An und von dieser Geschichte ist so gut wie jedes Wort wahr, soweit eine aus der Erinnerung herausdestillierte Geschichte wahr sein kann. Geschrieben wurde sie am 6. Mai 2003 im Liegestuhl vor (oder hinter) der Villa Settembrina bei Bolsena, einem Ort, wo einem solche Dinge nicht nur plötzlich wieder einfallen, sondern dann auch aus dem Kopf und den Fingern herausfallen. Bislang ist die Geschichte weder in gedruckter Form veröffentlicht noch für eine solche Veröffentlichung vorgesehen und daher auch nicht end- oder irgendwie gültig überarbeitet.

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Autobiographisches:
Zwei Susis

ZWEI SUSIS

Es waren immer Mädchen dagewesen in meinem Leben - im Haus, beim Spielen im Hof, im Kindergarten, in der Schule sprangen sie durch den Schulhof und saßen neben mir in der Bank, in Kleidchen ohne Ärmel, zerflossen in angestecktem Lachen, sandten strafenden Tadel, drehten sich Haare um die Finger und waren einfach da, wie alles andere. Dann aber begann sich etwas zu verändern, wie an manchen Sommertagen, wenn der körperlos blaue Himmel sich unmerklich eintrübt und man bei einem zufälligen Blick ins Leere plötzlich feststellt, daß es gar nicht mehr leer ist, sondern schwer und geschwollen von schwarzvioletten Wasserwolken und Blitzen, die sich später in rasender, zielloser Wut über die Nacht ergießen werden.

Es war ein Mädchen, das ich, wenigstens aus naher Ferne, kannte, an dem mir diese Verwandlung zum ersten Mal so schlagartig auffiel wie einige Jahre zuvor nach einer durchschwitzten Nacht das erste lockere Wackeln eines Milchzahns. Das Gesicht, die freche Schärfe in der Stimme und den Bewegungen von Susi hatten einen Teil des Hintergrunds meiner Zeit im Hort gebildet; ihr älterer Bruder Julius war mir mit glänzend schwarzen Haaren, verletzlicher Blässe und seiner generellen Weigerung, sich der spielerischen Natürlichkeit der anderen Kinder anzugleichen, aufgefallen. Susi selber war blond, schlank, beweglich und meistens in Bewegung. Sie fiel mir bei vielerlei gemeinschaftlichen Unternehmungen weitgehend mädchenhaften Charakters auf, die sie plante und führte; ihr spitzbübisches, stolzes Gesicht strahlte dabei einen erwachsenen Ernst aus, der mir unerklärlich imponierte. Im Verhalten ihres Bruders spiegelte sich diese steuernde, einsame Stärke auf eigentümliche Art: Während sie stets eine wirbelnde Schar kichernder Wesen um sich hatte, leuchtete er ohne Begleitung auf die gleiche Weise.

Wie die meisten Bestandteile des Hintergrunds hatte sie in meiner Auffassung zunächst kein Eigenleben und verschwand daher auch aus dem Ensemble, ohne daß mir ihr Fehlen besonders aufgefallen wäre. Es kam mir erst zu Bewußtsein, als ich sie wiedersah, in den Sommerferien nach der fünften Klasse, als nicht nur Teile, sondern der gesamte Hintergrund abgeräumt und durch einen neuen ersetzt worden war. Die Szenerie unseres Wiedersehens bildete ein Zeltlager der "Falken-Jugend" in der Nähe von Sonthofen, zu dem man uns mit zwei großen Reisebussen gebracht hatte und das damit begann, daß ich nach Verlassen des Busses einer Gruppe unbekannter Jungen zu einem Fußballplatz folgte, ohne zu ahnen, daß mein Fehlen bei der Einteilung der Neuankömmlinge für hektische Ratlosigkeit sorgen würde. Als ich nach dem erschöpften Ende des Spiels mit einer eifrig blutenden Wunde an der linken Schulter (von einem aufgekratzten Mückenstich) wieder auf dem staubigen Platz eintraf, teilte mich der Lagerleiter, ein kleiner, vor fischähnlicher Aktivität sprühender Mann mit dem treffenden Namen Fridolin, einem Zelt zu, das bereits drei Jungen bewohnten, die Jörn, Mischa und Gerhard hießen.

