärke“ ohnehin zu hoch
und eine „Reduzierung“ seit längerem geplant gewesen. Man werde nun, sagte
Vennemann, noch das letzte Heft zu Ende produzieren – dessen vierwöchige
Gültigkeit der Geschäftsführung so gelegen komme, daß er sich frage, ob
das wirklich Zufall sein könne –, und was danach mit CULT passiere, sei
ihm vollkommen egal. Auch die kleine, dennoch
auffällige Zeitungsmeldung über die „Redaktionsumstrukturierung“ bei dem
„erst kürzlich am Markt eingeführten Magazin CULT“ (in der von Kultur
nicht die Rede war) sowie Wegerichs per E-Mail in alle Richtungen (und
auch an ihn) versandte Stellungnahme – es sei „die Pflicht eines „innovativen
Magazins, journalistische Kompetenz mit überzeugendem Service zu verbinden
und das klassische Themenspektrum zu erweitern um neue, urbane Inhalte“,
und deshalb werde CULT Ende August „mit frischen Köpfen und neuer Ausrichtung“
erscheinen – nahm Schnürer aus großer Entfernung wahr, unfähig, eine Verbindung
herzustellen und wohl auch schockfasziniert von dem Bild, der Filmsequenz,
in die sich die Vorgänge verwandelten und die vor seinem Tagtraumauge
wieder und wieder abgespielt wurde: eine Explosion, rückwärts gefilmt;
eine gewaltige Staubwolke, erst langsam, dann immer schneller, schneller,
schließlich in rasendem Tempo schrumpfend, am Ende blitzartig – verschwindend.
Zurück blieb sichtbare Stille, nichts: Gegend, Umgebung, eine Fläche,
als wäre nie etwas geschehen, als würde nie etwas geschehen können. Als
wäre es, zumal aus der entrückten Entfernung des träumenden Beobachters,
der er war, gänzlich unmöglich, etwas geschehen zu machen. Ungleicher Zwilling seiner
inneren Abwesenheit war eine unwiderstehliche, flammende Empörung, ein
hilfloser Zorn auf Wegerich, der alles, was Schnürer da sah, zu sehen
empfand, imaginierte, mit Bedeutung erfüllte, den Hintergrund eines in
Einzelheiten noch diffusen Plans auffaltete: Was geschah, was geschehen
war, war nicht zufällig geschehen. Nun schien es an ihm, zu reagieren,
dem Zorn die konkrete Form von Handlungen zu geben, das Spiel, diesen
Akt, zu Ende zu führen, um in der zweiten Runde selbst die Initiative
zu ergreifen, die rückwärts laufende Explosion wiederum umzukehren, um
zu erfahren und für „die Welt“ sichtbar zu machen, was passiert war und
wieso es passiert war. Zu welchem Ende? Das würde sich weisen. Schnürers Gedankengänge
blieben vorerst wirr (daß sich auf die von ihm vorgestellte Weise nicht
mehr ergeben würde und könnte als die bereits bekannte gewaltige Staubwolke,
kam ihm nicht in den Sinn). Aber er hatte seine Rolle angenommen. 41 Die Situation, die Schnürer vorfand, als er am
Vormittag des 20. Juli die Redaktionsräume von CULT betrat, würde ihm
im nachhinein noch unwirklicher erscheinen als alles andere in diesen
Tagen. Vennemann und Neitzl wirkten fröhlich, wie sie da an ihren (mit
leeren Bierflaschen sporadisch dekorierten) Schreibtischen saßen und ihn
lachend „auf dem sinkenden Schiff“ begrüßten. Auf seine Frage, was denn
eigentlich los und passiert sei, erfuhr er von Neitzl nur, es sei eben
„alles zu spät“ und kein Geld mehr da, weshalb Wegerich „durchgedreht“
sei und offenbar beschlossen habe, die Redakteure als Sündenböcke hinzustellen
und an ihnen seinen Zorn abzureagieren. Was sie dann noch hier machten,
fragte Schnürer. Das frage er sich auch, sagte Neitzl lachend, und Vennemann
lachte noch lauter, fast brüllend, als wäre etwas in ihm geplatzt. Die „Buchhalterin“, deren
Zimmer Schnürer daraufhin (ohne anzuklopfen; die Tür stand offen) betrat,
saß nicht an ihrem Tisch, sondern trug mit hektischen Bewegungen Papier
und andere Dinge durch den Raum, eine Beschäftigung, die sie nicht unterbrach,
während sie Schnürer versicherte, sie tue „ihr Möglichstes“, könne aber
„auch nichts tun“. Für die Auszahlung der Honorare sei Michalski oder
Wegerich zuständig, genau wisse sie das „ehrlich gesagt“ nicht, und jedenfalls
könne sie ihm, da keiner der beiden anwesend sei, nicht weiterhelfen,
da sie für jegliche Art von Auszahlung eine Unterschrift benötige. Ob
denn wenigstens absehbar sei, wann „wieder Geld fließen“ werde, fragte
Schnürer ungeschickt und ratlos, und die Buchhalterin sah ihn noch ratloser
und mit einem Anflug von Empörung an, als hätte er eine unverschämt dumme
Frage gestellt. Schnürer überlegte, ob er sich auf einen Stuhl setzen
und sagen solle, er stehe erst wieder auf, wenn er wisse, wann sein Geld
komme, mußte über die Vorstellung dieser Szene aber lächeln. Es bleibe
ihm nichts anderes zu tun, sagte er, als noch einmal eine Mahnung zu schreiben.