Erst am nächsten Tag stellte ich fest, daß das Zelt links neben dem unseren ausschließlich von (wahrscheinlich vier) Mädchen bewohnt war, und eines davon war jene Susi, deren Wiedererkennen wie ein Blitz in die schwüle Ruhe meiner kindlichen Weltfühlung fuhr und dabei gewisse unergründliche Mechanismen in ihrem Lauf veränderte und sie zugleich auf geheimnisvolle Weise zum ersten Mal spürbar machte. Fortan betrachtete ich die in organisierter Spielerei ablaufenden Vorgänge des Lagerlebens nur noch als zufälligen Hintergrund, als Passepartout für ein Gesicht und einen Körper, die ich am liebsten den ganzen Tag aus blickgeschützter Nähe betrachtet hätte und zugleich mit einer muskulösen Sehnsucht so heftig in mein eigenes Leben, das damit ein ganz neues war, hineinwünschte, daß der Widerspruch die untere Hälfte meiner Eingeweide mit einem dauernden, schmerzlosen Krampf, einem schwindeligen Ziehen erfüllte. Die Spiegelung ihres Gesichts erleuchtete mich, während ich morgens mit anderen Jungen in der langgestreckten Waschbaracke stand und mich in einer hilflosen Imitation ihrer stolzen Unberührbarkeit weigerte, in die platschenden, kichernden Wasserspiele hineingezogen zu werden, die sie an den Hähnen und Becken veranstalteten, die in zwei langen Reihen angeordnet waren. Sie spornte mich beim regelfreien Fußballspiel außerhalb des Zeltplatzes, auf der buckeligen, verwundeten Wiese vor dem hohen, wackeligen, hölzernen Torbogen zu ungeahnten Laufleistungen an, die ich mit professionellen, nur für mein inneres Ohr hörbaren Kommentaren unterlegte. Wie eine Sonne strahlte ihr Gesicht über den Stunden, die wir in unergründlichen, harmlosen Tollereien auf dem schwerfällig trocknenden Schlamm des Vorplatzes zwischen den Zelten verbrachten, während sie wieder die Rolle eingenommen hatte, die ich vom Schulhof erinnerte. Es magnetisierte mich wie ein lächelnder Mond, wenn wir abends um ein berghohes Lagerfeuer saßen und uns in leiernden, kläglichen Versionen rudimentärer Lagerlieder ergingen oder in einer Art Gemeinschaftsraum auf rückenden und quietschenden Stühlen tummelten, während weit vorne auf einer altersschwachen, gewellten Leinwand "Die Ferien des Monsieur Hulot" flimmerte, immerhin hell genug, um ihr Gesicht in vornehmen Schatten zu hüllen, den nur meine gierigen Augen zu durchdringen glaubten.

Eine Lösung war undenkbar, denn um die Spannung zu entladen, hätte ich sie küssen und drücken und packen und wahrscheinlich ziellos in der Gegend herumtragen müssen, dazu aber war es nötig, zunächst in ein legitimierendes Gespräch hineinzugeraten, was wiederum unmöglich war, weil ich mir keinen einzigen Satz aus meinem Mund denken konnte, der würdig gewesen wäre, ihre göttlichen Ohren zu erreichen. Ich suchte beständig ihre Nähe, scheute jedoch zugleich davor zurück, da ich wußte, daß meine Nähe für sie höchstens lächerlich sein würde. Als mein ohnmächtiges Bemühen um ihre Aufmerksamkeit mich dazu verleitete, den kleinen Sohn des Lagerleiters Fridolin, der mich mit erstaunlicher Beharrlichkeit foppte und ärgerte, theatralisch zu schubsen, so daß er noch theatralischer ins Straucheln geriet und auf dem staubigen Boden landete, wo der Spaß sofort in tränenvollem Geschrei und wildem Zorn endete, in dieser unerträglich ungerechten Situation bemerkte sie mich, wie ich glaubte, zum ersten und einzigen Mal und ließ sich zu einer abfälligen Bemerkung über die mangelnde Fairneß dieses "Spaghettibeiners" herab, die vom Kreis ihrer Bewundererinnen umgehend eifrig bekichert und noch verschlimmert wurde durch den übertriebenen Trost, den sie dem kleinen Teufel zukommen ließ. Obwohl ich keine Ahnung gehabt hatte, was ich eigentlich erreichen wollte, war das Ergebnis meiner Anstrengungen eindeutig dessen Gegenteil. Mir blieb, um meine Hilflosigkeit vollständig zu machen, nur ein gelegentlicher verstohlener Blick auf die Anschlagtafel, die die Reihe der Zelte im Uhrzeigersinn abschloß und auf der neben anderen, belanglosen Szenen auch sie zu sehen war: sehr klein und ohne Farbe, doch typisch, bei der überwachenden Beobachtung schmierender Malvorgänge auf einem Klapptisch vor ihrem Zelt. In meiner Verzweiflung unternahm ich den hoffnungslosen Versuch, die unzulängliche Photographie mit meiner lächerlichen kleinen Karikatur einer Kamera ein weiteres Mal zu reproduzieren. (Als ich den Film lange nach den Ferien in der kleinen Drogerie am Bahnhof wieder entgegennahm, waren alle Bilder in trübe graue Rechtecke verwandelt worden bis auf dieses. Der Drogist hatte wohl in dem verschwommenen Schatten von einem Schatten nichts erkannt, was sich abzubilden lohnte; meinen Augen trat jedoch selbst aus der vielfach verkleinerten Abstraktion des Negativs eine Ahnung von ihrer Aura entgegen, in Gestalt einer angedeuteten, typischen Haltung ihrer linken Hand an der lässig abgeknickten Hüfte ihrer frischen, starken Gestalt.)

Die restlichen Tage des Ferienlagers verbrachte ich damit, sie aus größerer Entfernung zu betrachten und in der klandestinen, schwülen Dunkelheit nächtlicher Flüstereien im Zelt (das wir "Adlerhorst" getauft hatten) andeutungsweise zu meiner Gefährtin zu ernennen. Nach der Heimfahrt hätte ich sie wahrscheinlich bald vergessen, wenn ihr Vater nicht ein Arbeitskollege meiner Mutter gewesen wäre - und auch noch Holländer, was sich in meine Bewunderung der holländischen Fußballnationalmannschaft, die unmittelbar vor dem Zeltlager mit begeisternden Spielen die Weltmeisterschaft veredelt hatte und sich an meinem elften Geburtstag im Finale von den deutschen Boliden über den Haufen rennen lassen mußte, mischte wie schmelzendes Vanilleeis in gekochte Erdbeeren. Gelegentlich erzählte mir meine Mutter beiläufig von den Erziehungsschwierigkeiten, die ihr Vater mit Susi hatte, und ein unerklärlicher, aus eingebildeter, aber sehr realer Vertrautheit rührender Stolz erfüllte mich, als ich erfuhr, daß sie von zu Hause weggelaufen und erst nach vielen Stunden wiedergefunden worden war.

Unvermittelt trat einige Zeit darauf eine andere, kaum ähnliche Gestalt mit demselben Namen in den Phantasienebel, der mich in immer weiterer Entfernung von ihrer Wirklichkeit umgab, und löschte ihr Bild zu gründlich aus, daß ich es selbst viele Jahre später nur noch als ungefähre Ahnung abgeleiteter Züge wiedererstehen zu lassen vermochte. In einer wirren Nacht suchte ich sie im Telephonbuch, aber es gab niemanden, der so hieß.

Die zweite Susi war schmaler und hatte straffe Rundungen an den dafür vorgesehenen Stellen, die sich in fröhlichem Kleinformat in ihrem Gesicht wiederholten, das von schulterlangen, in widerspenstigen Strähnen sich ineinander verschlingenden blonden Haaren umrahmt war. Auch sie bildete einen Teil der munter paradierenden menschlichen Grundausstattung meiner ersten Schuljahre, wobei sie fast ausschließlich in Begleitung einer größeren Freundin anzutreffen war, einer Gisela mit halblangem, kastanienbraunem Haar, deren Gesicht mir zwiespältige Empfindungen verursachte, weil ich in seiner makellosen, hochmütigen Schönheit einerseits eine Anspielung auf die Züge jener ersten Susi zu erkennen glaubte, der andererseits ein spezielles, nur einem unbekannten Organ in der Tiefe meiner Eingeweide zugängliches Gewürz fehlte. Sie blieb ein Teil von Susi und als solcher ohne Eigenleben.