Das solle er doch bitte machen, sagte die Buchhalterin, als wäre sein
Anliegen und damit auch die Störung ihrer Tätigkeit mit dieser Aufforderung
beendet, und da sie nichts weiter äußerte und Schnürer nicht mehr beachtete,
legte er alle verfügbare Schärfe in seinen abschließenden Satz, er erwarte
dringend und „noch heute“ einen Anruf von der Geschäftsführung, und verließ
das Büro. Eigentlich, sagte Wegerich,
als er Schnürer am Abend anrief (was dieser, wie er erstaunt feststellte,
tatsächlich gar nicht mehr erwartet hatte, weil es seiner Vorstellung
von den Abläufen nicht entsprach), müsse er „finanziell gesehen den Laden
zusperren“. Sein Laden, sagte Schnürer, immer noch wütend über die Abkanzelung
durch die Buchhalterin, interessiere ihn nur noch insofern, als er Geld
von ihm zu bekommen habe, dessen Bezahlung er, Wegerich, ihm vor über
vier Wochen für „die nächsten Tage“ zugesagt und versprochen habe. Er
wisse das, antwortete Wegerich. Seine Stimme klang unterwürfig, zerknirscht,
aber Schnürer war nicht bereit, sich auf eine entgegenkommende Position
herabzulassen (was Wegerich offenbar zu provozieren versuchte), und wartete
schweigend. Es gebe Probleme mit dem Investor,
sagte Wegerich und hielt wieder inne, abwartend (ob Schnürer die Wiederholung
bemerken würde? ob er bereit wäre, darauf ebenfalls mit einer Wiederholung
zu reagieren? und diese Phase der Implosion noch etwas auszudehnen?).
Er habe nur deshalb beschlossen, „weiterzumachen“, weil ihn in der „Krisensitzung“
der „noch vorhandene Enthusiasmus einiger Mitarbeiter“ überzeugt habe.
Was das heißen solle und wen er damit meine, fragte Schnürer, wartete
Wegerichs Antwort aber nicht ab und sagte, ihm sei das alles vollkommen
egal. Er, Wegerich, habe ihm, Schnürer, ein Versprechen gegeben, ihm versichert,
er könne sich auf ihn verlassen, und darauf werde er bestehen. Es laufe
nicht immer alles so, wie man sich das wünsche, sagte Wegerich, und Schnürer
sagte mit noch einmal verstärktem Nachdruck, er wünsche nichts, sondern
erwarte, daß Wegerich „seinen Verpflichtungen nachkomme“. 42 Es bleibt uns noch, die revertierte Explosion
an ihr unvermeidliches Ende zu führen. Am 25. Juli erfuhr Schnürer nacheinander
von Neitzl und Vennemann, die Buchhalterin habe geäußert, daß die Gehälter
der festangestellten Mitarbeiter für Juli nicht mehr bezahlt werden könnten.