Auch die zweite Susi war von der ernsten Erhabenheit ihrer Vorgängerin, doch aufgelockert bereits von der kecken, schmetterlingshaften Verspieltheit, die das Alter kennzeichnet, in dem die neckenden Reibereien zwischen dem, was man später Geschlechter nennen würde (deren Unterschiede sich bis dahin weitgehend auf die bevorzugten Spielsachen und die Art des Umgangs damit beschränken), sich plötzlich und ungewollt auf ein ganz neues Terrain verlagern und kreischendes Ziehen an kichernden Haarbüscheln, emsig irrende Verfolgungsjagden und renkende Berührungsversuche einen Beigeschmack von peinlicher Neugier nach etwas Unbewußtem annehmen, der konkret und aufdringlich salzig wird beim Anblick der Bilder, die ein dicklicher Junge (auch der erste, der mit genüßlicher Häme neue Wörter ungewisser Bedeutung ausstößt) mit überbordender Heimlichkeit aus dem Fach unter seiner Bank herauszieht und auf denen unbekleidete Erwachsene mit speckigen, gänsehäutigen Gesäßen zu sehen sind, die in stummer Hysterie ungelenke Gymnastiken ausführen.

An einem drückend schwülen, gewitterschwangeren Nachmittag in jenen Sommerferien, die, ohne daß mir dies schon bewußt war, mit einem scharfen Schnitt bis auf den Knochen den ersten Teil meiner Schulzeit beendeten, war ich Susi und ihrer unvermeidlichen Begleitergisela im Maria-Einsiedel-Freibad begegnet (nicht ahnend, daß ich knapp sechs Jahre später nur wenige Meter entfernt in einem scheußlich billigen Drama von verzehrender Hingabe und herzloser Zurückweisung, das in der üblichen maßlosen Übertreibung des Zuspätkommenden lose an die gegenwärtigen Vorgänge anknüpfen würde, die Hauptrolle des Narren spielen sollte). Sie saßen am Beckenrand, ich hielt mich an der dicken, mit zweifarbigen Plastikbällen behängten Schnur fest, die das Becken in zwei Hälften teilte (eine für uns, eine für die Erwachsenen), und ruderte im blau zersplitterten, silbrig übergossenen Wasser herum, während in der Ferne zwischen wuselnden Menschenhaufen ein bunter Kiosk die Fahne eines vergessenen Herstellers von Speiseeis ("Efa" oder ähnlich) in die Luft streckte. Ich erinnere mich an meine Verlegenheit, die daher rührte, daß das Doppelmädchen eine bestimmte Art von herablassender Erwartung ausstrahlte: als wäre ich für einen unterhaltsamen Verlauf der Begegnung verantwortlich, zu dem ich jedoch nichts rechtes beizutragen wußte außer ein bißchen Wasserspritzen und ein paar verkrüppelten Witzen. Wenn ich die Szene später auf der Leinwand der Erinnerung ablaufen ließ, nahm sie eine andere Färbung an, Susis fordernde Neugier bekam einen romantischen Beiklang, der bei häufiger Wiederholung zum Kern der Sache wurde und mir aufgrund meines totalen Versagens bei der scheinbar leichtesten Prüfung der Welt, in die mich ein gütiges Blinzeln sagenhaften Glücks geschickt hatte, fürchterliche Schmerzen verursachte - nie mehr, davon war ich überzeugt, würde eine solche Gelegenheit daherkommen.