Am Morgen habe Michalski, zu Vennemanns Irritation mit unüberhör- und
-sehbarer triumphierender Belustigung, verkündet, es sei „finanziell keineswegs
sicher“, daß das so gut wie fertiggestellte August-Doppelheft überhaupt
gedruckt werden könne. Von dieser Aussage alarmiert, habe Neitzl eine
Betriebsversammlung einberufen, in deren Verlauf Wegerich gesagt habe,
es müsse bis zum 31. Juli ein Investor
gefunden werden, andernfalls werde man Insolvenz anmelden müssen. Michalski
habe unklare Andeutungen über diesbezügliche Gespräche mit einem Radiosender
und einem im Ausland ansässigen, international tätigen Werbebeilagenverlag
gemacht, jedoch hinzugefügt, er persönlich rechne „wenn man mal ehrlich
ist“ nicht mehr damit, daß sich ein solcher „neuer Investor“ finden lassen
werde. Insgesamt, habe Michalski gesagt, sei der Busineßplan „sehr konservativ
kalkuliert“ gewesen, man müsse aber „wegen des katastrophalen Anzeigenaufkommens“
nun trotzdem „mit einer vollkommen unwirtschaftlichen Situation umgehen“. Sofort
nach dieser Mitteilung verfaßte Schnürer mit frierenden Fingern eine E-Mail
an Wegerich, in der er ihn bat, ihn über den Stand der Dinge und die mögliche
weitere Entwicklung zu unterrichten, auch was seine offenen Rechnungen
angehe. Ihm, schrieb Schnürer, werde „da ehrlich gesagt langsam ein bißchen
mulmig“. Wegerich antwortete nicht; erst am folgenden Tag erreichte Schnürer
eine E-Mail (die jedoch nicht nur an ihn, sondern an eine unübersehbar
lange Liste von Adressen gerichtet war), die den Start der Sommer-Open-air-Konzertreihe
eines CULT-Werbepartners ankündigte, für die jedem Mitarbeiter zwei Freikarten
zur Verfügung stünden. Dies sei „zur Abwechslung mal eine gute Nachricht“,
begann die zehnzeilige Mitteilung, die Schnürer vergeblich auf Anzeichen
von Reue, Verzweiflung oder irgendeiner anderen spürbaren, auf die doch
offenbar bevorstehende Pleite bezogenen Regung durchsuchte. „Die Atmosphäre
bei den Konzerten“, schrieb Wegerich, sei „superschön“, alle seien „herzlich
eingeladen“ und er wünsche „viel Spaß“. Tags darauf meldete Vennemann,
Michalski habe soeben verkündet, die Gehälter der Mitarbeiter könnten
„definitiv“ nicht mehr bezahlt werden. Man werde deshalb – zumal das Doppelheft,
ob es nun gedruckt werde oder nicht, jedenfalls fertig sei – „Punkt sechzehn
Uhr dreißig“ die Arbeit niederlegen, die Redaktion verlassen und den Rest
des Nachmittags sowie das Wochenende nutzen, um sich zu beraten. Am Montag
seien Neitzl und er zu einem Gespräch bei der Gewerkschaft angemeldet,
dann werde man schon sehen. Das Wochenende verbrachte
Schnürer damit, Zeit totzuschlagen: Er zog Bücher aus Stapeln, blätterte
ein paar Sekunden lang, legte sie wieder zurück, schaute aus dem Fenster,
rauchte viele Zigaretten und rief alle paar Minuten seine E-Mails ab,
um auf eine eingehende Nachricht von Wegerich sofort reagieren zu können.
Er wartete vergeblich, und er wartete auch noch den Montagvormittag ab,
ehe er seine E-Mail noch einmal schickte, diesmal mit mehreren Versionen
des Wortes „dringend“ versehen, und tatsächlich antwortete Wegerich schon
nach einer Viertelstunde und teilte Schnürer „in aller (leider) gebotenen
Kürze“ mit, „Investoren und Bank“ seien „abgesprungen“, die Firma werde
Insolvenz anmelden. Ein Gutachter werde sich „den Laden ansehen“ und entscheiden
müssen, ob ein Insolvenzverfahren eröffnet (was bedeuten würde, daß „es“
zumindest drei Monate „weitergehe“) oder mangels Masse abgelehnt werde
(in welchem Falle der „Laden sofort zugesperrt“ werde). Wegerich schloß,
ohne auf Schnürers Frage nach seinem Geld einzugehen: „Gehälter werden
drei Monate weiterbezahlt, Rest ist noch offen.“ Sofort fragte Schnürer zurück,
was das für ihn bedeute. Er müsse abwarten, schrieb Wegerich. Sobald er
Näheres wisse, werde er sich bei ihm melden. Auf Schnürers Mitteilung,
er könne sich weiteres Warten nicht erlauben und ersuche „kurzfristig“
um ein Gespräch „zwecks außergerichtlicher Einigung“ (die, wie er inzwischen
beim Herumsuchen im Internet herausgefunden zu haben glaubte, einem Insolvenzantrag
vorausgehen müsse), reagierte Wegerich nicht mehr. Um drei Uhr nachmittags
erreichte Schnürer eine E-Mail von Vennemann: „Aus ist’s.“ weiter: Teil zwei e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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