Der Auslöser dafür, daß ich mich überhaupt an die Begegnung erinnerte, war, daß das Schicksal sie doch wiederholte, als hinterhältig inszenierte, nur Sekunden dauernde Farce. Zweieinhalb Jahre waren vergangen, als ich im Januar 1976 im Kreis einer von einem heimlich bewunderten Mitglied meiner nun nicht mehr so neuen Klasse gegründeten Gruppe im eigentlich als Tischtennisraum gedachten größten von vier Zimmern im Jugendheim der Kirchengemeinde Königin des Friedens saß, kaum vertieft in eine sprunghafte Diskussion, eine wirre Parodie der politischen Vereinsmeierei, die wir für üblich hielten. Während unserer stets aufs neue entgleisenden Bemühungen um eine angestrengte Ernsthaftigkeit öffnete sich die Tür, und herein schwang der Oberkörper der wichtigeren Hälfte des Doppelmädchens, die ich sofort erkannte, obwohl ich mit dem Rücken zur Tür saß und mit einem verwischten Eindruck in den Augenwinkeln auskommen mußte (die andere Hälfte, die im Hintergrund, hinter einer weiteren offenen Tür, an einem weiteren Tisch plaziert war und in meine Richtung blickte, ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein bei der Rekonstruktion hinzugefügtes Requisit). Sie fragte, ob ihr jemand einen Stift leihen könne, und da ich der Tür am nächsten saß, reichte ich ihr meinen gelben Kugelschreiber, in einer Bewegung, die ich mit ungeschickt nachgeäfftem Desinteresse übergoß, das nicht einmal zuließ, das Wiedererkennen mit einer kurzen Begrüßung zu legalisieren. Sie entnahm den Stift meinen Fingern, verzichtete natürlich ebenfalls darauf, dem arroganten Kerl ein weiteres Wort zu schenken, und nachdem ihre (selbstverständlich nicht) greifbare Version von der sich schließenden Tür hinausbefördert worden war, pulsierte ihr Abbild in mir so kraftvoll nach, daß für eine Aufnahme weiterer Bruchstücke der lachhaft mißglückenden Gesprächsruine kein Platz mehr verfügbar war. Endlos gedehnte Minuten später öffnete sich die Tür ein weiteres Mal, ich erhielt meinen Kugelschreiber zurück und war beseelt von dem Glück, ein Stück von ihrem Leben in meines hereingerettet zu haben: den von einem Parfum verkörperten, rasch verfliegenden Duft ihrer Hand, den ich durch Vermeidung löschender Berührungen zu retten versuchte, da ich, ohne es wissen zu können, vielleicht bereits ahnte, daß sich der Mensch aufgrund eines hinterhältigen Kniffs der Natur an fast jedes Detail seiner durchlebten Welt wenigstens als zusammengebastelte Kopie erinnern kann, außer an einen Geruch.

Da ich nun wußte, daß Susi einen Teil ihrer Zeit in dem Jugendheim verbrachte, zog es mich magisch dorthin; ich fand mich lange vor den wöchentlich anberaumten Gruppenstunden in der Umgebung der Kellertreppe ein und streifte auch an anderen Tagen auf der davor angelegten Wiese oder auf der Straße herum, undurchsichtige Beschäftigungen und Ziele vorschützend, nach denen mich zum Glück nie jemand fragte. Manchmal hatte ich das Glück, sie aus der Ferne zu erblicken, aber meine angestrengten Bemühungen um einen Vorwand, das Zimmer ihrer Gruppe zu betreten, blieben ohne Ergebnis. Immerhin gelang es mir (ich weiß nicht mehr wie), ihren Nachnamen (und selbstverständlich den ihrer Freundin) zu erfahren.

Eine Annäherung war auch in diesem Fall in dem mir zugeteilten Blatt von Schicksalskarten nicht enthalten (der Joker rutschte unbeachtet unter den Tisch und schüttelte dort verächtlich seine Schellenmütze, bis ihn endlich ein anderer aufhob), und so entwickelte das Abbild, das sich während der Kugelschreiberszene von ihr gelöst hatte und in mich eingedrungen war, ein Eigenleben. Den größten Teil meiner Nachmittage verbrachte ich, von außen betrachtet, allein, eingesponnen in einsam phantasierte Erlebnisse und Abenteuer, bei denen sie meistens dabei war und die sich manchmal sogar in Erzählungen gegenüber Freunden niederschlugen, die jedoch nie so konkret wurden, daß ich eine Nachprüfung befürchten mußte. Auch mit der zweiten Susi habe ich, nach der Kugelschreiberbegebenheit, nie mehr ein Wort gewechselt. Sehr wahrscheinlich wäre ich, wenn sie mich doch einmal beiläufig angesprochen hätte, vom Druck der eingebildeten Gemeinsamkeiten innerlich zerplatzt wie die pralle Schote einer Springblume unter der plötzlichen Wucht eines verspäteten Tautropfens und nur durch stumme Flucht zu retten gewesen.


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